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Enerige & Management > Windkraft Onshore - Pionierrolle 2.0
Bild: Jonas Rosenberger
WINDKRAFT ONSHORE:
Pionierrolle 2.0
Für das neue Gewerbegebiet Lune Delta setzt Bremerhaven auf die Sektorenkopplung: Windstrom soll für grünen Wasserstoff genutzt werden.
 
Die Kommission „Zukunft Bremen 2035“ tagte, tagte und tagte. Über ein Jahr lang. Und am Ende standen im Herbst 2018 acht Leitziele auf dem Papier, wie sich der Zwei-Städte-Staat seine prosperierende Zukunft vorstellt. Neben der Ausweisung neuer Wohngebiete, einer zunehmenden Digitalisierung, der Steigerung der Studierendenzahlen in Bremen und Bremerhaven heißt es in einem dieser Leitziele programmatisch: „Bei der Ausweisung von Gewerbegebieten gehen wir auch neue Wege.“

Exemplarisch listet der Abschlussbericht das „Lune-Delta“-Projekt im Süden Bremerhavens auf, das zu einem nachhaltigen und CO2-neutralen Areal werden soll. „Dabei wird ein Gründerzentrum mit Schwerpunkt ‚Green Economy‘ eine Keimzelle für neue Formen des gemeinsamen und vernetzten Wirtschaftens sein“, heißt es in dem 158-seitigen Report.

Womit Annette Schimmel ins Spiel kommt. Die Diplom-Ökonomin leitet bei der Bremerhavener Gesellschaft für Investitionsförderung und Stadtentwicklung mbH (BIS) das Projekt „Green Economy“: „Uns ist klar, dass wir interessierten Unternehmen, die sich im Lune Delta ansiedeln wollen, einiges bieten müssen.“ Dazu zähle beispielsweise nicht nur ein optimaler Ressourcenschutz, sondern vor allem auch ein innovatives Energiekonzept.

Dass die Energieversorgung im rund 150 Hektar großen Lune-Delta-Areal auf erneuerbaren Energien basieren wird, liegt im Trend der Zeit. Beispielsweise ist für die Beheizung aller Gebäude grüne Wärme vorgesehen: „Wir planen ein Nahwärmenetz, dass die Abwärme der nahen Kläranlage nutzt“, erklärt Projektleiterin Schimmel. Außerdem soll in der unmittelbaren Nachbarschaft Windstrom in grünen Wasserstoff umgewandelt werden, angedacht ist auch ein bundesweit bislang einzigartiges Testfeld für Elektrolyseure für die Wasserstoffherstellung.

Diese Pläne finden den Beifall von Ronny Meyer, Staatsrat (vergleichbar mit dem Amt eines Staatssekretärs) im Bremer Umweltsenat: „Bekanntlich sind Gewerbegebiete Flächenfresser, weshalb ein ökologisches Energiekonzept unverzichtbar ist.“ Mit den Plänen für Lune Delta, so der Grüne, könne Bremerhaven energetisch „exemplarisch Akzente setzen“. Was auch für Aufbruchstimmung in der 110 000-Einwohner-Stadt an der Unterweser sorgen könne.

OTB wohl noch Zukunft

Genau diese Aufbruchstimmung ist auch notwendig. Meyer hatte in seiner früheren Tätigkeit als Geschäftsführer des Industrie-Netzwerkes WAB e.V. miterlebt, dass die Bremerhavener Wirtschaftsförderung ganz andere Pläne für das Areal im Süden der Stadt hatte. Die Flächen sollten gezielt für Ansiedlungen von Firmen aus der Offshore-Windbranche genutzt werden. Denn parallel wollten die Verantwortlichen in Bremen und Bremerhaven das OTB bauen, das Offshore-Terminal Bremerhaven.

Dieser direkte Zugang von der Weser Richtung Nordsee sollte der Seehafenstadt neuen Schwung bei ihren Offshore-Windplänen verschaffen. Bereits kurz nach der Jahrtausendwende hatte das von der Werften- und Fischfangkrise gebeutelte Bremerhaven gezielt auf die Karte Offshore-Windenergie gesetzt und in den ersten Jahren erstaunliche Ansiedlungserfolge mit mehreren Tausend neuen Industriearbeitsplätzen feiern können.
 
Das künftige Lune Delta-Gewerbegebiet aus der Luft. Rechts am Rand ist Adwen-Windenergielage mit 8 MW Leistung zu sehen.
Bild: BIS Bremerhaven

Es blieb aber eine große Achillesferse: die Doppelschleuse im Fischereihafen. Zwar weist diese Schleuse eine Länge von 181 Metern und eine Breite von 35 Metern auf, sie ist aber immer noch zu klein für die großen Installationsschiffe, die das voluminöse Equipment der Offshore-Windparks Richtung Nordsee transportieren. Diesen Flaschenhals, der die Logistikosten in die Höhe treibt, sollte das OTB lösen.

Daraus wird wohl nichts. Nach wie vor sind die Klagen gegen das mit einem Volumen von mehr als 180 Mio. Euro größte Infrastrukturprojekt des Landes Bremens der vergangenen Jahre nicht abgeschlossen. Von diesen Verzögerungen hat das rund 35 Kilometer entfernte Cuxhaven profitiert: Dort hat Siemens Gamesa, der weltweit größte Lieferant von Offshore-Windturbinen, ein neues Produktionswerk hochgezogen. Verbunden damit ist auch der seetiefe Zugang für mehrere Installationsschiffe. Einen akuten Bedarf für das OTB gibt es daher im Grund genommen nicht.

