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Enerige & Management > Windkraft Offshore - Statt tief im Westen, hoch im Norden
Bild: diak / Fotolia
WINDKRAFT OFFSHORE:
Statt tief im Westen, hoch im Norden
Wie die Offshore-Windenergie den Stadtwerken Bochum substanziell hilft, ihre ständig steigenden Ökostromziele zu erreichen.
 
Seit etwa 15 Minuten ist die zweimotorige Propellermaschine vom Typ Islander BN-B2 schon in der Luft. Vom kleinen Flugplatz im ostfriesischen Emden hat Pilot Okko Dannecker Kurs auf die Nordsee genommen. Auf der eingegebenen Route ist Juist, eine der sieben Inseln vor der niedersächsischen Küste, längst überflogen. Irgendwie verwundert es da schon, dass auf dem Mini-Bildschirm seines Flugradars plötzlich in immer kürzer werdenden Abständen die beiden Worte „Terrain ahead“ − in schwarzen Buchstaben auf gelbem Grund − aufblinken. Was frei übersetzt nichts anderes als „Land voraus“ heißt. Was aber irgendwie nicht sein kann, hier gut 40 Kilometer nordwestlich vor Juist.
 
Auf dem Weg zum Offshore-Windpark Borkum: Pilot Okko Dannecker (1. v.l.), E&M-Redakteur Ralf Köpke (4. v.l.), Bochums Stadtwerkechef Dietmar Spohn (5. v.l.)
Bild: Stadtwerke Bochum

Für Dietmar Spohn, einen der neun Passagiere an Bord, ist der Warnhinweis keine Überraschung. Als begeisterter Hobbyflieger, der 1981 sogar einen Weltrekord im Streckensegelflug aufgestellt hat, verfolgt er via App auf seinem Smartphone die Flugroute der Propellermaschine: „Wir nähern uns dem Offshore-Windpark Alpha Ventus.“ Das bordeigene Radarsystem bewertet die dort installierten Windenergieanlagen anscheinend wie eine feste Landmasse.

Deutschlands erster Hochseewindpark, der vor gut zehn Jahren mit zwölf Anlagen und einer Leistung von 60 MW in Betrieb ging, interessiert Spohn an diesem Tag weniger. Der Geschäftsführer der Stadtwerke Bochum will endlich „seine“ neuen Offshore-Windenergieanlagen aus der Luft sehen, die in diesem Energieerzeugungscluster ein paar Kilometer weiter folgen. Mehrere Dutzend Offshore-Windturbinen sind hier fest in Nordseeboden gerammt. Die Projekte heißen unter anderem Merkur und Trianel Windpark Borkum, 1. Bauabschnitt.

Bei einer Flughöhe von 800 Fuß: Windkraftanlagen fast zum Greifen nahe

Neu hinzugekommen ist seit einigen Wochen die zweite Baustufe, für die sich im Kreise der beteiligten Energieversorger längst das Kürzel „TWB 2“ durchgesetzt hat. An TBW 2 sind die EWE AG mit 37,5 %, ein Joint Venture des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich und der Vermögensverwaltung Fontavis AG mit 24,51 % sowie 17 von der Stadtwerkekooperation Trianel gebündelte Kommunalversorger mit 37,99 % beteiligt. An der Trianel-Scheibe entfällt allein auf die Bochumer Stadtwerke ein Anteil von 10 %, was rechnerisch dem Besitz von drei Windturbinen entspricht.

Dannecker, der Pilot, tut Spohn den Gefallen und steuert auf TBW 2 zu. In einer Flughöhe von teilweise nur 800 Fuß (weniger als 300 Meter) scheinen die wuchtigen Windkraftwerke irgendwie zum Greifen nahe zu sein. Die auf beiden Seiten der Gondeln angebrachten Logos des Herstellers Senvion und die der beteiligten Energieversorger sind beim Überflug gut zu lesen. Auch wenn sich an diesem Tag die Rotorblätter von mindestens zwei Senvion-Anlagen nicht drehen, ist Spohn froh, TBW 2 überhaupt in Betrieb zu sehen.
 
Offshore-Windturbinen so weit das Auge reicht: mittlerweile Alltag in der Nordsee
Bild. Ralf Köpke

Ungern erinnert er sich anderthalb Jahre zurück. Im Frühjahr 2019 meldete Senvion Insolvenz an. Ein Schock nicht nur für die Mitarbeiter: Die norddeutsche Windschmiede hat immerhin jahrelang zu den führenden Unternehmen der deutschen Windbranche gezählt. Wochenlang blieb unklar, ob und wann es mit der Fertigung der von Trianel beim Windturbinenhersteller bestellten Anlagen weitergeht. „Bis zum Insolvenzantrag lagen wir mit dem Bau von TWB 2 super in der Zeit- und Budgetplanung“, blickt Spohn, der auch Aufsichtsratsvorsitzender bei der Trianel ist, zurück, „ich habe immer geunkt, dass alles viel zu reibungslos läuft.“ Der durch die Pleite verursachte Stillstand ist nicht mehr aufzuholen. Nur die Hälfte der 32 Windturbinen geht bis Jahresende ans Netz, der Aufbau der verbliebenen 16 Anlagen erfolgt bis Mitte dieses Jahres.

