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REGENERATIVE:
Wind und Wald, Gott erhalt's
Im bayerischen Vogtland entsteht der erste oberfränkische Windpark auf Staatswaldflächen - und alle Akteure sind begeistert.
 

BAB 93 Ausfahrt Regnitzlosau-Gattendorf, nach rechts Richtung Gattendorf. In Neugattendorf rechts abbiegen in Richtung Kirchgattendorf ... Dazwischen liegt noch irgendwo Schloßgattendorf, und schließlich erreicht man den vereinbarten Treffpunkt „Waldeingang Bärenholz", wo sich normalerweise Fuchs und Hase gute Nacht sagen.

An diesem Tag, dem 24. Februar um 11.00 Uhr, trifft sich die lokale politische Prominenz mit Journalisten, mit Forstwirtschaftlern, mit Windparkplanern und Komponentenherstellern zum Startschuss für den Bau des ersten oberfränkischen Wald-Windparks Fasanerie. Eingeladen hatten Rudolf Freihager, Vorstandsvorsitzender der Bayerischen Staatsforsten, und die Eheleute Gisela Wending-Lenz und Ulrich Lenz, die Unternehmensleiter von Ostwind, dem Entwickler des Windparks.

Plus vier Grad Celsius zeigt das Thermometer auf 600 Meter über dem Meeresspiegel, gefühlt sind es eher deutliche Minusgrade, denn es weht ein eisiger Wind aus Nordost. Die Nasen triefen, die Hände sind blau angelaufen, das Schreiben fällt der Journalistenschar schwer, leichter haben es da die Radio- und Fernsehreporter, ein Mikrofon und die Kamera lassen sich leichter führen als ein Kugelschreiber. Der Platz vor der Bautafel ist ausgelegt mit Fichtenzweigen, ein warmes Bett für die Füße der Besucher, die auf ein großes Loch im Wald mit vielen Baumstümpfen schauen.

Im November, so verkündet Ulrich Lenz, wird in diesem Kahlschlag eine Windkraftanlage des Typs Enercon E82 mit einer Leistung von zwei Megawatt stehen; die Nabenhöhe wird bei 138 Metern und der Rotordurchmesser bei 82 Metern liegen. Die Propeller vier weiterer Anlagen dieses Typs sollen sich  in der näheren Umgebung drehen.

Zehn Megawatt Leistung werden dann verfügbar sein, 20 Millionen Euro hat Ostwind dafür investiert, damit, so die Windrechnung ,7 500 Haushalte mit Strom versorgt werden können und der Atmosphäre jährlich 17 500 Tonnen CO2-Ausstoß erspart bleiben.

Für die fünf Anlagen, zwei auf dem Gemeindegebiet von Regnitzlosau, und drei in der Gemarkung Gattendorf, wird insgesamt ein Hektar Wald geopfert, für den es an anderer Stelle Neuanpflanzungen gibt.

Dazu muss man wissen, dass in Bayern die Waldfläche stetig wächst. Seit 1981 sind 15 000 Hektar neuer Wald dazu gekommen, die letzte  Bilanz für das Jahr 2007 zeigt: 277 Hektar Rodung, 694 Hektar Erstaufforstung  -  Zugewinn 417 Hektar. Und mehr Wald ist ein bundesweiter Trend. Das Statistische Bundesamt meldet, dass die  Waldflächen in Deutschland seit 1992  jährlich um durchschnittlich 160 Quadratkilometer gewachsen sind.

Ein Hektar Wald für zehn Megawatt Wind

Wichtig dabei: Es entsteht anderer Wald. „Bis zum Ende dieses Jahrhunderts müssen wir in Bayern mit einem Anstieg der  Jahresmitteltemperatur um mindestens zwei Grad rechnen, bei einem gleichzeitigen Rückgang der Sommerniederschläge. Dies kann sich erheblich  auf die künftige Baumartenzusammensetzung der Wälder auswirken." So die Warnung des Bayerischen Forstministeriums, das nach Gastbaumarten für Bayern suchen lässt. Die prognostizierte Klimaveränderung, so die Erkenntnis, werden einige der angestammten Baumarten nicht vertragen: „Zu befürchten ist, dass bestimmte forstwirtschaftlich bedeutsame Baumarten vermehrt ausfallen werden", so das Ministerium.

Der Freistaat hat vor  fünf Jahren über das Staatsforstengesetz 800 000 Hektar Wald an die Bayerische Staatsforsten AöR zur kostenlosen Nutzung übergeben. Diese Anstalt des öffentlichen Rechtes, so erklärt  Reinhard Strobl beim Fasanerie-Startschuss,  „wurde ausdrücklich dazu aufgefordert, mit dem Wald weitere Geschäfte zu entwickeln und insbesondere auch die regenerativen Energien zu nutzen."  Auf Strobls Visitenkarte steht „Bereichsleiter Immobilien, Weitere Geschäfte". Unter regenerativer Energie  verstand man im Ministerium vor allem die Nutzung von Holz als Brennstoff, aber Forstmann Strobl dachte weiter: „Als die Nabenhöhen in den Himmel gewachsen sind, wurde der Wald  plötzlich interessant als Standort für Windenergieanlagen."

Und so waren für ihn „Weitere Geschäfte", dass er nach seiner Meinung geeignete Standorte potenziellen Projektpartner anbot, um die genehmigungsrechtlichen Voraussetzungen klären zu lassen. „Allein diese Tatsache war dann bereits politisch umstritten", erzählt Strobl - er hätte auch sagen können, beim Ausbau der Windenergie hat die bayerische Regierung schon immer gemauert.

