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Enerige & Management > Windkraft Onshore - Den Vorwärtsgang eingelegt
Bild: Hannu Vallas
WINDKRAFT ONSHORE:
Den Vorwärtsgang eingelegt
Eine Reihe von deutschen Windkraftprojektierern hat den finnischen Windmarkt entdeckt − und zeigt sich zufrieden mit den günstigen Rahmenbedingungen.
 
Kuuronkallio oder Paltusmäki: Das sind Namen, die in manchem Ohr nach nordischem Zirkusbetrieb oder einem Filmregisseur klingen. Einigen deutschen Windenergieprojektierern kommen diese verbalen Zungenbrecher mittlerweile flüssig über die Lippen, denn sie sind in Finnland aktiv.

Wie beispielsweise die VSB-Gruppe aus Dresden. Ob deren Geschäftsleitung in diesem Sommer spontan ein Tänzchen zu Klängen der Fünf-Feen-Folkkapelle Juurakko hingelegt hat, ist nicht überliefert. Grund zur Ausgelassenheit hätte sie gehabt: Für die Sachsen ist der gleichnamige 40-MW-Windpark in der Region Nordösterbotten an der Westküste Finnlands der Startschuss zu einem umfangreichen Engagement in dem skandinavischen Land. „Wir sind dort noch ein junger Player und erst seit fünf Jahren mit einem Büro vertreten“, betont Nicolas König, Leiter für die internationale Projektentwicklung. Weitere 400 MW hat VSB nach eigenen Angaben in der Pipeline: „Es könnte auch schnell eine vierstellige Zahl werden.“

 
Windanlagen in Finnland
Bild: Hannu Vallas
 

VSB ist längst nicht der einzige deutsche Projektierer, der in Finnland gute Geschäfte macht. Die Bremer WPD AG hat bereits 2007 angefangen, sich im Norden umzusehen, drei Windparks mit Leistungen zwischen 33 und 72 MW laufen dort seit einigen Jahren. Bei der ebenfalls in Bremen beheimateten Energiequelle GmbH hat vor Kurzem der Testbetrieb für den Windpark Paltusmäki mit 21,5 MW Leistung begonnen. Beim Fünffachen dieser Kapazität ist mittlerweile die Abo Wind AG in Finnland angelangt. Und die aus der Insolvenz durchgestartete Prokon eG profitiert auch vom frühen Engagement ihres einstigen „Alleinherrschers“ Carsten Rodbertus: Er hatte schon 2011 das erste Team nach Finnland geschickt, um die Chancen für den Bau von Windparks auszuloten.

Was macht den skandinavischen Staat, der ähnlich groß wie Deutschland ist, in dem aber nur fünfeinhalb Millionen Einwohner leben, für Windkraftentwickler so interessant? „Die Rahmenbedingungen“, sagt Nils Borstelmann, zuständiger Country Manager bei der Energiequelle GmbH. Es gebe nicht nur das außerordentliche Flächenpotenzial, sondern auch ein sehr gut ausgebautes Netz und genügend Know-how im Land, um die Windturbinenprojekte zu errichten und zu betreiben. Dazu noch vortreffliche Windbedingungen − weit besser als in Mittel- und Süddeutschland. „Und wir können auch sehr hoch bauen. Eine Nabenhöhe von 170 Metern und mehr, Rotordurchmesser von 150 Metern und mehr − das macht gleich eine ganz andere Musik.“

Kostenexplosion bei geplanten Atomkraftprojekten

Auch die Regierung in der Hauptstadt Helsinki setzt nach einigen Irrungen und Wirrungen mittlerweile stärker auf die erneuerbaren Energien. Dabei verlieren die Atomkraftwerke in dem Land, das sich in Europa nach dem Tschernobyl-Gau als erstes zu einem atomaren Neubau entschloss, allmählich an Bedeutung: Der Block Olkiluoto 3, dessen Bauarbeiten bereits 2005 begonnen haben, ist vom Probebetrieb noch weit entfernt, die Kosten sind in diesem Zeitraum aber um den Faktor drei auf mindestens 9 Mrd. Euro gestiegen. Einen geplanten vierten Block sagte der heimische Energieversorger TVO (Teollisuuden Voima Oy) angesichts der massiven Verzögerungen bereits 2015 ab. Das neue Kernkraftwerk Hanhikivi, dessen Genehmigung die Grünen 2014 zum Auszug aus der damaligen Regierung veranlasste, ist über Fundamentarbeiten noch nicht wesentlich hinausgekommen. Wenn es denn je realisiert werde, schätzen Branchenkenner, dann aus rein politischen Gründen. Denn mit den Gestehungskosten der Windenergie könne es auf keinen Fall mehr mithalten.

Die Windenergie litt lange unter unklaren Verhältnissen. Zwar hatte das Kabinett des früheren Ministerpräsidenten Alexander Stubb schon ein 2.500-MW-Ausbauprogramm mit Einspeisevergütungen beschlossen, die vergleichbar mit dem deutschen EEG waren. Doch die Nachfolgeregierung unter Juha Sipilää − mit Beteiligung der Rechtspopulisten von den „Wahren Finnen“ − ließ es auslaufen, weil die Ziele vermeintlich erreicht waren.

