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HINTERGRUND:
Wer kauft die Thüga - wenn sie denn verkauft wird?
Seit Monaten wird über den Verkauf der Eon-Tochter Thüga gemunkelt. Eine Entscheidung fällt wohl in den nächsten Wochen - und kann eine Lawine in der Beteiligungslandschaft lostreten.
 

Der Thüga-Verkauf stand in der Düsseldorfer Eon-Zentrale schon vor mehr als einem Jahr auf der Tagesordnung des Vorstandes und des Aufsichtsrates: Sollte Eon den Zuschlag beim spanischen Versorger Endesa bekommen, dann sind die Erlöse aus dem Verkauf der noch immer blauen Tochter in der Münchner Nymphenburgstraße zur Finanzierung des 40-Mrd.-Euro-Deals höchst willkommen, ja nötig. Der Thüga-Vorstandsvorsitzende Armin Geiß wurde als Personalvorstand zur Ruhrgas nach Essen weggelobt, sein Nachfolger Ewald Woste sollte die Abwicklung des Verkaufes steuern. Das kann Woste wahrscheinlich doch noch tun.

Eon-Chef Wulf Bernotat hätte sich außer Geld auch noch politische Entlastung verschafft. Sich freiwillig, und nicht wie kürzlich von Bernhard Heitzer, dem Bundeskartellamtspräsidenten, gefordert, von Stadtwerke-Beteiligungen zu trennen und so für mehr Wettbewerb zu sorgen - Eon wäre gut dagestanden. Kommt es nun zum Verkauf, könnte Bernotat als Verlierer erscheinen: Er hat sich dem Druck des Kartellamtes gebeugt. Aber das sind Nebenkriegsschauplätze im Kampf um strategische Positionen, und da steht kaum ein anderes europäisches Energieunternehmen so gut da wie Eon.

Die Kernkompetenzen - Beschaffung und Verkauf von Erdgas, Erzeugung und Vertrieb von Strom - wurden konsequent international ausgebaut: Eon ist die Energiespitze in Europa, RWE rennt in Deutschland wie anderswo hinterher.

Die Ertragsperle ist uninteressanter geworden

Soll man sich da noch mit manchmal widerspenstigen Stadtwerken herumärgern, mit einer eigensinnigen Thüga? Die einstige Ertragsperle mit den meisten Stadtwerkebeteiligungen in Deutschland ist für die globalen Denker in Düsseldorf uninteressanter geworden, Dauerärger bei niedriger Rendite ist vorprogrammiert:
- Der politische Druck nach Entflechtung und mehr Wettbewerb wächst
- Die Eon-Tochter E-wie-einfach für Strom und Gas hat die Thüga-Unternehmen unter Druck gesetzt und sie in Wut versetzt
- Die meisten Thüga-Beteiligungen verdienen nur am Netz, und daran durch die Regulierung der Bundesnetzagentur immer weniger - 6 % Eigenkapitalrendite sind für den Weltkonzern Eon ein Witz.

Unternehmensberater Karlheinz Bozem, der die Leistungen von Eon schon in der letzten E&M-Ausgabe lobte ("Eon ist gut aufgestellt"; E&M 4/08, Seite 42), zu einem möglichen Thüga-Verkauf: "Der Verkauf ist sinnvoll, weil Eon aus kartellrechtlichen Gründen bei den Beteiligungen keine Mehrheit bekommt und somit auch nicht strategisch arbeiten kann; der Thüga-Verkauf wäre eine konsequente Portfoliobereinigung." Ähnlich äußert sich Matthias Cord, Energiestratege beim Berater A.T.Kearney: "Die Thüga gilt als vorbildlich im Handling der komplexen kommunalen Interessenslagen im Zusammenhang mit ihren Beteiligungen. Wenn Eon nun das Juwel Thüga verkaufen will, geht das zwar einerseits mit einer Schwächung des Endkundenzugangs einher. Andererseits schafft dieses Vorhaben neue Freiheitsgrade in der Diskussion mit dem Kartellamt hinsichtlich neuer Akquisitionen, welche für Eon langfristig mit Blick auf das Kerngeschäft noch wichtiger sein könnten."

