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Enerige & Management > Regenerative - Teile und ernte
Bild: Fotolia.com, DeVIce
REGENERATIVE:
Teile und ernte
Alle oder keiner. In vielen Kommunen Nordrhein-Westfalens gibt es klare Ansagen, wenn es um Windenergie geht. Von der Wertschöpfung der Windturbinen sollen möglichst viele profitieren. Um die Gunst von Kommunen und Landbesitzern konkurrieren Projektierer und Dienstleister aus landwirtschaftlichen Verbänden.
 
Wenn Kommunen neue Flächen für Windparks ausweisen, gibt es im Vorfeld oft schon mächtig Ärger. Projektierungsgesellschaften oder Landmakler versuchen, sich windhöffige Flächen zu sichern, bevor überhaupt klar ist, ob dort Windturbinen genehmigt werden. Für die so genannten Gestattungsverträge versprechen sie den Landbesitzern üppige Pachterlöse.

Mit den Unterschriften der Landeigner ist es in der Regel mit einer geordneten Planung in der Gemeinde vorbei. Allzu häufig regt sich Protest, weil nur wenige von den finanziellen Vorteilen eines Windparks profitieren. Um genau das zu verhindern, hat die 13 000-Einwohner-Stadt Schleiden in der Hocheifel ziemlich robust die Notbremse gezogen und quasi alle Flächen eingesammelt. „Entweder haben alle die Chance zu profitieren oder es gibt keinen Windpark“, lautet die Devise von Andreas Glodowski, dem Leiter der Stadtentwicklung, „unser Ziel mit dem neuen Windpark in Schleiden ist, dass die Einnahmen aus Pachten und die Erlöse bei möglichst vielen Anwohnern ankommen.“ 
 
Schleiden ist ein Musterbeispiel für das, was in Fachkreisen Flächen-Pooling genannt wird. Um den Zugriff auf möglichst alle Grundstücke zu bekommen, die für den neuen Windpark in Frage kommen, gründete die Stadt eine Eigentümergesellschaft für die entsprechenden Flächen. Das i-Tüpfelchen dabei: „85 Prozent der Pachtentgelte gehen an alle Eigentümer, 15 Prozent über eine Stiftung an die Schleidener Bürger. Die Stiftung finanziert kommunale Leistungen, die wir aufgrund unserer klammen Kassenlage nicht mehr bezahlen können“, so Planer Glodowski. Ebenso setzte Schleiden durch, dass der örtliche Energieversorger baut und 25 Prozent des benötigten Eigenkapitals regional zur Zeichnung anbieten muss, das heißt, es gibt eine Bürgerbeteiligung an dem geplanten Windpark.

Dass bei Glodowski oft das Telefon klingelt und Planer aus anderen Kommunen anrufen, wundert Dietrich Kraetzschmer von der Planungsgruppe Umwelt nicht. „Nach dem Windenergieerlass 2011 müssen Kommunen in NRW aktiv werden und Konzentrationszonen für Windenergieanlagen ausweisen. Das wichtigste ist eine sorgfältige und rechtssichere Planung dieser Zonen. Vorverträge sorgen da nur für Unruhe“, weiß er.

Was zählt, ist der Konsens im Dorf

Als Lösung hat sich die Bündelung von Flächen in Entwicklungsgesellschaften bewährt. Dieses Pooling ist in anderen Bundesländern wie Niedersachsen durchaus üblich und setzt sich auch in NRW aus zwei Gründen langsam durch. „Die Landbesitzer können oft keine Anlage mehr auf ihre Felder stellen, weil die neueren Maschinen mit großem Rotorblattdurchmesser immer mehr Fläche benötigen. Darum müssen sie sich ohnehin mit weiteren Grundstückseigentümern zusammenschließen“, erklärt Stefan Prott von der Energieagentur NRW. „Genauso wichtig ist, dass die Kommunen kein Interesse an Streitigkeiten in der Bürgerschaft haben und stattdessen auf einen Konsens setzen.“

Zumindest den leidigen Gestattungsverträgen schiebt das Flächen-Pooling in potenziellen Windeignungsgebieten einen Riegel vor, weil Landbesitzer nicht mit Dritten verhandeln dürfen. Bei der Frage, wer den Konsens herstellt und am Ende die Windturbinen errichten darf, haben klassische Projektierungsgesellschaften nicht immer den besten Stand. „Gerade auf dem Land ist so manchen Landwirten noch die erste Ausbauwelle der Windenergie in unguter Erinnerung, bei denen sie sich von großen Projektierern ohne lokalen Bezug übervorteilt gefühlt haben“, so Prott.