Die aktuelle Mitte-Links-Regierung von Antii Rinne, seit Dezember 2019 abgelöst durch Sanna Marin, verfolgt wieder ökologischere Ziele und beschloss den Abschied von der Kohleverstromung. Gegenwärtig sind gut 2.300 MW Windenergieleistung errichtet (Stand: Sommer 2020), die rund 9 % zur landesweiten Stromerzeugung beitragen (zum Vergleich: Atomkraft 32 %). Bis 2030 sollen daraus 5.500 MW werden, es geht aufwärts. 2035 will Finnland dann klimaneutral sein.

Das ist die Gemengelage, in der die deutschen Projektierer weiteren Boden gewinnen wollen. Als tragende Säulen setzen sie nach Auslaufen der Einspeiseförderung auf grüne Power Purchase Agreements (PPA), also auf direkte Stromannahmeverträge mit industriellen Großkunden. Für Alexander Koffka, Mitglied der Geschäftsführung bei Abo Wind, sind die PPAs „ein Segen, da sie uns erlauben, unter diesen neuen Bedingungen weitere Windparks zu planen, zu finanzieren und zu bauen“. Im September unterzeichnete Abo Wind in Finnland ihre erste PPA-Vereinbarung mit dem heimischen Energieversorger Gasum Oy, der ab 2022 jährlich 100 Mio. kWh aus dem neuen 40-MW-Windpark Kokkoneva bezieht.

Die WPD-Gruppe hat bereits zwei solcher PPAs in diesem Jahr abgeschlossen: Der Zellstoff- und Papierhersteller UPM Kymmene ist Kunde eines Windparks mit 32 Turbinen der 6-MW-Klasse, die voraussichtlich 2022 ihren Betrieb aufnehmen werden. Im Juni unterzeichnete WPD zudem einen Vertrag mit dem Einzelhandelsunternehmen K-Group, der über 15 Jahre eine Lieferung von jeweils 40 Mio. kWh vorsieht.

PPAs als Treiber für neue Windparks

Gern gesehene Windstromabnehmer in Finnland sind Rechenzentren, die wegen des geringeren Klimatisierungsbedarfs im kühleren Norden errichtet werden. Die Energiegenossenschaft Prokon konnte schon zweimal den Giganten Google als Kunden gewinnen, berichtet Vorstand Henning von Stechow. Mit dem französischen Partner Neoen feierte das Dithmarscher Unternehmen im Juli die Inbetriebnahme des 81-MW-Windparks Hedet, der seine volle Leistung an Tuike Finland liefert, eine hundertprozentige Google-Tochter. Eine weitere Kooperation soll ab 2021 weiter nordöstlich in Mutkalampi umgesetzt werden − mit 76 Windturbinen und 250 bis 300 MW Leistung.

Nicht nur die guten Aussichten auf PPA-Verträge lassen die deutschen Projektierer lobend vom finnischen Windmarkt reden. „Es gibt zügige Genehmigungsverfahren, da die dünne Besiedelung des Landes in der Regel größere Konflikte mit Anwohnern von Windparks vermeidet“, sagt beispielsweise Alexander Koffka von Abo Wind, „außerdem hat die Bevölkerung eine positive Einstellung zur Windenergie. Als Plus auf dem finnischen Windmarkt fallen Nils Borstelmann von Energiequelle die „klaren Regeln zu Schall, Schatten und Umweltverträglichkeit“ ein. Wenn es tatsächlich Einsprüche gebe, würden diese aufgrund des klaren Regelwerks recht schnell abgewiesen. Einzelne Probleme gebe es mit dem Militär und seiner Radarhoheit: „Da wird an der Ostgrenze noch viel blockiert. Aber die Aussichten sind positiv.“

Wer im Norden baut, rechnet mit einem anderen Klima. „Das Wetter ist nicht außer Kraft gesetzt, es gibt schon größere Schwankungen“, weiß WPD-Vorstand Hartmut Brösamle. „Die Anlagentechnologie muss deshalb standortgerecht geplant werden.“ Je weiter nördlich, desto nötiger wird der Einsatz von sogenannten Cold-Climate-Anlagen, die mit anderen Schmierfetten und sogar Rotorblattheizungen angeblich bei Temperaturen bis minus 30 Grad in Betrieb bleiben können. Freilich sind diese Windturbinen auch teurer.

Allerdings ist auch in Skandinavien der Klimawandel bemerkbar. Für die Windkraftprojektierer bedeutet das: Sie können im Herbst länger bauen, außerdem ist die Zahl der Eisabschaltungen seit Jahren rückläufig. Im lustigen Song „Räntää, hyhmää“ der Juurakko-Damen tritt ein rustikaler Holzfäller am 20. Dezember mit der Schneeschaufel vor die Tür … und blickt auf grüne Birken. Der finnische Winter, will die Kapelle wohl sagen, ist auch nicht mehr das, was er mal war. E&M
 

 
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Montag, 23.11.2020, 08:38 Uhr