Die Zielkonflikte mit der Thüga werden schärfer

Liest man über das Selbstverständnis der Thüga, so müssen in Zukunft die Zielkonflikte schärfer werden: "Die Thüga-Gruppe ist deutschlandweit das größte Netzwerk kommunaler Energieversorger. Zu den Grundsätzen der Zusammenarbeit gehört es, dass die Partner ihre Autonomie erhalten und selbständig handeln." Da wird noch die gute alte Monopolwelt beschrieben, und sicherlich auch noch ein Zukunftsmodell - aber doch nicht unter dem Dach einer Eon.

Am 21. Februar lädt "Clevergy - Der schlaue Weg zur Energie" zur Pressekonferenz: "Am 29. Februar 2008 ist Um-Schalttag! An diesem Tag werden alle Hamburger und Stuttgarter zum Wechsel zu einem neuen Stromanbieter aufgerufen. Und auch bundesweit kann bereits in ausgewählten Schwerpunktmärkten umgeschaltet werden. Das Konzept über das Umschalten zum neuen Stromanbieter Clevergy ist neu, das Angebot einzigartig. Hinter Clevergy stehen mit der N-ergie AG, Nürnberg, und enercity Stadtwerke Hannover AG zwei der bedeutendsten und bereits bundesweit engagierten großen kommunalen Energieversorgungsunternehmen." So steht es in der Einladung zur Pressekonferenz ins Restaurant "Yin & Yang" in Hamburg. Yin steht im chinesischen für Erde, yang für Himmel, vielleicht kommt das neue Stromprodukt auch daher.

An den Stadtwerken Hannover hält die Thüga 24 %, an der N-ergie sind es 39,8 %. Haut Eon uns mit E-wie-einfach, hauen wir Eon mit Clevergy: Den Wettbewerb und Bernhard Heitzer wird es freuen - Eon mit seiner Tochter Thüga auch? Was mit Strom passiert, soll mit Gas folgen. Wird das Bernhard Reutersberg, den neuen Vorstandsvorsitzenden (ab 1. März) der Eon Ruhrgas erquicken, in dessen Reich die Thüga gehört. Insider wollen wissen, dass Reutersberg gegen einen Thüga-Verkauf ist - noch. Es sind über die 120 Thüga-Beteiligungen schon noch halbwegs gesicherte Gasabsatzkanäle erschlossen, nur wenige Unternehmen wie die Hannoveraner und die Nürnberger haben die Kraft eines bundesweiten Auftritts. Unter der Thüga sind fast 4 Mio. Gaskunden mit einem Absatz von rund 200 Mrd. kWh versammelt.

In der "Thüga-Gruppe von A-Z" fehlt ein Beteiligungs-"A", es beginnt mit "B" wie badenova AG & Co. KG und reicht bis zur Zwickauer Energieversorgung. Dazwischen so interessante Namen wie die Erdgas Südbayern, die EWR in Remscheid, die HEAG Südhessische Energie AG, Mainova und N-ergie, Stadtwerke so und so von Süd bis Nord, von Ost bis West. Kaum ein Bundesland, in dem die Thüga nicht zuhause ist. Und das soll man hergeben: Im Jahr 2006 erwirtschafteten die Thüga-eigenen und die, an denen sie mit mindestens 20 % beteiligt ist, einen Umsatz von 15,5 Mrd. Euro bei insgesamt 7,224 Mio. Strom- und Gaskunden.

RheinEnergie und MVV Energie zeigen Kaufinteresse

Im Aufsichtsrat der Eon AG gibt es unterschiedliche Positionen zum Verkauf, in wenigen Tagen wird er neu gewählt - und die Karten werden neu gemischt.
Sicherlich wird diskutiert: Wie viel wird verkauft - geht Eon unter 50 %, bleibt sie auf jeden Fall bei 25,1 %, oder wenn schon denn schon ganz weg.

