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Enerige & Management > Interview - Kuhlmann: "Den freien Geist der Dena erhalten"
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INTERVIEW:
Kuhlmann: "Den freien Geist der Dena erhalten"
Andreas Kuhlmann, Chef der Deutschen Energie-Agentur, über die Diskrepanz zwischen den Zielen der Energiewende und dem, was dafür getan wird.
 
E&M: Herr Kuhlmann, Ende Oktober läuft die Konsultationsphase zum Grünbuch Energieeffizienz aus. Was muss nun unbedingt im folgenden Weißbuch stehen?

Kuhlmann: Dass Energieeffizienz die erste Priorität ist. Das BMWi ist beim Thema Energieeffizienz in dieser Legislaturperiode sehr aktiv geworden. Effizienz ist nicht mehr die langweilige Schwester der erneuerbaren Energien, sondern der Kern zukünftiger Aktivitäten. Dafür steht der Leitgedanke Efficiency First. Was das Weißbuch angeht, müsste man nun alle betroffenen Sektoren durcharbeiten. Generell gilt: Wir müssen es schaffen, aus der Summe der vielen kleinen Teile ein rundes Ganzes zu machen.

Einsparen von Energie spielt eine enorm wichtige Rolle. Ich benutze diesen Allgemeinplatz nur deshalb, weil ich von verschiedenen Leuten immer noch höre, dass es doch egal sei, wie viel Energie verbraucht wird, Hauptsache, sie stammt aus erneuerbaren Quellen. Wer so denkt, der fährt die Energiewende vor die Wand.

E&M: Einige wichtige Gesetzesvorhaben wie das EEG und das KWK-G wurden verabschiedet, was sollte in der bis September 2017 laufenden Legislaturperiode noch unbedingt passieren?
 
Andreas Kuhlmann: "Die Energiewende dauert vielleicht ein paar Jahre länger"
Bild: E&M

Kuhlmann: Es stehen noch einige Verordnungen zu den Gesetzen an, und wahrscheinlich wird es ein Omnibus-Gesetz geben, in das alle noch offenen Punkte integriert werden. Das sind wichtige Verfahren. Für die öffentliche Debatte ist aber nun vor allem der Klimaschutzplan wichtig. Nach der Verabschiedung im Kabinett muss der Konsultationsprozess mit den Stakeholdern hierzu erst noch richtig beginnen.

„Wir müssen auch mal kritische Thesen in den Raum stellen“

E&M: Also nicht, wir schaffen das, sondern wir machen das, und zwar so …
Kuhlmann: Genau.

Die aktuelle Bundesregierung hat ungewöhnlich viele Projekte auf den Weg gebracht. Und dennoch wird die Diskrepanz zwischen dem, was wir tun, und dem, was wir an Zielvorgaben festgelegt haben, nicht wirklich kleiner. Eher größer. Wir befinden uns in einer Situation, in der uns eine grundlegende Debatte über die erforderlichen Schritte und die ‚Zukunft der Energiewende‘ sicher gut tun würde. Viele der jetzt verabschiedeten Gesetze wurden schon in der vorherigen Legislaturperiode inhaltlich diskutiert, man war für diese Legislaturperiode also gut vorbereitet. Aber haben Sie eine Ahnung davon, was in einem Koalitionsvertrag 2017 stehen könnte?

E&M: Nicht wirklich.

Kuhlmann: Und das geht vielen so. Ich sehe es jetzt als unsere Aufgabe bei der Dena an, offene Fragen herauszuarbeiten und Lösungsansätze zu identifizieren. Wir müssen auch mal kritische Thesen in den Raum stellen, so wie wir das übrigens bei unserem Kongress ‚Die Zukunft der Energiewende‘ im November auch vorhaben (der Dena-Kongress findet am 22. und 23. November 2016 in Berlin statt, Informationen unter www.dena-kongress.de   ; d. Red.). Ich wünsche mir sehr, dass bei dem von uns angestoßenen Diskurs viele mitmachen, denn das ist mehr denn je erforderlich.

E&M: Wirtschafts- und Energieminister Sigmar Gabriel stellt sich die Dena als Think Tank vor …

Kuhlmann: Diese Aussage ist für uns schon wichtig, denn es gibt ja auch Meinungen, dass es die für Energiefragen zuständigen Behörden schon richten werden. Wir wollen bei der Dena kritisch-konstruktiv die richtigen Fragen stellen, mit den Stakeholdern diskutieren und an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Politik entsprechende Lösungsansätze erarbeiten.

E&M: Und damit so eine Art Wettbewerber der Agora Energiewende sein?

Kuhlmann: Zwischen der Agora und uns gibt es einen großen Unterschied: Wir verstehen uns quasi als ‚Agentur für angewandte Energiewende‘. Wir tragen zu der übergeordneten Debatte bei vor dem Hintergrund unserer praktischen Erfahrungen aus einer Vielzahl von Projekten mit den unterschiedlichsten Partnern aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft aus allen Sektoren der Energiewirtschaft.
Patrick Graichen (Chef der Agora; d. Red.) und sein Team machen eine tolle Arbeit, allerdings aus einer anderen Perspektive. Die Agora denkt Energiewende vielleicht eher ‚vom Ende her‘, während wir aus dem ‚Jetzt‘, aus unseren Projekten heraus, Perspektiven entwickeln. Beides ist wichtig, und wir könnten durchaus noch mehr Think Tanks gebrauchen.

E&M: Wie andere auch, warnen Sie davor, dass die klassische Energiewirtschaft in ihrer bisherigen Form nicht überleben wird, weil ihr das Geschäft von neuen Playern genommen wird. An wen denken Sie da?

