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Enerige & Management > Stadtwerke - Antworten auf Gründer-Fragen
Bild: Fotolia.com, nmann77
STADTWERKE:
Antworten auf Gründer-Fragen
Wie gründet man ein Stadtwerk? Diese Frage stellen sich immer mehr Bürgerinitiativen und Bürgermeister. Die Netzübernahme muss dabei keinesfalls am Anfang stehen.
 

Stadtwerkegründungen liegen im Trend; einen „richtigen Boom“ beobachtet derzeit Stefan Söchtig, Geschäftsführer der Wilken Prozessmanagement GmbH.

Vor allem zwei Gründe sind es nach seiner Erfahrung, die Kommunen anregen, sich über ein eigenes Stadtwerk Gedanken zu machen: Der erste ist das Auslaufen der bisherigen Konzessionsverträge; meistens überlegen die Verantwortlichen in diesem Zusammenhang, ob man die Energieversorgung nicht in eigene Hände nehmen kann. Der zweite Grund ist oft der Wunsch, eine eigene Stromerzeugung mit Windenergieanlagen und Photovoltaik aufzubauen.

Damit aus dem Wunsch möglichst ohne größere Schwierigkeiten Wirklichkeit wird, beraten Söchtig und sein 30-köpfiges Team die Gründungswilligen. Das Consulting-Unternehmen Wilken Prozessmanagement ist Tochter des gleichnamigen Software-Anbieters; Söchtig bringt selbst jahrzehntelange Stadtwerke-Erfahrung mit, zuletzt war er Kaufmännischer Geschäftsführer bei den Technischen Werken Friedrichshafen, die heute zusammen mit den Stadtwerken Überlingen das Stadtwerk am See sind.

Jüngstes Projekt des Berater-Teams mit mittlerweile 3 Mio. Euro Jahresumsatz ist die Unterstützung der Stadtwerke-Gründung in Bad Waldsee. Die Gemeinde nördlich des Bodensees versorgt schon seit vielen Jahren ihr Thermalbad mit warmem Wasser aus der Tiefengeothermie. Daraus entstand die Idee, die Wärme auch in einem Fernwärmenetz und zur Klärschlammtrocknung zu nutzen, um so Öl und Gas einzusparen, erinnert sich Söchtig. Die Stromerzeugung mit einer ORC-Turbine ist zunächst nicht geplant, ohne weitere Wärmequelle ist das Geothermiewasser nicht heiß genug. Geplant ist aber die Nutzung der Windenergie, die Stadt will selbst Windenergieanlagen projektieren, bauen und den Strom ins Netz einspeisen. „Entgegen vielen anderen Projekten steht hier nicht die Übernahme von Netzen oder der Aufbau des Vertriebs im Vordergrund, sondern die Tiefengeothermie und die Windkraft“, fasst Söchtig zusammen.

Das Fundament fürs neue Stadtwerk legen

Der Verzicht auf das Stromnetz ist neu, denn in Deutschland sorgen derzeit hauptsächlich die Diskussionen um die Netzübernahmen für Aufmerksamkeit. Doch die hält der Geschäftsführer nicht unbedingt für den besten Weg, „denn die Netzübernahme ist schon ein wirklich dickes Brett.“

Risikoärmer und einfacher zu bewältigen sei für ein junges Stadtwerk der Aufbau einer Vertriebsabteilung für Strom und Gas. Bei mehreren aktuellen Neugründungen gehen die Berater so vor. Man benötigt zunächst nur eine Gesellschaft, die dann den Strom von einem Händler oder einem Kooperationspartner einkauft. Ist schon ein Geschäftsfeld in der Gemeinde da, etwa für Gas oder Wasser, lässt es sich laut Söchtig relativ einfach um den Stromverkauf erweitern: „Wenn absehbar ist, dass der Konzessionsvertrag für das Stromnetz fällig wird, macht man schon mal Vertrieb in dem Geschäftsfeld, das man noch nicht hat.“

 

Stefan Söchtig warnt vor zu schneller Netzübernahme
Bild: E&M

Zu der Vertriebsaktivität kommen das Marketing, die Vertriebsplanung und der Einkauf oder das Portfoliomanagement dazu – hierbei kann man sich aber auch von Dienstleistern unterstützen lassen.

