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REGENERATIVE:
Still noch ruht die See
Erst im Jahr 2006 wird wohl der erste große deutsche Offshore-Windpark in Betrieb gehen.
 

Neil Armstrong lässt grüßen. Als der amerikanische Astronaut im Juli 1969 als erster Mensch den Mond betrat, prägte er den berühmt gewordenen Satz: „Das ist ein kleiner Schritt für mich, aber ein großer für die Menschheit.“
Bescheidener, aber dennoch ähnliche Worte formulierte Helmuth Brümmer Ende September: „Das ist ein kleiner Schritt zur künftigen Offshore-Windnutzung, für die deutsche Windbranche aber ein nicht unbedeutender.“ Als Chef der Enova-Gruppe aus dem ostfriesischen Bunderhee hatte Brümmer die erste Windturbine im Auftrag des Regionalversorgers EWE AG gebaut, die nasse Füsse bekommt. Kurz hinter dem Deich, am Rand des Dollart, wo die Ems in die Nordsee fließt, steht nun Deutschlands erste Nearshore-Maschine. Die Anlage vom Typ Enercon E-112 mit einer Leistung von 4,5 MW, die bei Hochwasser immerhin zwei Meter tief im Wasser steht, wird jährlich gut 15 Mio. kWh Strom liefern. „Da wir die Anlage vom Wasser aus errichtet haben, konnten wir auch wichtige Erfahrungen sammeln, wenn es demnächst wirklich raus auf die Nordsee geht“, resümiert Brümmer.

Wann dieses Demnächst sein wird, dahinter stecken noch viele Fragezeichen. Auch wenn das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) bis Ende September sieben Projekte in der Ausschließlichen Wirtschaftszone genehmigt (siehe Kasten) und außerdem noch grünes Licht für jeweils ein Vorhaben in der Nord- und Ostsee innerhalb der Zwölf-Seemeilen-Zone gegeben hat, steht heute schon fest: Auch im kommenden Jahr ist noch nicht mit der Premiere des ersten deutschen Offshore-Windparks zu rechnen – abgesehen von drei weiteren einzelnen Nearshore-Anlagen vor Wilhelmshaven, Wismar und der Hafeneinfahrt Rostocks.
Fürwahr eine bescheidene Zwischenbilanz im Land des Windkraft-Weltmeisters. Insgesamt liegen bislang 33 Anträge für Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee mit zusammen über 70 000 MW Kapazität vor. Viele dieser Anträge heißt es im für erneuerbare Energien zuständigen Bundesumweltministerium „sind in den Bereich Science fiction einzuordnen.“

Langfrist-Ziel: 25 000 MW auf See

Auch Norbert Giese, Geschäftsführer des Windturbinen-Herstellers AN windenergie GmbH, lässt sich von diesen gigantischen Zahlen nicht blenden. Sein Urteil fällt knapp aus: „In Sachen Offshore glänzt Deutschland durch Nichtteilnahme.“ Deshalb bezweifelt er, dass bis Ende 2006 Energiemühlen mit einer Kapazität von zusammen 500 MW in den deutschen Küstengewässern stehen.
Dieses Ziel hat sich die Bundesregierung in ihrem Anfang 2002 veröffentlichten Strategiepapier zur Windkraft-Nutzung auf See gesetzt. Danach sollen bis Ende dieses Jahrzehnts zwischen 2 000 bis 3 000 MW in Nord- und Ostsee installiert sein, für 2030 liegt die Zielmarke zwischen 20 000 bis 25 000 MW. Damit könnten jährlich 85 Mrd. kWh Strom produziert werden - etwa die Hälfte dessen, was derzeit die 18 Kernkraftwerke hierzulande erzeugen. Das Potenzial der Windenergie an Land wird in dem Strategiepapier auf weitere 55 Mrd. kWh geschätzt, sodass summa summarum in gut 25 Jahren ein Viertel des deutschen Stroms mit Wind erzeugt werden könnte.

