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Enerige & Management > Österreich - Kein Aderlass bei den Ü13-Windturbinen
Bild: W.E.B-Windkraftanlage/Eric Krügl
ÖSTERREICH:
Kein Aderlass bei den Ü13-Windturbinen
Für einige Hundert Windenergieanlagen hat in Österreich bereits seit 2016 die gesetzliche Förderung geendet. Dank Einnahmen aus dem Stromverkauf sind fast alle noch am Netz.
 
Die deutsche Windbranche steht vor einem Einschnitt, die Uhr tickt: Mit dem nächsten Jahreswechsel bekommen die Betreiber von etwa 4.100 Windenergieanlagen, die es zusammen auf eine Leistung von rund 3.600 MW bringen, kein Geld mehr von ihrem Netzbetreiber. Denn für diese Pionieranlagen endet nach teilweise mehr als 20-jähriger Laufzeit die im Erneuerbare-Energien-Gesetz vorgesehene Förderung. Wie viele Turbinen von Tacke, Micon, Jacobs Energie und Co. (um ein paar Namen ehemaliger Hersteller zu nennen) 2021 noch Ökostrom erzeugen, ist derzeit ein großes Rätsel. Nicht wenige Fachleute befürchten einen nennenswerten Aderlass bei diesen sogenannten Ü20-Windturbinen, da sich ihr Weiterbetrieb wirtschaftlich nicht lohnt.

Im Nachbarland Österreich ist das Post-EEG-Zeitalter bereits angebrochen. Zwar startete das dortige Ökostromgesetz erst Anfang 2003, allerdings mit einer auf 13 Jahre begrenzten Förderdauer. Deshalb sind bis Ende des vergangenen Jahres bereits 530 Anlagen mit gut 800 MW Leistung aus der Förderung gefallen. Dieses Jahr kommen weitere 70 hinzu, womit sich das „förderfreie Windvolumen“ auf gut 960 MW erhöht, heißt es auf E&M-Anfrage bei der Interessengemeinschaft Windkraft (IG Windkraft), dem österreichischen Pendant zum Bundesverband Windenergie. Bei der derzeit landesweit installierten Windkraftleistung von gut 3.150 MW entsprechen diese 960 MW immerhin mehr als 30 % des Bestandes in der Alpenrepublik.

Den hierzulande befürchteten Aderlass bei den Altanlagen hat es in Österreich nie gegeben: „Von den Windturbinen ohne Förderung sind wirklich nur zwei Anlagen mit jeweils 150 Kilowatt Leistung abgebaut worden, weil die nicht mehr technisch zu sanieren gewesen sind“, weiß IG-Windkraft-Fachmann Martin Fliegenschnee. Dass fast alle Altanlagen noch heute am Netz sind, hänge auch damit zusammen, „dass eine Reihe von Betreibern neue Wege bei der Vermarktung ihres Stroms gegangen sind“. Sie kooperieren mit professionellen Direktvermarktern oder Energiehändlern.

„Verpflichtende Selbstvermarktung“des Windstroms im Gespräch

Alternativ dazu besteht die Möglichkeit, dass die Windanlagenbetreiber nach Ablauf der Förderlaufzeit der OeMAG Abwicklungsstelle für Ökostrom AG den erzeugten Ökostrom zu Marktpreisen verkaufen, der dann von OeMAG weiter vermarktet wird.

Das Unternehmen, dem unter anderem mehrere Netzbetreiber und Banken angehören, ist nicht nur gesetzlich verpflichtet, den Ökostrom abzunehmen und zu vergüten, sondern betreibt eine Bilanzgruppe. Dadurch ist die Abwicklungsstelle, für die es in Deutschland kein Pendant gibt, auch für die Einspeiseprognose sowie das Fahrplan- und Ausgleichsenergiemanagement der Anlagen innerhalb der Ökobilanzgruppe zuständig. Nach den derzeitigen Regelungen zahlt die OeMAG den Anlagenbetreibern, die ihre Windturbinen nach dem Ende der Förderlaufzeit freiwillig in der Ökobilanzgruppe belassen, einen von der Regulierungsbehörde E-Control veröffentlichten Quartalsmarktpreis.

Für die ersten drei Monate dieses Jahres lag der (Großhandels-)Preis bei gut 4,5 Cent pro kWh. Allerdings müssen die Windanlagenbetreiber gemäß gesetzlicher Anordnung Abschläge für die Ausgleichsenergie hinnehmen. Die neue schwarz-grüne Regierung in Wien hat eine Reform des Ökostromgesetzes angekündigt. Dabei ist für die Windanlagenbetreiber eine „verpflichtende Selbstvermarktung“ ihres Ökostroms im Gespräch, was das bisherige System des Quartalsmarktpreises obsolet machen würde.

Diese Neuerung könnte das Gewicht von externen Vermarktungspartnern wie beispielsweise Next Kraftwerke erhöhen. Das Unternehmen aus dem Kölner Stadtteil Ehrenfeld ist seit 2013 in Österreich tätig. „Wir haben derzeit neben 95 Megawatt Wasserkraft, die wir für die Regelenergiebeschaffung anbieten, etwa 70 Megawatt Windenergie in der Vermarktung“, zieht Geschäftsführer Jochen Schwill eine Zwischenbilanz. Für Next Kraftwerke sei es anfangs darauf angekommen, „zu sehen, wie die Betreiber ticken und was diese Klientel von uns erwartet“.

