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Enerige & Management > Windkraft Onshore - Weiterhin viel Unentschlossenheit
Bild: Fotolia, Lars Schmid
WINDKRAFT ONSHORE:
Weiterhin viel Unentschlossenheit
Noch immer ist unklar, wie viele Windmüller ihre alten Windturbinen, deren EEG-Vergütung Anfang 2021 nach über 20 Jahren ausläuft, weiterbetreiben oder abbauen.
 
Ende April hieß es für Familie Feldmann Abschied nehmen. Die Landwirte aus Nordwalde nordwestlich von Münster haben ihre Windturbine abgebaut. Seit ihrem Start kurz vor dem Weihnachtsfest 1995 produzierte die kleine Enercon-Anlage vom Typ E-30 mit einer Nabenhöhe von 50 Metern und einer Leistung von 200 kW zuverlässig sauberen Strom.

Nur ungern hat sich Alfons Feldmann junior zur Demontage entschlossen: „Eigentlich ist das Gerät noch topp in Ordnung gewesen.“ Doch die Aussicht, im kommenden Jahr nach Wegfall der bisherigen nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz garantierten Vergütung allenfalls den Börsenstrom zu erlösen, ließ ihn nicht länger zögern: „Das lohnt sich für uns dann nicht mehr.“

Ein ähnliches Schicksal wie der „Windmarie“ (so hatten Feldmanns Nachbarn die kleine Enercon-Mühle getauft) droht in den kommenden Wochen möglicherweise Hunderten weiteren Altanlagen. Nach einer Analyse der Fachagentur Windenergie an Land (FA Wind) fallen zum nächsten Jahreswechsel rund 4.200 Windturbinen mit etwa 3.700 MW Leistung aus der EEG-Vergütung. Bis Mitte der 2020er-Jahre erreichen gut 12.000 Anlagen mit rund 15.500 MW Leistung das Förderende − das sind knapp 30 % der heute bundesweit installierten Windkraftleistung.

Alte Windanlagen sind für Klimaziele unverzichtbar

Wie viele dieser Ü20-Anlagen noch in Betrieb bleiben, kann derzeit niemand seriös sagen. Ein Aderlass in größerem Umfang hätte aber fatale Folgen für die heimische Klimaschutzpolitik, sagt Jürgen Quentin. „Wenn es auch im nächsten Jahr bei dem niedrigen Ausbauniveau von vielleicht 1.500 Megawatt brutto bleibt, ist es nicht ausgeschlossen, dass bei der Windkraft mehr ab- als zugebaut wird“, befürchtet der FA-Wind-Fachmann. Was auch Niedersachsens Energieminister Olaf Lies (SPD) so sieht: „Wir brauchen auch die alten Windanlagen für unsere Klimaziele.“

Dass die Windkraft als langjähriges „Arbeitspferd der Energiewende“ auszufallen droht, interessiert die Bundesregierung anscheinend wenig. Aus dem zuständigen Bundeswirtschaftsministerium gab es bislang keine Vorschläge zum Erhalt der Ü20-Anlagen. Dabei haben mittlerweile erste Netzbetreiber Windmüllern der Gründergeneration klipp und klapp geschrieben, dass die Einspeisevergütung für ihren Grünstrom in wenigen Monaten endet.
 
War mehr als 31 Jahre in Betrieb: Niedersachsens erster „großer“ Windpark in Norden-Norddeich, der Anfang 2019 abgebaut wurde
Bild: Ralf Köpke

Handfeste Vorschläge zum Weiterbetrieb liegen dennoch vor. Beispielsweise von Minister Lies. Er schlug vor Kurzem für die Dauer von sieben Jahren einen Fixpreis von 4,34 Ct/kWh vor. „Das sichert den weiteren Betrieb der Altanlagen dort, wo ein Repowering nicht möglich ist, und es sichert zweitens zugleich die Möglichkeit, die Klimaziele 2030 zu erreichen.“

In die gleiche Richtung zielt die auf zwei Jahre befristete „Auffanglösung“ der Naturstrom AG. Nach dem Konzept des Ökoenergieversorgers sollen Ü20-Windmüller im Basisfall 3,2 Ct/kWh erhalten. Für größere Windturbinen an windreichen Standorten ist eine Vergütung von 2,2 Ct/kWh vorgesehen, für kleinere Anlagen an schlechten Standorten gilt eine Obergrenze von 4,5 Ct/kWh. Nach Berechnungen von Naturstrom verursacht die „Auffanglösung“ lediglich 15 Mio. Euro Kosten in den kommenden beiden Jahren. „Der Weiterbetrieb funktionstüchtiger alter Windräder ist deutlich kostengünstiger als der vorzeitige Ersatz durch neu zu errichtende Kraftwerke jedweder Technologie“, betont Vorstand Oliver Hummel.

Dass das Düsseldorfer Unternehmen von einer „Auffanglösung“ spricht, kommt nicht von ungefähr: Infolge der Corona-Pandemie sind in den zurückliegenden Wochen nicht nur die Börsenstrompreise abgestürzt, sondern auch die wichtigen Marktwerte. Trauriger Höhepunkt war der „Crash“ im April mit Preisen von unter 1 Ct/kWh Onshore-Windstrom. Ein Niveau, bei dem sich der Weiterbetrieb überhaupt nicht lohnt. Da helfen auch grüne Power Purchase Agreements (PPAs) als Rettungsanker nicht.

Hoffen auf das baldige Anziehen der Marktwerte

Dass die Marktwerte zwischenzeitlich wieder Richtung zwei Cent geklettert sind und für das kommende Jahr nach vorläufigen Berechnungen ein Niveau von etwa drei Cent erwartet wird, ist für die Unternehmen wichtig, die Altanlagen aufkaufen und auf eigene Rechnung weiterbetreiben wollen.