Hehre Ziele - das weiß auch Klaus Overmöhle. Der langjährige Consultant und Kenner der europäischen Windszene drängt deshalb zur Eile. „Im Jahr 2004 hat sich wirklich nichts Weltbewegendes in Sachen Offshore getan. Große Fortschritte kann ich nicht erkennen“, lautet seine ernüchternde Zwischenbilanz.

Trotz der vorliegenden BSH-Genehmigungen wird das Geschäft der Planungsbüros nach Övermöhles Einschätzung in den kommenden Monaten deutlich schwieriger werden: „Nach dem Mitte des Jahres bekannt gewordenen Super-Gau mit dem Offshore-Windpark Horns Rev ist das Misstrauen der Banken, Finanziers und Versicherungen in die Offshore-Technologie gewachsen.“ Da ein Großteil der Generatoren und Transformatoren nicht den rauen Bedingungen auf See angepasst war, muss Windturbinen-Hersteller Vestas die Gondeln seiner 80 Anlagen vom Typ V80 mit 2 MW Einzelleistung in dem zwischenzeitlich weltweit größten Offshore-Projekt in Höhe Esbjerg an der dänischen Nordseeküste austauschen.

Resignation ist unschwer auch aus der Beurteilung von Heinrich Duden zu den deutschen Offshore-Aktivitäten herauszuhören: „Im Ausland passiert mehr als bei uns. In Deutschland tritt man viel lieber auf der Stelle.“ Der Geschäftsführer der ep4 offshore gmbh weiß, wovon er spricht. Bei den Offshore-Planungen gehört Duden zu den Männern der ersten Stunde, hat er doch die entsprechende Abteilung beim Projektierer Energiekontor aufgebaut und jahrelang geleitet.

Problem: Ungeklärte Netzanbindung

Zwei Gründe macht der ep4-Mann für die Stagnation vor den deutschen Küsten verantwortlich: „Viele Planungsbüros hängen am Tropf, da sie die enormen Anlaufskosten unterschätzt haben.“ Außerdem hätten viele Planer unterschätzt, wie schwierig es wird, ihre Mühlen auf See an die Hochspannungstrassen an Land anbinden zu lassen. Duden sarkastisch: „Was nützt mir ein wunderschön geplantes und genehmigtes Projekt im Meer, wenn ich den Strom nicht ableiten kann?“

Mit seinem Büro in Winsen an der Luhe hat Duden einen guten Überblick über die Situation in Niedersachsen. Für Aufregung hat dort in diesem Sommer die Ankündigung der Windland Energieerzeugungs GmbH gesorgt, vom Jahr 2010 an eine eigene 160 km lange Hochspannungstrasse für bis zu 3 000 MW Windstrom-Leistung von Ostfriesland bis in den Osnabrücker Raum bauen zu wollen - Kostenpunkt rund 120 Mio. Euro.

Windland selbst plant den Offshore-Windpark Meerwind in der Nordsee nordwestlich von Helgoland, wobei die Pilotphase 75 Windturbinen umfassen soll und für die Ausbauphasen weitere 195 Anlagen vorgesehen sind. Dass Windland eine eigene Trasse bauen will, begründete Geschäftsführer Joachim Falkenhagen gegenüber der Regionalpresse mit dem unverhohlenen Desinteresse der Eon Netz GmbH, den Meerwind-Strom abzunehmen.

Die Ankündigung des Berliner Planungsbüros hat in weiten Teilen Ostfrieslands zu stürmischen Protesten geführt. „Das sind Todesstreifen“, wetterte beispielsweise Harm Poppen, Direktor der Samtgemeinde Holtriem im Kreis Wittmund. Die geplanten Hochspannungsmasten würden ihn an die frühere DDR-Grenze erinnern: „200 Meter breite Zonen, in denen kein Leben möglich ist.“
Der Windland-Vorstoß berührt ein Thema, dass alle Offshore-Projektierer betrifft: Wie kommt der auf See produzierte Strom an Land und von dort aus zu den Verbrauchs-Schwerpunkten? Was das für den künftigen Netzausbau bedeutet, soll eine Studie der Deutschen Energie-Agentur GmbH aufweisen. Diese Expertise wird nach Worten von dena-Geschäftsführer Stephan Kohler im kommenden Januar vorgestellt.

