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REGENERATIVE:
Auf dem Weg zum Solar Valley
Französische Regionen setzen auf die Kraft der Sonne.
 

Ein grauer Lockenkopf, lebhafte blaue Augen, die Gestalt etwas rundlich - André Joffre steht auf einer Anhöhe inmitten einer idyllischen Gebirgslandschaft. Hier, auf etwa 1 600 m Höhe, schweift der Blick weit über Täler hin zu den auch im Sommer schneebedeckten Gipfeln der Pyrenäen; auf der angrenzenden Wiese grasen Kühe. Joffre weist auf einen riesigen Turm aus Beton mit einem eckigen Aufsatz und, in einigem Abstand davon, hunderte von Solarkollektoren auf Füßen. Hier ist der in Frankreich als "Solarpapst" geltende Mittfünfziger in seinem Element. Mit dem Akzent des Languedoc preist er engagiert und zugleich unaufgeregt die Solarenergie an. "Wir müssen dieses enorme Potenzial nutzen, um den Klimawandel zu bekämpfen. Und wir entwickeln dadurch die Wirtschaft in der Region."

Seit mehr als 25 Jahren vertraut Joffre in die Kraft der Sonne. Mit seinem Studienbüro Tecsol in der Nähe von Perpignan hat er zahlreiche Projekte entwickelt - nicht nur für Auftraggeber hier im südlichsten Winkel Frankreichs: Solarthermie für die Warmwasserbereitung in öffentlichen und gewerblich genutzten Gebäuden und Hotels sowie Photovoltaikanlagen. Aber Joffres Ambitionen gehen weit darüber hinaus: Die Region Languedoc-Roussillon soll zu einer Art Solar Valley werden. Das ist erklärter Wille der regionalen Politik, und ein Baustein dabei ist das Projekt, das er hier bei Targassonne vorstellt, in der Cerdagne genannten Gegend, die bei Bewohnern Barcelonas wegen der geringen Entfernung und der guten Luft beliebt ist als Ferienregion: Das ehemalige Solarkraftwerk Thémis wird wieder zum Leben erweckt.

Reanimation der Solarforschung

Die Gegend ist prädestiniert: Durchschnittlich 300 Sonnentage pro Jahr werden hier gezählt, die Einstrahlung beträgt etwa 1 000 W/m2. In Folge der Ölkrise hatte EDF hier in den 1970er Jahren begonnen, die Solarenergie zu nutzen und dafür über 60 Mio. Euro investiert. 1983 wurde die thermodynamische Versuchsanlage eröffnet. Aber die Stromproduktion blieb gering, und mit dem fallenden Ölpreis stellte EDF 1986 den Betrieb ein. Nun ist es vorbei mit dem Dornröschenschlaf: Die Provinzverwaltung der Region Pyrénées Orientales, der Conseil Général, übernahm 2004 die Anlage. Hier soll wieder Strom produziert und zugleich geforscht werden. Der Versuchsbetrieb läuft bereits seit knapp einem Jahr. Auf den gut 100 ha Fläche sollen ab 2009 insgesamt 80 der 200 Module, die sich am jeweiligen Sonnenstand ausrichten, das Sonnenlicht einfangen. Dieses wird auf einen Rezeptor im gut 100 m hohen Turm konzentriert. Mit der Hitze wird Wasserdampf erzeugt, der eine Turbine antreibt und so Strom produziert.

Ende 2006 begann zudem das Forschungsprojekt Pégase (Production d'électricité par turbine à gaz et énergie solaire, Stromerzeugung mittels Gasturbine und Sonnenenergie), das vom nationalen Forschungsinstitut CNRS betreut wird. "Mit dem Klimawandel und der Hausse des Ölpreise wuchs das Interesse, sich hier wieder mit der Solarenergie zu beschäftigen", sagt Projektleiter Alain Ferrière. "Unser Ziel ist, eine hocheffiziente Anlage mit sehr hohen Erträgen zu entwickeln. Dafür soll die durch die Sonnenstrahlung erzeugte Temperatur auf 1 000 °C gebracht werden - bisher wurden nur 500 °C erreicht."

