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Enerige & Management > Windkraft Offshore - Die Musik spielt woanders
Bild: E&M
WINDKRAFT OFFSHORE:
Die Musik spielt woanders
Jahrelang war Offshore-Windenergie ein rein europäisches Ding. Während sich das Geschäft in Europa auf einige wenige Länder konzentriert, nimmt es andernorts Fahrt auf.
 
2018 ist der Ausbau von Offshore-Windenergie in Europa gegenüber dem Vorjahr um 16 % eingebrochen. Gerade einmal 2 600 MW wurden in Europas Gewässern neu installiert − davon 1 312 MW in Großbritannien und 969 MW in Deutschland. Etwa 85 % der neuen Windkraftleistung wurde damit in nur zwei Ländern errichtet. „Einige Länder bleiben hinter den Erwartungen zurück und riskieren, ins Hintertreffen zu geraten“, kommentiert Wind-Europe-Geschäftsführer Giles Dickson die Zahlen seines Branchenverbandes.

Wer jetzt denkt, Deutschland kann er damit ja nicht meinen, der irrt gewaltig. Denn er zählt drei Sorgenkinder auf: Schweden, wo trotz eines großen Potenzials 2018 keine einzige Offshore-Windenergieanlage errichtet wurde. Frankreich, das immer noch vergeblich auf seinen ersten großen Offshore-Windpark wartet. Und Deutschland. „Deutschland hat nur ein bescheidenes Ausbauziel für 2030“, macht er deutlich, warum sich hierzulande niemand vom aktuellen Rang zwei hinter Großbritannien täuschen lassen sollte.

Und das, obwohl das Potenzial der Offshore-Windenergie riesig ist. Das Marktforschungsinstitut Wood Mackenzie prognostiziert, dass bis 2027 in Europa 47 000 MW installiert sein werden, 43 000 MW in Asien und weitere 10 000 MW in den USA. Der Börsenanalyst Bloomberg New Energy Finance erwartet bis 2030 eine weltweit installierte Leistung von 115 000 MW und die Internationale Energieagentur IEA sagt 400 000 MW bis 2045 voraus.

Dagegen wirkt die Leistung von gut 6 400 MW, die Ende 2018 in deutschen Gewässern installiert war, geradezu mickrig. Und das bescheidene Ziel der deutschen Bundesregierung, 15 000 MW bis 2030 erreichen zu wollen, gleichermaßen. In der Tat spielt die Musik der Offshore-Windenergie zunehmend in anderen Ländern.

Taiwan: Wer hoch fliegt, kann tief fallen

Zum Beispiel in Taiwan. Das Land ist gerade dabei, sich zu einem Hotspot der Offshore-Windbranche aufzuschwingen. Ein großzügiges Förderregime und sehr gute Windbedingungen haben schnell das Interesse internationaler Akteure geweckt: WPD hat 2018 vom taiwanesischen Wirtschaftsministerium Zuschläge über insgesamt 1 000 MW für die Umsetzung von zwei Offshore-Projekten erhalten. Oerstedt hat sich bereits die Rechte am Ausbau von 1 800 MW gesichert. Und der Turbinenlieferant MHI Vestas hat schon 1 500 MW als bevorzugter Lieferant in den Büchern stehen und Taiwan als sein Exportzentrum für den gesamten asiatischen Markt auserkoren.

Aufgrund der großen Resonanz hat Taiwan das ursprünglich ausgegebene Ausbauziel von 3 000 MW bis 2025 auf 5 000 MW hochgeschraubt. Bis 2030 sollen sogar bis zu 17 000 MW errichtet werden. Doch ein politischer Wechsel, verbunden mit einer überraschenden Reduktion der Einspeisetarife und einer Obergrenze für die jährlichen Volllaststunden, hat die internationalen Player auch schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und deutlich gemacht, worin eines der größten Risiken neuer Märkte liegt: in wankelmütiger Politik.

Japan: In der Ruhe liegt die Kraft

In Japan arbeitet die Politik vielleicht langsamer, dafür aber gründlicher an den Rahmenbedingungen, so zumindest lautet die Hoffnung der Offshore-Windbranche. Nach sieben Jahren hat das Land vergangenes Jahr endlich den Offshore Wind General Waters Act verabschiedet. Das Gesetz regelt die Nutzung des allgemeinen Meeresraums über 30 Jahre hinweg und soll für die Offshore-Windenergie die finale Initialzündung sein. Inwiefern das tatsächlich gelingt, bleibt abzuwarten. Der japanische Windverband jedenfalls hält eine Leistung von 10 000 MW bis 2030 für realistisch. Und Oersted hat im Januar bekannt gegeben, mit Tokyo Electric Power Company Holdings (TEPCO) den bis zu 1 000 MW großen Choshi-Windpark realisieren zu wollen.

China: Still und heimlich

Dass über kurz oder lang China einer der weltweit wichtigsten Offshore-Märkte sein wird, ist weitestgehend unbestritten. Schon jetzt liegt das Reich der Mitte im internationalen Vergleich auf Platz drei. Und obwohl China keine konkreten Ausbauziele formuliert hat, nimmt der chinesische Offshore-Windausbau kontinuierlich an Fahrt auf. 2018 hatten sich die Chinesen nach einer Auswertung des Global Wind Energy Councils mit einer neu installierten Leistung von 1 800 MW erstmals an die Spitze beim jährlichen Ausbau gesetzt.

