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OFFSHORE:
Das große Warten
Die Erwartungen an die künftige Offshore-Windkraftnutzung sind riesig. Doch viele Projekte verzögern sich, weil die Hersteller eher auf die Geschäfte an Land setzen.
 
Den Zeitpunkt und Ort, seinen „wind energy outlook“ bis zum Jahr 2030 zu präsentieren, hatte Arthouros Zervos bewusst gewählt. In Athen auf der Europäischen Windenergie-Konferenz traf sich Ende Februar alles, was in der internationalen Windszene Rang und Namen hat – ein Publikum ohne Streuverluste sozusagen.

Dass der Grieche, der Präsident der European Wind Energy Association (EWEA) und gleichzeitig Chairman des Global Wind Energy Council ist, eine installierte Leistung von 300 000 MW als machbar prognostizierte, goutierte die versammelten Windmanager bei seiner Rede mit sichtbarem Wohlwollen. Nur bei einer Zahl waren Zweifel in vielen Gesichtern zu lesen: Rund die Hälfte dieser Windkraftleistung soll Ende der dritten Dekade auf See in Betrieb sein.

Diese Annahme erscheint tatsächlich abenteuerlich. Die anerkannten Experten vom dänischen BTM consult-Büro mussten sich nicht groß anstrengen, um für ihren jüngsten „world market update“-Report die Gesamtleistung der bislang in Betrieb gegangenen Offshore-Windparks weltweit zu ermitteln: 679 MW.

Eine große Aufbruchstimmung kann BTM-Geschäftsführer Per Krogsgaard auch nicht erkennen: „Viele Projekte, die wir für die Jahre 2006 bis 2008 erwartet hatten, verschieben sich mindestes auf den Zeitraum 2009 bis 2010. Und ob all diese Projekte dann kommen, wage ich auch zu bezweifeln.“ Ein Erklärung schiebt der Däne gleich hinterher: „Warum sollen die Windturbinen-Hersteller das Risiko eingehen, ihre Maschinen ins Wasser zu stellen, während sie an Land derzeit und in den nächsten Jahren glänzende Geschäfte machen können?“

EWEA-Präsident Zervos kennt diese Stimmungsanlage, die kein alleiniges deutsches Phänomen ist. Ihm ist nicht entgangen, dass das Offshore-Thema in Athen – ganz im Gegensatz zur Europäischen Windenergie-Konferenz im November 2004 in London – nur auf Sparflamme kochte. Dennoch hält der Grieche an seinen Ausbauzahlen an See fest: „Sicherlich werden sich die ersten großen Offshore-Windparks zeitlich nach hinten verschieben, aber sie werden kommen, davon bin ich felsenfest überzeugt.“

Den Zeitpunkt, wann diese Offshore-Offensive einsetzt, erahnt der griechische Windkraftexperte zumindest: „Wenn die Hersteller ihre neue Produktionsstätten fertig gebaut haben, um die weiter große Nachfrage an Land decken zu können, haben sie wieder Luft und auch den Kopf frei, über Offshore nachzudenken.“

Eine ähnliche Entwicklung erwartet der EWEA-Präsident auch vom deutschen Windturbinen-Hersteller Enercon. Dessen Gründer und Geschäftsführer Aloys Wobben hatte Mitte Februar in einem Interview gegenüber der Ostfriesen-Zeitung der Nutzung der Windkraft auf See eine eindeutige Absage erteilt: „Offshore kann man machen. Aber wir haben dafür keine Zeit.“ Seine Firma werde weder als Betreiber noch als Lieferant auftreten. Von solchen Worten des eigenwilligen Enercon-Lenkers lässt sich Zervos nicht beeindrucken: „Wenn Wobben eines Tages nicht offshore gehen will, dann soll er mir erklären, warum er mittlerweile die weltweit größten Windturbinen mit sechs Megawatt Leistung baut?“ An Land gebe es für solche Riesen-Propeller nur eine begrenzte Anzahl von Standorten. Deshalb lautet die Prognose von Zervos: „Wobben wird uns sicherlich noch alle überraschen.“

Erstmal schafft der Enercon-Chef durch seine Absage reichlich Konfusion. Ursprünglich sollten die Ostfriesen an vier der insgesamt zwölf Stellplätze im Offshore-Testfeld vor Borkum ihre E-112 aufbauen. Ob es dazu kommt, darauf will sich selbst Jens Eckhoff, Präsident der im vergangenen Jahr gegründeten Stiftung Offshore-Windenergie, gegenüber E&M nicht festlegen. Auch ihm fehlt ein eindeutiges Bekenntnis von Wobben, deshalb fällt seine Antwort auch ausweichend aus: „Ich kann mir auch sechs Hersteller mit jeweils zwei Maschinen in dem Testfeld vorstellen. Je mehr, desto besser – an dieser Lösung finde ich durchaus Gefallen, weil sie am ehesten dem Charakter eines Testfeldes entspricht.“

Auf Wobbens Äußerung reagiert auch Werner Brinker, Chef der EWE AG. Zusammen mit dem Planungsbüro Enova GmbH ist der Regionalversorger aus Oldenburg Partner von Enercon bei dem geplanten Offshore-Windpark Riffgat, für das die Regierungsvertretung Oldenburg kurz vor Ostern das Raumordnungsverfahren abgeschlossen hat. Bei dem Projekt innerhalb der Zwölf-Seemeilen-Zone hat das Trio bislang 44 Maschinen aus dem Hause Enercon vorgesehen – noch. „Wir werden natürlich mit Herr Wobben über unsere weitere Zusammenarbeit bei Riffgat sprechen“, so Brinker. Dass EWE, die in der Vergangenheit viele von der neu entwickelten Maschinen aus Aurich erstmals ans Netz gebracht haben, sich nicht ganz von Enercon abhängig macht, zeigt sich auf dem Offshore-Testfeld hinter dem Deich in Cuxhaven: Dort hat sich der Regionalversorger einen Stellplatz gesichert, um eine 5 MW-Anlage aus dem Hause REpower Systems auf ihre Offshore-Tauglichkeit zu überprüfen.