Die Einbindung der zahlreichen Offshore-Windparks in das Versorgungsnetz wird zweifellos zu den größten Herausforderungen der nächsten Jahre zählen. Dabei bedarf, wie das Beispiel Niedersachsen zeigt, schon der erste Part dieser Herkules-Aufgabe einer gewaltigen Abstimmung. So versuchen die Planungsbüros der vier nordwestlich der Insel Borkum vorgesehenen Offshore-Windparks sich für die Pilotphasen auf eine gemeinsame Trasse zu einigen, die über die Insel Norderney führt. Was unverzichtbar ist: Aus Umweltschutzgründen beharren sowohl die Bundesregierung als auch die Landesregierung in Hannover auf so wenig wie mögliche Eingriffe in den Nationalpark Wattenmeer.

Das Hickhack um die Planung der Norderney-Trasse nachzuvollziehen, würde Romane füllen. Wie zu hören ist, sollen noch vor dem Weihnachtsfest Verträge unterzeichnet werden. Was wichtig ist: denn über Norderney sollen noch die Trassen von drei weiteren Projekten geführt werden, die weiter draußen in der Nordsee liegen.

Klar ist heute schon, dass damit die Kapazität auf der kleinen Nordsee-Insel erschöpft ist. Deshalb plant die Regierung von Ministerpräsident Christian Wulff einen Kabinettsbeschluss, um ein Raumordnungsverfahren „von Amts wegen“ für eine Ausbautrasse einzuleiten. So soll eine Anschlussleistung von gut 4 000 MW Offshore-Windkraft möglich werden. Absehbar ist, dass dieses Seekabel dann zu Teilen durch die Ems verlegt wird. Damit will der durchaus Windkraft-freundliche Regierungschef an der Leine ein ähnliches Durcheinander wie jetzt bei den Pilotphasen vermeiden - ein Durcheinander, das Zeit gekostet hat.

Niedersachsen wäre für die Planung der ersten Pilotanlagen auf See gut beraten gewesen, zusammen mit allen Beteiligten eine gemeinsame Infrastrukturgesellschaft zu gründen. Zu dieser Konstruktion hatte in früheren Tagen die damals noch aktive Niedersächsische Energieagentur gegriffen, beispielsweise bei der Planung des Windpark Wybelsumer Polder bei Emden. Mit drei Betreibern und einer Kapazität von rund 70 MW zählt dieser Windpark zu den bundesweit größten.

Kiel setzte auf einen Runden Tisch

Einen anderen Weg hat Schleswig-Holstein für den Bau von mehreren Pilot-Offshoreparks vor seiner Westküste eingeschlagen. Die Planer der Vorhaben Amrumbank West, Nördlicher Grund, Nordsee Ost und Uthland haben sich Mitte September darauf verständigt, für die Netzanbindung innerhalb der Zwölf-Seemeilen-Zone eine gemeinsame Trasse zu planen. „Dieses Ergebnis haben wir seit der letztjährigen HUSUMwind angestrebt, da wir so erheblich Zeit bei den Genehmigungsverfahren gewinnen“, zeigte sich der Kieler Energie-Staatssekretär Wilfried Voigt zufrieden über die Verständigung. Um zu dieser Einigung zu kommen, hatte Voigt einen runden Tisch einberufen, den die Prognos AG als Vermittlerin moderierte.

