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REGENERATIVE:
Bodenständigkeit als Maxime
Die EnviTec Biogas AG ist Marktführer der heimischen Biogasbranche, was in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt ist. Dank der Millioneneinnahme aus dem Börsengang forciert das Unternehmen die Auslandsexpansion sowie den Bau des eigenen Anlagenbestandes.
 

Einen besonderen Platz auf seinem Sideboard hat Jörg Fischer dem historischen Dokument nicht eingeräumt: Im Büro des EnviTec Biogas-Finanzvorstandes Fischer dürften wohl nur aufmerksame Besucher den Kurszettel ausmachen, der die ersten Börsenminuten des südoldenburgischen Biogasanlagen-Herstellers vom 12. Juli vergangenen Jahres dokumentiert: Um Viertel nach neun lag der erste Kurs bei 50,50 Euro im Prime Standard der Frankfurter Wertpapierbörse - sieben Prozent über den Ausgabewert von 47 Euro, die Emission war damals mehrfach überzeichnet. Seitdem ist mit EnviTec neben Schmack Biogas und Biogas Nord hierzulande der dritte Hersteller von Biogasanlagen an einer Börse gelistet.

Gut 141 Mio. Euro flossen so in das Unternehmen, knapp 100 Mio. Euro in die Kassen der drei Altaktionäre Olaf von Lehmden, Kunibert Ruhe und Tobias Schulz, von denen von Lehmden und Ruhe neben Fischer dem Vorstand angehören. As time goes by: Mitte März 2008 dümpelte der EnviTec-Kurs auf einem Niveau von unter 14 Euro.

Was nicht im Sinne des Vorstandstrios ist. Die Krise in der heimischen Biogasbranche ist auch an Deutschlands größtem Anlagenhersteller von Biokraftwerken nicht spurlos vorbeigegangen. "Die Umsatzentwicklung ist hinter unseren Erwartungen zurückgeblieben", musste Finanzvorstand Fischer bei Vorstellung der Bilanzzahlen für die ersten neun Monate des letzten Geschäftsjahres einräumen.

Dennoch, das ist der entscheidende Unterschied zu einigen Wettbewerbern, verdient EnviTec gutes Geld. Der Quartalsbericht weist ein Ebit von 15,8 Mio. Euro aus (Vorjahreszeitraum: 13,2 Mio. Euro). Die Bilanz für das gesamte Geschäftsjahr 2007 wird der Vorstand erst Ende April vorstellen: Alles andere als ein Plus wäre eine bittere Überraschung, die die deutsche Biogasbranche am Kapitalmarkt in noch weitere Schwierigkeiten bringen würde.

Eine Zahl zumindest steht fest: Bis zur Silvesternacht 2007/2008 hatte EnviTec 236 Biogasmodule mit einer Gesamtleistung von rund 114 MW ans Netz gebracht, und damit eine fast doppelt so große Leistung wie die Schmack Biogas AG. Dass die Oberpfälzer mit ihrem umtriebigen Vorstand und Firmengründer Ulrich Schmack, der die Bioenergie im Kanzleramt beim Energiegipfel im vergangenen Frühjahr vertrat, von der breiten Öffentlichkeit eher als das Leitunternehmen der Biogasbranche wahrgenommen wird, stört Jörg Fischer nicht im geringsten: "Wir sind ein durch und durch bodenständiges Unternehmen, was zum Menschenschlag hier an unserem Stammsitz im Oldenburger Münsterland passt." 

Genau genommen operiert EnviTec von zwei Standorten aus, was auch mit der Firmengeschichte zusammenhängt: In Lohne ist die offizielle Firmenzentrale, im nordmünsterländischen Saerbeck, etwa 80 km südlich, haben der Vertrieb und das Projektmanagement für alle Aufträge ihr Domizil.

Das Unternehmen EnviTec Biogas gibt es in der heutigen Konstellation seit dem Jahr 2002. Der heutige Vorstandschef Olaf von Lehmden, der bis dahin sein Geld bei mehreren Eierproduzenten in Südoldenburg verdient hatte, wollte in jenen Tagen eine Biogasanlage kaufen. Handelseinig wurde er mit Kunibert Ruhe, dem Geschäftsführer der damaligen EnviTec Umweltsysteme in Saerbeck, einem Anfang der neunziger Jahre gegründeten Biogasanlagen-Hersteller, der zwischenzeitlich einer Baustoffgruppe und danach der Borsig Energy GmbH, einem Tochterunternehmen des insolvent gegangenen Babcock-Konzerns, gehört hatte. 