An wen? Gewinnmaximierung oder Strategiedenken? Auch wenn es den Stadtwerken in Zukunft schlechter gehen wird, Kaufinteressenten gibt es beliebig viele. Nahe liegend sind natürlich die großen deutschen Stadtwerke, die seit Jahren ohne Erfolg eine "Stadtwerke AG" anstreben. Rolf Martin Schmitz, Vorstandsvorsitzender der Kölner RheinEnergie gegenüber powernews.org: "Es gibt einige kommunale Unternehmen, die sich über den Thüga-Verkauf freuen würden, das Unternehmen sollte jedenfalls nicht zerschlagen werden." Schmitz ging Arm in Arm mit Rudolf Schulten, dem MVV Energie-Vorstandsvorsitzenden über die Messe E-world in Essen - beide haben großes Kaufinteresse. Was Schmitz ein paar Tage später bei einem Pressefrühstück in Mannheim nochmals bestätigte. Zusammen mit Hannover oder den Stadtwerken München könnten sie den Deal durchaus finanziell stemmen, der Kreis der 8KU, zudem auch die Nürnberger N-ergie gehört, könnte es ohnehin, deren Vorstandssprecher Herbert Dombrowsky wollte sich gegenüber powernews.org zu Kaufabsichten nicht äußern, und auch Kurt Mühlhäuser, der Chef der mächtigen Stadtwerke München, zeigte sich gegenüber E&M zugeknöpft: "Zu Gerüchten äußern wir uns nicht."

Zum Preis des längst noch nicht erlegten Bären gibt es bei Bankern viele Spekulationen und Keinen, der sich zitieren lassen will, aber um die 3 Mrd. Euro dürfte ein realistischer Wert sein.

Bernhard Heitzers Forderung, dass sich die großen Vier von ihren Stadtwerkebeteiligungen trennen sollten, fand weder in den Medien noch in der Politik ein großes Echo. Keine populäre Forderung, fragte E&M den Kartellamtschef. Seine Antwort: "Das Bundeskartellamt hat mit seinem Vorschlag der Veräußerung von Stadtwerkebeteiligungen der zwei marktbeherrschenden Energieversorger den Vorschlag des damaligen hessischen Wirtschaftsministers Rhiel aufgegriffen. Dieser forderte eine generelle gesetzliche Grundlage zur Entflechtung von marktbeherrschenden Unternehmen im Bereich der Energieversorgung durch das Bundeskartellamt. Dies würde -wie in der Presse umfangreich wider gegeben - die Entflechtung von vor gelagerten Kraftwerkskapazitäten beinhalten. Der Vorschlag enthielt aber auch die Möglichkeit der Entflechtung auf der nach gelagerten Marktstufe, namentlich den Stadtwerken.

In der Sache halten wir es ungeachtet von Popularitätsfragen für sinnvoll, über solch einen gesetzgeberischen Weg nachzudenken. Dass der hohe Grad der Verflechtung zwischen marktbeherrschenden Vorlieferanten und Stadtwerken und Regionalversorgern eine erhebliche Hürde bei der Schaffung von Wettbewerb in der Energiewirtschaft darstellt, wird auch von Gerichten und der Monopolkommission so gesehen."

Gegenleistungen für irgendwelche Unternehmensverkäufe gibt es durch das Bundeskartellamt nicht

Und wenn sich Eon von der Thüga trennen würde, wäre dadurch politischer Druck weg und könnte das Unternehmen mit einer Gegenleistung des Bundeskartellamtes rechnen, fragten wir Heitzer. "Nur sicherheitshalber: Politischen Druck kann nur die Politik ausüben, das Bundeskartellamt muss aber auf die Probleme hinweisen dürfen, an denen es strukturell hakt. Der Begriff Gegenleistung passt nicht recht zu einer rechtsanwendenden Behörde. Wir verfügen über gesetzliche Grundlagen, auf deren Basis Veräußerungszusagen in ein Verfahren eingeführt werden können. So kann es bei Fusionskontrollverfahren zu Freigaben mit Nebenbestimmungen kommen, die auch die Veräußerungen von Unternehmen oder Unternehmensteilen beinhalten können. Diese sind aber in jedem Einzelfall zu prüfen. Generelle 'Gegenleistungen' für irgendwelche Unternehmensveräußerungen gibt es grundsätzlich nicht."