80 Prozent der Bayern wollen mehr erneuerbare Energien

Der Waldwirtschaftler aber sagt, „es ist uns vorgeworfen worden, dass wir Dinge damit präjudizieren, dass wir die vom Gesetz verlangte Vorbildlichkeit nicht berücksichtigen, aber zum Glück haben wir das mittlerweile alles ausgestanden."  Der AöR-Aufsichtrat hat dem Bereichsleiter grünes Licht gegeben für den Betrieb weiterer Windparks in den bayerischen Wäldern. Strobls Kollege Michael Grosch, Betriebsleiter im Forstbetrieb Selb und damit zuständig für die Fasanerie: „Wind und Wald sind natürliche Partner."  Das haben bei der Entwicklung dieses Standortes nicht alle  Beteiligten so gesehen. „Reinhard", sagt Grosch in seiner Rede zu Strobl, „ich glaube, heute ist der Tag, wo man sagen kann, der Leidensweg hat sich gelohnt."   Bernd Hering, Landrat des Landkreises Hof: „Wir sind sehr stark angegriffen worden vom Bund Naturschutz aus dem Vogtlandkreis, das ging schon fast unter die Gürtellinie." Aber der CSU-Politiker ließ sich nicht beirren und förderte das Projekt mit ganzen Kräften. „Der Landkreis Hof ist sich der Klimaproblematik bewusst und unterstützt den Ausbau erneuerbarer Energien, unser Landkreis zählt zu den windreichsten Gebieten in Bayern, und der Windpark Fasanerie sichert den Einwohnern Lebensqualität durch Strom aus erneuerbaren Energien", sagt der Landrat den Journalisten. Und er erzählt davon, dass natürlich solche Windräder  „in Einklang mit der Natur und der Landschaft stehen müssen". In der Fasanerie sei alles untersucht worden, was Pflanzen- und Tierwelt beeinträchtigen könnte, der Flug von Vögeln und Fledermäusen genauso wie das Verhalten von Hirsch und Reh - Fuchs und Hase werden sich weiterhin gute Nacht sagen. Und so habe sich auch der für den Landkreis zuständige Bund Naturschutz „positiv zu diesem Projekt geäußert", gibt sich Hering zufrieden.

Und zufrieden sind auch die Standort-Bürgermeister. Der parteifreie  Hans-Jürgen Kropf, das Oberhaupt der 2 500-Seelen-Gemeinde Regnitzlosau: „ Die Firma Ostwind hat frühzeitig alle an diesem Projekt  Beteiligten eingebunden: Die Projektträger, die Grundstückseigentümer, die Nachbarn, die Kommunen, die Genehmigungsbehörden und vor allem die unmittelbar betroffenen Bürgerinnen und Bürger."  In  Gattendorf, gerademal halb so groß wie Regnitzlosau, wurde die  Fasanerie genauso reibungslos durch den Gemeinderat gewunken. Bürgermeister Stefan Müller, CSU: „Wir leisten einen Beitrag für den Klimaschutz und erhalten die Wertschöpfung bei der Erzeugung des Stromes in unserer Region." Beide Kommunalpolitiker beteuern, dass ihr positives Votum dem Klimaschutz galt und nicht den erhofften Gewerbesteuern, die in ein paar Jahren fließen werden. Je nach Standort, so Zahlen aus der Windbranche, können in zwanzig Jahren pro Megawatt installierter Leistung 100 000 Euro zusammenkommen. Wichtiger ist erstmal, dass das örtliche Handwerk vom Bau der Anlagen profitieren kann, alle Aufträge, so wird versichert, gehen an Unternehmen aus der Region.

„Guter Wind weht auch in Bayern!", so wirbt die Branche für mehr Propeller von Passau bis Penzberg. Es gäbe noch mehr als 1 000 gute Standorte, behauptet der BUND, der Bundesverband Windenergie spricht davon, dass auf mindestens einem Prozent der Landesfläche Windenergie sinnvoll genutzt werden kann. Stimmt das?  Lenz beklagt, dass Unternehmen wie seines auf einen Windatlas von 1984 zurückgreifen müssten, mögliche Winderträge in großen Höhen seien damit nicht zu bestimmen. Der Unternehmer wurde deshalb selbst aktiv. Vor den Toren Regensburgs ließ er „Deutschlands derzeit höchsten Windmessmast errichten", um gemeinsam mit Enercon in 140 Meter Höhe  zu messen, woher und mit welcher Stärke in Bayern der Wind weht.

In der Fasanerie jedenfalls weht er gut, und im November wird die klägliche bayerische Windbilanz etwas verbessert. 23 Prozent des bayerischen Stromes wurden laut letzter Statistik aus erneuerbaren Energiequellen erzeugt, nur 0,6 Prozent davon stammten aus der Windkraft.

Laut einer Forsa-Umfrage vom Februar befürworten 80 Prozent der Bayern den Ausbau der erneuerbaren Energien, damit liegt der Freistaat drei Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Und wie die Umfrage weiter zeigt: „82 Prozent der Bevölkerung erwarten ein verstärktes Engagement ihrer Landes- und Kommunalpolitiker für erneuerbare Energien." 

Und was sagte Strobl noch: „Natürlich partizipieren wir auch am wirtschaftlichen Erfolg der Windenergieanlagen und leisten so auch in finanzieller Hinsicht einen kleinen Beitrag zum Gemeinwohl in Bayern." Den Pachtzins für die Anlagen im Staatswald ließ sich der Forstmann nicht entlocken.


 
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Dienstag, 02.03.2010, 15:38 Uhr