Was auch das neue, seit Mitte August regierende rot-grün-rote Bündnis in der Bremer Bürgerschaft so sieht, indirekt zumindest. In ihrem Koalitionsvertrag hat das Trio das OTB zwar nicht offiziell „beerdigt“, die gewählten Formulierungen laufen aber auf einen De-facto-Ausbaustopp hinaus. Womit sich Bremerhaven wieder neu erfinden muss: Nach den Pionier-Aktivitäten bei der Offshore-Windenergie stehen nun Wasserstoffanwendungen ganz oben auf der Agenda.

Was Professor Carsten Fichter von der Hochschule Bremerhaven auch als Chance sieht: „Der Sektorenkopplung gehört eindeutig die Zukunft. Das Thema Wasserstoff bietet sich für eine Vorreiterrolle an, mit der sicherlich auch neue Arbeitsplätze geschaffen werden können.“ Mit seinem Team hat Fichter, der vor gut zweieinhalb Jahren vom Windunternehmen WPD AG an die Hochschule auf den Lehrstuhl für Windenergietechnik, Energiewirtschaft und Speicher gewechselt ist, in diesem Januar eine Studie für Wasserstoffanwendungen für den Fischereihafen und das Lune Delta im südlichen Bremerhaven vorlegt. Genau da also, wo das neue Gewerbegebiet „Lune Delta“ entsteht.

Die Voraussetzungen für Bremerhavens H2-Zukunft sind nach Fichters Einschätzung nicht die schlechtesten: So zählt die Stadt bundesweit zu den größten Wissenschaftsstandorten: Dank der der Hochschule selbst, dem Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme (IWES) und dem Technologie Transfer Zentrum Bremerhaven (ttz) verfüge Bremerhaven „über reichlich wissenschaftliche Expertise“, die für die Sektorenkopplung notwendig ist.
 
So sieht dfas Energiekonzept für das geplante Gewerbegebiet Lune Delta aus.
Grafik: BIS Bremerhaven

Ein weiteres großes Plus sind die vorhandenen Windkraftanlagen, die den notwendigen Ökostrom für die H2-Umwandlung liefern können. So läuft auf dem Lune- Delta-Areal der 8-MW-Prototyp des einstigen Windturbinenherstellers Adwen (mittlerweile Teil von Siemens Gamesa), den das IWES-Institut für Forschungsarbeiten nutzt. Außerdem gibt es zwei kleinere Anlagen von AN Bonus und eine 900-kW-Anlage des früheren Windturbinenherstellers Conergy Wind in unmittelbarer Nähe.

Verein H2BX promotet Wasserstoffanwendungen

Vorausgesetzt, dass der Bremer Senat grünes Licht für die Fördergelder gibt, sollen Forscher des IWES und des ttz mit dem Bau der ersten beiden Elektrolyseure mit zusammen 2 MW Leistung Anfang kommenden Jahres beginnen. Des Weiteren sind Forschungsprojekte und Pilotanwendungen vorgesehen, wie der Wasserstoff gespeichert und für die regionale Wirtschaft genutzt werden kann.

Dass der Wasserstoff demnächst in Bremerhaven und Umgebung genutzt wird, dafür sorgt unter anderem der 2017 gegründete Verein H2BX, dem sich mittlerweile über 70 Bürger und Unternehmen angeschlossen haben. H2 steht bekanntlich für Wasserstoff, BX war das alte Fischereikennzeichen Bremerhavens. „Bis Jahresende wird es bei uns in der Stadt eine erste Wasserstofftankstelle geben“, zeigt sich Vereinsvorsitzender Claas Schott optimistisch. Über 40 Unternehmen und H2-Fans hätten sich gegenüber dem Verein verpflichtet, demnächst ein Fahrzeug mit Brennstoffzellenantrieb anzuschaffen. „Das ist nur der Anfang“, sagt Schott, der einst für die PNE AG Offshore-Windparks geplant hat und heute als technischer Mitarbeiter für die Hochschule Bremerhaven arbeitet, „wir wollen den Wasserstoff sektorenübergreifend einsetzen, nicht nur in der Mobilität.“

Was auch im Sinne der IHK Nord wäre, dem Zusammenschluss aller zwölf Industrie- und Handelskammern in Norddeutschland. „Wir haben hier im Norden herausragende Möglichkeiten, grünen Wasserstoff aus Windstrom zu produzieren und so die norddeutsche Wirtschaft nachhaltig voranzubringen“, betonte jüngst auch Friederike Kühn, Vorsitzende der IHK Nord. „Der Erfolg der Energiewende entscheidet sich unzweifelhaft in Norddeutschland und wird ohne Wasserstoff nicht möglich sein.“

Annette Schimmel von der BIS kann sich für Wasserstoffanwendungen in ihrem „Green Economy“-Projekt einer wachsenden Aufmerksamkeit sicher sein. Ihr obliegt aber die anspruchsvollste Aufgabe: Sie muss Unternehmen von dem Lune Delta-Konzept und für eine Ansiedlung überzeugen. Dann kann Bremerhaven mit seinem nachhaltigen Gewerbegebiet und den H2-Plänen wirklich voll durchstarten.

 
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Montag, 09.09.2019, 12:47 Uhr