Jedenfalls werden sich keine Enercon-Maschinen in dem ersten deutschen Offshore-Windpark drehen, dessen Bauarbeiten im kommenden Jahr beginnen werden. Die Fundamentierungsarbeiten werden nicht im offiziellen Testfeld vor Borkum, sondern vor der mecklenburgischen Halbinsel Darß stattfinden. Anfang April erteilte das Schweriner Umweltministerium der Offshore Ostsee Wind AG, an der zu gleichen Teilen die Bremer WPD AG und das Ingenieurbüro WIND-projekt GmbH aus Börgerende beteiligt sind, die so genannte immissionsschutzrechtliche Genehmigung für das Vorhaben Baltic I. Den Initiatoren fehlt nun noch die Genehmigung für die Kabeltrasse, mit der der Strom der geplanten 21 Windturbinen an Land gebracht werden kann. „Mit dieser noch ausstehenden Genehmigung rechnen wir im ersten Halbjahr“, gibt sich Initiator Carlo Schmidt optimistisch.

Bis zur Sommerpause, so die Ankündigung Schmidts, werden zwei weitere Entscheidungen fallen: Zum einen will sich die Offshore Ostsee Wind AG bis dahin festgelegt haben, wie viele Maschinen welcher Hersteller in dem Park künftig Ökostrom produzieren sollen. „Neben der Anlagenauswahl wollen wir auch den Investor vorstellen“, so Schmidt. Es ist davon auszugehen, dass die Hälfte der Anlagen von der Nordex AG kommen wird. Zum anderen will REpower zwei seiner 5M-Turbinen mit 5 MW-Leistung vor dem Darß aufstellen.

Zu den möglichen Investoren dürfte mit Sicherheit der spanische Acciona-Konzern zählen, der sowohl Windparks plant als auch eigene Windturbinen baut. „Ja, wird sind an Baltic I sehr interessiert“, bestätigte Konzernchef Esteban Morrás Andrés gegenüber E&M während der Windenergie-Konferenz in Athen. Nach Worten von Schmidt sollen die Bauarbeiten für Baltic I „Ende 2007“ beginnen und im Verlaufe des Nachfolgejahres die Windkraftanlagen ans Netz gehen. Fast parallel könnten WPD und Schmidt mit den Fundamentierungsarbeiten für das Projekt Kriegers Flak I in der Ostsee beginnen: Die Genehmigung liegt vor und mit den Erfahrungen vom Bau von Baltic I lässt sich dieses Projekt sicherlich um einiges einfacher stemmen.

WPD entwickelt sich zunehmend zum Hoffnungsträger für die deutschen Offshore-Pläne. Neben den beiden Projekten in der Ostsee (genau genommen sind es drei: das Vorhaben Kriegers Flak II ist mittlerweile an den schwedischen Vattenfall-Konzern verkauft worden) haben die Bremer mit ihrem Partner innoVent GmbH auch in der Nordsee zwei Projekte in Vorbereitung. „Bei diesen beiden Vorhaben werden wir sicherlich von dem in der Ostsee gewonnenen Know-how profitieren“, sagt Offshore-Koordinator Achim Berge. Bei diesen fünf Projekten soll es für WPD nicht bleiben: „Wir sind sehr daran interessiert, mehr Vorhaben für unsere Offshore-Pipeline zu gewinnen“, so Berge – national wie international.

Während WPD, die mit Büros in London und Stockholm gezielt auf Investorensuche gehen und damit einen Teil der Finanzierung der Offshore-Projekte sichert, hoffen die meisten Offhore-Initiatoren auf eine höhere Vergütung über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Das derzeitige EEG sieht eine Vergütung von 9,1 Cent/kWh vor, allerdings nur bis Ende 2007. Danach sinkt die Vergütung für neue Projekte um jährlich zwei Prozent.

Michael Müller, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesumweltministerium, kennt diesen Automatismus. Auch dass Investoren in Großbritannien derzeit mit umrechnet 13 Cent pro kWh vom Meer rechnen können, weiß der SPD-Energieexperte. Bei der für 2008 anstehenden EEG-Novellierung stehe das Offshore-Thema mit ganz oben auf der Tagesordnung, so Müller: „Wir müssen bei der Vorbereitung des neuen EEG gegenüber Banken und Versicherungen schnell deutlich machen, wohin die Reise geht. Die im jetzigen EEG vorgesehene, zweiprozentige Degression darf nicht dazu führen, dass die Banken noch weiter in ihrer abwartenden Haltung zu Offshore verharren.“

Anderenfalls müsste nicht nur das dänische BTM-Büro seine Prognosezahlen ändern, dass Deutschland nach Großbritannien für das Jahr 2010 als zweitgrößten europäischen Offshore-Windmarkt sieht. Auch EWEA-Präsident Zervos müsste seine in Athen formulierte Offshore-Vorhersage wohl noch einmal überdenken.

 
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Donnerstag, 20.04.2006, 13:51 Uhr