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Enerige & Management > Hamburg Wind 2018 - Thier: "Die Marktbeobachtung rückt in den Fokus"
Bild: BillionPhotos.com / Fotolia
HAMBURG WIND 2018:
Thier: "Die Marktbeobachtung rückt in den Fokus"
Vor welchen Herausforderungen vor allem kleinere Unternehmen im „Ausschreibungs-Zeitalter“ stehen, erklärt Heinrich Thier von der BBWind Projektberatungsgesellschaft mbH.
 
E&M: Herr Thier, konnten Sie mit BBWind bei den zurückliegenden Ausschreibungsrunden Zuschläge gewinnen?

Thier: In den bisherigen fünf Runden haben wir acht Projekte mit 18 Anlagen und 71,6 Megawatt erfolgreich beraten und zu einem Zuschlag verholfen. An den Ausschreibungen zum 1. August und 1. November 2017 haben Projekte von uns zwar teilgenommen, aber keinen Zuschlag erhalten, da hier von verschiedenen Projektierern die Sonderregularien der Bürgerenergiedefinition im Erneuerbare-Energien-Gesetz ausgenutzt und spekulative Dumpingpreise abgegeben wurden. Unser Beratungsansatz war stets, auskömmliche und realistische Preise zu bieten. Im Nachhinein sind wir daher froh, dass in den besagten beiden Ausschreibungsrunden keines unserer Bürgerwindprojekte bezuschlagt wurde – die Zuschlagspreise waren doch relativ gering.

E&M: Der Bundestag hat auf den von Ihnen erwähnten Missbrauch der Sonderregeln für Bürgerenergiegesellschaften reagiert: Alle Projekte zur Teilnahme an den Ausschreibungen müssen eine BImSchG-Genehmigung (Bundes-Immissionsschutzgesetz; d. Red.) vorweisen. Wie schwer trifft es die Bürgerenergiegesellschaften, dass die Ausnahmeregelung, die eigentlich deren Marktchancen verbessern sollte, zwangsweise gekippt werden musste?

Thier: Die Marktchancen von ‚echten‘ Bürgerenergiegesellschaften sind durch die Präqualifikationsanforderung überhaupt erst wieder vorhanden. Durch das nun nicht mehr vorhandene Zusammenspiel von Einheitspreisverfahren und früherer Teilnahme scheinen größere Projektierer nun keine Bürgerenergie mehr ‚gestalten‘ zu wollen, was die Zuschlagspreise in diesem Jahr wieder auf ein realistisches Niveau gebracht hat. Unter den bezuschlagten Bürgerenergiegesellschaften sind nun größtenteils ‚echte‘, die zu den gebotenen Preisen Projekte auch tatsächlich realisieren können. Weil durch die Präqualifikationsanforderung das finanzielle Risiko für die Bürgerenergiegesellschaften deutlich höher ist, ist es umso wichtiger, das Einheitspreisverfahren beizubehalten.
 
Heinrich Thier: "Ein Bürgerenergiefonds wäre eine sinnvolle Ergänzung"
Bild: BBWind - Georg Schreiber

E&M: Wie sehen die Pläne Ihres Unternehmens für die kommenden Ausschreibungen aus?

Thier: Wir werden auch zukünftig unsere Bürgerwindprojekte bei den Ausschreibungen begleiten, sofern diese eine Genehmigung nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz erhalten haben. So hoffen wir für dieses Jahr noch auf weitere Genehmigungen, die im besten Fall bereits zum 1. November an der Ausschreibung teilnehmen könnten.

"Wir sind mittlerweile recht gelassen"
 
E&M: Wie hat sich Ihre Arbeit durch die Ausschreibungen verändert?

Thier: Die Zeiten, in denen Bürgerwindprojekte ohne fachliche Expertise erfolgreich mit klassischen Projektierern konkurrieren konnten, scheinen durch die immer komplexer werdenden Anforderungen vorbei zu sein. Durch die Ausschreibung sind neben den erhöhten formellen, juristischen und wirtschaftlichen Anforderungen auch die Marktbeobachtung und die Markteinschätzung vermehrt in den Fokus gerückt. Da diese Herausforderungen nur in den seltensten Fällen von den Bürgerwindgesellschaften selbst gemeistert werden können, benötigen die Projekte genau hier unsere Hilfestellung. Vorher bestand weniger Prüfungs- und Beratungsbedarf. Durch die gesammelten Erfahrungen aus nunmehr fast zwei Jahren Ausschreibungsprozedere im neuen EEG blicken wir mittlerweile recht gelassen auf die Thematik.

