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REGENERATIVE:
Windkraft von der Scholle
Mit dem Konzept „Bäuerlicher Bürgerwindpark" versucht die BBWind den Schulterschluss zwischen Landwirten und Lokalbevölkerung bei der Windkraftnutzung. Die ersten Windparks gehen wohl im Jahr 2014 ans Netz.
 
Die Umgebung für das Gruppenbild mit Dame hatte Heinz Thier bewusst gewählt: Zusammen mit seinen neun Mitstreitern von der BBWind steht er inmitten eines gelbgold glänzenden Getreidefeldes, im Hintergrund sind zwei Windturbinen auszumachen.

Was passt. Der 54-jährige Westfale ist ein Mann der Scholle und der Windkraft. Aufgewachsen auf einem Hof in Lembeck am Nordrand des Ruhrgebietes betreibt er als Geschäftsführer zusammen mit einem befreundeten Landwirt seit zwölf Jahren einen Windpark mit fünf Propellern und vielen Gesellschaftern. Immer wieder mit Windkraft hatte der Unternehmensberater eher indirekt auch bei seinem langjährigen Arbeitgeber zu tun, der BSB-GmbH Landwirtschaftliche Buchungsstelle. Und zwar betreut das Tochterunternehmen des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV) in Münster rund 12 000 bäuerliche Betriebe bei Buchführung und Steuererklärungen; von diesen Betrieben fahren einige mit eigenen Windturbinen eine zweite finanzielle Ernte ein.

Dass in Düsseldorf die Windenergie nach dem ersten Amtsantritt der rot-grünen Landesregierung im Sommer 2010 wieder mit im energiepolitischen Fokus stand, bekam der WLV schnell mit einer rasch wachsenden Zahl von Anfragen aus den Reihen seiner Mitglieder zu spüren. Der Einstieg ins Windgeschäft ist auf der westfälischen Scholle wieder en vogue geworden. „Wir mussten darauf professionell reagieren", erzählt Thier, weshalb der WLV und die BSB in diesem Mai die BBWind Projektberatungsgesellschaft in Münster gründet haben − und zwar mit ihm als Geschäftsführer. Zum Verständnis: BBWind ist ein Dienstleister, der keine Windparks auf eigene Rechnung errichtet und verkauft, sondern Beratungsleistungen anbietet.

Ziel ist eine möglichst breite Wertschöpfung in der Region

Die Abkürzung BBW steht für Bäuerlicher Bürgerwindpark, ein Konzept, mit dem Thier gegen den Ausverkauf landwirtschaftlicher Flächen an externe Makler und Investoren kämpft. Dass dafür heute mitunter Jahrespachten von 30 000 bis 40 000 Euro pro Standort einer Windturbine geboten werden, nennt Thier "nicht nur unseriös": „Das sind Luftschlösser, solche Summen werden später oft nicht ausgezahlt, weil bei solchen Belstungen ein Windpark nicht wirtschaftlich laufen kann. Zudem säen solche Summen nur Neid und Missgunst im Dorf, was der Akzeptanz der Windenergie letztlich schadet."

Heinz Thier: "Viele der heute gebotenen hohen Jahrespachten sind unseriös"
Bild: BBWind
Der BBW-Ansatz geht deshalb zurück zu den Wurzeln: „Es hilft nicht, fünf Bauern im Dorf mit der Windkraft reich zu machen, denen zufälligerweise die Grundstücke gehören", plädiert Thier nicht nur für Pachtmodelle, die alle Grundstückseigentümer in einem Windgebiet einbeziehen, sondern auch die Einbindung der direkten Anwohner eines Windparks, von Energiegenossenschaften und sogar der örtlichen Stadtwerke. Dieser Bürgerwindgedanke ist bei Thier gepaart mit einer möglichst breiten Wertschöpfung vor Ort: „Das fängt bei der Auftragsvergabe für lokale Unternehmen an und reicht bis zur Finanzierung der Windmühlen durch Sparkassen und Volksbanken in der Region." Nicht nur bekannte Großbanken könnten die Kredite für Windparks stemmen.

