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REGENERATIVE:
Kraft-Wärme-Kopplung mit Stroh
Im niedersächsischen Emlichheim soll im Herbst mit dem Bau eines Heizkraftwerkes begonnen werden, das ausschließlich Stroh als Brennstoff einsetzt.
 

„Wir gehen davon aus, noch im Oktober mit den Arbeiten am Bauplatz beginnen zu können", sagt Wilhelm Pieper, Geschäftsführer der Bioenergiekraftwerk Emsland GmbH (BEKW). Die Betreibergesellschaft wurde bereits im Sommer 2006 von dem Kartoffelstärke-Produzenten Emsland Group - an deren Firmenstandort die Anlage errichtet wird - und der Planungsgesellschaft BE Bioenergie GmbH mit Sitz in Twist gegründet. Dass mit den Bauarbeiten nicht früher begonnen wurde, begründet ein Sprecher von BE Bioenergie damit, dass „die Genehmigung der finanziellen Zuschüsse und langwierige Verhandlungen mit den Banken das Vorhaben verzögerten".

Das insgesamt rund 56 Mio. Euro teure Pilotprojekt - derzeit wird Stroh in Deutschland nicht industriell als Brennstoff eingesetzt - wird mit Fördermitteln in Höhe von 6 Mio. Euro unterstützt. Davon kommen den Angaben zufolge 5 Mio. Euro aus dem Umweltinnovationsprogramm des Bundesumweltministeriums für das Kraftwerk selbst, bis zu 1 Mio. Euro aus dem KfW-Programm „Erneuerbare Energie Premium" für den Ausbau des Nahwärmenetzes in Emlichheim sowie weitere 257 000 Euro für ein begleitendes Messprogramm.

Geplant ist, die Anlage mit 49,8 MW Feuerungswärmeleistung und 9 MW elektrischer Leistung zum Jahresende 2011 in Betrieb zu nehmen. Die Emsland-Stärke GmbH - die im Stammwerk Emlichheim sowie sechs weiteren deutschen Standorten pro Jahr etwa 2 Mio. t Kartoffeln zu Kartoffelstärke, Flocken und Granulat verarbeitet - stellt ihre Energieversorgung dann zum Teil auf erneuerbare Energien um. Jährlich rund 119 Mio. kWh Prozessdampf soll das Biomasse-Heizkraftwerk über eine 800 m lange Trasse für den Produktionsprozess zur Verfügung stellen. Weitere 96 Mio. kWh Prozesswärme pro Jahr sollen zum Teil auch in ein etwa 8 km langes Nahwärmenetz der Gemeinde eingespeist werden. Als zusätzliche Wärmesenke sollte auch ein Bioethanol-Werk fungieren, doch die Emsland-Stärke hat ihre ursprünglichen Baupläne aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben. Für die Erzeugung von voraussichtlich etwa 56 Mio. kWh Strom pro Jahr erhält die BEKW im Rahmen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes neben der Grundvergütung die drei Boni für den Einsatz nachwachsender Rohstoffe, die Anwendung einer innovative Technologie und den Betrieb in Kraft-Wärme-Kopplung.

Rund 1,2 Mio. t Stroh pro Jahr könnten nach ifeu-Angaben in Deutschland als Brennstoff genutzt werden.
Bild: Claas

Das Heizkraftwerk in Emlichheim ist auf einen Durchsatz von jährlich etwa 75 000 t Stroh ausgelegt. Landwirte liefern den Brennstoff in Form von Rechteck-Ballen aus einem Umkreis von durchschnittlich 60 km. Nach Angaben von BE Bioenergie wurden bislang 103 Lieferverträge abgeschlossen, die rund 93 Prozent der benötigten Strohmenge abdecken. „Die dauerhafte Brennstoffversorgung ist auch dadurch gesichert, dass sich die liefernden Landwirte als Kommanditisten mit einem Anteil bis 49 Prozent an der Betreibergesellschaft beteiligen können", so ein Unternehmenssprecher.

Da Stroh aufgrund seiner chemisch-stofflichen Eigenschaften als „schwieriger" Brennstoff gilt, fallen die Kosten für eine Stroh-Feuerung höher aus, als für ein herkömmliches Holz-Heizkraftwerk. Problematisch bei der Verbrennung von getrockneten Halmen und Stängeln ist unter anderem die im Vergleich zu Holz niedrige Asche-Erweichungstemperatur. Der wassergekühlte Vibrationsrost des dänischen Herstellers Burmeister & Wain Energi A/S ist so konstruiert, dass Verschlackungen und Korrosionen im Bereich der Feuerung vermieden werden. Zur Reinigung der Rauchgase werden ein Gewebefilter sowie ein Trockensorptions-Verfahren eingesetzt. Die Emissionen der Anlage sind entsprechend der 4. Bundesimmissionsschutz-Verordnung (BImSchV) begrenzt.

Im größeren Stil wurde Stroh in Deutschland bislang nur im thüringischen Schkölen verfeuert. Das Heizwerk mit 3,15 MW Wärmeleistung ging 1993 in Betrieb, wurde aber 2006 auf Holz umgestellt. In Dänemark, Spanien und Großbritannien wird Stroh bereits seit Jahren auch im industriellen Maßstab als Brennstoff eingesetzt. Die dortigen Anlagenkonzepte konnten allerdings nicht ohne weiteres auf die Anlage in Emlichheim übertragen werden. Unter anderem musste die Technik auf die in Deutschland wesentlich niedrigeren Emissionsgrenzwerte sowie auf das hierzulande übliche Strohballen-Format angepasst werden, heißt es bei BE Bioenergie. „Die Anlage soll nicht unsere einzige bleiben. Aus unserer Sicht eigenen sich auch zwei weitere Produktionsstandorte der Emsland-Stärke, unser technisches und logistisches Konzept umzusetzen", so BEKW-Chef Pieper. Dabei handelt es sich um weitere 50 MW-Anlagen im niedersächsischen Cloppenburg und im brandenburgischen Kyritz. Zwar wäre auch an diesen beiden Standorten genügend Stroh verfügbar, eine abschließende Entscheidung über die beiden Projekte steht aber noch aus.

Nach Angaben des Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu) fallen in Deutschland bei einer Ernte von durchschnittlich 42 Mio. t Getreide (ohne Mais) etwa 37 Mio. t Stroh an. Das Forschungsinstitut schlägt unter Berücksichtigung einer Vielzahl von Studien vor, rund ein Drittel des anfallenden Getreidestrohs als energetisches Nutzpotenzial anzusetzen. Daraus ergibt sich eine jährliche Strohmenge von etwa 12 Mio. t für die Verbrennung in Heizkraftwerken. Damit könnten in Deutschland theoretisch 160 Anlagen vom Typ Emlichheim betrieben werden.


 
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Dienstag, 12.10.2010, 11:50 Uhr