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Enerige & Management > Stromnetz - Zappel-Philipp ist nicht mehr
Bild: Fotolia.com, Gina Sanders
STROMNETZ:
Zappel-Philipp ist nicht mehr
Die Windenergie ist für den Regelenergiemarkt hoffähig geworden. Mit einem Leitfaden haben die Übertragungsnetzbetreiber jüngst den lange überfälligen Türöffner geliefert.
 
In Mecklenburg-Vorpommern ist Anfang Januar ein Stück bundesdeutscher Energie-Geschichte geschrieben worden. Windparks aus dem nordöstlichen Bundesland haben als erste grünes Licht erhalten, Regelenergie zu liefern. „Endlich“, zeigt sich Stefan-Jörg Göbel von Statkraft Markets erleichtert. Die Deutschland-Dependance des norwegischen Stromkonzerns hat diese Windparks für die Direktvermarktung unter Vertrag. „Auch wenn damit ein hartes Stück Arbeit verbunden war, hat sich der Einsatz gelohnt“, so Göbel. „Nunmehr kann mit der Windenergie auch der größte regenerative Energieträger Systemverantwortung übernehmen.“

Mit Regelleistung die Schwankungen im Stromnetz innerhalb kürzester Zeit auszugleichen und damit Systemverantwortung zu übernehmen, oblag bislang, abgesehen von wenigen Wasserkraft- und Biogasanlagen, ausschließlich fossilen Kraftwerken. Die vier Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, Amprion, TenneT und TransnetBW halten derzeit ständig rund 4 000 MW positiver (Strom wird zugeführt) und negativer (Leistung wird vom Netz genommen) Regelleistung vor.

In die Phalanx der Betreiber konventioneller Kraftwerke, die am Regelenergiemarkt trotz sinkender Margen im Erzeugungssektor noch einigermaßen gutes Geld verdienen, bricht jetzt die Windenergie ein. Einen ersten Versuch, dieses fossile Quasi-Monopol zu durchbrechen, hatte Statkraft Markets im Februar letzten Jahres auf der E-world-Fachmesse in Essen gestartet. Statkraft-Energiehändler hatten die erste Regelenergie-Lieferung aus einem ostfriesischen Windpark unter großer medialer Beachtung angekündigt. Nur einen Tag später wies TenneT als zuständiger Übertragungsnetzbetreiber Statkraft in die Schranken und räumte einen eigenen Fehler beim Präqualifizierungsverfahren ein.

Gut zehn Monate später, im Dezember 2015, konnten sich Statkraft-Manager Göbel, die heimische Windbranche und die Schar der Direktvermarkter über ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk freuen: den „Leitfaden zur Präqualifikation von Windenergieanlagen zur Erbringung von Minutenreserveleistung im Rahmen einer Pilotphase“ der vier Übertragungsnetzbetreiber, knapp gehalten in einer lediglich achtseitigen pdf-Datei. Für die gemeldeten Windparks (Pool-Meldungen für mehrere Windparks sind nicht vorgesehen!) müssen danach die Angebote für die Regelenergieleistung ausreichende Sicherheitsabschläge vorsehen. Außerdem müssen die Windparkbetreiber die bei der Erbringung der Regelleistung übliche Besicherungsleistung vorhalten.

„Das war wirklich überfällig“, kommentierte auch Ulrich Focken die Veröffentlichung des Leitfadens. „Das ist nach dem wirklich dynamischen Ausbau der Erzeugungskapazitäten in den zurückliegenden Jahren für die erneuerbaren Energien der nächste ganz große Schritt, damit die grünen Energien unser Stromsystem stemmen können“, freut sich der Geschäftsführer von energy & meteo systems GmbH (emsys). Focken sieht im Leitfaden ein „wichtiges Signal“ für die gesamte Energiewirtschaft: „Fluktuierende Windenergieanlagen können mehr als einfach nur umweltfreundlichen Strom zu erzeugen.“ Ähnlich sieht es Werner Neumann, Sprecher des Arbeitskreises Energie bei der Umweltorganisation BUND: „Mit der Zulassung zum Regelenergiemarkt sind die Voraussetzungen geschaffen, dass die Windenergie demnächst der wichtigste Energieträger auf dem Strommarkt hierzulande wird.“

Eine Entwicklung, die noch vor zehn Jahren als undenkbar galt

Genau diese Entwicklung galt bei den Herren der Stromautobahnen noch vor nicht einmal zehn Jahren als ein Ding der Unmöglichkeit. Der Windkraft lastete das negative Image eines zappeligen Einspeisers an, sie galt in ihrer Leistung als unbeherrschbar und damit letztendlich als Gefahr für die Versorgungssicherheit. Dass sie aber durchaus Minutenreserveleistung liefern kann, hatten in den vergangenen Monaten die Praxis in Dänemark sowie Projekte in den Niederlanden oder Belgien – allerdings auf Basis eines anderen Präqualifizierungsverfahrens – bereits vorexerziert.

