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Enerige & Management > Interview - Heidkamp: "Energie und Telekommunikation zusammenführen"
Bild: Fotolia.com, iQoncept
INTERVIEW:
Heidkamp: "Energie und Telekommunikation zusammenführen"
Michael Heidkamp, Vorstand Markt bei der Oldenburger EWE AG, über notwendige Veränderungen und Ergänzungen im Energievertrieb.
 
E&M: Herr Heidkamp, die Energiewirtschaft redet im Moment fast nur über Digitalisierung - das Brot- und Buttergeschäft ist kaum noch ein Thema. Laufen Strom- und Gasvertrieb so gut, dass es keinen Diskussionsbedarf gibt?

Heidkamp: Nein, sie laufen nicht so gut – und genau deshalb diskutieren wir ja über Digitalisierung. Strom- und Gasvertrieb sind stark im Wandel. Viele neue Anbieter schieben sich über Online-Plattformen zwischen uns und unsere Kunden und wir verlieren den Kontakt. Deshalb müssen wir versuchen, dem durch Digitalisierung ein Stück weit entgegenzuwirken. Unser Ziel ist, komfortable Ergänzungen zu Strom und Gas zu schaffen und unsere Energielieferungen beispielweise um ein Smart-Home-Sicherheitspaket zu erweitern. Diese Dinge sind energienah und ich glaube, dass das funktionieren kann.

E&M: Woran muss am Strom- und Gasvertrieb selbst gearbeitet werden?

Heidkamp: Da müssen wir uns erst einmal darum kümmern, dass wir bessere, auf Kunden ausgerichtete Prozesse hinbekommen. Auch das ist eine Aufgabe der Digitalisierung. Vieles muss schneller gehen und wir müssen kundenfreundlicher agieren. Das kann den Bau eines Hausanschlusses genauso betreffen wie die Bearbeitung einer Kundenbeschwerde. Trotz Digitalisierung und Automatisierung brauchen wir aber weiter auch unsere Kundenkontaktpunkte, um eine persönliche Beratung für zunehmend komplexe Dienstleistungen zu ermöglichen.
 
Michael Heidkamp: „Der Gasvertrieb bleibt bei uns Kerngeschäft“
Bild: EWE

E&M: Was kommt mit der Digitalisierung konkret auf die Unternehmen zu?

Heidkamp: Wir haben unter anderem einen großen Kostenblock IT. Derzeit prüfen wir, wo beziehungsweise wie wir unsere IT-Architektur verändern müssen. Bislang können wir zum Beispiel eine so genannte digitale Bestellstrecke, also einen Internetauftrag, noch nicht vollständig digitalisiert bearbeiten. Da müssen wir noch besser werden.

E&M: EWE verkauft normalen Strom und Ökostrom. Gewinnt Ökostrom an Akzeptanz oder wollen die Leute weiter möglichst billige Energie?

Heidkamp: Sowohl als auch. Es gibt Kunden, die schauen sehr stark auf den Preis und es gibt Kunden, die auf Nachhaltigkeit Wert legen und regenerativen Strom beziehen wollen. Wir überlegen zudem, ein Produkt aufzulegen, für das nur regional erzeugter Strom genutzt wird. Außerdem müssen wir für den ohne Grenzkosten produzierten erneuerbaren Strom neue Preismodelle finden. Das könnten zukünftig Flatrates sein, die wir aus der Telekommunikation kennen.

E&M: Was schwebt Ihnen da vor?

Heidkamp: Meine Wunschvorstellung für EWE ist, die Märkte Energie und Telekommunikation, die wir beide bedienen, zusammenzuführen und nicht mehr nur Strom und Gas, sondern Lösungen zu verkaufen. Ein Kunde bekäme dann von uns Licht, Wärme, Telekommunikation und Ladestrom für sein Elektroauto − und das alles zu einem festen Preis. Wir wollen es unseren Kunden damit so einfach wie möglich machen. Um da hinzukommen, brauchen wir aber ein IT-System, mit dem solche Produkte im Unternehmen eingehängt und abgerechnet werden können. Daran arbeiten wir mit Hochdruck.