Nach den überarbeiteten Planungen ist der Anlandepunkt für das  gemeinsame Kabel im Neuenkoog bei Büsum vorgesehen: „Bei dieser Variante haben wir die Eingriffe in den Nationalpark Wattenmeer erheblich reduzieren können“, sagt Heinz Carstensen, GEO-Mitarbeiter und Projektleiter der Multikabel GmbH. Multikabel ist das gemeinsame Tochterunternehmen der drei Firmen, die als Konsortium das Projekt Nördlicher Grund planen. Neben der Gesellschaft für Energie und Oekologie GmbH (GEO) aus Nordfriesland gehören die renergys GmbH (ehemals ABB New Ventures GmbH), und Global Renewable Energy Partners (GREP) zu diesem Trio. GREP selbst war bis Anfang des Jahres ein 100-prozentiges Tochterunternehmen des dänischen Windturbinen-Herstellers NEG Micon, der bekanntlich vom Konkurrenten Vestas Wind Systems A/S übernommen worden ist.

Auf diesen neuen Trassenverlauf hat sich Multikabel mit der Offshore Trassenplanungs-GmbH (OTP) verständigt. Deren ursprüngliche Planung für die beiden Offshoreparks Amrumbank West und Nordsee Ost sah die Nutzung des vom Kieler Umweltministerium im August 2001 genehmigten Viking Cable Trasse vor. Viking Cable AS, an der die Eon Energie AG beteiligt war, hatte diese Seekabel-Verbindung zwischen Brunsbüttel und Norwegen damals für den Stromaustausch beantragt, später das Vorhaben jedoch aufgegeben. „Da mehrere Umweltverbände gegen die genehmigte Viking-Cable-Trasse Klagen angekündigt hatten und wir das bei unseren Vorhaben vermeiden wollten, haben wir alles daran gesetzt, eine Alternative über eine umfassende Variantenprüfung zu finden“, so Carstensen.

Von Neuenkoog soll der Strom über ein Erdkabel zum Netzknotenpunkt Brunsbüttel oder Wilster geführt werden, immerhin eine Strecke von etwa 55 km. Auch das ist Teil der Einigung zwischen Multikabel und OTP. Was nicht ohne Pikanterie ist: Über die 50-prozentige Beteiligung an dem Amrumbank-Projekt ist der Eon-Konzern auch bei der OTP beteiligt. Bei dem anstehenden Netzausbau in Schleswig-Holstein favorisiert Eon Netz aber die vom Genehmigungsprocedere aufwändigeren Freileitungen, was den weiteren Windkraft-Ausbau im Norden gefährdet. „Mit dem Widerstand gegen Erdkabel gerät Eon zunehmend in Erklärungsnot, wenn ein Unternehmen aus dem eigenen Konzern diese Variante mitträgt“, sagt Staatssekretär Voigt.

Auf eine Erklärung ganz anderer Art wartet Ubbo de Witt. Zusammen mit seiner Partnerin Heike Kröger gehört er zu den Initiatoren des Offshore-Windparks Sandbank24, dem das BSH Ende August die Genehmigung für die Pilotphase erteilt hatte. 90 km westlich von Sylt können danach auf der beantragten Fläche während der Startphase 80 Maschinen der 3 bis 5-MW-Klasse aufgestellt werden. Nach Abschluss aller Ausbauphasen soll Sandbank bis zu 900 Anlagen umfassen.

