• Online die rheinland-pfälzischen Solarpotenziale entdecken
  • Lade-Algorithmus besteht Praxistest
  • Rolls-Royce Power Systems spürt wirtschaftliche Erholung
  • Klimaeffekt bei Elektrofahrzeugen "teuer erkauft"
  • Zweitwärmster je gemessener Juli in Europa
  • Nach der Flut klimagerechten Wiederaufbau starten
  • Pfalzsolar bringt App für private Solaranlagen auf den Markt
  • Deutsche Bahn fährt mit Wasserkraft aus Norwegen
  • Schäden durch Ransomware in zwei Jahren vervierfacht
  • Neues Projekthaus für Amprion im Bau
Enerige & Management > Gas - Corona rüttelt am Umstellplan
Bild: Fotolia.com, WoGi
GAS:
Corona rüttelt am Umstellplan
Die Corona-Pandemie verzögert anstehende Umstellarbeiten für den Wechsel von L-Gas auf H-Gas im Nordwesten Deutschlands.
 
Stadtwerke pflegen den Ruf, nahe an ihren Kunden zu sein − sozusagen immer da für die Menschen vor Ort. Dieser Ruf hat sich bezahlt gemacht und mancherorts sogar die Rekommunalisierung der Energieversorgung befördert.

Doch in Zeiten von Corona ist genau diese Nähe auch zum Problem geworden. Selbst Stadtwerke mussten in den letzten Wochen beim Kundenkontakt auf Abstand gehen und deshalb Servicecenter schließen, Zählerablese- und Installationstermine streichen oder verschieben. Der Schutz von Mitarbeitern und Kunden vor einer Infektion steht im Mittelpunkt.

Lässt sich eine Beratung im Kundencenter noch relativ leicht zu einem späteren Zeitpunkt nachholen, sind andere Verzögerungen schwieriger zu bewältigen. So droht Corona beispielsweise den Fahrplan für die Marktraumumstellung in der Gasversorgung gründlich durcheinanderzubringen. Der Wechsel von L-Gas zu H-Gas im Nordwesten Deutschlands ist im Moment eines der größten Infrastrukturprojekte der Gaswirtschaft.

„Wir sehen, dass sich die Marktraumumstellung wegen Corona verzögert“, sagt Inga Posch, Geschäftsführerin der Vereinigung der Fernleitungsnetzbetreiber (FNB Gas). Mit wie viel Verzögerung zu rechnen sei, könne noch nicht abgeschätzt werden.
FNB Gas verantwortet den Umstellfahrplan, der vorsieht, bis 2030 etwa 5 bis 6 Mio. bisher mit L-Gas betriebene Geräte − vom Herd über Heizungen bis zum Industriebrenner − auf die Nutzung von H-Gas umzustellen; in diesem Jahr sollen es knapp 400.000 sein. Jedes einzelne Gerät muss dafür von einem Spezialisten begutachtet werden. Für den Großteil ist direkt vor oder nach dem Gaswechseltermin eine technische Anpassung erforderlich. Nur ein Teil der Geräte stellt sich automatisch um.

Nötig wird die Umstellung, weil die L-Gas-Förderung in den Niederlanden eingestellt wird und diese Gasqualität dann nicht mehr zur Verfügung steht.
Schon bald nach den ersten Kontaktbeschränkungen wegen Corona wurde klar, dass die Arbeiten nicht wie geplant weiterlaufen können. Hausbesitzer sagten Umstelltermine ab oder verweigerten Monteuren den Zutritt. Monteure waren wegen Quarantäne oder Krankheit nicht einsatzfähig.

Schon im März stoppte deshalb beispielsweise die SWTE Netz GmbH, Tochter der Stadtwerke Tecklenburger Land, in Ibbenbüren sämtliche Kundenbesuche für die Marktraumumstellung. „Bei allen notwendigen Arbeiten haben Sicherheit und Gesundheit aller Beteiligten höchste Priorität“, begründete Michael Bußmann, technischer Leiter der SWTE Netz, die Unterbrechung. Ende April entschied sich das Unternehmen dann doch, Anfang Mai mit der Geräteanpassung zu beginnen.

Auch die EWE Netz GmbH, Tochter des Oldenburger Energieversorgers EWE, ließ die Umstellung erst einmal weitgehend ruhen. „Wir werden lediglich unbedingt notwendige Anpassungen an Geräten in bereits begonnenen Umstellbezirken beenden, erfassen aber derzeit keine weiteren Geräte“, erklärte im März Torsten Maus, Vorsitzender der EWE-Netz-Geschäftsführung. Das Unternehmen hatte noch im Januar mitgeteilt, in den folgenden Monaten 60.000 Geräte umstellen zu wollen.
Andere Netzbetreiber setzten die Umstellarbeiten trotz Corona fort. Avacon und mehrere Stadtwerke im östlichen Niedersachsen sowie im angrenzenden Sachsen-Anhalt verschoben lediglich einen Umschalttermin um einige Tage, um Monteuren etwas mehr Zeit zur Geräteanpassung zu geben.

An den Umschalttermin, an dem im Netz von L-Gas auf H-Gas gewechselt wird, ist auch der Zeitpunkt für die Geräteanpassung gekoppelt. Denn werden Gasgeräte nicht in den Wochen direkt vor oder nach dem Umschalttermin im Netz an die neue Gasqualität angepasst, drohen Schäden an den Geräten, im schlimmsten Fall kann es sogar zu einer Gefährdung der Betreiber kommen.