Wissenschaftler des CNRS forschen außerdem mit einem "Solarofen" nur wenige Kilometer entfernt, in Odeillo. Diese Anlage wurde 1970 in Betrieb genommen und galt lange als einer der weltgrößten Solaröfen. Hier wird Materialforschung, vor allem für die Raum- und Luftfahrt, betrieben. Die dort eingesetzten Metalle lassen sich mit der "thermischen Diagnostik" auf ihre Widerstandsfähigkeit gegen extrem hohe Temperaturen testen. Die Anlage mit einer Leistung von 1 MW funktioniert nach dem Prinzip der Doppelreflexion. 63 terrassenförmig angeordnete bewegliche Heliostaten mit je 45 m2 Fläche schicken das Sonnenlicht auf eine riesige parabolische Spiegelfläche. Die 860 Spiegel reflektieren die Strahlen auf einen 18 m entfernten Konzentrator. "Damit erreichen wir eine bis zu tausendfache Konzentration", sagt Forschungsdirektor Gabriel Olalde.

Der Solarofen von Odeillo ist die Großversion des Prototyps, den Felix Trombe, ein Ingenieur und Pionier der Solarenergienutzung, 1949 im benachbarten Mont-Louis errichtet hatte. 1993 wurde dieser einst weltweit erste Sonnenofen "wiederbelebt". Hier gibt es heute Vorführungen für das allgemeine Publikum - 30 000 Besucher kommen pro Jahr. Der Direktor der Anlage, Denis Eudeline, brennt mit Begeisterung mit den konzentrierten Sonnenstrahlen ein Loch in eine 1 cm dicke Metallplatte. "Dafür braucht man 3 500 Grad Celsius", sagt er. Die Anlage mit derzeit 140 m2 Kollektorfläche soll für Forschungen von 50 auf 75 kW erweitert sowie mehrere Sonnenöfen miteinander kombiniert werden. An der Betreiberfirma Four Solaire Développement ist auch der Pôle de Compétitivité Derbi beteiligt.

Ein regionaler Kompetenzcluster wird entwickelt

Diese Vereinigung, deren Präsident Joffre ist, hat sich zum Ziel gesetzt, die erneuerbaren Energien im Bausektor und in der Industrie zu entwickeln. Die Arbeit wird vorwiegend aus Staatsgeldern finanziert; von den rund 140 Mitgliedern des Kompetenzclusters sind die Hälfte Unternehmen, außerdem Verbände, Bildungs- und Forschungseinrichtungen, regionale Körperschaften sowie Finanzinstitutionen. Insgesamt 110 Mio. Euro wurden seit der Gründung 2005 bereits in Forschungs- und Entwicklungsprojekte gesteckt, vor allem im Solarbereich. Wichtig sind den Beteiligten die Kooperation und der Austausch über die Region hinaus auf nationaler wie internationaler Ebene. Fokussiert wird dies jedes Jahr in der großen Konferenz Derbi in Perpignan, zu der 2008 auch Teilnehmer aus dem sonnigen Kalifornien anreisten.

Dort, wie auch in der zweiten Solarregion Frankreichs, Rhône-Alpes, wo Ende Juni eine vom europäischen Dachverband Epia organisierte Photovoltaik-Tagung stattfand, wurde eine positive Bilanz der jüngsten Entwicklung der Solarenergie in Frankreich gezogen. War die Solarthermie schon seit einigen Jahren auf dem Vormarsch - Ende 2007 waren 320 000 m2 installiert - so hat nun die Photovoltaik, bisher absolute Nischentechnologie im Land der Atomkraft, einen Sprung nach vorn gemacht: Im Jahr 2007 hat sich die neu installierte Leistung von 12 auf 25 MW mehr als verdoppelt. Insgesamt waren Ende 2007 damit 70 MW Leistung installiert. Davon entfällt gut die Hälfte auf das Kernland, der Rest auf die französischen Überseegebiete. Führend ist der Südosten des Landes (Provence, Alpes, Côte d'Azur) mit 4,7 MW, gefolgt von der Region Rhône-Alpes mit 4,3 MW. Den dritten Platz belegt mit 4 MW der am Atlantik gelegene Westen Frankreichs.

