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Enerige & Management > IT - Der Vorreiter von der Iller
Bild: itestroorig / Fotolia
IT:
Der Vorreiter von der Iller
Mit dem auf Basis von Forschungsvorhaben gegründeten Tochterunternehmen Egrid hat das Allgäuer Überlandwerk schon recht früh die Chancen der Digitalisierung erkannt.
 
Wildpoldsried ist so etwas wie das Ökoenergie-Mekka im Allgäu. In der schwäbischen Gemeinde am östlichen Stadtrand Kemptens wird seit Jahren gut fünfmal so viel Grünstrom erzeugt, wie die 2 500 Bürger und Gewerbebetriebe verbrauchen. Mehr als ein Dutzend Windturbinen, Solaranlagen auf vielen Haus- und Scheunendächern sowie mehrere Biogasanlagen haben Wildpoldsried über die Region hinaus als Ökoenergiedorf bekannt gemacht.

Den Weg von seinem Arbeitsplatz bei der AllgäuNetz GmbH, der Netztochter des Allgäuer Überlandwerks (AÜW), nach Wildpoldsried kennt Guido Zeller im Schlaf. Wenn es in seinem elektrischen Dienst-Smart so etwas wie eine Selbstfahrerfunktion gäbe, Zeller würde sie getrost einschalten und unbeschadet am Ziel ankommen.

Als Projektleiter hat er in den vergangenen drei Jahren das Forschungsprojekt "IREN2" mitbetreut, bei dem im Ortskern von Wildpoldsried ein inselnetzfähiges Microgrid entstanden ist. „Damit wollen wir zeigen, dass bei Störungen mit diesen Mircogrids − zumindest zeitlich begrenzt − elektrische Inseln geschaffen werden können, die als gekoppelte, topologische Kraftwerke Netzdienstleistungen an das überlagerte Stromnetz liefern können“, erklärt Zeller.

Der Netzfachmann und sein Team haben an das 2011 gestartete Vorläuferprojekt "IRENE" anknüpfen können, was für Integration regenerativer Energien und Elektromobilität steht.

Dabei haben die Allgäuer ein intelligentes Netz mit entsprechender Messtechnik und einem stationären Batteriespeicher aufgebaut, um zu testen, wie sich Verteilnetze bei zunehmender Ökostromeinspeisung sicher und effizient managen lassen − das AÜW hat damit den sich abzeichnenden Netzalltag von morgen vor Ort simuliert. Aus der Analyse der vielen Messdaten wissen die Ingenieure seit diesen Tagen, wie sie ein kleines Ortsnetz mit 20 bis 30 Messpunkten zuverlässig überwachen können, und auch, dass diese Kontrolle meist nur einige Monate im Jahr notwendig ist, nämlich dann, wenn die Last- beziehungsweise Erzeugungsspitzen am höchsten sind.

Erfahrungen aus Forschungsprojekten vermarkten

Mit all diesem Know-how und den Forschungsergebnissen im Rücken gab es an der Iller recht bald Überlegungen, diesen Erfahrungsschatz zu vermarkten. Entstanden ist daraus 2013 das Tochterunternehmen mit dem gewöhnungsbedürftigen Namen "egrid applications & consulting GmbH". „Uns war klar, dass wir nicht nur neue Ortsnetztrafos planen wollten“, sagt AÜW-Geschäftsführer Michael Lucke scherzend. Für ihn war der Schritt, Egrid zu gründen, folgerichtig: „Uns als Versorgungsunternehmen aus einer mittelgroßen Stadt mit gut 70 000 Einwohnern öffnen Verteilnetzbetreiber in ähnlicher Größenordnung viel schneller die Tore als großen Unternehmen oder externen Beratern mit wenig Praxisbezug.“
 
Michael Lucke
Bild: Allgäuer Überlandwerke GmbH

Bei den schnell gewonnenen ersten Aufträgen hat sich Egrid schwerpunktmäßig auf netztechnische Belange konzentriert – nach einem festen Muster: In einem ersten Schritt ist immer das Netz des ratsuchenden Betreibers analysiert worden. Am Computer sind mögliche Energiewendeszenarien durchgespielt und Empfehlungen für den weiteren Netzausbau entwickelt worden. Im nächsten Schritt stellten die Allgäuer auf Wunsch ihrem Kunden günstige Messtechnik bereit, um die tatsächliche Auslastung des Netzes zu messen und zu bewerten. Ihr Portfolio rundeten sie in einem dritten Schritt mit dem Angebot ab, passende Applikationen und Regelkomponenten für das neue Netz zu planen und auch die Betriebsführung zu übernehmen.