Mit der Hanse Windkraft GmbH hatten die Stadtwerke München als erster Energieversorger bundesweit im Frühjahr 2018 ein eigenes Tochterunternehmen zu diesen Zweck gegründet. Dieses Jahr will Geschäftsführer Christoph Dany Ü20-Windturbinen mit einem Volumen von rund 50 MW unter Vertrag nehmen. „Nach einer wirklich guten Startphase liegen wir damit weiterhin gut im Plan“, so der Windkraftmanager.

Corona mit den Folgen für die Strompreise hätte aber schon zu Verzögerungen bei manchen Verhandlungen geführt, räumt Dany ein. „Insbesondere Betreiber von Einzelanlagen und kleineren Windparks spüren zunehmend, dass die Luft für sie dünner wird“, lautet die Quintessenz aus seinen Gesprächen. Abbauen wollten aber die wenigsten Windmüller ihre lieb gewordenen Pionieranlagen: „Damit sind einfach zu viele Emotionen verbunden, weshalb sie ihre Anlagen am liebsten in sicheren Händen sehen.“
 
Ist weiter in Betrieb: der 2002 gestartete Windpark Bremen-Mahndorf an der Bundesautobahn A1 zwischen Bremer Kreuz und der Weser
Bild: NewEn Projects GmbH

Allerdings hat Dany einigen Altwindmüllern einen Korb geben müssen: „Gutachten, die wir erstellt haben, zeigten für einen wirtschaftlichen Weiterbetrieb in einigen Fällen nicht nur einen viel zu niedrigen Ertrag. Außerdem ist so manche Anlage in den Vorjahren dermaßen auf Verschleiß gefahren worden, dass nur noch der Abbau übrig bleibt.“

Auch wenn Dany mit seinem Team in Hamburg nach eigener Aussage „wirklich gut beschäftigt“ ist, wundert er sich über die Zurückhaltung vom Gros der Ü20-Windanlagenbetreiber: „Obgleich die Uhr tickt und nur noch wenige Monate bis zum Jahreswechsel verbleiben, sind viele unentschlossen.“ Eine Einschätzung, die Carsten Meyer teilt. Als Geschäftsführer der im Herbst gegründeten „WPD windplus“ GmbH hat er bislang nur wenige Altanlagen mit etwa 20 MW kaufen können: „Wir hatten weitaus größere Erwartungen gehabt.“

Rückbauwelle kommt wohl mit Verspätung

Eher ernüchternd fällt auch die Zwischenbilanz bei der Deutschen Windtechnik aus. Die Service- und Wartungsexperten von der Weser sind im vergangenen Spätherbst mit einem sogenannten Festpreisangebot für die Altanlagen auf den Markt gekommen. Die Ü20-Betreiber erhalten einen fest verhandelten Geldbetrag pro Anlage und Betriebsjahr; dafür übernimmt die Deutsche Windtechnik die technischen und wirtschaftlichen Betriebsrisiken des Weiterbetriebs. „Erst kürzlich konnten wir ein Projekt für unser Modell gewinnen“, resümiert Projektleiter Eike-Cedric Feder.
Aufgeben will die Deutsche Windtechnik ihr Angebot dennoch nicht. „Wir glauben fest an unser Modell. So mancher Altanlagenbesitzer scheint noch auf eine politische Lösung in letzter Minute zu setzen, worin wir den Hauptgrund für das Abwarten sehen“, wundert er sich.

Auch Statkraft Markets rechnet fest mit einem Weiterbetrieb vieler Ü20-Windturbinen. Die Deutschland-Dependance des norwegischen Energiekonzerns hat via PPA die ersten 100 MW unter Vertrag genommen. „Wir gehen davon aus, dass in den nächsten Jahren weitere 1.000 Megawatt hinzukommen“, zeigt sich Klaas Bauermann, Leiter des Kundengeschäfts, optimistisch. Der Grund dafür: „Branchenübergreifend sehen wir einen wachsenden Appetit nach physischen Grünstromlieferungen aus Deutschland, die preislich dank der Altanlagen mit konventionellen Angeboten mithalten können.“

Die von vielen befürchtete Rückbauwelle alter Windturbinen hat bislang jedenfalls noch nicht eingesetzt. Was keiner besser beurteilen kann als Frank Kreimer, der als Geschäftsführer der Hagedorn Abbruchservice GmbH mit seinen Teams die Ü20-Schätzchen demontiert: „Wir haben für diesen Bereich, wenn auch eine schwache, aber kontinuierliche Auslastung bis zum Ende des Jahres zu verzeichnen. Zudem gibt es eine steigende Zahl von Rückbauanfragen für das erste Quartal 2021.“ Die Rückbauwelle, so Kreimer, kommt auf jeden Fall später als bislang angenommen.
Die Ü20-Windturbinen haben mittlerweile auch die Wissenschaft erreicht. Jüngst hat Fee van Heeswijk ihre Masterarbeit an der School of Engineering and Architecture in Heidelberg abgeschlossen. Fazit der Abschlussarbeit: „Es gibt gute Alternativen zum Rückbau, aber letztlich dreht sich alles um den Preis. Die Ausbauziele der Erneuerbaren müssen endlich mehr Kohärenz vorweisen. Andernfalls droht demnächst nicht nur der Windenergie ein Nettoabbau, sondern die energiepolitischen Ziele bleiben Planungstheorie.“

 
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Montag, 24.08.2020, 09:00 Uhr