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Enerige & Management > Regulierung - Bauer: "Das untaugliche Netzentgeltsystem stört am meisten"
Bild: Fotolia.com, Bertold Werkmann
REGULIERUNG:
Bauer: "Das untaugliche Netzentgeltsystem stört am meisten"
Die deutsche Industrie könnte ihren Stromverbrauch deutlich flexibler an die aktuelle Lage im Netz anpassen, doch die derzeitige Regeln bestrafen netzdienliches Verhalten, kritisiert Christof Bauer, der beim Chemiehersteller Evonik für Energiefragen zuständig ist.
 
E&M: Herr Dr. Bauer, hat die Industrie derzeit genug Planungssicherheit, um sich auf die Energiewende einzustellen?

Bauer: Die Industrie steckt in einem Dilemma. Einerseits ist klar, wohin die Reise gehen muss: Der Stromverbrauch in der Industrie muss sich früher oder später flexibilisieren. Auf der anderen Seite ist es sehr schwierig zu prognostizieren, wann die Politik die zentralen Restriktionen wegnimmt, die heute die Flexibilisierung verhindern.

E&M: Welche Restriktionen stören am meisten?

Bauer: Das untaugliche Netzentgeltsystem. Mindestens 80 Prozent unserer Netzentgelte entfallen auf den Leistungspreis. Das ist ein sehr starker Anreiz, die Anlagen möglichst gleichmäßig zu fahren, und den Stromverbrauch möglichst linear zu halten – unabhängig vom tatsächlichen Stromangebot im Netz. Eine möglichst gleichmäßige Fahrweise verursacht, insbesondere im Bereich der Chemieindustrie und in anderen Branchen mit kapitalintensiven Anlagen, ohnehin die geringsten Investitionskosten und die geringsten Qualitätsprobleme. Die Betonung der Spitzenlast bei der Berechnung der Netzentgelte ist ein zusätzlicher Anreiz, den Stromverbrauch möglichst konstantzuhalten. Bei einer besonders gleichmäßigen Fahrweise, also einer Auslastung von über 7 000 Stunden im Jahr, werden darüber hinaus weitere Vergünstigungen wirksam. Um Missverständnisse auszuschließen: Zweifellos ist es richtig, besonders stabile Verbrauchsprofile im Netz wirtschaftlich zu incentivieren. Dies aber unter der Voraussetzung, dass es mindestens gleich große Anreize gibt, den Verbrauch an das Stromaufkommen im Netz anzupassen. Erst aus der Kombination beider Instrumente wird ein Schuh.

E&M: Ist es nicht sinnvoll, in Stunden mit niedrigen Strompreisen besonders viel zu verbrauchen?

Bauer: Natürlich würden Industriebetriebe gerne die Zeiten mit niedrigen Strompreisen für ihre Lastspitzen nutzen und in den Zeiten mit hohen Strompreisen ihre Last nach Möglichkeit auch reduzieren. Das Problem ist nur, dass dann die besondere Netzentgeltvergünstigung für gleichmäßigen Verbrauch weg ist. Und auch ohne diese Sonderregelung zahlt ein Betrieb viel höhere Netzentgelte, wenn er einmal 25 MW und einmal 75 MW zieht, als beim durchgängigen Verbrauch von 50 MW über das ganze Jahr 50 MW. Das heißt, es gibt tatsächlich viele Unternehmen und Werke, die ihre Fahrweise in den vergangenen Jahren gezielt darauf eingestellt haben, den Leistungsbezug möglichst konstantzuhalten.

"An einer Lastflexibilisierung geht mittelfristig kein Weg vorbei"

E&M: Geht der Trend jetzt wieder in die andere Richtung, nämlich in Richtung Flexibilisierung?

Bauer: Man weiß zwar, dass an einer Lastflexibilisierung mittelfristig kein Weg vorbeigeht, kann aber nur schwer abschätzen, wann die Netzentgeltsystematik auch wirklich so angepasst wird, dass ein flexibler Verbrauch nicht mehr konsequent pönalisiert wird. Im Klartext: Wer sich zu früh auf die neue Welt einstellt und entsprechend investiert, riskiert unter dem alten Regelwerk Fehlinvestitionen. Das Gorbatschow-Zitat, nach dem der vom Leben bestraft wird, der zu spät kommt, gilt eben in der Wirtschaft leider auch umgekehrt.

E&M: Was würden Sie also heute einem Industriebetrieb raten?

Bauer: So weit wie möglich zu flexibilisieren in dem Rahmen, den man eben hat. Es gibt Produktionen, bei denen es aus verschiedenen Gründen nicht möglich ist, den Stromverbrauch wirklich gleichmäßig zu gestalten, zum Beispiel, weil die Produktion von Batch-Betrieben (Chargenprozess; d. Red.) dominiert wird. Die haben vielleicht nur eine Benutzungsdauer von 4 000 oder 5 000 Stunden. Unter diesen Voraussetzungen ist es natürlich bei stromintensiven Prozessen allemal sinnvoll, den Produktionsrhythmus im Rahmen einer Gesamtoptimierung auch den Strompreisen anzupassen. Ein weiterer wichtiger Punkt, der machbar ist, ist die Lieferung von Minutenreserve, das heißt Mehr- oder Minderverbrauch auf Anforderung des Netzbetreibers. Leider greifen für kurzfristigen Mehrverbrauch auch in diesem Zusammenhang die schon geschilderten Restriktionen: Betriebe, die sich darauf konzentrieren, ihren Stromverbrauch möglichst gleichmäßig zu steuern, riskieren bei einer individuellen Lastspitze deutlich höhere Netzentgelte, auch wenn diese unmittelbar auf einer vom Netzbetreiber abgerufenen systemstabilisierenden Maßnahme beruht. 

