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REGENERATIVE:
Neuer Realismus
Neben dem Austausch alter gegen neue Mühlen, dem so genannten Repowering, hakt es in der deutschen Windbranche auch bei der Nutzung der Offshore-Windkraft. Die ambitionierten Projekte kommen langsamer voran als noch vor Jahren gedacht.
 
Null. Der Ausbau der Offshore-Windkraft vor den deutschen Küsten fällt in diesem Jahr komplett aus. Der für den 30. November angekündigte Aufbau einer weiteren küstennahen Windturbine im Hafen von Rostock-Warnemünde verschiebt sich, so die Projektverantwortlichen der Wind-projekt GmbH aus dem mecklenburgischen Börgerende, auf das nächste Jahr. Wichtige Komponenten für die Turbine waren nicht rechtzeitig fertig geworden.
In der Bilanz des Windkraft-Weltmeisters Deutschland steht damit weiter eine einzige so genannte Nearshore-Anlage auf der Habenseite. Die 4,5 MW-Maschine ging im Herbst 2004 wenige Meter vom Ems-Ufer entfernt auf Höhe des Emder Hafens in Betrieb.

Die Verzögerung passt ins Bild: Hermann Albers, Vizepräsident des Bundesverbandes WindEnergie (BWE), musste sich Ende Oktober auf der „Copenhagen Offshore Wind“, der europaweit größten Offshore-Konferenz in diesem Jahr, eine wenig schmeichelhafte Begrüßung gefallen lassen: „Und nun kommt ein Vertreter vom kranken Offshore-Mann in Europa“ - eine Anspielung auf die einstige Bezeichnung der Türkei vom „kranken Mann am Bosporus“.

Dass in Deutschland gut drei Dutzend Offshore-Projekte in Nord- und Ostsee mit einer Gesamtleistung von rund 70 000 MW beantragt sind, ist in Europas Windszene wohl bekannt. Dass das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) bereits bei zehn Vorhaben grünes Licht gab, hat gewisse Erwartungen erweckt – zumal die erste Genehmigung bereits aus dem Dezember 2001 stammt. Kurz vor Weihnachten dürfte es nach powernews.org-Informationen die nächste Genehmigung für das Projekt „Nördlicher Grund“ geben. Tatsache bleibt aber: auf See ist seitdem nichts passiert.

Dennoch kann von „Kranksein“ nicht die Rede sein. Der Blick über die deutschen Grenzen zeigt, dass auch in den anderen europäischen Ländern nur wenige Offshore-Windparks in den vergangenen Jahren ans Netz gegangen sind. Inklusive der ersten kleineren Pilotprojekte summierte sich die Gesamtkapazität bis Ende 2004 auf gut 600 MW. Die große Offshore-Euphorie, das zeigte auch die Konferenz in Kopenhagen, ist verflogen. Die Bedingungen auf See, die Kosten für Logistik, Betrieb, Wartung und Versicherung sowie für die Entwicklung neuer größerer Propeller sind europaweit von Planern, Betreibern und Investoren unterschätzt worden.

Richtig ist aber, dass Länder wie Dänemark oder Großbritannien erste Erfahrungen mit Offshore-Projekten gesammelt haben - was den dortigen Firmen Wettbewerbsvorteile verschafft. Deshalb warnt Thorsten Herdan von der VDMA-Fachgruppe Power Systems, „dass sich bei der Offshore-Windenergie in Deutschland nicht der Transrapid-Effekt wiederholen darf“. Die Magnetschwebebahn, hier zu Lande entwickelt und jahrelang getestet, läuft mittlerweile in Shanghai – weil sich in Deutschland Politik, Wirtschaft und Behörden nicht auf die Rahmenbedingungen verständigen konnten. Herdan sieht die heimische Windindustrie für das Offshore-Geschäft gut gerüstet. Die derzeit weltweit drei größten Windturbinen mit Leistungen von 5 bis 6 MW sind in Deutschland entwickelt worden, erste Pilotanlagen der Hersteller Enercon, REpower Systems sowie Multibrid Entwicklungsgesellschaft laufen bereits.

Als einziger von den drei Windschmieden der Riesen-Propeller wird REpower im kommenden Jahr sein Flaggschiff zu Wasser lassen - allerdings nicht vor der deutschen Küste. Erste Offshore-Erfahrungen wollen die Hanseaten vor der Ostküste Schottlands gewinnen, wo der kanadische Ölkonzern Talisman Energy zwei 5M-Anlagen 25 km vor der Küste in 44 m Wassertiefe in dem von der EU geförderten Demonstrationsvorhaben testen will. Dass „seine“ 5M nicht zuerst in der deutschen Nord- und Ostsee erprobt werden kann, erzürnt Vorstandschef Fritz Vahrenholt den früheren Hamburger Umweltsenator nach wie vor: „Das zeigt, wie wenig zielgerichtet die Politik in Sachen Offshore-Windnutzung agiert.“

Was genauso richtig wie falsch ist. Auf die See hinaus wollen alle energie-versierten Politiker in Berlin, parteiübergreifend. Nur die besonderen Herausforderungen sind auch in den Fraktionen unterschätzt worden. Bestes Indiz: Das erstmals im Jahr 2000 beschlossene Erneubare-Energien-Gesetz sah zwar eine erhöhte Vergütung für Offshore-Strom vor, aber nur für die Parks, die bis Ende 2006 ans Netz gehen sollten. Wie unrealistisch diese Vorgabe gewesen ist, zeigten die Folgejahre. Bei der EEG-Novelle im vergangenen Jahr ist die Frist auf 2010 verlängert worden.