Die Entwicklung hat einen guten Grund: Im Juli 2006 wurde die Einspeisevergütung für Solarstrom von 14 auf 30 Cent/kWh angehoben. Dabei gestaltete die Regierung den Tarif für gebäudeintegrierte Anlagen besonders attraktiv: Hierfür gibt es einen Zuschlag von 25 Cent auf den Basistarif, das heißt: 55 Cent/kWh, plus dem Inflationszuschlag von rund zwei Cent. Zudem genießen Privatleute noch eine Steuerermäßigung von 50 Prozent für die Anschaffung der Anlagen sowie eine Ermäßigung der Mehrwertsteuer, wenn das eigene Haus damit bestückt wird. Dazu kommen regionale Zuschüsse, die bis zu 2 000 Euro betragen können.

Der Photovoltaikmarkt ist in Gang gekommen

"Der Photovoltaikmarkt ist in Gang gekommen. Die Nachfrage ist sehr groß", sagt Eric Laborde, Chef des Unternehmens Photowatt mit Sitz bei Lyon. Das Unternehmen mit rund 800 Mitarbeitern ist bisher der einzige französische Hersteller von Solarzellen, produziert aber auch Module. "Bisher hat Photowatt in Frankreich 40 MW installiert, vorwiegend kleine Anlagen, vor allem für Privatkunden", berichtet Laborde. Nur rund ein Drittel der Produktion bleibt im Inland, die Firma lebt huaptsächlich vom Export, vor allem nach Spanien und nach Deutschland.

Auf den Export ausgerichtet ist auch eine Fertigung, die momentan in der Provence aufgebaut wird. Beteiligt sind die holländische Econcern und Solon, außerdem Photon Power Industries sowie die norwegische Norsun. Das Projekt Silpro (Silicium de Provence), angesiedelt auf einem ehemaligen Chemiegelände in St. Auban, ist mit Unterstützung der Region und der Zentralregierung entstanden und soll ab 2010 jährlich mehrere tausend Tonnen hochreines polykristallines Silizium für die Solarindustrie liefern. Investitionsvolumen: 230 Mio. Euro, eine Ausweitung auf 500 Mio. Euro wird erwogen.

Der einzige wirklich große Modulhersteller in Frankreich ist Tenesol, an dem Total und EDF jeweils zu 50 Prozent beteiligt sind. Alle anderen Firmen projektieren oder installieren. Laborde wie auch andere Industrievertreter, haben ein großes Interesse daran, Photovoltaik-Freiflächenanlagen zu bauen. Allerdings gibt es dafür Hindernisse: "Der Tarif ist zu niedrig. Er müsste bei 38 Cent/kWh liegen, damit die Anlagen rentabel würden", heißt es beim neuen Dachverband Soler.

Dennoch planen die Großen der Branche voraus: So will EDF Energies Nouvelles weitgehend noch in diesem Jahr drei Freiflächenprojekte errichten, unter anderem 7 MW bei Narbonne und 3,5 MW in der Haute Provence. Und so wird für dieses Jahr mit einer weiteren Verdoppelung der landesweit installierten Leistung auf 150 MW gerechnet, und für danach ein weiterer steiler Anstieg erwartet. Bis 2012 werden 1 100 MW angepeilt, bis 2020 sollen 5 400 MW erreicht werden, meint der Solarverband Soler, der rund 110 Firmen zählt. Innerhalb von zwei Jahren hat sich deren Zahl mehr als verdreifacht. Der Pôle Derbi und Joffre haben daran ihren Anteil, das ist sicher. Was ihn motiviert: "Es gibt Politiker, die an die Photovoltaik glauben, andere glauben nicht daran. Aber das ist nicht so wichtig, denn die Menschen wollen die Solarenergie."


 
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Dienstag, 09.09.2008, 08:47 Uhr