In der Anfangszeit hat sich Egrid vor allem auf Kunden aus Bayern in einem Radius von 200 Kilometern um Kempten konzentriert. „Wir haben uns entschlossen, bundesweit aktiv zu werden“, sagt Geschäftsführer Bernhard Rindt, der mittlerweile im Allgäu ein Team von 15 Mitarbeitern um sich hat. Bei der Expansion hilft ihm auch der Einstieg des Siemens-Konzerns, der im Mai 49 Prozent der Egrid-Anteile übernommen hat: „Das bringt uns weiteres technisches Know-how und kommt uns vor allem für unsere Vertriebsaktivitäten wie gerufen“, so Rindt.

So richtig überraschend war der Einstieg von Siemens bei dem gerade flügge gewordenen Start-up nicht: Der Konzern war und ist für das AÜW auch Technologiepartner bei den Projekten Irene und Iren2. „Die Ergebnisse beider Forschungsvorhaben haben unsere Erwartungen weit übertroffen“, begründete Michael Schneider, Leiter des Geschäftssegments Power Technology International in der Siemens Division Energy Management, die Beteiligung. Die unausgesprochene Hoffnung ist sicherlich, dass sich über Egrid entsprechende Siemens-Produkte besser vermarkten lassen.

Nach Startphase den Kundenfokus erweitert

Längst hat Egrid ihren Kundenfokus erweitert. „Neben den Netzbetreibern und Energieversorgern sind wir mittlerweile auch für Kommunen, Wohnungsbau- oder Industrieunternehmen tätig“, sagt Geschäftsführer Rindt. Das zeigt auch die immer umfangreicher werdende Projektübersicht: „Wir sind derzeit konkret dabei, über einige Vorhaben in Hessen und Bayern für fest umrissene Areale eine übergreifende Planung für den Einsatz von Strom, Wärme und Kälte zu erarbeiten, wobei auch zunehmend Lösungen für den Mobilitätsbereich angefragt werden“, so Rindt. Im Mittelpunkt solcher Projekte stehe eine „ganzheitliche Energieversorgung“, bei der die energetischen Erzeugungs-, Speicher- und Vernetzungspotenziale so weit wie möglich ausgenutzt werden sollen. „Wir sind da immer in Gesprächen mit Planern, Architekten und Bauherren“, beschreibt er die Vorgehensweise.

Die Arealnetzplanung aus dem Allgäu stößt zunehmend auf Interesse, sagt der Egrid-Geschäftsführer: „Die Zahl unserer Aufträge wächst.“ Was wichtig ist, denn das Allgäuer Überlandwerk mit seinem Chef Michael Lucke, 2014 von E&M zum Energiemanager des Jahres gekürt, erwartet schon einen Deckungsbeitrag. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagt Rindt.

Es spricht für das Selbstbewusstsein des Allgäuer Überlandwerkes, dass die Verantwortlichen dank ihrer mittlerweile reichlichen Netztechnik- und IT-Erfahrung Ende Oktober ein erstes Pilotprojekt mit der Blockchain-Technologie vorgestellt haben. Dabei soll eine Stromhandelsplattform aufgebaut werden, die im kommenden Jahr drei Solaranlagenbetreiber und drei private Haushaltskunden zusammenbringt.

Blockchain-Pilotprojekt startet Anfang 2018

Für dieses Vorhaben nutzt das AÜW einen vom New Yorker Start-up-Unternehmen LO3 Energy entwickelten Smart Meter, der Teil der Blockchain ist. LO3 hat das im vergangenen Jahr gestartete und mittlerweile weltweit in den Medien dargestellte Brooklyn-Microgrid-Projekt initiiert. „Wir sind schon ein bisschen stolz, dass LO3 mit uns zusammenarbeitet“, so Geschäftsführer Lucke.

Bei dem Blockchain-Test werden Stromerzeuger und Verbraucher dank einer auf den Smart Meter zugeschnittenen App in der Lage sein, auf der Plattform untereinander mithilfe digitaler Währung Strom zu handeln. Die Stromverbraucher sollen einen Strommix wählen können, der rein aus lokalen Ökokraftwerken erzeugt wird.

Für Lucke hat das Pilotvorhaben den „Charakter eines Schnellbootes“: „Uns helfen jetzt unsere bisherigen Forschungsprojekte in Wildpoldsried, weil die Verantwortlichen von LO3 dadurch auf uns aufmerksam geworden sind.“ Dem Schnellboot soll im kommenden Frühjahr die Fregatte folgen, nämlich ein dreijähriges Forschungsvorhaben: „Dann wollen wir versuchen, den Stromhandel via Blockchain auf unterschiedliche Akteure in unserem Netzgebiet auszuweiten“, so Lucke. „Wir sind gespannt, welchen Einfluss die Blockchain-Technologie auf unsere Verteilnetze haben wird.“

Für den Leiter des neuen Forschungsprojektes, Christian Ziegler vom AÜW, steht dann wieder eine Reihe von Dienstfahrten mit dem unternehmenseigenen E-Auto an – wobei es dann nicht nur nach Wildpoldsried geht.

 
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Montag, 11.12.2017, 09:40 Uhr