Dass seit einigen Wochen der Leitfaden auf dem Tisch liegt, ist nicht nur eine Folge der in den vergangenen Jahren stark verbesserten Prognosen für die Einspeisung erneuerbarer Energien. In einem mehrmonatigen Feldtest in der 50-Hertz-Regelzone hatten zuletzt Statkraft Markets, emsys, der Windturbinenhersteller Enercon sowie der Projektentwickler WIND-projekt aus dem mecklenburgischen Börgerende (Landkreis Bad Doberan) an den technischen Anforderungen für das Präqualifizierungsverfahren gefeilt. Für die Realbedingungen sorgten dabei fünf meist mit Enercon-Anlagen bestückte Windparks von WIND-projekt, die Statkraft als Direktvermarkter nun für das Präqualifizierungsverfahren angemeldet hat. „Unser Dank für die Erprobungsphase gilt vor allem dem Unternehmen 50Hertz, das sich für die Öffnung des Regelenergiemarktes für Windenergie sehr stark gemacht hat“, resümiert emsys-Geschäftsführer Focken, „die Tests haben sehr geholfen, das von uns entwickelte Virtuelle Kraftwerk anwendungssicher zu machen.“

Dass sich 50Hertz für die Berücksichtigung der Windkraft im Regelenergiemarkt stark gemacht hat, liegt für Kerstin Rippel auf der Hand. „Mit dem wachsenden Anteil bei der Stromerzeugung müssen die Windenergieanlagen auch eine stärkere Verantwortung übernehmen“, sagt die Leiterin Energiepolitik bei 50Hertz. „Die Einbeziehung von Windkraftanlagen am Regelleistungsmarkt sollte mittel- bis langfristig dazu führen, dass immer weniger Regelleistung durch konventionelle Kraftwerke vorgehalten werden muss.“

Der Übertragungsnetzbetreiber hat trotz derzeit niedriger Preise für Regelenergie bereits ein großes Interesse bei Windkraftbetreibern und deren Direktvermarktern registriert, im neuen Geschäftsfeld tätig zu werden. „Auch wenn ein Teil der Interessenten noch die technischen Voraussetzungen für die Regelleistungserbringung schaffen muss, sehe ich ein Potenzial für die Präqualifikationsleistung im Rahmen der Pilotphase im vierstelligen Megawatt-Bereich“, so Rippel.

Ein Indiz dafür ist beispielsweise die von Green Energy Systems (GESY), dem Stadtwerke-Netzwerk Trianel sowie dem Windprojektierer Enertrag vier Tage nach Bekanntgabe des Leitfadens veröffentlichte Ankündigung: Demnach haben die drei Unternehmen im vergangenen Jahr ein Verfahren entwickelt, um mit Windenergie am Sekundär- und Minutenreservemarkt teilnehmen zu können.

Demnächst Windenergie für die Sekundärreserve möglich

Die Testphase haben die Übertragungsnetzbetreiber auf zwei Jahre festgelegt. Dass die Windenergie danach wieder in die Abstellkammer zurückgeschoben werden könnte, ist für Statkraft-Manager Göbel schlichtweg unvorstellbar: „Wir werden sicherlich alle einen Lernprozess mitmachen – aber was soll schon groß schiefgehen?“ Der Leitfaden sei ein Türöffner, mit dem die Bedeutung der Windenergie für das hiesige Stromsystem spürbar wachsen werde.

Ähnlich sieht es, was nicht sehr verwundert, der Bundesverband Windenergie (BWE). Dessen Netzexperten zeigen sich von dem im Leitfaden gewählten Nachweisverfahren angetan: Der Nachweis der erbrachten Regelleistung soll über die zum Zeitpunkt der Regelleistungserbringung „mögliche Einspeisung“ der einzelnen Windturbine und nicht mehr über einen pauschalen Fahrplan erfolgen. Ein Fahrplanverfahren würde zu unnötigen Energieverlusten führen, "da die Windenergieanlage vor der Regelleistungserbringung auf einen festen Fahrplanwert gedrosselt werden müsste“, heißt es aus der Berliner BWE-Zentrale.

Für emsys-Geschäftsführer Focken ist der neue Präqualifikations-Leitfaden nicht mehr als ein „Einstieg“ der Windenergie in das gesamte Regelenergie-Segment. Er verweist auf das laufende Konsultationsverfahren bei der Bundesnetzagentur für die Sekundärreserve. „Bislang mussten die Angebote eine Woche im voraus eingereicht werden. Geplant ist, diese Angebotsfrist an die Minutenreserve anzupassen.“ Kommt diese Änderung, so Focken, „macht die Bedeutung der Windenergie im Regelenergiemarkt einen bedeutenden Schritt nach vorne“. Die Lichter werden jedenfalls nicht ausgehen, wenn die Windkraft zu immer größeren Teilen die Systemstabilität im Energienetz übernimmt.
 

 
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Freitag, 29.01.2016, 10:30 Uhr