Dass europäische Unternehmen an diesem Markt kaum partizipieren können, stimmt dabei nicht immer. „Wir beliefern die meisten großen chinesischen Windturbinenhersteller“, sagt etwa Duncan Berry, CEO des dänischen Rotorblattherstellers LM Wind Power. Dennoch ist selbst für Berry der Einfluss chinesischer Entwickler und Hersteller auf die Offshore-Windindustrie einer der wichtigsten Trends der Branche, da diese zunehmend mit den etablierten globalen Akteuren konkurrieren.

USA: Wenn, dann aber richtig

In den USA bleibt der Nordosten der Dreh- und Angelpunkt der Offshore-Windenergie, konkret die Staaten Rhode Island, New York, New Jersey und Massachusetts. „Wir sind in Bezug auf die USA ziemlich optimistisch“, sagt etwa Thyge Boserup, Senior Vice President bei Oersted. Er verweist auf die Ankündigung von Andrew Cuomo, Gouverneur des Bundesstaates New York, bis zum Jahr 2035 immerhin 9 000 MW an Offshore-Windleistung errichten zu wollen. „Damit haben sich die Staaten entlang der US-Ostküste für 2035 ein kumuliertes Ziel von 20 000 Megawatt gesetzt“, so Boserup.

Rund 2 000 MW davon sind planungstechnisch bereits so weit fortgeschritten, dass sie voraussichtlich 2023 den kommerziellen Betrieb aufnehmen werden. Dennoch bleiben in den USA die politische Unterstützung und die Genehmigungsverfahren die größten Hürden. Aber wenn die ersten Projekte endlich am Laufen sind, kann alles auch ganz schnell gehen, dann werden in Amerika auch gern mal Deals innerhalb weniger Stunden abgeschlossen.

Europa: Einige Länder als Vorreiter

Und in Europa? Schweden, Frankreich und Deutschland sind wie bereits erwähnt Sorgenkinder. Wesentlich besser sieht es in Großbritannien aus. Trotz oder gerade wegen des Brexits haben sich jüngst die Regierung und die Offshore-Windenergie auf einen Ausbau der Seewindkraft auf eine Leistung von 30 000 MW bis 2030 verständigt, schon heute verfügt das Vereinigte Königreich über eine Leistung von gut 8 000 MW auf See. Nach diesem Agreement soll die Offshore-Windenergie Ende der nächsten Dekade ein Drittel des landesweiten Strombedarfs decken.

Auf dem Sprung nach vorn sind auch die Niederlande. Neben der bis 2030 bereits vereinbarten Kapazität von 11 500 MW wird derzeit zwischen der Regierung in Den Haag, der Industrie, dem Netzbetreiber Tennet und der Offshore-Windbranche der Zubau von weiteren 6 000 MW besprochen. Auch Belgien wird wohl sein Ausbauziel anheben: Die Entwürfe für den Nationalen Energie- und Klimaplan sehen ein Ausbauziel von 4 000 MW bis 2030 vor. Gemessen am aktuellen Ausbaustand von 1 200 MW wäre das fast eine Vervierfachung der Offshore-Windleistung.

Zu den Hoffnungsträgern in Europa zählt auch Polen. Im November hat das Land angekündigt, bis 2040 eine Offshore-Windkapazität von 10 000 MW aufbauen zu wollen. Obwohl das osteuropäische Land vor Jahren mit einer rückwirkenden Änderung der Onshore-Windregeln das Vertrauen der Investoren enttäuscht hatte, ist es damit einer der Hoffnungsmärkte der europäischen Offshore-Windindustrie.

Während das polnische Versorgungsunternehmen PGE für geplante Projekte mit 2 500 MW noch einen Partner sucht, ist der Projektentwickler Polenergia bereits fündig geworden. Gemeinsam mit Norwegens Equinor will das Unternehmen drei Offshore-Windparks mit insgesamt 2 800 MW in der polnischen Ostsee errichten. Zumindest die Zulieferketten und die geografischen Bedingungen − beides in neuen Märkten oft große Herausforderungen − sollten durch die Nähe zu etablierten Märkten keine größeren Hürden darstellen.

In Dänemark haben sich die Regierung, die Firmenchefs der fünf wichtigsten Unternehmen der nationalen Windkraftbranche und der Verband der dänischen Windkraftindustrie Mitte Januar auf einen klaren Ausbau der Offshore-Windenergie verständig. Es gehe darum, heißt es in der Einigung, „die Zusammenarbeit zu stärken, damit Dänemark ein bevorzugtes Partnerland der globalen Windkraftindustrie bleiben kann“. Ein solches Papier ist in Deutschland derzeit undenkbar.

Und trotz dieser kleinen Lichtblicke am europäischen Horizont gilt, was Stefan Moidl, Geschäftsführer der IG Windkraft, treffend formuliert hat: „Beim Windkraftausbau auf dem Meer haben viele europäischen Staaten offenbar die Handbremse angezogen und verspielen gerade den erarbeiteten Vorsprung im internationalen Wettbewerb.“

 
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Mittwoch, 10.04.2019, 13:09 Uhr