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REGENERATIVE:
Solare Standortanalyse per Mausklick
In Osnabrück wurde das Solarpotential aller Dachflächen untersucht - ein Pilotprojekt, das die Photovoltaik und Solarthermie bundesweit voranbringen könnte.
 

„Das Online-Portal Sun-Area ist ein ideales Kommunikationsinstrument zu den Bürgern", sagt Detlef Gerdts. Der Leiter des Fachbereichs Umwelt der Stadt Osnabrück bekommt reichlich Besuch, seit die Osnabrücker selbst per Mausklick beurteilen können, ob, wie stark und in welcher Form ihre Gebäude, Anlagen und Freiflächen für Photovoltaikanlagen und Sonnenkollektoren geeignet sind.

Im Internet können Hauseigentümer seit November 2007 auf einer interaktiven Karte erfahren, ob sich die Investition in eine Solaranlage lohnt. Auf einem Stadtplan von Osnabrück ist jedes einzelne Dach farblich gekennzeichnet, je nach dem, wie hoch der zu erwartende Solarertrag ist. Wer auf der Homepage Straße und Hausnummer angibt, kommt sofort zu dem gewünschten Gebäude. Ist dieses rot dargestellt, lassen sich auf dem ausgewählten Dach mindestens 95 Prozent der maximal möglichen Solarstrahlung ernten. Ist es orange, sind immerhin noch mindestens 81 Prozent zu erzielen. Für jede Teilfläche eines Daches werden neben der solaren Eignung die mögliche Photovoltaik-Modulfläche, der potentielle Stromertrag, die CO2-Einsparung sowie das Investitionsvolumen berechnet.

Nur 400 von 70 000 Dächern werden genutzt

„In Osnabrück gibt es ungefähr 70 000 Dächer, davon sind etwa 26 000 sehr gut beziehungsweise gut für die Nutzung der Sonnenenergie geeignet", erklärt Gerdts die Ergebnisse des Forschungsprojektes. Allein auf diesen 26 000 Dächern könnten Solarstromanlagen mit insgesamt 300 MW Spitzenleistung installiert werden, die jährlich etwa 237 Mio. kWh Strom erzeugen.

Die Stadt hat mit dem Start von Sun-Area ihr Beratungsangebot verstärkt. Denn laut Gerdts ist mit dem Interesse der Bevölkerung an der Solarenergie auch der Informationsbedarf gestiegen. Im Rahmen des Nachfolge-Projektes Sun-Power wurden von Juni bis August 2008 insgesamt 200 Eigentümer von Dächern mit idealer Sonneneinstrahlung angeschrieben und zu persönlichen Beratungsgesprächen eingeladen. Dabei wurden Informationen zu den Modulen, zur Statik des Gebäudes, zu Einspeisevergütungen und zur Wirtschaftlichkeit sowie zu Vor- und Nachteilen von Eigenbetrieb oder Verpachtung von Dachflächen vermittelt. „Von diesen Bürgern erklärte jeder Dritte, in den Jahren 2008 und 2009 eine Photovoltaikanlage errichten zu wollen", berichtet Gerdts. Dass das Solarprojekt erfolgreich ist, zeigen die Zubauzahlen: Innerhalb von nur zwei Jahren hat sich die Photovoltaik-Leistung in Osnabrück auf rund 3 MW verdoppelt. Die Solarthermie legte um etwa 30 Prozent auf eine gesamte Kollektorfläche von rund 7 300 m2 zu. Da in der niedersächsischen Stadt bislang nur auf rund 400 Dächern die Sonneneinstrahlung genutzt wird, spricht Gerdts „von einem riesigen Potenzial".

20 Prozent der deutschen Dachflächen sind geeignet

Dem kann Dorothea Ludwig, die an der Fachhochschule Osnabrück für die Koordinierung und Umsetzung des Forschungsprojektes verantwortlich ist, nur zustimmen. „Sun-Area erbringt den Nachweis, dass in Deutschland rund 20 Prozent der vorhandenen Dachflächen für die solare Energienutzung geeignet sind", betont die wissenschaftliche Mitarbeiterin im Labor für Geoinformatik der Fakultät Agrarwissenschaften und Landschaftsarchitektur. Würde man diese Flächen tatsächlich für Photovoltaikanlagen nutzen, könnte damit nach ihrer Aussage fast der gesamte private Strombedarf in Deutschland gedeckt werden.

Grundlage für die Standortanalyse in Osnabrück sind Laserscannerdaten, die 2005 im Auftrag der Stadt per Flugzeug gesammelt wurden sowie dreidimensionale Geländemodelle, die unter anderem für Hochwasserprognosen nutzbar sind. Insgesamt 350 Millionen Höhenpunkte wurden im ganzen Stadtgebiet erfasst - etwa vier Punkte pro Quadratmeter. Aus diesen Daten wurden mit einem aufwändigen Verfahren die Ausrichtung und Neigung aller Dachflächen berechnet. Zudem wurde die jahreszeitlich bedingte Verschattung bei unterschiedlichem Sonnenstand durch umstehende Gebäude und Bäume simuliert. Die Datenbank ermöglicht es, den Gebäudebestand nach ausgewählten Kriterien zu durchforsten. So können zum Beispiel alle geeigneten Flächen von einer bestimmten Mindestgröße identifiziert werden, die in Industriegebieten liegen. Eine solche Datenbank ist hilfreich, weil Investoren in ganz Deutschland händeringend nach geeigneten Dächern suchen.