Auch de Witt und Kröger hatten an den Sitzungen des Runden Tisches in Kiel teilgenommen, da sie den Strom ihrer Nordsee-Energiemühlen zu gern in Brunsbüttel ins Hochspannungsnetz einspeisen würden. Nur zum letzten entscheidenden Treffen hatten die beiden Geschäftsführer der Oldenburger Planungsgemeinschaft, der neben Sandbank24 noch weitere Dienstleistungsfirmen aus der Windbranche angehören, keine Einladung mehr erhalten. „Die Einigung ist an uns völlig vorbei gegangen“, erregt sich de Witt – aus gleich mehreren Gründen. So haben die Niedersachsen nicht nur den runden Tisch mitfinanziert: „Während uns das BSH mit der Genehmigung bescheinigt hat, alle Umweltauflagen berücksichtigt zu haben, taucht in dem veröffentlichten Einigungspapier das Projekt Uthland auf, das ganz eindeutig in einem ausgewiesenen Naturschutzgebiet liegt.“ Sprich, danach dürften die Projektinitiatioren, in diesem Fall die GEO mbH, kaum Geld für den möglichen Windstrom erhalten. Das novellierte Erneuerbare-Energien-Gesetz schließt Offshore-Windparks, die auf geschützten Flächen gebaut werden sollen, von der erhöhten Vergütung aus.

Sandbank24: Ärger um Ausbauphase

Nicht der einzige Ärger für die Sandbank24-Planer. Die von ihnen vorgesehenen Flächen für die Ausbauphasen überschneiden sich mit denen des Projektes Nördlicher Grund – was behördlich vollkommen legal ist. Die im Jahr 2003 geänderte Seeanlagen-Verordnung lässt solche Doppelplanungen ausdrücklich zu. Dann, so die Intention der zuständigen Ministerien in Berlin, könnten die Initiatoren die Flächen nicht nur bunkern, sondern müssten wirklich aktiv werden. Um eine Genehmigung zu bekommen, müssen die Interessenten für die ausgeguckten Flächen eine Umweltverträglichkeitsprüfung vorlegen – ein festgelegtes Monitoring, das sich über zwei Jahre erstreckt.

„Bislang ist uns immer gesagt worden, dass derjenige, der zuerst die Genehmigung für die Pilotphase erhält, im Wege des Vertrauensschutzes das Recht auf die Sicherung der Ausbauphasen erwirkt“, erklärt Heike Kröger die Gefechtslage im Zusammenhang mit der erteilten Teilbaugenehmigung. Nur, was bislang so klar schien, dürfte – wenn kein Wunder geschieht – die Gerichte beschäftigen. Das Bundesumweltministerium in Berlin hält die BSH-Juristen in Hamburg für kompetent genug, den gordischen Knoten in Sachen Sandbank24/Nördlicher Grund zu durchschlagen. Ob allerdings nach wie vor das Prioritätsprinzip bei den parallel gestellten Anträgen gilt, darüber schweigt sich die Behörde aus. Wie dieser Konflikt weitergeht, dürfte sich Ende November auf dem Erörterungstermin für das Projekt Nördlicher Grund zeigen: Zu der Anhörung sind auch die Vertreter von Sandbank24 eingeladen.
Eine schnelle Klärung käme de Witt und Kröger sehr entgegen. Sie finanzieren ihren Offshore-Windpark über einen öffentlichen Fonds. Bislang sind gut 30 % des notwendigen Eigenkapitals gezeichnet. Mit einer gesicherten Ausbauphase könnten die Oldenburger leichter weitere Kommanditisten gewinnen, aber auch einen strategischen Partner. „Nach der BSH-Genehmigung hatten wir Anfragen aus vielen Ländern Europas“, lässt Kröger durchblicken.

Nach wie vor wollen die Oldenburger im Jahr 2006 mit dem Bau der ersten ihrer 80 Mühlen beginnen. So haben die Sandbank24-Initiatioren noch gut anderthalb Jahre Zeit, sich endgültig auf den Typ der Windturbine festzulegen. „Im Moment sind die Windkraft-Anlagen der eigentliche Flaschenhals für alle Offshore-Projekte.“ Da die deutschen Planer im Gegensatz zu den Projekten vor der britischen oder der dänischen Küste gleich in tiefere Meerestiefen gehen müssen, rechnen sich unter ökonomischen Gesichtspunkten nur Maschinen mit 4 oder 5 MW Leistung. Lediglich sechs Anlagen in dieser Größenklasse sind hierzulande bislang am Netz, fünf von Enercons E-112 sowie die Pilotanlage der 5M, dem neuen Flaggschiff der REpower Systems AG.