Ein „großes Thema“, dem man Aufmerksamkeit schenken muss, ist nach den Erfahrungen des Beraters die Ausbildung der Mitarbeiter. Denn die meisten Gemeinden wollen mit den Angestellten, die sie bereits haben, weiterarbeiten. Das sind aber oft Mitarbeiter aus der Stadtverwaltung, die zunächst geschult werden müssen – für die andere Art der Buchführung oder die Kundenwechsel-Prozesse im Strom- und Gasmarkt. Bei Wilken bietet man dazu Einführungen in die Grundlagen der Energiewirtschaft oder Kurzschulungen an. Ist das neue Stadtwerk zunächst alleine nicht in der Lage, die nötigen Prozesse selbst durchzuführen, helfen die Berater dem Neuling auch hier mit eigenem Personal.

Zur Unterstützung am Anfang gehört auch die gemeinsame Suche nach einem Geschäftsführer. Dabei braucht man zum Aufbau der Gesellschaft unter Umständen einen anderen Manager-Typ als zur Leitung des laufenden Stadtwerks. Wenn man gleich zu Anfang jemanden findet, der das Energiegeschäft beherrscht, kann sich der Berater schnell zurückziehen. „In den anderen Fällen gründen wir die Gesellschaft mit, suchen einen Interimsgeschäftsführer, und wenn das Stadtwerk aufgebaut ist, bei Bedarf auch einen permanenten Geschäftsführer. Dann ziehen wir uns zurück. So was kann bis zu zwei, drei Jahre dauern“, beschreibt Söchtig den zeitlichen Ablauf.

Neben dem Geschäftsführer ist auch noch weiteres qualifiziertes Personal nötig, um ein Stadtwerk zum laufen zu bringen. In der Schaffung der Arbeitsplätze für diese Mitarbeiter sieht Söchtig auch einen wichtigen Beweggrund für die derzeitige Rekommunalisierungs-Welle: „Stadtwerke sind Arbeitgeber für die Region und schaffen Arbeitsplätze; das ist in vielen Gegenden in Deutschland ein ganz wichtiges Argument. Wir beraten eine Stadtwerksgründung in den neuen Bundesländern, dort will man dadurch ganz bewußt junge qualifizierte Leute wieder in die Region zurückholen.“

Risiken bei der Netzübernahme

Neben dem Wunsch, Arbeitsplätze zu schaffen, reizt die Gemeinden an der Stadtwerke-Gründung die Möglichkeit, ihre Versorgung mitzugestalten. Wenn sie es schaffen, mit dem Vertrieb oder später mit dem Netzbetrieb Gewinne zu erwirtschaften, können sie die Energieversorgung leichter nach eigenen Wünschen gestalten. Dabei sieht Söchtig Risiken, aber auch Chancen: „Klar, ich muss im Wettbewerb bestehen, wenn ich Vertrieb mache, aber der Gewinn fließt dann nicht an irgendwelche anonymen Anleger, sondern an die Stadt selbst oder – bei Bürgerbeteiligungsmodellen – auch an die Bürger direkt.“ Im besten Fall gibt das der Kommune den Spielraum, mit den Gewinnen aus dem Energiebereich andere öffentliche Aufgaben wie Nahverkehr oder Bäder zu finanzieren.

Die Risiken werden allerdings deutlich größer, wenn sich ein junges Stadtwerk an die Netzübernahme macht. Diese erfordert einen hohen Planungsaufwand und viel Kapital und kann wegen der juristischen Auseinandersetzungen mit dem Vorbesitzer Jahre dauern. Ungewiss ist auch, ob das neue Unternehmen die Konzession für den Netzbetrieb bekommt, diese muss von der Kommune ausgeschrieben werden. Mit dem Netz verdient man auch nur dann Geld, wenn man die Kosten im Griff hat, mahnt Söchtig: „Es stimmt nicht, dass man immer seine gesetzliche Rendite hat, denn die Netzentgelte werden ja nicht immer zu hundert Prozent genehmigt.“ Außerdem schmelzen sie in den nächsten Jahren noch ab.