Bochums Investitionsvolumen auf See: 260 Mio. Euro

Was Zusatzkosten in zweistelliger Millionenhöhe verursacht - und nicht nur das. Die verspätete Inbetriebnahme der 32 Anlagen bekommen die TBW-2-Gesellschafter auch in den kommenden Jahren zu spüren: Denn sie erhalten für die Hälfte ihres Offshore-Windparks statt der gesetzlich vorgesehenen Vergütung von 14,9 Ct/kWh nach der im Erneuerbare-Energien-Gesetz vorgesehenen Degression bei der Vergütung einen Cent weniger. Was auf den ersten Blick nicht viel klingt: Über die Förderlaufzeit von mehr als 14 Jahren kommt pro Anlage aber ein einstelliger Millionenbetrag zusammen. Wenn alles nach Plan läuft, können die Anteilseigner unter dem Strich immer noch mit einer Rendite von rund 9 % rechnen. „Gemessen an all den Risiken bei der Finanzierung und dem Betrieb sind diese neun Prozent auch ein Muss“, betont Stadtwerkechef Spohn.

Mit ein paar Prozentpunkten weniger müssen die Stadtwerke Bochum und all die kommunalen Mitstreiter leben, die ihr Geld in TBW 1, das Vorläuferprojekt, investiert haben. Nach einem fast vierjährigen Hindernislauf konnten alle 40 Adwen-Maschinen mit jeweils 5 MW Leistung endlich 2015 starten. „Als Pioniere auf See haben wir damals einiges an Lehrgeld bezahlen müssen“, resümiert Spohn. Bis heute sind noch einige Rechnungen offen: Tennet, der zuständige Übertragungsnetzbetreiber, schaffte es beispielsweise erst mit Verspätung, den Netzanschluss fertigzustellen. Vor Gericht streiten sich Trianel und Tennet so immerhin um gut 70 Mio. Euro.

Rund 260 Mio. Euro haben die Stadtwerke Bochum für ihre Beteiligung von insgesamt 14,25 % an TBW 1 und TBW 2 investiert: „Das ist mehr Geld als für unsere fossilen Beteiligungen“, rechnet Spohn vor. Immerhin verfügen sie somit über eine Erzeugungsleistung von 57 MW auf See. Damit sind die Westfalen nach den Stadtwerken München der bundesweit zweitgrößte Offshore-Windbetreiber. Weitaus wichtiger sind den Bochumern aber die rund 230 Mio. kWh Ökostrom, auf die sie dank ihrer Beteiligung den „bilanziellen Zugriff“ haben.

Jede grüne kWh zählt, denn zu Hause in Bochum hängt die Lokalpolitik die Latte für den eigenen Kommunalversorger immer höher. „Die neue Vorgabe sieht vor, dass wir 2025 rund 70 Prozent aller Privathaushalte in der Stadt mit Ökostrom aus eigenen Anlagen versorgen müssen“, sagt Dietmar Spohn. Derzeit liege der Anteil bei etwa 50 %. Er ist froh, dass ihm „sein“ Aufsichtsrat vor einigen Wochen weitere 120 Mio. Euro für Investitionen in grüne Energien genehmigt hat.
 
Koloss in der Nordsee: Tennets Konverterstation DolWin1, an die die beiden Offshore-Windparks von Trianel angeschlossen sind
Bild. Ralf Köpke

Rund 20 Mio. Euro davon wollen die Stadtwerke in eine neue Projektgesellschaft von Trianel investieren, die bundesweit Windparks und solare Freiflächenanlagen entwickelt und erwirbt. Bochum braucht solche „Vehikel“. Auf eigenem Stadtgebiet fehlen geeignete Flächen für Windturbinen und größere Solarparks. Bochum und auch Essen sind die einzigen beiden größeren Kommunen im Revier, wo innerhalb der Stadtgrenzen keine einzige Windenergieanlage in Betrieb ist. Die Beteiligung an der Trianel-Gesellschaft erspart den Stadtwerken Bochum auch den Aufbau eines eigenen Entwicklungsteams. „Wir profitieren vom Know-how und dem Netzwerk bei Trianel, das dank der beiden früheren Projektgesellschaften breit aufgestellt ist“, so Spohn.

Auch ein finanzielles Engagement bei einem weiteren Offshore-Windpark will Bochums Stadtwerkechef nicht ausschließen. „Mitentscheidend dafür sind sicherlich die Rahmenbedingungen, die die Novelle des Windenergie-auf-See-Gesetzes festlegt.“ Noch laufen dazu in Berlin die Beratungen, der Beschluss des Bundestags wird wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Unumstritten bei der Gesetzesnovelle ist, dass die Bundesregierung mehr Windkraft auf See will: 2030 soll es eine Kapazität von 20.000 MW geben, bis 2040 ist dann sogar eine Verdoppelung als neues Ausbauziel vorgesehen.

Platz für die neuen Hochseewindparks gibt es allemal. Okko Dannecker, der Pilot der Islander BN-B2, fliegt nach dem Rundflug über die Trianel-Projekte auf dem Weg zurück nach Emden über viele freie Wasserflächen. Sollten die Pläne der Bundesregierung Wirklichkeit werden, muss er sich darauf einstellen, dass sein Flugradar noch häufiger „Terrain ahead“ meldet. Oder aber das Update des Radarsystems weist ihm gleich den Hinweis „Offshore Wind Turbine ahead“ aus.

 
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Mittwoch, 14.10.2020, 10:20 Uhr