Heitzer hat gegenüber dieser Zeitung schon mal geäußert, dass er auch bei kommunalen Fusionen genau hinsehen werde. E&M: "Herr Heitzer, wer wäre als Thüga-Käufer Wunschkandidat des Bundeskartellamtes - ein ausländisches Unternehmen, deutsche kommunale Unternehmen?

Heitzer: "Es gibt bei den Prüfungen durch das Bundeskartellamt keine Wunschkandidaten. Zusammenschlussanmeldungen werden so geprüft, wie sie eingereicht werden. Einzig ausschlaggebendes Kriterium ist die etwaige Entstehung oder Verstärkung von Marktbeherrschung. Sollte ein Zusammenschluss zu einer marktbeherrschenden Stellung der beteiligten Unternehmen führen oder dieselbe verstärken, so ist er zu untersagen. Der Sitz des Unternehmens spielt dabei keine Rolle, sondern lediglich die Stellung auf dem betroffenen Markt."

RWE: Die Frage des Verkaufs unserer Stadtwerkebeteiligungen stellt sich nicht


Würde sich Eon - aus welchen Gründen auch immer - tatsächlich von der Thüga trennen, käme Druck auf das RWE zu: Wenn das bei Eon möglich ist, warum nicht auch bei den Essenern, so werden Politik und Öffentlichkeit fragen. Die derzeitige (am 27. Februar) Antwort von Wolfgang Schley, Pressesprecher der RWE Energy: "Die Frage des Verkaufes unserer Stadtwerkebeteiligungen stellt sich für uns nicht, denn sie sind wichtiger Bestandteil unserer regionalen Partnerschaften."

So sind die kommunalen Beteiligungen bei den sechs RWE-Regionalgesellschaften angesiedelt, in der Summe sind es wie bei der Thüga 120 überwiegend Minderheitsbeteiligungen. Die meisten davon sind im Portfolio der rhenag-Gruppe: Von der AggerEnergie GmbH in Gummersbach bis zur WSW Netz GmbH in Wuppertal reicht da die Liste mit 78 Namen unter dem Titel "Beteiligungsgesellschaften und Dienstleistungspartner". Auch die Thüga AG findet sich da, mit denen die rhenag gemeinsam ein Rechenzentrum betreibt.

Käme die RheinEnergie gemeinsam mit Partnern bei der Thüga zum Zuge, so würde in der deutschen Energiewirtschaft tatsächlich ein großes Rad gedreht. An der Kölner rhenag AG hält die RheinEnergie 33,33 % des Kapitals, der Rest liegt in Händen der RWE Rhein-Ruhr AG in Essen. Dem RWE wiederum gehören 20 % der RheinEnergie, die sich mit 16,1 % beim möglichen Kaufpartner für die Thüga, der MVV Energie AG, eingekauft hat, bei der die EnBW mit 15 % ebenfalls beteiligt ist - derzeit noch als stiller Partner.
Die rhenag-Gruppe erzielte im Geschäftsjahr 2006 einen Umsatz von rund 1,3 Mrd. Euro und hatte einen Gasabsatz von knapp 14,9 Mrd. kWh, der beim Strom lag bei fast 2,6 Mrd. kWh.

Sagen wir: Die RheinEnergie gemeinsam mit der MVV Energie und zwei drei weiteren kommunalen Unternehmen könnten die Thüga ganz oder Teile davon kaufen, dann entstünde ein neuer Koloss, den sich Heitzer wird genau ansehen müssen. Und: RWE wird sich zumindest von der rhenag, wenn nicht auch von der RheinEnergie trennen müssen. Was dann noch an Stadtwerkebeteiligungen bei EnBW und Vattenfall Europe angesiedelt ist, sind vernachlässigbare Größen im Wettbewerbsmarkt.


 
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Donnerstag, 28.02.2008, 10:12 Uhr