"Die Probleme im Netz sind deutlich häufiger in Phasen des Überschusses"


E&M: Was wird dringender benötigt: Die Fähigkeit, kurzfristig den Stromverbrauch zu senken oder ihn zu erhöhen?

Bauer: Die Probleme im Netz und damit auch die Preissignale sind in Phasen des Überschusses deutlich häufiger als in Phasen des Defizits. Das ist unmittelbar daran abzulesen, dass die von den Übertragungsnetzbetreibern gezahlten Preise für den Abbau von kurzfristigen Stromüberschüssen im Netz (negative Minutenreserve; d. Red.) deutlich höher sind als für den Ausgleich von Defiziten. Das wird auch mittelfristig so bleiben. Wenn man berücksichtigt, dass Strom aus Wind und Photovoltaik zu Grenzkosten von Null erzeugt wird, ist der Ersatz von Brennstoff durch Strom in solchen Situationen nicht nur wirtschaftlich sondern auch ökologisch absolut sinnvoll. Da gibt es in der Industrie noch große ungenutzte Potenziale.
 
Christopf Bauer: "Es gibt tatsächlich viele Unternehmen und Werke, die ihre Fahrweise in den vergangenen Jahren gezielt darauf eingestellt haben, den Leistungsbezug möglichst konstantzuhalten."
Bild: privat


E&M: Aber dann steigen die Netzentgelte.

Bauer: Auch dann. Das ist ja die Paradoxie. Selbst wenn wir im Rahmen von Regelenergie die Last kurzfristig hochfahren, um das Netz zu stützen, steigen die Netzentgelte. Deshalb ist das heute nur für Unternehmen attraktiv, die ohnehin keine gleichmäßige Stromabnahme darstellen können. Diese können zumindest in Phasen mit niedrigem Verbrauch das Delta zu ihrem maximalen Verbrauch als Flexibilität anbieten. Aber eine neue, sinnvolle Netzentgeltstruktur würde sofort sehr viele Flexibilitätsoptionen in der Wirtschaft freisetzen, deren Nutzung bisher bestraft wird.

"Investitionsentscheidungen werden tendenziell vertagt"

E&M: In der Politik wird diskutiert, die weitgehende Befreiung eigenerzeugten Stroms von Steuern und Umlagen zu überprüfen. Welche Folgen hätte das für die Eigenerzeugung in der Industrie?

Bauer: Politisch wird die Kraft-Wärme-Kopplung durchaus gewollt. Aber wenn man nicht gleichzeitig das Eigenerzeugungsprivileg nutzen kann, rechnet sich KWK auf Gasbasis heute in den meisten Fällen nicht. Das liegt daran, dass sich der Gas- und der Strompreis in Europa so stark angenähert haben. Das Verhältnis von Strom- und Gaspreis ist heute in den USA prinzipiell günstiger für die KWK als in Deutschland. Weil Kraft-Wärme-Kopplung in Deutschland nur wirtschaftlich ist, wenn die EEG-Umlage für den erzeugten Strom nach dem Eigenerzeugerprivileg entfällt und diese Regelung auf den jeweiligen Standort beschränkt ist, werden Kraft-Wärme-Potenziale nur genutzt, soweit der Strom auch am gleichen Standort verbraucht werden kann. Auch das ist eine paradoxe Regelung: Strom aus hocheffizienter industrieller Kraft-Wärme-Kopplung sollte künftig jedenfalls von der EEG-Umlage befreit bleiben – unabhängig davon, wann die entsprechende Anlage gebaut wurde und wo der Strom beziehungsweise die Wärme aus der Anlage verbraucht wird.

E&M:Kann ein Unternehmen im Moment entscheiden, wie es seine eigene Energieversorgung optimiert und in welche Optionen es investiert?

Bauer: Es ist enorm schwierig, tragfähige Investitionsentscheidungen zu treffen. Der politische Rahmen ist derzeit extrem unsicher. Wie wird die künftige Netzentgeltregelung für besonders gleichmäßigen Verbrauch aussehen? Wie geht es weiter mit den Härtefallregelungen des EEG für im internationalen Wettbewerb stehende energieintensive Unternehmen? Gibt es Änderungen bei der Behandlung von Eigenerzeugung? All das ist im Moment sehr diffus und führt dazu, dass Investitionsentscheidungen tendenziell vertagt werden, was sich sicher nicht positiv auf den Standort Deutschland auswirkt.

 
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Montag, 22.07.2013, 10:36 Uhr