Aus der Bestellung wurde mehr: Von Lehmden und sein Partner Tobias Schulz überzeugten die Wachstumsperspektiven des Biogasgeschäftes. Sie stiegen bei EnviTec ein und brachten das Geld mit, das dem Unternehmen bis dahin für seine Expansionspläne gefehlt hatte. Einen besseren Zeitpunkt zum Branchenwechsel hätte sich der studierte Betriebswirt von Lehmden nicht ausgucken können. Die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes trat dank der erstmals gewährten Zuschüsse für den Einsatz nachwachsender Rohstoffe bei der Vergärung spätestens ab Sommer 2004 einen Nachfrageboom los. Auch dank der geographischen Lage profitierte EnviTec von einer wachsenden Zahl von Aufträgen: Lohne liegt inmitten der Region mit der höchsten Massentierhaltung bundesweit, gerade für diese Betriebe lohnt sich angesichts der anfallenden Güllemengen eine eigne Biogasanlage.

Bis 2010 ein Eigenbestand von 100 MW

Bei EnviTec setzte die neue Führungscrew schnell auf eine Standardisierung der Biogasanlagen, um Kosten zu reduzieren. Dabei konzentrierten sich die Südoldenburger auf die Größenordnung von 500kW, die nach dem EEG am meisten begünstigste Anlagenklasse. In der sich abzeichnenden EEG-Novelle und den parallel verbesserten Bedingungen für die Biogaseinspeisung bereitet EnviTec jetzt die Standardisierung von Großanlagen vor, und zwar bis zu einer Größenordnung mit 3,5 MW elektrischer Leistung. "Unsere Anlagen sind dabei vermehrt als Multi-Feedstock-Kraftwerke ausgelegt, das heißt, in den Fermentern können verschiedene Eingangsstoffe vergoren werden", erläutert Vorstand Fischer.

Dass der Fachverband Biogas bei der aktualisierten EEG-Novelle verstärkt auf kleinere Biogasanlagen setzt, kollidiert mit der Geschäftsstrategie von EnviTec. Nicht die erste Meinungsverschiedenheit: Im vergangenen Jahr trat EnviTec aus dem Fachverband aus.

Damit die Dividende stimmt, setzt EnviTec neben der weiteren Standardisierung und der Gaseinspeisung insbesondere auch auf den Betrieb eigener Anlagen sowie auf das Auslandsgeschäft: "Bis zum Jahr 2010 wollen wir über einen Eigenbestand von 100 Megawatt im In- und Ausland verfügen", skizziert Fischer die Marschrichtung. Der Vorteil: So verfügt die Firma über laufende Einnahmen, was die Finanzierung neuer Projekte und die Kreditwürdigkeit bei den Banken erleichtert. Fischer weiß wovon er spricht. Vor seinem Wechsel zu EnviTec im vergangenen Sommer hatte er bei der Bremer Landesbank die Abteilung zur Förderung erneuerbaren Energien geleitet.

Den Bau von Großanlagen standardisieren

Das Auslandsgeschäft bei EnviTec steckt noch in den Kinderschuhen, bis Ende des vergangenen Jahres waren fünf Module am Netz. Dank der Einnahmen aus dem Börsengang und der derzeit außergewöhnlich hohen Eigenkapitalquote von 87 Prozent dürfte den Südoldenburgern die Ankurbelung des Exportgeschäftes nicht schwer fallen. Wo EnviTec Fuß fassen will, daraus macht Fischer kein Geheimnis - und zwar in Belgien, den Niederlanden, Frankreich, Tschechien, Ungarn und Italien. Deutschlands Marktführer fokussiert sich bei der Auslandsexpansion nicht nur auf Europa. Ende Februar erhielt das Unternehmen als Partner des "Green Planet Energy Pvt. Ltd."-Konsortiums einen Auftrag aus Indien für den Bau von 30 Biogasanlagen mit jeweils 1 MW Leistung.

Überzeugen will EnviTec im Ausland seine Kunden mit der hohen Zuverlässigkeit seiner Biokraftwerke: "Im vergangenen Jahr lag die Verfügbarkeit der von uns betreuten Anlagen bei 93 Prozent", laut Vorstand Fischer ein Spitzenwert.

Ein Wert, den Ernst Arp bestätigt. Der Landwirt aus dem schleswig-holsteinischen Sollerup hat im Verlauf der vergangenen zweieinhalb Jahre zwei Anlagen mit zusammen 1,7 MW Leistung bei EnviTec gekauft: "Das ist für mich der Mercedes unter den Biogasanlagen, ich bin wirklich zufrieden." Auch Rudi Denissen aus dem mecklenburgischen Wöbbelin baut derzeit seine zweite EnviTec-Biogasanlage: "Von der Materialverarbeitung und dem Service, den ich in den vergangenen zwei Jahren erfahren habe, ist mir die Wahl einfach gefallen, sodass ich auch Kollegen die Firma weiterempfehle."

Worte, die der EnviTec-Vorstand gerne hören dürfte. Noch lieber sähe es Finanzvorstand Fischer, wenn seine Prognose einträfe, die in einer Unternehmensbroschüre veröffentlicht ist. Gefragt, wie er die Aussichten des Biogasmarktes in Zukunft sieht, sagte Fischer: "Rosig!" Spätestens wenn Analysten und Investoren dieses Gefühl haben, dürfte der Aktienkurs von EnviTec wieder nach oben klettern.


 
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Mittwoch, 12.03.2008, 08:38 Uhr