Thier weiß zu genau, dass sein Konzept so manchem der bundesweit agierenden Projektentwickler nicht schmeckt. Deren Ansatz ist es in der Regel, Grundstücke von Landwirten zu pachten, Windparks schlüsselfertig zu errichten und schließlich an Investoren zu verkaufen. Die „Sahne" bei solchen Windparkprojekten schöpften auswärtige Investoren ab, so der BBWind-Geschäftsführer. „Wir verstehen unser Geschäftsmodell als Alternative, für die wir in Westfalen-Lippe um Zustimmung werben", will sich Thier nicht dem Vorwurf eines allzu pauschalen „Projektierer-Bashing" aussetzen.
Der BBWind-Mann sieht sein Modell auch als Alternative zu den reinen Energiegenossenschaften, die einen Aufschwung erleben, und zu Projekten mit Bürgerwindbeteiligungen. Wichtig ist ihm: „Bei unserem Modell sind die Landwirte weiterhin Herr über ihre Böden."

Neuer Leitfaden „Artenschutz & Windenergie" ist in Vorbereitung

Zustimmung bekommt BBWind aus dem Düsseldorfer Klimaschutzministerium. „In dessen Ansatz erkenne ich ein sehr charmantes Konzept", sagt Windfachmann Phillip Fest, „die Teilhabe möglichst vieler Bürger an einem Windpark spiegelt den Gedanken der Bürgerbeteiligung wider, für den wir in unserem Windenergieerlass werben." Auch Johannes Lackmann, der zu den langjährigen Verfechtern von Bürgerwindparks in NRW zählt, zeigt sich „grundsätzlich" einverstanden mit dem BBWind-Konzept: „Sowohl die niedrigen Pachtzahlungen, für die BBWind wirbt, als auch die hundertprozentige Ablehnung von auswärtigen Heuschrecken ist mir sympathisch." Der Ansatz, dass Landwirte nun verstärkt ihre Flächen selbst für eigene Windturbinen nutzen wollen, komme „zehn Jahre zu spät", so Lackmann. „In der Vergangenheit ist einiges schiefgelaufen." Er sei jedenfalls gespannt, ob und wie die von BBW betreuten Windparkprojekte laufen.

Nach eigenen Worten haben Thier und seine Mitstreiter, zu denen einige bäuerliche Windmüller zählen, in den zurückliegenden Monaten bis Ende Oktober rund 60 Windpark-Entwicklungsgesellschaften angeschoben - fast alle zunächst in der Rechtsform einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GbR). Wieviele davon in einem nächsten Schritt dann in eine Planungs-GmbH und dann in eine Bau- und Betriebs-GmbH & Co. KG übergehen, wagt Thier nicht zu prognostizieren: „Die Hälfte der von uns betreuten Projekte kollidiert aktuell mit Artenschutzauflagen."

Ob es dabei bleibt, kann Fest schlecht vorhersagen. Abhilfe könnte der neue Leitfaden „Naturschutz & Windenergie" bringen, der derzeit von der Naturschutzabteilung des Ministeriums sowie vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz erarbeitet wird: „Wichtig ist uns, dass die Unteren Landschaftsbehörden künftig bei ihren Beurteilungen von Windparkprojekten nach einheitlichen Kriterien vorgehen." Noch in diesem Winter werde der Entwurf für den neuen Leitfaden mit einer Verbändeanhörung auf den parlamentarischen Weg gebracht.

Ob dieser Leitfaden wirklich hilft, will BBWind-Geschäftsführer Thier abwarten. Für ihn kommt es jetzt darauf an, bei den angeschobenen Windprojekten die nächsten Schritte einzuleiten: „Die große Umsetzungsphase kommt bei dem langjährigen Vorlauf ohnehin erst in den Jahren 2014, 2015 und 2016." Um den steigenden Beratungsbedarf abdecken zu können, plant BBWind, sein hauptamtliches Personal von derzeit drei auf mindestens zehn Mitarbeiter bis Ende kommenden Jahres zu erhöhen. Auch das soll helfen, das Konzept der Bäuerlichen Bürgerwindparks zum Erfolgsmodell zu machen. Heinz Thier: „Wir wissen, dass wir unter Beobachtungsstatus stehen."

 
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Dienstag, 30.10.2012, 10:02 Uhr