Anfang Oktober wurden die Aufbauarbeiten für die weltweit größte Serienanlage beendet. Bis die 5M wirklich Serienreife erlangt, werden aber mindestens zwei Jahre vergehen. Erst einmal muss sich der Riesenpropeller an Land bewähren. Wichtig ist deshalb, dass das REpower-Managament um Prof. Fritz Vahrenholt schnell Standorte für ihre Maschine findet. „Wichtig für die Offshore-Nutzung ist, dass endlich die neuen Prototypen kommen. So gesehen ist dieses Jahr kein verlorenes Jahr für die Offshore-Windkraft“, sagt Jan Rispens, Geschäftsführer der Windenergie-Agentur Bremerhaven/Bremen e.V.

Von seinem Büro in Bremerhaven hat Rispens es nicht weit bis zu der Stelle, wo im Stadtteil Speckenbüttel die neue Multibrid-Anlage entstehen soll, die ebenfalls auf eine Leistung von 5 MW ausgelegt ist. Aus dem Umfeld der Prokon Nord Energiesysteme GmbH aus dem ostfriesischen Leer, die die fast fertige Maschine Ende 2003 von der Pfleiderer Wind Energy GmbH übernommen hat, soll die Errichtung noch in diesem Jahr beginnen. Einsetzen will Prokon-Chef Ingo de Buhr die Multibrid-Anlage für sein Offshore-Projekt Borkum West. Ende 2001 hatten die Ostfriesen als Erste überhaupt die Genehmigung vom BSH für ihr Offshore-Vorhaben erhalten. Auf einen konkreten Zeitplan, wann die ersten Mühlen ins Wasser gehen, will sich de Buhr nicht festlegen: „Wenn alles klappt, vielleicht noch 2006. Und wenn nicht, später.“

Der Prokon-Mann wäre schlecht beraten, sich unter Druck setzen zu lassen. Ein Scheitern der Multibrid-Maschine würde ihn nicht nur viel Geld kosten, sondern die Windbranche in Verruf bringen. Auch bei der Winkra-Energie GmbH drückt niemand aufs Tempo, auch wenn die Hannoveraner Ende Juni grünes Licht vom BSH für ihr Projekt Nordsee Ost vor Helgoland erhalten haben. „Realistischerweise legen wir nicht vor dem Jahr 2008 los, es kann aber auch ein Jahr später werden“, sagt Geschäftsführer Ingo Kanira.

Winkra hat sich beim Anlagentyp auf die 5M festgelegt, wobei das Unternehmen an eine Vereinbarung mit den Vorgängerunternehmen von REpower aus dem Jahr 1999 gebunden ist. Endgültig für einen Anlagentyp entscheiden, so Kanira, werde sich Winkra aber erst in zwei Jahren: „Dann liegen auch belastbare Betriebsergebnisse mit der neuen Maschine vor.“ Im Gegensatz zu vielen anderen Offshore-Planern muss sich Winkra für die kommenden Jahre keine große Gedanken über die Finanzierung der noch ausstehenden Untersuchungen wie beispielsweise des Baugrundes machen: Die Hannoveraner sind mittlerweile eine 100-prozentige Tochter der Deutschen Essent GmbH, sprich sie sind Teil eines der beiden großen niederländischen Energiekonzerne.

