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Enerige & Management > Biogas - Erneuerbar - aber ohne Perspektive
Bild: Fotolia.com, Jürgen Fälchle
BIOGAS:
Erneuerbar - aber ohne Perspektive
Bioerdgas könnte der Joker unter den erneuerbaren Energien sein – doch die Bedingungen für den Energieträger haben sich in den letzten Jahren deutlich verschlechtert.
 
Ein Brennstoff, aus dem CO2-neutral in Blockheizkraftwerken Strom und Wärme, in Brennwertkesseln Heizenergie oder in Automotoren Antriebskraft gewonnen werden kann, müsste eigentlich gefragt sein – gerade im Energiewende-Zeitalter. Noch vor gut zehn Jahren sah es danach aus, als ob mit Bioerdgas, auch Biomethan genannt, ein solches Elixier für den Klimaschutz gefunden sein könnte.

Im Jahr 2007 schrieb die damalige Bundesregierung in ihre Meseberger Beschlüsse das Ziel, bis 2030 etwa 10 % des in Deutschland verbrauchten Erdgases durch Biomethan zu ersetzen. Landwirte und Energieversorger – darunter große Akteure wie Eon, Verbundnetz Gas (VNG), Gasag, MVV Energie oder Verbio – machten sich auf und investierten bis heute gut 4 Mrd. Euro in Produktionsanlagen, in denen aus Energiepflanzen, Biomüll und Lebensmittelabfällen sowie Gülle und Stroh Biomethan produziert wird.

Im vergangenen Jahr waren es 9,8 Mrd. kWh. Das entsprach jedoch gerade einmal knapp 1 % des 2017 hierzulande verbrauchten Erdgases. Zehnmal mehr Biomethan könnte nach Brancheneinschätzung nachhaltig produziert und ins Erdgasnetz eingespeist werden.

Dass Ökogas wenig reüssiert, liegt unter anderem an Kontroversen vergangener Jahre über damit verbundene Monokulturen auf Äckern und eine drohende Verdrängung des Nahrungsmittelanbaus durch Energiepflanzen – Stichwort Tank oder Teller. All das hat Biomethan mächtig in Verruf gebracht.

Auch der in den letzten Jahren sehr niedrige Großhandelspreis für Erdgas und Debatten über ausufernde Kosten des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, das Strom aus Biomethan-BHKW bis vor ein paar Jahren eine lukrative Vergütung zusprach, gingen nicht spurlos an der Biomethanbranche vorüber.

Heute sind die Unternehmen in diesem Geschäft zu Bestandsverwaltern ohne Perspektive geworden. „Die Marktsituation für Biomethan ist schwierig“, stellt Janet Hochi, Geschäftsführerin des Biogasrates, des Verbandes der Biomethanproduzenten, fest.

„Aktuell erkennen wir kaum Wachstumspotenzial“, bestätigt Matthias Kerner, Geschäftsführer des Biomethanhändlers BMP Greengas in München. Eine Konsolidierung hat eingesetzt. Größere Akteure wie VNG und Gasag übernehmen Biogasanlagen von anderen Betreibern, zuletzt hatte die Landwärme GmbH die Biomethanhandelsaktivitäten vom Dienstleister Arcanum geschluckt.

Eingeschränkte Förderung macht Produktionsausbau unattraktiv

Die prekäre Situation hat vor allem damit zu tun, dass das EEG 2014 Fördermöglichkeiten für Strom aus Biomethan-BHKW stark einschränkte. Damit wurde der Hauptabsatzmarkt – mehr als 75 % der 2017 in Deutschland erzeugten 9,8 Mrd. kWh Biomethan gingen an BHKW-Betreiber – und der weitere Ausbau der Produktion vollends unattraktiv. „Im Jahr 2017 sind nur drei Biomethanproduktionsanlagen in Betrieb gegangen und auch für 2018 erwarten wir keine Veränderung“, zeigt sich Hochi ernüchtert.

Doch damit nicht genug. Auch die bestehende Biomethanproduktion gerät immer mehr unter Druck. Denn BHKW-Betreiber haben entweder schon auf das wesentlich preisgünstigere Erdgas umgestellt oder müssen in den nächsten Jahren, wenn Biomethan-BHKW aus der EEG-Förderung fallen, umsteigen, um wirtschaftlich zu bleiben.

Für die Produzenten bedeute das, dass die Preise sinken und der wirtschaftliche Druck steigt, erläutert Hochi. „Für uns heißt das, dass der Absatzmarkt im BHKW-Sektor schrumpfen wird, weil außer der einen oder anderen pfiffigen Contractinglösung wohl keine neuen BHKW mehr mit Bioerdgas betrieben werden“, beschreibt BMP-Chef Kerner die Händlerperspektive.

Einige Akteure wollen es dennoch weiter wissen. „Die vielseitige Einsetzbarkeit von Biomethan ist nach unserem Eindruck unbestritten“, sagt Markus Baumgärtner, Leiter des Bereichs Gas bei Energie Baden-Württemberg. Der Versorger, der stark auf Gas als Ergänzung der Erneuerbaren setzt, hatte im vergangenen Jahr über seine Tochter Erdgas Südwest die BMP Greengas übernommen.