E&M: Wie beurteilen Sie die Marktchancen für kleinere Marktteilnehmer: Können diese weiter mit einem ausreichenden Volumen am Markt partizipieren oder haben mittelfristig nur noch große Projektierer eine Chance?

Thier: Kleinere Projektierer mit branchenüblichen Geschäftsmodellen dürften zukünftig mehr Probleme haben, da durch die Ausschreibung ein enormer Kostensenkungsdruck entsteht, der nicht zu den hohen Pachtentgelten passt, die einige Marktteilnehmer nach wie vor versprechen. Auch sind die Margen klassischer Projektierer sicherlich nicht mehr in den gewohnten Höhen der Vergangenheit realisierbar. Um die Flächeneigentümer dennoch zu gewinnen, verstecken einige Projektierer Anpassungsklauseln im Kleingedruckten der Pachtverträge. Das haben wir schon mehrfach feststellen müssen.

Bürgerwind aber ist meiner Meinung nach auch vor dem Hintergrund des aktuellen EEG zukunftsweisend. Moderate Pachten, der Wegfall einer Projektierungsmarge und die Privilegierung von Bürgerenergiegesellschaften im EEG führen dazu, dass unsere Projekte in der Ausschreibung absolut konkurrenzfähig sind.

E&M: Wie beurteilen Sie das Ausschreibungsverfahren grundsätzlich? Ist es in der aktuellen Ausgestaltung langfristig tragbar?
 
Windturbine eines BBWind-Projekts, das im münsterländischen Legden-Isingort ans Netz gegangen ist
Bild: BBWind

Thier: Die derzeitige Ausgestaltung des EEG halte ich für langfristig tragbar und empfehle ausdrücklich, den aktuellen Höchstwert sowie das Einheitspreisverfahren für Bürgerenergie beizubehalten. Das Einheitspreisverfahren ist dabei elementar wichtig für die Bürgerwindprojekte, da nur dieses die Akzeptanz, die Bereitschaft und das nötige unternehmerische Risiko der Akteure vor Ort sicherstellt. Ein sich in der Diskussion befindlicher Vorschlag eines Bürgerenergiefonds zur Unterstützung bei den Projektentwicklungskosten könnte eine sinnvolle Ergänzung des EEG sein, aber sicherlich keine Alternative zur heutigen Regelung darstellen.

E&M: Wie sieht für Sie das Marktdesign der Zukunft aus?

Thier: Das derzeitige Ausschreibungssystem ist geeignet, den Windstrom weiter in Richtung Börsen- beziehungsweise Marktpreis zu bewegen und perspektivisch ohne das EEG auszukommen. Dies ist jedoch erst mittelfristig zu erwarten, noch ist es für die Windenergie an Land zu früh für einen Ausstieg aus dem EEG. Auch spielt hier natürlich der dringend notwendige Ausstiegsplan für die Kohleverstromung eine zentrale Rolle zur fairen Strompreisbewertung an der Börse.

Ein zukünftiges Marktdesign muss jedoch berücksichtigen, dass Windenergieanlagen dezentral und verbrauchernah betrieben werden können. Dies vermindert enorme Investitionen in den überregionalen Netzausbau. Zudem ist es unumgänglich, höhere Ausschreibungsvolumina im Bereich der Windenergie an Land zu ermöglichen. Deren Ausbau muss beschleunigt werden, um die bundespolitisch vereinbarten CO2-Ziele noch erreichen zu können. Die Windenergie an Land ist und bleibt der zentrale regenerative Pfeiler im Stromsektor in Deutschland.


Zur Person
Heinrich Thier ist Geschäftsführer der BBWind Projektberatungsgesellschaft mbH. Der gebürtige Westfale war von 1978 bis 2012 als Unternehmensberater beim Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband (WLV) tätig. Die 2012 gegründete BBWind GmbH, ein WLV-Tochterunternehmen ist kein klassischer Projektierer, sondern ermutigt Flächeneigentümer, Landwirte und Bürger vor Ort, auf ihren Flächen selber Windenergieanlagen zu errichten und zu betreiben. So behalten die lokalen Akteure in ihrem eigenen Projekt den sprichwörtlichen Hut auf – begleitet durch die Expertise von BBWind.

 
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Dienstag, 11.09.2018, 17:58 Uhr