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Enerige & Management > Interview - Hasler: "Ich bin Streiter in der Sache"
Bild: Fotolia.com, iQoncept
INTERVIEW:
Hasler: "Ich bin Streiter in der Sache"
Josef Hasler ist Vorstandsvorsitzender der Nürnberger N-Ergie. Er vertritt gerne Positionen, die einige in der Energiewirtschaft anders sehen. Ein Gespräch.
 
E&M: Herr Hasler, Sie gelten als Gegner der großen Stromtrassen. Wo soll der Windstrom aus der Nord- und Ostsee denn hin, wenn nicht Richtung Süden?

Hasler: Ich bin kein grundsätzlicher Gegner der Stromtrassen. Wir benötigen sehr wohl Trassen, allerdings nur in einem sinnvollen Ausmaß. Ich bin freilich ein Gegner von einseitigen Betrachtungsweisen. Auf hoher See wird 3.000 bis 3.500 Stunden im Jahr Strom erzeugt. Das heißt im Umkehrschluss, wir haben viele Tausend Stunden, in denen die Windkraftanlagen keinen Strom liefern. Wir können noch so viele Leitungen bauen, die Grundlastversorgung stellen wir so nicht sicher.

E&M: Wo soll die Grundlastversorgung herkommen?

„Ein stupider Bau von Höchstspannungstrassen hilft definitiv nicht“

Hasler: Ich sage schon seit zehn Jahren: Wir benötigen Gaskraftwerke, die dann einsatzfähig sind, wenn wir keine Grundversorgung aus erneuerbaren Energien gewährleisten können. In diesem Zusammenhang benötigen wir Wasserstoff, weil er eine exzellente Lösung darstellt, um überschüssigen Ökostrom umzuwandeln und dadurch CO2-neutrales Gas für die Grundlastversorgung zu produzieren.

E&M: Das läuft darauf hinaus, im Norden Elektrolyseure für die Wasserstoffproduktion zu bauen, um das Gas ins Netz einzuspeisen?

Hasler: Genau. 20 Prozent Wasserstoff ins Erdgasnetz einzuspeisen, ist relativ unproblematisch − ich bin überzeugt, da ist technisch noch mehr möglich. Über die Gasnetze kann der Wasserstoff dorthin transportiert werden, wo er gebraucht wird: zum Beispiel zur Industrie, zur Verwertung in KWK-Anlagen oder zur Verbrennung in Kraftwerken. Das sind die Optionen, die wir nutzen sollten. Ein stupider Bau von Höchstspannungstrassen hilft bei der Energiewende dagegen definitiv nicht.

E&M: Die Befürworter der Trassen sehen das anders.

Hasler: Wir haben mittlerweile in Deutschland zwei Millionen Erneuerbare-Energien-Anlagen, die zu 98 Prozent ans Verteilnetz angeschlossen sind. Dort müssen wir beginnen. Es gilt zunächst, auf der regionalen Ebene, also vor Ort, eine hohe Eigenversorgung zu erreichen und dann zu klären, wie die noch ausstehende Menge gedeckt werden kann − in Form von Strom, Wasserstoff oder Power-to-was-auch-immer. Das ist unser Ansatz, das Prinzip der Subsidiarität: die Dinge dort machen, wo sie am effizientesten gemacht werden können.

E&M: Kann man in der Umgebung der Metropolregion Nürnberg genug Strom für die rund 3,6 Millionen Einwohner erzeugen?

„Wir brauchen flexible Gaskraftwerke“

Hasler: Die N-Ergie hat in ihrem Versorgungsgebiet eine Jahreshöchstlast von 1.300 Megawatt. Mittlerweile speisen aber EEG-Anlagen mit einer installierten Leistung von 2.600 Megawatt in unser Netz ein. Das heißt, es steht sehr, sehr viel mehr Leistung zur Verfügung, als an Spitzenleistung benötigt wird. Was wir brauchen, sind flexible Gaskraftwerke für die Stunden, an denen kein Wind weht, keine Sonne scheint und die Speicher leer sind.

E&M: Die bayerische Landesregierung hat mit der Zehn-H-Abstandsregelung den Windkraftausbau in Bayern zum Erliegen gebracht. Wie sehen Sie die Windkraft in Bayern?

Hasler: Die Zehn-H-Regelung ist eine politische Folge des damals zunehmenden Widerstands gegen weitere Windkraftanlagen. Die Menschen wollen nicht von politischen Entscheidungen überfahren, sondern abgeholt werden. Das heißt, die politischen Akteure müssen den Menschen die potenziellen Vorteile, jedoch auch die Nachteile erklären. Aber klar: Wenn wir den Weg der Energiewende erfolgreich beschreiten wollen, brauchen wir auch in Bayern die Windkraft.

E&M: Wie soll das gehen?

Hasler: Mit mehr Geld, aber auch mit mehr Partizipation derjenigen, die es unmittelbar betrifft. Und ganz wichtig: Die Menschen müssen direkt den Strom aus der Windkraftanlage beziehen können. Ziel muss es sein, aus Betroffenen Beteiligte zu machen.

E&M: Glauben Sie, dass Deutschland bis zum Jahr 2050 eine klimaneutrale beziehungsweise CO2-freie Energieerzeugung nicht nur im Strombereich, sondern auch bei der Wärme und im Verkehr hinbekommt?

Hasler: Das Ziel ist technisch machbar und grundsätzlich auch erreichbar. Allerdings darf es nicht zulasten der Wettbewerbsfähigkeit von Industrie oder Arbeitsplätzen gehen − wir müssen alle Gruppen mitnehmen. Wenn wir eine klimaneutrale Energieversorgung auf die Beine stellen, dann könnte das ein Vorbild für die ganze Welt sein − mit enormen Vermarktungschancen für die deutsche Wirtschaft. 