„Die Nachfrage von Städten und Landkreisen nach Sun-Area ist sehr hoch", sagt Ludwig. Die Fachhochschule Osnabrück hat inzwischen für über 100 Kommunen Standortanalysen erstellt - unter anderem für Bielefeld, Wiesbaden, Braunschweig, Mühlheim und Bonn sowie ffür die Landkreise Rottweil und Rhein-Sieg. Das Rechenmodell wurde so gestaltet, dass es möglichst einfach an die Datensätze anderer Städte angepasst werden kann. So können unter anderem die lokalen Sonnenscheindaten oder der Wirkungsgrad der Phovoltaikanlagen geändert werden.

Stadtwerke Osnabrück investieren im Westallgäu

Von den Stadtwerken hat Ludwig den Eindruck, dass diese „bislang nicht wissen, wie sie mit dem Thema Photovoltaik umgehen sollen". Beim Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) in Berlin beobachtet man, dass sich „Stadtwerke regional sehr unterschiedlich für die Solarenergie engagieren". Es gebe kein einheitliches Bild - aber die Photovoltaik sei ein Imageträger, mit dem Energieversorger auch signifikante Leistungen zubauen könnten.

Die Stadtwerke Osnabrück AG hat den Nutzen von Sun-Area-Projekt für sich entdeckt und führte zuletzt verstärkt Gespräche mit Eigentümern großer Dächer. Das Nachfolgeprojekt Sun-Power wurde finanziell sowie mit Beratungstätigkeiten unterstützt. „Unser Ziel ist nicht der Aufbau von solaren Großkapazitäten. Wir wollen vielmehr ein Signal aussenden, dass auch die Photovoltaik eine Möglichkeit zur Stromerzeugung sein kann", erläutert Stadtwerke-Sprecher Marco Hörmeyer. In Osnabrück hat der Energieversorger daher bislang nur wenige Kleinanlagen errichtet. Gleichzeitig wurde außerhalb von Osnabrück nach Standorten gesucht. Im baden-württembergischen Kißlegg - dort ist mit einer höheren Sonneneinstrahlung zu rechnen - wurden die Niedersachsen fündig: Auf dem Dach der Mineralbrunnen Überkingen-Teinach AG wird noch in diesem Jahr eine Anlage mit 1 MW Spitzenleistung montiert.

Für die Stadtwerke Osnabrück ist der Bau der Großanlage in Süddeutschland der Auftakt einer so genannten Solaroffensive. „Wir wollen es nicht bei diesem Projekt belassen, sondern in diesem Jahr noch weitere Photovoltaikanlagen ans Netz bringen", kündigte Manfred Hülsmann, Vorstandsvorsitzender der Osnabrücker Stadtwerke, Mitte Oktober an. Den Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung wollen die Stadtwerke künftig aber nicht mit Solarparks erhöhen. Auf dem nahe gelegenen Piesberg ist geplant, im Frühjahr 2010 vier 500-kW-Windkraftanlagen durch drei Turbinen mit jeweils 2 MW Nennleistung zu ersetzen. „Darüber hinaus wird geprüft, ob die Stadtwerke in überregionale Projekte in den Bereichen Geothermie, Biomasse und Offshore-Windkraft einsteigen", so Hörmeyer.

Um die Solarthermie in Osnabrück zu forcieren und Kunden zu binden, vergeben die Stadtwerke eine Prämie für die Investition in Sonnenkollektoren. Seit 1992 wurden nach Angaben der Stadtwerke knapp 1 200 Solarthermie-Anlagen in Osnabrück mit einem Betrag von 10 Prozent der Investitionssumme beziehungsweise maximal 500 Euro gefördert. Der BSW hält dieses Engagement für löblich und den Osnabrücker Versorger damit „bislang eher für einen Einzelfall in der deutschen Stadtwerke-Landschaft".

Das Projektteam von Sun-Area wurde Mitte Oktober in Karlsruhe für ihre Arbeit mit dem Deutschen Solarpreis 2009 geehrt. Eurosolar zeichnete das Forschungsvorhaben in der Kategorie Bildung und Ausbildung aus. Es steht laut der Jury „für die vorbildliche und zukunftsweisende Entwicklung einer Standortanalyse für Photovoltaik-Dachflächenanlagen und die Ermittlung bestehender Potenziale zur Nutzung der Sonnenenergie". Hermann Scheer, Präsident von Eurosolar, hob bei der Preisverleihung hervor, dass Sun-Area - wie alle anderen Preisträger - eine Vorbildwirkung habe, um das Umsteuern von fossilen und atomaren Energien auf die Vollversorgung mit erneuerbaren Energien zu beschleunigen.

www.osnabrueck.de/sun-area  


 
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Mittwoch, 16.12.2009, 11:12 Uhr