Das spielt den Dienstleistern landwirtschaftlicher Verbände in die Hände. Ihr Argument: Ortsfremde Projektierer seien nur auf hohe Margen aus und wollten geplante und errichtete Windparks mit satten Aufschlägen an in- oder ausländische Investoren verkaufen. „Im Moment treiben Projektierer die Pachterlöse bis an die Schmerzgrenze, um an die Flächen zu kommen, und machen Kommunen Versprechungen ohne Ende, obwohl es die Projekte noch gar nicht gibt“, moniert Heinz Thier, Geschäftsführer der BBWind Projektberatungsgesellschaft. Das Beratungsunternehmen ist eine Gesellschaft des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes. 

Thiers Credo ist, dass das „Verpachten von Flächen an Investoren Diebstahl an der Region ist“. Stattdessen sollten Landwirte bäuerliche Windparks bauen und daran Bürger, Kommunen, Stadtwerke oder Genossenschaften beteiligen. BBWind scheint in eine Marktlücke gestoßen zu sein. „Es läuft überraschend gut, denn wir haben bereits über 100 Entwicklungsgesellschaften auf den Weg gebracht, in denen die Flächen gebündelt sind, und können uns vor Arbeit nicht retten“, sagt Thier.

Erste Projektierer ziehen mit eigenen Pooling-Konzepten nach

Obwohl sich das Konzept bei der Verteilung von Pachterlösen und den Beteiligungsmöglichkeiten an den Windmühlen nicht wesentlich von der Konkurrenz unterscheidet, gibt es doch zwei Unterschiede. Einerseits liegen die Pachterlöse für Landbesitzer mit vier bis fünf Prozent etwa um die Hälfte unter den derzeit üblichen Konditionen. Andererseits profitieren von Pachten möglicher Windparks auch die unmittelbaren Anwohner, die in der Nachbarschaft der Windpropeller leben. „Die machen wir zu virtuellen Landbesitzern und sie erhalten eine jährliche Entschädigung. Wir verteilen 75 Prozent der Pacht auf die Fläche und 25 Prozent auf die Standorte. So profitieren auch Landeigner, die Überwegungen stellen oder ein Klagerecht hätten. Das kommt in den Gemeinden sehr gut an“, erläutert Thier.

Damit kratzt BBWind am Kerngeschäft der Projektierer. Ihr Modell, sich Flächen zu sichern und hinterher den Windpark zu verkaufen, funktioniert so nicht mehr. „Projektierer werden schnell mit unseriösen Anbietern in einen Topf geworfen, deren Geschäftsgebaren sich große Unternehmen überhaupt nicht leisten können. Wir suchen das Gespräch mit landwirtschaftlichen Verbänden, denn sie sind die Multiplikatoren für Landeigentümer“, sagt Stefan Otto vom Düsseldorfer Regionalbüro der wpd AG, das Projekte mit knapp 200 MW Leistung zwischen Rhein und Weser in der Pipeline hat.

Auch wpd hat ähnliche Modelle mit Verteilungsschlüsseln für Pachterlöse oder Ideen für Bürgerbeteiligungen und mehr Akzeptanz gestrickt. Problematisch findet Otto aber den kommunalen Druck. „In vielen Gemeinden hat die lokale Wertschöpfung absoluten Vorrang. Diesen ans Baurecht zu knüpfen, ist schwierig. Für die Akzeptanz ist es sicher gut, wenn sich viele Menschen vor Ort beteiligen. Es müssen sich aber genug Bürger finden, die hohe Summen in einen Windpark investieren und auch die Risiken kennen“, warnt er vor zu viel Euphorie.
So sieht es ebenfalls Bert Dreßen vom Regionalbüro der Energiekontor AG in Essen, der auch darauf hinweist, dass es genug schwierige Standorte mit unsicheren Erträgen gebe. „Windmühlen sind nicht automatisch Gelddruckmaschinen. Die Risiken für Bürger fallen beim Hype um die Windenergie hinten runter. Gut die Hälfte aller Projekte scheitert schon in der Planungsphase und die Investitionen sind dann weg“, gibt er zu bedenken. Energiekontor hat mehrere Projekte in der Genehmigungphase und will ab 2014 jährlich 30 bis 50 MW mit Bürgern und Kommunen bauen. „Es gibt nicht das Pooling-Konzept, das überall funktioniert. Das machen wir den Kommunen deutlich. Im Prinzip sind ländliche Dienstleister auch nur verkappte Projektentwickler, die sich Know-how einkaufen“, ärgert sich Dreßen. Es bleibt spannend in NRW, denn viele Kommunen sind laut seinen Aussagen noch in der Sondierungsphase.

In der Hocheifel-Kommune Schleiden sind alle Karten verteilt: „Inzwischen sind wir so weit, dass ein Windpark mit sechs Anlagen im nächsten Jahr am Netz ist“, lautet die Zwischenbilanz des in dieser Hinsicht zufriedenen Stadtentwicklers Glodowski.

 
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Montag, 28.10.2013, 09:09 Uhr