E&M: Die N-Ergie ist am Gaskraftwerk Irsching 5 beteiligt, das nun nach Jahren in der Netzreserve wieder an den regulären Strommarkt zurückgekehrt ist. Hat die N-Ergie in den vergangenen zehn Jahren mit dem Kraftwerk je einen Euro verdient?

 
Josef Hasler: „Ich habe eine unglaubliche Leidenschaft für die Energiewende“ Bild: N-Ergie

 
Hasler: Im ersten und zweiten Jahr haben wir ein bisschen verdient, dann nicht mehr. Mittlerweile ist das Kraftwerk in Gänze abgeschrieben. Wir haben über die Jahre aber Millionen an Zahlungen geleistet, um mit unseren Partnern den Betrieb aufrechtzuerhalten.

E&M: Das Kraftwerk ist also eine Fehlinvestition?

Hasler: Für die Energiewende ist das Kraftwerk die richtige Investition, wenn man es von der Versorgungssicherheit aus betrachtet. Wir haben schon vor zehn Jahren gesagt, dass die Bereitstellung der Leistung aus dieser Art von Kraftwerken auch einen Preis voraussetzt, der die Kosten für die dauerhafte Einsatzbereitschaft deckt. Politisch müssen also die Voraussetzungen geschaffen werden, die den Betreibern von Gaskraftwerken eine gewisse Investitionssicherheit zugestehen.
E&M: Sie fordern einen Kapazitätsmarkt?

Hasler: Ja. Es kann nicht anders funktionieren.

E&M: Auch Gaskraftwerke müssen eines Tages grün beziehungsweise CO2-frei werden. Wie soll das geschehen?

Hasler: Mit Wasserstoff. Wir überlegen, unser Gaskraftwerk in Sandreuth H2-ready zu machen. Bei dem Thema bin ich völlig entspannt. Wenn die Politik die richtigen Rahmenbedingungen schafft, werden die Ingenieure es auch ermöglichen.

E&M: Woher soll der benötigte Wasserstoff kommen? Die deutschen Wasserstoffkapazitäten sind begrenzt.

Hasler: Das stimmt, sie werden nicht ausreichen. Es wird dazu führen, dass wir Wasserstoff aus Drittländern importieren.

E&M: Bei ihren Haushaltskunden will die N-Ergie die Energiewende 2021 umsetzen. Ab dann sollen alle mit Ökostrom versorgt werden. Woher kommt der Strom?

Hasler: Das ist Strom aus rein deutschen Erneuerbare-Energien-Anlagen, vor allem aus Wasserkraft, Wind und PV. Wir haben ganz bewusst auf ausländische Zertifikate verzichtet. Von unserem jährlichen Stromabsatz von 15 Milliarden Kilowattstunden geht eine Milliarde Kilowattstunden an unsere Haushaltskunden und diese stellen wir um.

E&M: Warum machen sie das? Sie müssten ja nicht.

Hasler: Wir wollen unseren Kunden zeigen, dass wir nicht nur über die Energiewende reden, sondern auch handeln. Dabei wollen wir auch die Kunden mitnehmen, die sich bisher nicht für unser Ökostromangebot entschieden haben.

E&M: Der größere Teil der eingesetzten Energie geht in die Wärmeversorgung. Wie wollen Sie in Nürnberg die Wärmewende schaffen?

Hasler: Das ist sicherlich eine Herkulesaufgabe. Für uns, für die N-Ergie, steht beim Thema Wärmewende die Heizung im Mittelpunkt. Der erste Schritt ist es, alte Anlagen gegen neue, effiziente und emissionsarme Anlagen auszutauschen. Ein wesentliches Element gerade in Ballungsräumen ist aber auch die Fernwärme, wie wir sie in unserem Heizkraftwerk Sandreuth erzeugen. Vor allem in der Stadt ist die Fernwärme ein wichtiger Baustein, um den CO2-Ausstoß zu senken.

E&M: Das reicht?

Hasler: Es gibt noch viel zu tun. Aber durch die Bepreisung von CO2 für fossile Brennstoffe wird hier sicherlich eine neue Dynamik entstehen.

E&M: Höre ich da raus, dass Sie die CO2-Bepreisung zum Jahreswechsel begrüßen?

Hasler: Das fordern wir bei der N-Ergie schon seit vielen Jahren. Der Einstieg ist nun gemacht. Jetzt geht es darum, den CO2-Preis weiter zu verteuern.

E&M: Sie gelten in der Branche als streitbarer Geist mit einer eigenen, ab und an exklusiven Meinung. Ecken Sie gerne an?

Hasler: Ich sehe mich als Streiter in der Sache. Denn ich habe eine unglaubliche Leidenschaft für die Energiewende, aber auch für das Subsidiaritätsprinzip. Und ich sehe die Gefahr eines neuen Zentralismus, den ich ablehne, besonders in der Energiewirtschaft. Energieversorgung kann niemand besser als die Akteure vor Ort. Deshalb sollte man den 800 Stadtwerken in Deutschland auch mehr Vertrauen schenken. E&M
 

Vita Josef Hasler

Josef Hasler, Jahrgang 1964, ist seit August 2011 Vorstandsvorsitzender der Nürnberger N-Ergie. Beim Verband kommunaler Unternehmen ist er Vorsitzender der Landesgruppe Bayern. Der diplomierte Betriebswirt kam 1999 nach Nürnberg und gehört seit 2007 dem Vorstand der N-Ergie an. In den 1990er-Jahren war Hasler am Aufbau von ostdeutschen Stadtwerken im Zuge der Wiedervereinigung beteiligt. Eine weitere Station war bei der Ruhrgas in Ungarn.


 

 
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Donnerstag, 17.12.2020, 08:36 Uhr