Zu den bisherigen „lessons learned“ zählt die Erkenntnis, dass die Anlagenbetreiber in der Regel kurzfristige Verträge mit ein- bis maximal zweijähriger Bindungsdauer abschließen wollen: „Das minimiert für sie die Risikoabschläge.“ Langfristige Stromlieferverträge auf Basis eines Power Purchase Agreements sind nach Worten Schwills „bei unseren Kunden bislang noch nicht gefragt“.

Zudem sähen die meisten Kontrakte ein Art Zeitstaffel vor: „Die Strommenge wird nicht zu einem fixen Zeitpunkt verkauft, sondern über das Jahr verteilt“, sagt Schwill, „das hilft, die Volatilität der Preiskurve zu glätten.“ Um solche Entscheidungen treffen zu können, haben Fachleute von Next Kraftwerke „ihre“ Windmüller vorab für das ABC des Strommarktes geschult. Abnehmer für den österreichischen Windstrom in Deutschland zu finden, ist Next Kraftwerke nicht schwergefallen: „Kunden sind einige Stadtwerke oder namhafte Grünstromanbieter, die Wert auf einen höherwertigen Ökostrombezug legen.“

Eigene Aktionäre als Stromkunden

Schwierigkeiten, den Strom alter Windturbinen zu vermarkten, hat auch die Verbund AG nicht, Österreichs mit Abstand größtes Unternehmen im Stromerzeugungs- und Handelssektor. Von diesen alten Windturbinen hat Verbund derzeit rund 170 MW unter Vertrag. „Damit sind wir sicherlich nicht die größten, aber einer der führenden Player im Land“, betont Robert Spolwind, Leiter Portfoliomanagement bei der Verbund Trading GmbH in Wien. Dass die in die Jahre gekommenen Windturbinen abgebaut werden, kommt für ihn nicht in Betracht: „Technisch sind die Anlagen nach 13 Jahren Betriebsdauer noch gut in Schuss. Außerdem brauchen wir alle vorhandenen regenerativen Anlagen, um das Ziel unserer neuen Bundesregierung, die bilanzielle Vollversorgung mit erneuerbaren Energien bis 2030, zu schaffen.“

Drei Vergütungsmodelle für den Weiterbetrieb von Altanlagen hat Verbund in den vergangenen Jahren entwickelt, angefangen von spotmarktindexierten Verträgen bis hin zu Fixpreisverträgen. „Interessanterweise ist das Interesse unserer Vertragspartner an dem Spotpreismodell am größten“, sagt Spolwind, „die Stromvermarktung der jeweiligen Anlagen liegt bei uns, die Einnahmen abzüglich von einer Managementgebühr und beispielsweise Kosten für das Balancing überweisen wir an den Betreiber.“

Der Grund für dieses für deutsche Verhältnisse eher überraschend hohe Interesse dürfte in dem höheren Marktwert für Windstrom in Österreich liegen. Gemessen an den Baseload-Notierungen liegt diese Quote in der Alpenrepublik bei immerhin 95 %, in Deutschland etwa bei 80 %. Die Vergütung, mit der die Verbund-Partner rechnen können, schwankt abhängig vom Standort zwischen 3,5 bis 4 Cent pro kWh. Die Fixpreisregelung liegt laut Spolwind „leicht unter diesem Niveau“.

Mit diesen Erfahrungen hat die Verbund schon sein nächstes (Absatz-)Zielland ausgemacht: „Klar, wollen wir in Deutschland dabei sein, wenn ab dem kommenden Jahr das Geschäft mit den Ü20-Windturbinen losgeht“, sagt Spolwind. Dann dürften seine Vertriebskollegen bei Rennen um den ein oder anderen Windpark auf ein anderes Unternehmen aus Österreich treffen: die WEB Windenergie AG, den größten privaten Windkraftbetreiber mit derzeit gut 4.000 Aktionären. „Deutschland ist für uns auf jeden Fall ein Markt, zumal wir dort auch eigene Windenergieanlagen betreiben“, sagt Unternehmenssprecherin Beate Zöchmeister.

Dass die WEB künftig Windstrom aus Altanlagen nutzt, liegt auf der Hand: 2013 stieg das Unternehmen in den Stromvertrieb ein. Anfangs wurden nur die eigenen Aktionäre beliefert, später auch Privathaushalte sowie Gewerbe- und Industriebetriebe. Die WEB übernimmt den preiswerten Strom aus Altanlagen in den eigenen Bilanzkreis. 2018 stammte bereits knapp 16 % der Stromproduktion aus den Ü13-Windturbinen, Tendenz weiter steigend. Mit dem Einstieg in die Elektromobilität bieten sich für WEB weitere Absatzoptionen für Strom aus Ü13-Windturbinen: „Dieser Strombezug wird für uns immer wichtiger“, betont Zöchmeister. Bis solche Worte von einem deutschen Stromversorger zu hören sind, wird es wohl noch dauern.

 
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Donnerstag, 23.04.2020, 09:26 Uhr