Kuhlmann: Da könnte ich beliebig Namen nennen, aber es geht ja um das Grundsätzliche: Die Energiewende wird nicht mehr allein von den bisherigen Akteuren gestaltet, sondern an den Schnittstellen der verschiedenen Wertschöpfungsstufen und der verschiedenen Sektor-Gruppierungen gibt es eine Vielzahl neuer Unternehmen mit ganz neuen Ideen. Die werden sich einen Teil des Kuchens Energiewende holen: Für einzelne Unternehmen der alten Energiewelt führt das zu Problemen, der Sache aber dient es.

„Wir könnten durchaus noch mehr Think Tanks gebrauchen“

E&M: Die Dena hat vor einem Jahr die Plattform ‚Digitale Energiewelt‘ gestartet. Es handelt sich noch immer um einen Hype-Begriff, unter dem sich ganz unterschiedliche Vorstellungen versammeln: Digitalisierung als Geschäftsmodell oder Geschäftsmodelle digitalisieren, oder was …

Kuhlmann: Als feinsinniger Journalist werden Sie hoffentlich bemerkt haben, dass wir nicht Digitalisierung von etwas sagen, sondern wir beschreiben einen Zustand der digitalen Energiewelt.

E&M: Hmm …

Kuhlmann: Das ist schon eine wichtige Unterscheidung. Viele reden, wenn sie von Digitalisierung sprechen, vor allem darüber, wie man das Kundenmanagement moderner machen, Prozesse optimieren oder Geschäftsmodelle verfeinern kann. Wir wollen uns aber auch anschauen, wie eine solche digitale Energiewelt aussehen kann, welche Potenziale sie für das Gelingen der Energiewende haben kann. Ein Beispiel: Digitalisierung schafft Transparenz, und die schafft mehr Effizienz bei allen Beteiligten. Das hat enorme Potenziale. Diese Komponente wird noch viel zu wenig diskutiert, wir wollen uns das etwas genauer anschauen.

Wir wollen mit den unterschiedlichen Sektoren auch überlegen, welche grundlegenden Veränderungen auf uns zukommen könnten, die wir zur Zeit noch gar nicht sehen. Was passiert zum Beispiel durch disruptive Entwicklungen wie Blockchain? Auch ein ‚Hype-Wort‘, aber es geht uns auch um das ‚Grüne-Wiese-Denken‘, das noch zu sehr vernachlässigt wird. Viele glauben, Digitalisierung ist gleichzusetzen mit IT, die wir schon vor 50 Jahren hatten. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn die IT hat sich exponentiell entwickelt und setzt disruptive Kräfte frei. Digitalisierung schafft eine neue Dimension, über die es sich lohnt, intensiver nachzudenken.

„Das ‚Grüne-Wiese-Denken‘ wird noch zu sehr vernachlässigt“

E&M: Die Laufzeit der Agora wurde kürzlich von ihren Stiftern verlängert, wohl weil es bei der Energiewende noch viel zu klären gibt: Wie lange braucht man die Dena noch?

Kuhlmann: Nun, was glauben Sie, wann wir mit der Energiewende fertig sind?

E&M: Ich bin mal optimistisch, dass es bis zum Jahr 2050 klappt.

Kuhlmann: Ich glaube, dass es vielleicht noch ein paar Jahre länger dauern kann. Aber die Dena wird auch danach noch gebraucht. Dieses gigantische Multi-Milliarden-Projekt Energiewende, auf das die ganze Welt schaut, braucht Organisationen und Institute, die frei denken, die Politik auch mal kritisieren dürfen, auch wenn sie einen engen Bezug zu ihr haben. Wir können froh sein, dass es so etwas wie die Dena gibt.

E&M: Unter Ihrem Vorgänger stand die Dena durchaus unter Kritik auch aus der Politik: Müssen Sie bestimmte mögliche Regierungskoalitionen nach der Bundestagswahl 2017 befürchten?

Kuhlmann: Auch unter meinem Vorgänger hat die Dena gute und freie Konzepte entwickelt. Wer immer zukünftig die Regierung stellt, ist gut beraten, den freien Geist der Dena zu erhalten.

E&M: Der freie Geist soll aber auch Geld verdienen, und das hat im vergangenen Jahr wohl nicht so gut ausgesehen …

Kuhlmann: Im Geschäftsjahr 2015 durchlief die Dena einen Prozess der strategischen Weiterentwicklung, der viele Kräfte gebunden hat. Mit insgesamt 180 Mitarbeitern haben wir einen Umsatz von 17,4 Millionen Euro erreicht und tatsächlich erstmals einen Verlust verbuchen müssen, und zwar in Höhe von rund einer Million Euro. Für das Geschäftsjahr 2016 zeichnet sich aber wieder ein Gewinn ab. Das war anstrengend, aber es hat sich gelohnt.
 

Gewinn- und leistungsorientiert: Andreas Kuhlmann (49) ist seit Juli 2015 Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur GmbH (Dena). Der studierte Physiker hatte diverse Positionen im Europaparlament, dem Deutschen Bundestag und im Bundesarbeitsministerium. Vor seinem Eintritt in die Dena leitete er den Geschäftsbereich Strategie und Politik beim BDEW.

Die Gesellschafter der Dena sind die Bundesrepublik Deutschland (50 %), vertreten durch das Bundeswirtschaftsministerium im Einvernehmen mit dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit sowie dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur. Die weiteren Anteilseigner sind: die bundeseigene KfW-Bankengruppe (26 %), die Allianz SE, die Deutsche Bank AG und die DZ Bank AG (jeweils 8 %). Die Dena arbeitet gewinn- und leistungsorientiert, etwa 60 % ihres Umsatzes erzielt sie aktuell mit Aufträgen aus der Wirtschaft.

 
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Dienstag, 11.10.2016, 10:46 Uhr