„Die Situation in Deutschland ist eine ganz spezielle“, verweist Knud Rehfeld von der Deutschen WindGuard GmbH auf mehrere Besonderheiten. In der Nordsee lässt der Nationalpark Wattenmeer nur Anlagen in mindestens 30 km Entfernung von der Küste und mehr als 30 m Wassertiefe zu. Das treibt die Infrastrukturkosten hoch, weshalb auf See nur der Einsatz von ganz großen Maschinen wirtschaftlich Sinn macht. „Diese Anlagen gab es in den vergangenen Jahren einfach nicht“, so Rehfeldt. Mittlerweile laufen die ersten Pilotmaschinen: Bis Jahresende wird Enercon acht Anlagen vom Typ E-112 in Betrieb haben, die neueren sind auf 6 MW Generator-Leistung ausgelegt. REpower und Multibrid testen jeweils ihre erste 5 MW-Anlage.

Bis diese Propeller wirklich hochsee-tauglich sind und in ausreichenden Stückzahlen produziert werden können, dürfte es noch einige Jahre dauern. Deshalb hat jüngst auch der Bremer Umweltsenator Jens Eckhoff in einem Interview gegenüber E&M zu einem neuen Realismus aufgerufen: „Wenn wir bis zum Jahr 2010 an die 1 000 MW Offshore gebaut haben, wäre das ein wirklich großer Erfolg.“ In ihrem Strategiepapier zur Offshore-Windkraftnutzung aus dem Jahr 2002 war die Bundesregierung bis Ende der Dekade von einer Leistung zwischen 2 000 und 3 000 MW ausgegangen.

Als neuer Präsident der Stiftung Offshore-Windenergie, an der neben verschiedenen Verbänden, Banken, Propeller-Herstellern auch drei Energieversorger beteiligt sind, erhofft sich Eckhoff für die weitere Offshore-Nutzung wichtige Impulse von dem geplanten Testfeld vor Borkum. Bei dem Standort handelt es sich um das im Dezember 2001 genehmigte Projekt der Prokon Nord Energiesysteme GmbH, deren Projektrechte die Stiftung für gut 5 Mio. Euro erworben hat. „Wir wollen vor allem den bislang zögernden Banken und Versicherungen zeigen, dass Offshore auch vor unseren Küsten machbar ist“, so Eckhoff.

Wann sich allerdings die 12 Maschinen vor Borkum drehen werden, darauf will sich der CDU-Politiker nicht festlegen. 2007 wäre schön, 2008 sollte es schon sein. Noch haben Eckhoff und seine Mitstreiter gewaltige Probleme zu lösen: Bei der Stromtrasse für das Borkum-Projekt stellt sich noch das Umweltministerium Niedersachsens quer. Genauso ungeklärt ist die Frage, wer das Dutzend Offshore-Propeller künftig betreiben soll. Die drei Hersteller haben schon abgewunken, ihre jeweils vier Anlagen auf eigene Kosten ins Meer zu stellen und selbst zu managen.

Es könnte gut sein, dass sich nicht in der Nord-, sondern in der Ostsee die ersten deutschen Offshore-Mühlen drehen. „Für unsere Projekte Baltic I und Kriegers Flak I streben wir jedenfalls eine Inbetriebnahme im Jahr 2007 an“, bestätigte WPD-Vorstand Gernot Blanke. Zusammen mit ihrem Partner Wind-projekt GmbH arbeiten die Hanseaten von der Weser derzeit „mit Hochdruck an einer Finanzierung“ beider Parks.

Im Jahr 2007 könnte sich Frank Richert den Start eines kleinen Testfeldes mit fünf Maschinen der 5 MW-Klasse südlich vom Standort des Projektes Sky 2000 in der Mecklenburger Bucht „sehr gut“ vorstellen: „Spätestens Mitte nächsten Jahres haben wir die Baugenehmigung“, prognostiziert der Offshore-Leiter der Gesellschaft für Energie und Oekologie GmbH (GEO). Da die sonstigen behördlichen Plazets für Sky 2000 bereits in den Vorjahren erteilt worden sind und auch der Netzanschluss im Umspannwerk im ostholsteinischen Göhl geklärt ist, fehlt nach Worten Richerts „nur“ noch ein Investor. Für den GEO-Mann ein lösbares Problem: „Das Projekt ist für sich gesehen wirtschaftlich. Für die Hersteller gibt es sicherlich keine schnellere Möglichkeit, ihre Maschinen im Wasser zu testen.“

Dass es derzeit beim Offshore-Ausbau in deutschen Gewässern an Tempo fehlt, ist für BWE-Vizepräsident Hermann Albers ein „Ausdruck der wirtschaftlichen Vernunft“. Seien Planer und potentielle Betreiber vor Jahren noch von geschätzten Investitionskosten von 1 400 Euro/kW installierter Leistung auf See ausgegangen, so lägen die realen Kosten heute bei gut 2 000 Euro/kW. Auch der Mehrertrag in Nord- und Ostsee könne die gestiegenen Kosten nicht kompensieren. „Politik, Hersteller und Planer sollten anerkennen, dass wir derzeit an Land am billigsten Windstrom produzieren können. Mit Kosten von 1 000 Euro pro kW wird die Landnutzung über Jahre hinaus wettbewerbsfähiger sein als die Offshore-Nutzung.“´

Ob daran die neue Bundesregierung etwas ändern wird bleibt abzuwarten. Im Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD findet sich jedenfalls folgende Formulierung: „Wir wollen uns auf die Erneuerung alter Windanlagen (Repowering) und die Offshore-Windstromerzeugung konzentrieren und dafür die Rahmenbedingungen (zum Beispiel Ausbau der Stromnetze) verbessern.“ Einen Zeitplan, wie die Offshore-Nutzung hier zu Lande ausgebaut werden soll, sucht man allerdings vergebens.

 
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Montag, 21.11.2005, 12:19 Uhr