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Enerige & Management > Industrie - Der Trend geht zur Mühle hinter der Fabrik
Bild: Fotolia.com, DeVIce
INDUSTRIE:
Der Trend geht zur Mühle hinter der Fabrik
Der neue Trend: Immer mehr Industriebetriebe beziehen ihren Strom aus erneuerbaren Energien auf dem eigenen Grundstück. Das ist neuerdings so günstig, dass sich sogar der Vor-Ort-Verkauf von Ökostrom lohnt.
 
Schon seit langem erzeugen Industriebetriebe Strom selbst. Neu ist allerdings, dass sie das immer häufiger mit erneuerbaren Energien tun. Die Stromerzeugung mit Photovoltaikanlagen und Windrädern direkt auf dem Firmengelände ist mittlerweile wirtschaftlich so attraktiv, dass sie sich sogar dann lohnt, wenn Anlagenbetreiber und Stromverbraucher verschiedene juristische Personen sind. Der Eigenverbrauch und die Direkt- und Vor-Ort-Vermarktung von Ökostrom sind auf dem Vormarsch. Während das Einspeisen von Ökostrom ins allgemeine Netz nach der Bundestagswahl am 22. September uninteressanter werden könnte, weil die Einspeisevergütungen des EEG geändert werden, entstehen hier Geschäftsmodelle, die unabhängig sind von öffentlicher Förderung.
 
Bei der Firma Finke Formenbau im westfälischen Altenbeken ersetzen die Kilowattstunden aus dem Windrad und aus der eigenen Solaranlage den teuren Strom aus dem Netz 
Bild: Finke Formenbau


Öko-Anlagen zur Deckung des eigenen Strombedarfs sind schon lange keine exotische Ausnahme mehr. Mitte August stellte das Hamburger Hafenunternehmen Eurogate der Öffentlichkeit seine neu errichtete Nordex-Windkraftanlage am Containerterminal vor. Diese liefert künftig den Strom für Containerbrücken und Kräne. In Bremerhaven hat die Fischmanufaktur Deutsche See GmbH auf einem ihrer Kühlhäuser eine 77-kW-Solaranlage installiert, die immer dann Strom liefert, wenn wegen Sonnenscheins der Kältebedarf am höchsten ist.

465 000 Euro vermiedene Stromkosten durch die Solaranlage auf dem Fabrikdach

Wie sich so etwas rechnet, zeigt ein Beispiel: Der Druckplattenhersteller COE (Carl Ostermann Erben) in Stuhr bei Bremen hat im Mai eine 94,5-kW-Solaranlage auf seinem Dach installiert. „Die ersten Wochen nach der Inbetriebnahme haben gezeigt, dass wir an sonnigen Tagen den Strom aus der Solaranlage zu 100 Prozent selbst verbrauchen“, sagt Geschäftsführer Andreas Segelken. Die Verbrauchszeiten fallen bei einem Betrieb viel besser mit den Sonnenstunden zusammen als bei den meisten Haushalten. Bei einer angenommenen Strompreissteigerung von jährlich vier Prozent wird COE in den nächsten 26 Jahren rund 465 000 Euro gegenüber dem Stromeinkauf aus dem Netz sparen - und bekommt kostenlos noch ein Öko-image obendrauf.
Die Rechnung ist einfach: Für Strom aus dem Netz müssen Netzentgelte, Steuern und Umlagen entrichtet werden, die zusammen auch für gewerbliche Kunden oft zwei Drittel des Preises ausmachen. Allein die EEG-Umlage mit 5,277 Ct/kWh ist so hoch wie der Preis für die Kilowattstunde an der Strombörse. Auf selbsterzeugten Strom aus einem eigenen Windrad oder einer eigenen Solaranlage werden diese Umlagen nicht erhoben und dadurch die höheren tatsächlichen Erzeugungskosten in der eigenen Anlage schnell aufgewogen.

Der Trend zur eigenen Ökostrom-Erzeugung für die Wirtschaft ist so mächtig, dass der Mannheimer Versorger MVV Energie dafür schon ein eigenes Produkt aufgelegt hat. Der MVV-„Energiefonds SpotLight“ bietet zusätzlich zu einem strukturierten Stromeinkauf an der Börse die Ergänzung durch eine eigene Sonnen- oder Windenergieanlage. „Dieser Mix sorgt für ein grünes Profil und senkt die Energiekosten deutlich“, sagt Bernhard Schumacher, Vertriebsleiter bei MVV Energie. Ein großer bundesweiter Filialist und ein Software-Hersteller sind bei den Mannheimern schon unter Vertrag. Auf den jeweiligen Betriebsgeländen werden Solaranlagen errichtet, deren Strom direkt auf dem Gelände verbraucht wird. MVV Energie bindet diese Kundenanlagen in die Strombeschaffung ein. Hierbei erstellt das Unternehmen für die Anlagen eine stundenscharfe Prognose, berechnet und liefert die Strommengen, die noch fehlen, und bei Bedarf wird zu viel erzeugter Strom abgenommen. „Unter den jetzigen Rahmenbedingungen wird es bei der Eigenerzeugung aus erneuerbaren Energien weiterhin starkes Wachstum geben“, erwartet Schumacher.