Butendiek: Das einzige Bürgerprojekt auf See

Im Gegensatz zur Winkra haben sich die Gründungsgesellschafter des Offshore-Bürgerwindparks Butendiek aus Husum definitiv auf einen Anlagentyp festgelegt: Die V90 mit einer Leistung von 3 MW. Insgesamt 80 dieser Anlagen sollen bei dem Vorhaben gut 35 km westlich von Sylt in den Nordsee-Boden gerammt werden. Angst, dass Vestas mit der V90 einen ähnlichen Flop wie mit der V80 vor Horns Rev hinlegt, hat Geschäftsführer Wolfgang Paulsen nicht: „Das Management von Vestas weiß ganz genau, dass es sich ein zweites Horns Rev nicht leisten kann.“

Dass Paulsen auf Zweckoptimismus macht, ist verständlich. Die Nordfriesen wollen, das Eigenkapital für die Realisierung ihres Projektes einwerben. Da machen sich Negativschlagzeilen ganz schlecht. In einer ersten Zeichnungsphase hatten sich über 8 400 Bundesbürger an dem Vorhaben beteiligt. Insgesamt gelang es den Butendieker, 20 000 Anteile zu jeweils 250 Euro einzuwerben. Mit diesen 5 Mio. Euro Kommanditkapital konnten die Nordfriesen die Kosten für die Planungs- und Projektierungsphase bis zur Baugenehmigung bezahlen. Damit ist ihnen ein Kunststück gelungen: Butendiek ist das einzige Projekt, bei dem die an Land populäre Bürgerwindpark-Idee auf See transportiert worden ist – ein Novum sogar weltweit.

Butendiek könnte – mit etwa Glück – sogar der erste deutsche Windpark werden, der Strom auf hoher See produziert. „Wir wollen auf alle Fälle die ersten Anlagen 2006 errichten“, skizziert Geschäftsführer Paulsen den weiteren Zeitplan. Diesen Zeitpunkt strebt auch die Plambeck Neue Energien AG für ihr Projekt Borkum Riffgrund an. 77 Anlagen der 3 bis 4-MW-Klasse hat das BSH den Cuxhavener im Februar 2003 für die Pilotphase gestattet. Plambeck-Sprecher Rainer Heinsohn: „Bislang liegen wir im Zeitplan.“
Als großes Plus wertet Heinsohn die gemeinsame Betreibergesellschaft mit dem Stromkonzern Energie E2 A/S. Die Dänen sind zur Hälfte an dem Offshore-Projekt Nysted südlich der Ostsee-Insel Lolland beteiligt, das im Gegensatz zu Horns Rev ohne Probleme läuft: „Wir profitieren enorm von dem E2-Know-how. Das ist einer der Gründe, warum wir sehr optimistisch gestimmt sind.“
Beim Rennen, falls es das überhaupt gibt, wer den ersten deutschen Offshore-Windpark in Betrieb nimmt, dürfte Plambeck und den Butendiekern ein Mann von der mecklenburgischen Küste einen Strich durch die Rechnung machen: Carlo Schmidt. Der Geschäftsführer der WIND-projekt Ingenieur- und Projektentwicklungsgesellschaft mbH aus Börgerende arbeitet zurzeit an vier Offshore-Projekten.

Vorhaben Nummer Eins umfasst eine Einzelanlage vom Typ Nordex N90 mit 2,3 MW Leistung, die nach seinen Planungen im zweiten Quartal kommenden Jahres in der Einfahrt des Hafens Rostock-Warnemünde gebaut werden soll. „Diese Erfahrungen wollen wir für unser nächstes Vorhaben nutzen“, sagt Schmidt. Anfang 2006 will der Mecklenburger mit den Bauarbeiten für das Projekt Baltic 1 vor der Halbinsel Darß innerhalb der Zwölf-Seemeilen-Zone beginnen. Vorgesehen sind dabei elf Maschinen vom Typ N90 sowie zehn Anlagen aus dem Hause REpower. Neun davon entfallen auf den Typ MM82 mit 2 MW Einzelleistung. Außerdem will REpower-Chef Vahrenholt dort zwei seiner 5M-Propeller aufstellen – sozusagen der erste Offshore-Test.