Auch die zum EnBW-Konzern zählende VNG verfolgt über ihre Tochter Balance VNG Bioenergie „im Geschäftsfeld Biogas einen ambitionierten Wachstumspfad“, betont Vorstand Hans-Joachim Polk. Die Mannheimer MVV Energie steht ebenfalls weiter zum Biomethangeschäft und investiert im nächsten Jahr 20 Mio. Euro in eine Erzeugung aus Bioabfall in Sachsen-Anhalt. Die Berliner Gasag bewertet Biomethan weiter als wichtiges Instrument im Wärmemarkt, das vor allem bei großen Immobilien oder in Quartieren „eine interessante und bezahlbare Lösung für die CO2-Reduzierung“ ermögliche.

Im Wärmemarkt, der vor einer mächtigen Dekarbonisierungsaufgabe steht, sieht die Biomethanbranche schon seit Jahren ein gutes Aktionsfeld. Doch Bemühungen, dem Erdgas beigemischtes Ökogas als Heizenergie zu vermarkten, sind wenig erfolgreich. Das Interesse sei gering, berichten Versorger, was auch die in den vergangenen Jahren veröffentlichen E&M-Ökogasumfragen zeigten.

Bioerdgas spiele im Privatkundenbereich eine „untergeordnete Rolle“, heißt es bei MVV Energie. Die Zahl der Kunden, die Biomethanmischprodukte nutzen, stagniere, berichtet die Gasag. Deren Tochter EMB in Brandenburg hat ihr Biomethanmischprodukt sogar aus dem Angebot genommen.

Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. „Wir gewinnen seit Einführung unserer Biogastarife einige Tausend Biogaskunden pro Jahr hinzu“, weiß ein Sprecher des Ökoenergieanbieters Naturstrom. Insgesamt sei allerdings „wenig Dynamik im Markt“.

Fehlender Anreiz für Einsatz von Biomethan als Heizenergie

Solange keine Vorteile gegenüber Erdgas zu erkennen seien, komme kein Heizungsbetreiber auf die Idee, das deutlich teurere Biomethan einzusetzen, findet Biogasrat-Chefin Hochi eine einfache Erklärung für die fehlende Dynamik.
Viele Energieversorger stoßen sich seit Jahren daran, dass Biomethan beim Einsatz in Heizkesseln nicht als regenerative Energie im Sinne des Erneuerbare-Energien-Wärmegesetzes anerkannt ist. Nur in Baden-Württemberg gibt es dafür eine Sonderregelung.

Als weiteres Hemmnis gilt der aktuelle Primärenergiefaktor, mit dem im Rahmen der Energieeinsparverordnung die zum Heizen eingesetzte Energie bewertet wird. Biomethan ist derzeit mit dem gleichen Primärenergiefaktor von 1,1 wie Erdgas eingestuft, die Branche hält es für nötig, ihn auf 0,5 oder gar 0,35 zu reduzieren, um Anreize für Ökogas zu setzen.

„Neben einem eigenen Primärenergiefaktor und der vollen Anerkennung von Bioerdgas am Wärmemarkt wäre auch ein CO2-Preis über 25 Euro pro Tonne sehr hilfreich“, fasst BMP-Manager Kerner die Forderungen der Branche zusammen. „Bioerdgas muss endlich vollumfänglich als erneuerbare Energie im Rahmen der Energieeinsparverordnung und des Erneuerbare-Energien-Wärmegesetzes anerkannt werden“, verlangt auch der BDEW.

Auch für den Verkehrssektor, wo Biomethan „den größtmöglichen Beitrag zum Klima- und Umweltschutz leisten könnte“, wie Hochi vom Biogasrat meint, wären bessere Rahmenbedingungen nötig. Nur so könnte es gelingen, dass die Autoindustrie mehr Erdgasautos auf den Markt bringt, mehr Autofahrer diese kaufen und mehr Gastankstellen entstehen. Als Ersatz für Benzin oder Diesel könnte Ökogas nicht nur den CO2-Ausstoß, sondern auch Stickoxid- und Feinstaubemissionen deutlich verringern. „Wir setzen da auf die Anhebung der Beimischquoten für Biokraftstoffe“, zeigt sich Kerner kämpferisch.

Über eines sind sich die Akteure der Biomethanbranche indes im Klaren: Sie sind stark vom politischen Veränderungswillen abhängig. „In welchem Umfang Biomethan und sonstige grüne Gase in Zukunft genutzt werden, hängt allein davon ab, wann deren Potenzial zur Dekarbonisierung erkannt wird und wann die dafür dringend nötigen Weichenstellungen von Seiten der Politik erfolgen“, stellt EnBW-Manager Baumgärtner ganz nüchtern fest. Auch hier gilt das Prinzip Hoffnung – die Bundesregierung ist gefordert.

 
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Dienstag, 14.08.2018, 11:49 Uhr