BMW kauft Winstrom aus Anlagen auf dem eigenen Grundstück

Diese Rechnung – Einsparung plus Öko-Image – leuchtet vor allem auch der deutschen Automobilindustrie ein. Allerdings sind die Fahrzeughersteller nicht unbedingt scharf darauf, sich in die Details des Betriebes und der Finanzierung von Solar- und Windkraftanlagen einzuarbeiten. Außerdem wollen sie ihr knappes Investitionskapital nur ungern langfristig in Anlagen zur Energieerzeugung stecken.
Deshalb beauftragen sie Projektierer und Energieversorger mit dieser Aufgabe. Die Kölner RheinEnergie installierte im vergangenen Jahr auf dem Dach des Ford-Werkes in der Domstadt eine 22 000 m2 große Solaranlage. Sukzessive soll dieser Strom nicht mehr per EEG ins Netz eingespeist, sondern über sonstige Direktvermarktung an die Käufer des Ford-Elektrofahrzeuges Focus Electric verkauft werden. In Leipzig errichtete und betreibt der Bremer Projektierer wpd auf dem Grundstück des BMW-Werkes ab diesem Jahr vier Nordex-Windräder mit einer Gesamtleistung von 10 MW. Die Hanseaten liefern den Strom nach dem Modell der sonstigen Direktvermarktung auf dem gleichen Grundstück an den Autohersteller - unter anderem für die Produktion des neuen Elektrofahrzeugs i3. Auch hier werden Umlagen und Netzentgelte gespart. Für Projektierer und Anlagenbauer tut sich so ein neuer interessanter Markt auf: Er ist unabhängig von den Vergütungen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes.

Neue Vertriebswege unahängig von gesetzlicher Vergütung

Doch die direkte Vor-Ort-Vermarktung von Ökostrom, die ohne Förderung durch das EEG funktioniert, muss nach Ansicht von Experten keine Ausnahme nur für sehr große industrielle Energieabnehmer sein. Gerade für kleine Gewerbebetriebe kann es interessant sein, einen Teil des Strombedarfs auf dem eigenen Gelände von einem Dritten decken zu lassen. Zwar wird bei solchen Vor-Ort-Verkäufen zwischen verschiedenen juristischen Personen die (verminderte) EEG-Umlage fällig. Doch kleine Betriebe zahlen höhere Preise für Strom aus dem Netz und haben dementsprechend höhere Einsparpotenziale durch Eigenversorgung. Für Stadtwerke und Versorger stellt sich die Frage, ob sie solchen Betrieben künftig nur noch die verbleibenden Reststrommengen verkaufen oder ihnen nicht besser selbst eine Solaranlage aufs Dach setzen.
„Die Integration der Anlagenbetreiber in den Strommarkt wird immer wichtiger“, sagt Thorsten Biela vom Ökostromlieferanten Clean Energy Sourcing. „Künftig müssen sich die Betreiber Gedanken machen, ob sie ihren Strom an Großhändler veräußern oder die erzeugten Mengen lokal an Verbraucher absetzen wollen. Und dafür gibt es heute schon einige interessante Modelle.“ Eine weitere Mögichkeit ist, dass Öko-Anlagen von der flexiblen Marktprämie des EEG profitieren, ihren Strom aber gezielt am Anlagenstandort an einen Kunden verkaufen. „Das ist noch kein Massenphänomen, aber wir arbeiten hier in zahlreichen laufenden Projekten“, sagt Biela. „Wenn das Abnahmeprofil des Kunden vor Ort zur Anlage passt, kann das sehr attraktiv sein. Allerdings sind die Vertragsbeziehungen komplizierter als in der Großhandelswelt.“ In diesem Fall muss zwar die volle EEG-Umlage gezahlt werden, aber dafür gibt es eine Entlastung bei der Stromsteuer.
„Das Interessante an all diesen Modellen ist, dass die Anlagenbetreiber in die Verantwortung sowie in die Regeln und Funktionsweisen des Strommarktes hineinwachsen, um zuverlässig und berechenbar Strom zu liefern“, so Biela. „Dadurch können sie sich nach und nach neben der Regelenergievermarktung weitere Erlöspfade aufbauen, die unabhängig von der Zukunft des EEG und vom Ausgang von Wahlen sind.“


Gnadenbrot statt Schrottplatz
Die alte 50 m hohe Tacke-Windkraftanlage war eigentlich schon ausgemustert. Bei einem Repowering-Projekt wurde sie abgebaut und hätte leicht ihr Ende beim Schrotthändler oder in Ost-Europa finden können. Doch seit Juli dieses Jahres dreht sich die TW-600, Baujahr 1994, im westfälischen Altenbeken auf dem Gelände der Firma Finke Formenbau. Der neue Standort ist nicht sehr windreich. Doch weil die alte Anlage billig zu haben war, lohnt sich die Eigenerzeugung. Die Kilowattstunden aus dem Windrad und aus der eigenen Solaranlage ersetzen teuren Strom aus dem Netz. „In Industriegebieten haben hohe Windkraftanlagen oft keine Chance auf Zulassung“, sagt Johannes Lackmann von WestfalenWind, der das Projekt organisiert hat. „Alte kleine Anlagen sind für solche Zwecke sehr gut geeignet. Das Projekt wird sich für Finke gut rechnen.“ WestfalenWind hat jetzt einen eigenen Betriebszweig gegründet, um die Eigenerzeugung für den Verbrauch vor Ort voranzubringen.

 
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Montag, 09.09.2013, 13:35 Uhr