Die unterschiedliche Vorgehensweise der Unternehmen ist offiziell genehmigt. „Die gesetzliche Verantwortung für die Marktraumumstellung liegt bei den Netzbetreibern. Sie entscheiden, ob eine Verschiebung der Umstellmaßnahmen angezeigt ist“, erklärten Anfang April in einer gemeinsamen Pressemitteilung Bundeswirtschaftsministerium und Bundesnetzagentur. Aus Sicht des Bundes sei verständlich, wenn Netzbetreiber entschieden, vorerst keine neuen Anpassungen mehr einzuleiten, so die Mitteilung.

Aber auch die Fortsetzung von Umstellarbeiten wollten Ministerium und Netzagentur trotz Corona nicht beschränken. „In jedem Fall muss sichergestellt werden, dass einmal begonnene Umstellungen geordnet zu Ende gebracht werden“, stellen sie klar. Wenn ein Netzbereich bereits von L- auf H-Gas umgestellt worden sei, müssten die Gasverbrauchsgeräte zeitnah an die neue Gasqualität angepasst werden, damit die Betriebssicherheit dieser Geräte gewährleistet bleibe.

Auch aus juristischer Sicht ist die Fortsetzung der Umstellarbeiten korrekt. „Rein rechtlich gesehen sind sie in den Häusern zulässig, solange sie nicht von Gesundheitsbehörden untersagt werden“, sagt BBH-Anwalt Christian Held, der Stadtwerke bei der Marktraumumstellung berät. Bislang sei ihm nur eine Untersagung bekannt.

Eine generelle für alle gültige Unterbrechung und Verschiebung der Marktraumumstellung war nach Gesprächen zwischen Behörden und Netzbetreibern als nicht praktikabel verworfen worden. Von Unternehmensseite wird das vielfach als sinnvoll erachtet. „Die vom Wirtschaftsministerium eingeräumte Möglichkeit, individuell über Verschiebungen zu entscheiden, war eine gute Lösung“, sagt Ingbert Liebing, der neue Geschäftsführer des Stadtwerkeverbands VKU. „Eine für alle betroffenen Unternehmen ideale Pauschallösung gibt es nicht.“

Das Vorgehen des Ministeriums trifft jedoch nicht nur auf Zustimmung. „Ich hätte mir gewünscht, dass sich das Wirtschaftsministerium eindeutiger positioniert und nicht nur die Verantwortung für eine Verschiebung oder Fortführung der Umstellarbeiten an die einzelnen Netzbetreiber abschiebt“, meint Berater Held. „Möglicherweise wäre eine zentral gesteuerte Vorgehensweise die bessere gewesen.“

Ob die bisherigen und noch zu erwartenden Verzögerungen bis Ende des Jahres aufgeholt werden können, ist schwer vorherzusagen. Laut Erhebungen des DVGW sind für das Jahr 2020 insgesamt 37 Schalttermine bei 17 Verteilnetzbetreibern anberaumt; der Großteil in den Monaten Juni bis September. Die meisten Netzbetreiber strebten derzeit an, diese Schaltungen planmäßig vorzunehmen, so der Branchenverband BDEW. Nicht auszuschließen ist, das der eng gestrickte Umstellplan noch einmal angepasst werden muss.

Ohne Einschränkungen läuft die Marktraumumstellung bislang auf der Fernleitungsebene. „Auf Seiten der Fernleitungsnetzbetreiber, die neue Pipelines für die H-Gas-Versorgung bauen, sehe ich noch keine Verzögerungen. Alle Baustellen laufen planmäßig“, berichtet FNB-Gas-Geschäftsführerin Posch. Das bestätigt auch ein Sprecher des Netzbetreibers OGE. Die Verlegearbeiten für die neue Pipeline Zeelink in Nordrhein-Westfalen, die gebraucht wird, um bisher mit L-Gas versorgte Gebiete mit H-Gas zu beliefern, seien im Plan, heißt es aus der OGE-Zentrale in Essen.

Das würde sich so manches Stadtwerk auch für die anstehenden Umstellarbeiten im eigenen Netzgebiet wünschen. Der BDEW hat angekündigt, Vorschläge zu erarbeiten, „um in der aktuellen Situation eine für alle Beteiligten tragfähige Lösung zu finden und Verzögerungen auf das notwendige Mindestmaß zu begrenzen“. Auf dieses Papier wird dringend gewartet.

 
Möchten Sie diese und weitere Nachrichten lesen?
 
 
Testen Sie E&M powernews
kostenlos und unverbindlich
  • Zwei Wochen kostenfreier Zugang
  • Zugang auf stündlich aktualisierte Nachrichten mit Prognose- und Marktdaten
  • + einmal täglich E&M daily
  • + zwei Ausgaben der Zeitung E&M
  • ohne automatische Verlängerung
 
Jetzt kostenlos testen
 
Login für Kunden
 

Kaufen Sie den Artikel
  • erhalten Sie sofort diesen redaktionellen Beitrag für nur € 8.93
 
JETZT ARTIKEL KAUFEN
Mehr zum Thema

 
Haben Sie Interesse an Content oder Mehrfachzugängen für Ihr Unternehmen?
 
Sprechen Sie uns an, wenn Sie Fragen zur Nutzung von E&M-Inhalten oder den verschiedenen Abonnement-Paketen haben.
Das E&M-Vertriebsteam freut sich unter Tel. 08152 / 93 11-77 oder unter  vertrieb@energie-und-management.de über Ihre Anfrage.
 
WEITERE INFORMATIONEN
© 2021 Energie & Management GmbH
Freitag, 01.05.2020, 11:09 Uhr