Gibt es Mindestgrößen, die man beachten sollte, wenn man ein Stadtwerk gründen, den Vertrieb aufbauen und das Netz betreiben möchte? Ja, räumt der Berater ein: Wenn man in seinem Stadtwerk 50 oder 100 Mitarbeiter bezahlen wolle, benötige man eine bestimmte Größe und auch ein bestimmtes Kundenpotenzial; aber es gebe für jeden Bedarf flexible Geschäftsmodelle. Bei einem seiner Projekte hat die Gemeinde beispielsweise nur eine fünfstellige Zahl potenzieller Kunden, „und da sollte man ein paar Sachen definitiv nicht selber machen.“ So kann man beispielsweise das Energiedatenmanagement und den ständigen Datenaustausch mit den Marktpartnern, die so genannte Marktkommunikation, den Einkauf und das Portfoliomanagement von Dienstleistern erledigen lassen. Doch wer auf Regionalität setzen möchte, dem rät Söchtig, auch nicht zu viel auszulagern: „Was man immer selber machen sollte, und dafür muss sich das Ganze halt rechnen, ist das Callcenter, zumindest die überwiegende direkte Ansprache des Kunden. Es lohnt sich nicht, hier im Schwäbischen ein Stadtwerk aufzubauen, in dem man dann bayrisch sprechende Callcenter-Mitarbeiter hat.“

Kooperationsmöglichkeiten mit den Nachbarn nutzen

Nicht alles muss ein neues Stadtwerk alleine machen. Oft gibt es in der Nähe kommunale Unternehmen, die ebenfalls nahe an der Wirtschaftlichkeit sind. In diesem Fall empfiehlt der Berater, sich zusammenzutun und einen Teil der Arbeiten, etwa den Einkauf oder das Back Office, in einer gemeinsamen Gesellschaft erledigen zu lassen.

Selbst bei nur 1 000 oder 5 000 Einwohnern rät Söchtig nicht generell von der Stadtwerke-Gründung ab: „Da machen wir eine Voranalyse, einen Workshop, und prüfen, welche Möglichkeiten es in dieser Größenordnung gibt.“ Eine Netzübernahme komme dann zwar oft nicht infrage, aber der Aufbau eines Vertriebes sei auch bei wenigen Kunden kein Problem: „Wenn die Einwohner in der Gemeinde zu wenig sind, kann man beim Vertrieb auch regional oder theoretisch deutschlandweit agieren.“ Grundsätzlich gebe es ganz viele Aktivitäten, die ein Stadtwerk betreiben, die eine Kommune selbst in die Hand nehmen kann: „Es gibt viele unterschiedliche Geschäftsmodelle.“

Damit das Stadtwerk zum bestmöglichen Geschäftsmodell kommt, muss der Berater möglichst neutral erklären, was möglich ist und was nicht. Zwei oder drei Jahre wollen Söchtig und seine Mitarbeiter die neuen Unternehmen in den Geschäftsfeldern, die sie mit aufgebaut haben, begleiten und ihnen bei der Personalsuche helfen. „Wenn keine Beratung mehr gewollt ist, ziehen wir uns zurück. Oft werden wir nochmal angesprochen, weil das Unternehmen neue Geschäftsaktivitäten ins Auge fasst“, freut sich Söchtig.

Eigentlich startete Wilken Prozessmanagement als Prozessoptimierer und Dienstleister für die neuen Unternehmen. Das Dienstleistungsgeschäft kann dem Kunden helfen, wenn beispielsweise eine Mitarbeiterin in den Mutterschutz geht oder wenn für ein neues Geschäftsfeld schnell Mitarbeiter benötigt, aber noch keine eingestellt sind. „Wir machen das so lange, bis der Kunde seine Personalsituation geklärt hat“, erläutert Söchtig. Der Dienstleister kann dabei aus dem Pool seiner eigenen Mitarbeiter schöpfen. Weil nicht immer alle gleichzeitig für das eigene Unternehmen oder die neuen Unternehmen ausgelastet sind, können sie bei Bedarf flexibel einspringen.

Die Beratung für den Stadtwerke-Aufbau kam erst später wegen der vielen Anfragen dazu, so der Geschäftführer. Mittlerweile trifft sie auf eine große Nachfrage. „Seit Beginn der Liberalisierung wurden ungefähr 70 Stadtwerke gegründet und es gab einige erfolgreiche Neugründungen privater Versorger“, erinnert sich Söchtig. Er hat selbst bei einigen mitgewirkt, auch schon vorher bei der Wiedervereinigung in den östlichen Bundesländern. Das macht ihn sicher, dass die jetzt und in Zukunft von Wilken betreuten Gründungen und Stadtwerke-Erweiterungen erfolgreich sein werden. „Da gibt es sehr hoffnungsvolle Ansätze mit großem Potenzial und interessanten Vermarktungsansätzen.“


 
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Mittwoch, 18.12.2013, 09:08 Uhr