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Neustart für den Blauen Turm?
Die Concord Blue Engineering GmbH hat den Anteil von knapp 76 Prozent an der Blue Tower GmbH in Herten von der insolventen Solar Millennium AG erworben - und will nun weltweit Blaue Türme errichten.
 

Der so genannte Blaue Turm − der Markenname ergibt sich aus der bläulich schimmernden Außenhülle um das 42 m hohe Stahlgerüst − steht für die Idee, Strom und Wasserstoff aus biogenen Reststoffen sowie aus Müll mit Hilfe der gestuften Reformierung zu gewinnen. Als Besonderheit dieser Technik im Vergleich zu anderen Verschwelungs-Verfahren gilt, dass die chemisch-thermische Zersetzung der Eingangsstoffe (Pyrolyse) und die anschließende Veredelung des dabei entstehenden Produktgases (Reformierung) räumlich voneinander getrennt stattfinden.

„Mit der Mehrheitsübernahme erwerben wir zusätzliches Know-how und können unsere Technik weiter verbessern," sagt Christopher Thannhaeuser, „denn wir wollen das Anlagenprinzip weltweit vermarkten". Der Gründer und Geschäftsführer der deutsch-indischen Concord Blue Engineering GmbH mit Sitz in Düsseldorf hat nach eigenen Angaben in langjähriger Zusammenarbeit mit Heinz-Jürgen Mühlen „ein eigenes Verfahren entwickelt, das im Prinzip wie der Blaue Turm in Herten funktioniert". Mühlen ist nicht nur Erfinder und Patentinhaber der Blue-Tower-Technologie, sondern auch Geschäftsführer der Blue Tower GmbH und hält die restlichen 24 Prozent an dem Unternehmen.

Die Pilotanlage in Herten bei Recklinghausen mit 1 MW Feuerungswärmeleistung ist darauf ausgelegt, Straßenbegleitgrün mit einer Pyrolyse bei Temperaturen von etwa 600 Grad Celsius zu zersetzen. Ziel ist, rund 80 Prozent der Biomasse in ein Gas umzuwandeln. Als Abfallprodukt fällt dabei Koks an. Das gewonnene Rohgas soll in einem zweiten Schritt bei etwa 950 Grad Celsius unter Zugabe von Wasserdampf zu einem wasserstoffreichen und teerarmen Synthesegas veredelt werden, das in Gasmotoren eingesetzt oder zur Wasserstoff-Erzeugung genutzt werden kann. Die Reaktionswärme für die Pyrolyse und die Reformierung soll im wesentlichen durch die Koks-Verbrennung gewonnen werden. Als Wärmeträger sind tausende Keramikkügelchen vorgesehen, die in einem geschlossenen Kreislauf durch die Prozessschritte wandern sollen.

In Deutschland läuft derzeit keine Anlage mit der Technik

Die Versuchsanlage - die inzwischen zurückgebaut wurde - ist allerdings nur einen Bruchteil der geplanten Betriebsstunden gelaufen, die Reinigung des dort erzeugten Synthesegases wurde offenbar nie erprobt. In der Vergangenheit hatten sich Hoffnungen - Energie aus Abfällen ohne deren Verbrennung zu gewinnen - wegen technischer Schwierigkeiten mit der Pyrolyse von inhomogenen Einsatzstoffen stets in Luft aufgelöst. Sowohl das Anlagenprinzip von Thermoselect als auch das Schwel-Brenn-Verfahren von Siemens scheiterten kostspielig.

Obwohl in Deutschland derzeit keine Anlage mit der Technik läuft, blickt Thannhaeuser optimistisch in die Zukunft: „Wir haben die Höhe des Turmes reduziert, die Koks-Verbrennung vereinfacht und den Wärmekreislauf optimiert.". Nach jahrelangem erfolgreichen Betrieb einer kleinen Versuchsanlage in Indien seien dort inzwischen eine 3-MW-Anlage für Industrieabfälle sowie eine 10-MW-Anlage für Hausmüll in Betrieb. Ein weiteres Turm-Kraftwerk in Indien mit 30 MW thermischer Leistung sei unmittelbar vor der Inbetriebnahme. „Wir haben in Indien, Brasilien, Afrika und den USA Projekte mit einer elektrischen Gesamtleistung von 200 MW unter Vertrag", so der Concord-Chef. Mit dem US-amerikanischen Technologiekonzern Lockheed Martin und der Zawawi Group des Sultans von Oman seien strategische Kooperationen abgeschlossen worden. Wie in Indien, wo der Großteil der rund 200 Mitarbeiter beschäftigt ist, sollen künftig auch auf anderen Märkten die wesentlichen Komponenten der Anlagentechnik gefertigt werden. Geld verdienen will das Unternehmen aber auch über Lizenzen sowie im Eigenbetrieb, heißt es aus Düsseldorf.

Auch in Deutschland sind laut Thannhaeuser mehrere Blaue Türme in Planung. Für die Ecowest Entsorgungsverbund Westfalen GmbH will Concord im münsterländischen Ennigerloh eine knapp 20 Mio. Euro teure Anlage mit 3 MW elektrischer Leistung zur Verwertung von Hausmüll bauen. Derzeit würden die Unterlagen für die Genehmigung des Projektes vorbereitet. „Mit unserer modularen Bauweise könnte die Anlage in sechs bis zehn Monaten errichtet werden", sagt Thannhaeuser.

Damit könnte dieses Vorhaben schneller Gestalt annehmen, als die in Herten geplante Demonstrationsanlage. Die Grundsteinlegung für den 13-MW-Turm, der zu einem Vorzeigeprojekt des dortigen Wasserstoff-Kompetenz-Zentrums werden sollte, fand im März 2009 statt. Seitdem wurden aber lediglich die dafür benötigten Gebäude errichtet. Die Projektgesellschaft H2 Herten GmbH der Blue Tower GmbH wurde bereits 2008 zu über 90 Prozent von der Solar Millennium AG übernommen. Als Solar Millennium rund zwei Jahre später den Entschluss fasste, die Geschäftstätigkeit auf solarthermische Anlagen zu konzentrieren, begann ab November 2010 die Investorensuche für das Projekt. „Die Bauarbeiten ruhen infolgedessen seit rund einem Jahr", teilte das Solar-Unternehmen Anfang Februar 2012 mit. Im Zuge der Zahlungsunfähigkeit der Muttergesellschaft meldete auch die Projektgesellschaft Insolvenz an, die bislang 3,1 Mio. Euro Fördermittel vom Land Nordrhein-Westfalen erhalten hat.

Das Ziel, den Nachweis der Marktreife der gestuften Reformierung zu erbringen, steht damit in Deutschland noch aus. Concord hat lediglich die Blue Tower GmbH von Solar Millennium übernommen - die Projektgesellschaft H2 Herten GmbH wurde dabei nicht zugekauft.


 
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Donnerstag, 22.03.2012, 17:08 Uhr