Ob es dazu kommt, hängt auch davon ab, ob REpower künftig die Produktion der 5M-Gondel nach Mecklenburg-Vorpommern verlagert. Dazu Carlo Schmidt: „Wir haben mit der Landesregierung in Schwerin eine Vereinbarung, dass bei den Projekten in den Ostsee nur die Hersteller zum Zuge kommen sollen, die direkt neue Arbeitsplätze im Land schaffen.“

Offshore soll neue Arbeitsplätze bringen

So will der umtriebige Windkraft-Planer auch die Firma AN windenergie gmbh, nach Mecklenburg-Vorpommern locken. AN ist der deutsche Vertriebspartner des dänischen Herstellers Bonus Energy A/S, den jüngst der Siemens-Konzern gekauft hat. Bonus nahm Ende Oktober den Prototyp seiner neuen 3,6-MW-Maschine in Nordjütland in Betrieb. Eine Anlage die vor allem für den Offshore-Einsatz konstruiert worden ist.

Von diesem Modell würde Schmidt in der Pilotphase allzu gerne 45 Stück für das Projekt Kriegers Flak, seinem dritten Vorhaben gut 30 km von der Insel Rügen entfernt, einsetzen. Weitere 35 Maschinen sollen dann 5 MW Leistung aufweisen. Auf einen Hersteller für diese Anlagen will sich der Offshore-Pionier heute noch nicht festlegen. Wie es aussieht, wird Kriegers Flak aber eine der nächsten Genehmigungen bekommen, die das BSH ausspricht. Baubeginn könnte, vorsichtig geschätzt, in 2007 sein.

Bis dahin will Schmidt auch alle Genehmigungen für sein viertes Vorhaben unter Dach und Fach haben: Kriegers Flak II das in schwedischen Gewässer liegt. „Nachdem unserer Wettbewerber sich zurückgezogen hat, sind die Chancen für diesen Offshore-Windpark deutlich gestiegen“, so Schmidt.

So sieht es auch die WPD AG aus Bremen, Schmidts Partner bei Offshore-Projekten in der Ostsee. Die Hanseaten von der Weser, Marktführer in Deutschland bei der Platzierung von Windkraft-Fonds, sind vor allem für die Finanzierung der schwimmenden Windparks zuständig. Dass WPD jüngst ein neues Büro in London eröffnet hat, ist kein Zufall. Britische Investoren liebäugeln seit längerem mit einem Engagement auf dem deutschen Windmarkt.

Auch wenn im kommenden Jahr kein Offshore-Windpark ans Netz geht, ist Udo Paschedag nicht unzufrieden. Paschedag leitet das Referat Windenergie und Wasserkraft im Bundesumweltministerium: „Mittlerweile sind schon so viele Projekte angeschoben, dass ich unser Zwischenziel von bis zu 3 000 MW Offshore bis zum Jahr 2010 als absolut machbar halte.“ Neben den bereits erteilten sieben Genehmigungen geht Paschedag davon aus, dass das BSH sein Okay noch für weitere Vorhaben erteilt.

Darauf setzt auch Helmuth Brümmer von der Enova-Gruppe. Parallel zur Nearshore-Anlage in der Ems hat der Ostfriese seit Jahren auch an dem Vorhaben North Sea Windpower gearbeitet. Rund 40 km nördlich der Insel Juist sollen sich einmal gut 250 Anlagen der 5-MW-Klasse drehen. Insgesamt 48 Anlagen hat Enova für die Pilotphase beantragt. Brümmer: „Wenn wir Glück haben, bekommen wir die Genehmigung noch dieses Jahr, wenn nicht Anfang 2005.“ Letztendlich komme es auf einen Tag oder einen Monat nicht an, sagt Brümmer: „Wenn ich aus unseren Offshore-Planungen eines gelernt habe, dann das: Alles ist viel aufwändiger und komplexer als an Land und braucht deshalb viel mehr Zeit.“                 


 
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Dienstag, 28.12.2004, 11:03 Uhr