„Wir müssen kundenfreundlicher agieren“
 
E&M: Ist Erdgas noch ein attraktives und gut zu verkaufendes Produkt − die Klimaschutzdiskussion deklariert es ja verstärkt zum fossilen Übel?

Heidkamp: Da darf man nicht an den Realitäten vorbeidiskutieren. Es gibt eine Vielzahl von Kunden, in deren Kellern ein Brennwertkessel steht. Und die werden den auch nicht von heute auf morgen wegwerfen. Wir werden also weiter Gas verkaufen und ich glaube, dass wir noch länger Gaskunden haben werden. Denn die Liquidität des Gasmarktes nimmt zu, das Preisniveau ist relativ niedrig, also werden viele Kunden beim Gas bleiben. Die Diskussion über Energie ist immer auch eine Preisdiskussion. Der Gasvertrieb bleibt bei uns Kerngeschäft.

E&M: Wie lange lohnt es sich, bei rückläufigen Verbräuchen in ein Gasnetz zu investieren?

Heidkamp: Das ist eine Frage, die wir uns in der Tat auch stellen. In neuen Gebieten mit sehr effizienten Gebäuden muss man sich schon heute genau überlegen, ob man noch investiert. Wir investieren in Neubaugebieten nur noch sehr selektiv in Gasnetze. Auf der anderen Seite brauchen Kunden, die sich eine neue Gasheizung kaufen, die nächsten zwanzig Jahre Gas.

„Komfortable Ergänzungen zu Strom und Gas schaffen“

E&M: Welche Rolle können neue Produkte wie Smart Home oder Telekommunikation im Energievertrieb spielen?

Heidkamp: Ich glaube, dass wir in den nächsten zehn Jahren wesentliche Anteile im Vertrieb mit solchen Produkten verdienen werden, weil wir uns sonst auf einen Preiskampf im Strom- und Gasvertrieb einlassen müssten. Unser Smart-Home-Produkt Smart Living soll zum Beispiel ein Instrument sein, um das Kerngeschäft zu stützen und Kunden langfristig zu binden. Es ist nur eine Erweiterung des normalen Energiegeschäftes, kein Ersatz.

E&M: Solaranlagen mit Batteriespeicher zu verkaufen, wie es auch EWE tut, ist ein Einmalgeschäft. Kann das Ersatz für kontinuierliche Erlöse aus dem Energievertrieb sein?

Heidkamp: Man muss aufpassen, dass man nicht durch ein Einmalgeschäft sein anderes Geschäft kannibalisiert. Beim Verkauf von Solaranlagen mit Batteriespeicher bieten wir auch langfristige Contractingverträge an, um den Kunden zu binden.

E&M: Ist im Heizanlagencontracting eine Weiterentwicklung festzustellen? Wächst das Interesse an solchen Produkten?

Heidkamp: Unser Produkt in dem Marktsegment heißt Wärme plus. Wir haben bislang etwa 17 500 Kunden in diesem Bereich – mit steigender Tendenz. Gerade wenn es darum geht, alte Heizungen zu ersetzen, ist das ein attraktives Angebot. Für die interessierte Kundenklientel geht es dabei häufig um die Frage, kaufe ich mir irgendwo eine neue Heizung oder wende ich mich an einen Partner meines Vertrauens, der das für mich erledigt. Es gibt viele Kunden, die großen Wert darauf legen, dass sie sich nicht mehr selbst um die Heizungsanlage und um die Wartung kümmern müssen.
 
Zur Person
Der studierte Diplomkaufmann Michael Heidkamp (49) war vor seinem Wechsel zu EWE von 2013 bis 2015 Geschäftsführer der Westfalen Weser Energie GmbH in Paderborn und davor seit 2006 Vorstand des Vorgängerunternehmens Eon Westfalen Weser AG. Von 2001 bis 2005 führte er den regionalen Telekommunikationsanbieter Teleos. Weitere Stationen seines Berufslebens führten ihn zur Unternehmensberatung Wibera und zur Elektrizitätswerk Minden-Ravensberg GmbH in Herford. Seit November 2015 gehört er dem Vorstand der EWE AG in Oldenburg an.

 
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Dienstag, 05.07.2016, 14:11 Uhr