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Enerige & Management > Wasserstoff - Deutschland bleibt von Energieimporten abhängig
Bild: Shutterstock, Alexander Limbach
WASSERSTOFF:
Deutschland bleibt von Energieimporten abhängig
Deutschland kann seinen Wasserstoffbedarf langfristig nicht selber decken und benötigt deswegen ein leistungsfähiges Transportnetz für Wasserstoff.
 
In einer von den Grünen im Bundestag organisierten Diskussion bestand weitgehend Einigkeit darin, dass Deutschland nicht in der Lage ist, so viel „grünen“ Wasserstoff herzustellen wie die Industrie benötigt.

Sicher sei, dass für die Herstellung von Grundstoffen wie Stahl, Zement oder für die chemische Industrie erhebliche Mengen Wasserstoff benötigt würden, wenn dort keine fossile Energie mehr eingesetzt werden könne, sagte Mario Ragwitz vom Fraunhofer-Institut. Über andere Branchen, den Verkehr oder den Gebäudesektor könnten noch keine Schätzungen gemacht werden. Ricarda Dubbert von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) sprach sich in diesem Zusammenhang dagegen aus, Wasserstoff auch im Gebäudesektor einzusetzen. Wasserstoff bleibe in jedem Fall „ein rares Gut“.

Ragwitz geht davon aus, dass in Deutschland langfristig etwa 1.000 Mrd. kWh grüner Strom erzeugt werden können. Das werde in keinem Fall reichen, um den normalen Bedarf zu decken und genügend grünen Wasserstoff herzustellen. Bereits 2030 werde Wasserstoff für 100 Mrd. kWh benötigt, im Inland stünden dafür aber nur 14 Mrd. kWh Ökostrom zur Verfügung. Der Rest müsse durch Importe gedeckt werden.

Auch die Grünen-Abgeordnete Julia Verlinden geht davon aus, dass Deutschland auf den Import von Wasserstoff angewiesen sein wird. „Selbst bei hoher Energieeffizienz“ reiche das heimische Potenzial nicht, um den nationalen Bedarf zu decken.

Marokko hat großes Potenzial als Wasserstoff-Exporteur

Ebenso wie Ragwitz betonte Dubbert, dass Importe vorzugsweise über Pipelines aus Nachbarländern bezogen werden sollten. In der EU gebe es Überschusspotenzial vor allem auf der iberischen Halbinsel. Osteuropa werde seinen Grünstrom dagegen auf absehbare Zeit selber benötigen, sagte sie, um den eigenen Strom- und Wasserstoffbedarf zu decken. Ein großes Potenzial, das auch zur Deckung des europäischen Wasserstoffbedarfs zur Verfügung steht, sehen beide Experten in Marokko.

Beim Import und auch innerhalb Deutschlands könnte der Transport nach Ansicht von Ragwitz über bereits bestehende Erdgas-Pipelines erfolgen. Bei nachlassender Nachfrage nach Erdgas könnten die frei werdenden Kapazitäten für Wasserstoff genutzt werden. Ihre Umwidmung koste nur ein Zehntel bis ein Drittel des Aufwandes für eine neue Pipeline. Auch dann sei der Transport von Wasserstoff nicht billig. Ragwitz geht von 10 bis 30 Euro pro MWh aus. Die Transportkosten würden dann etwa 15 bis 25 % der Gesamtkosten ausmachen. Für Transporte auf dem Seeweg könnten die Kosten 65 bis 70 Euro/MWh erreichen, das wären 40 bis 50 % der Gesamtkosten.

Nicht in jedem Fall sei ein Anschluss an das Pipeline-Netz die wirtschaftlich günstigste Lösung. Die Wasserstoffversorgung könnte dann auch über Transportbehälter erfolgen. Verflüssigter Wasserstoff sei in der Regel die günstigste Form, insbesondere dann, wenn am Bestimmungsort erneut Wasserstoff eingesetzt werde. Möglich sei jedoch auch der Transport in Form von Ammoniak (NH3) oder hydrierten Produkten wie LOHC (Liquid Organic Hydrogen Carrier).

Als Transportmedium für die Elektrizitätswirtschaft, um den Bau von Übertragungsleitungen entbehrlich zu machen, eigne sich Wasserstoff dagegen wegen der großen Umwandlungsverluste nicht. Große Verbraucher wie die Stahlindustrie müssten in der Nähe der Grünstromerzeugung angesiedelt werden. Eine Verlagerung von Stahlwerken an die Küste könnte als eines der ersten Pilotprojekte in Angriff genommen werden.

Wasserstoff als globale Handelsware

Wasserstoff wird sich voraussichtlich in den nächsten Jahren zu einer „globalen Handelsware“ entwickeln. Es bestand Einigkeit darüber, dass dafür eine internationale Zertifizierung notwendig sei, damit es nicht zur Verlagerung von CO2-Emissionen in andere Regionen der Welt kommt. Bei der Entwicklung eines Systems zur Zertifizierung von grünem Wasserstoff sollten Deutschland oder die EU eine Vorreiterrolle übernehmen.

Die DUH möchte dabei sichergestellt sehen, dass Wasserstoff, der unter Einsatz der CO2-Abscheidungstechnik CCS (Carbon Capture and Storage) erzeugt wird, nicht als „grün“ anerkannt wird. Beim Fraunhofer-Institut steht man den unterschiedlichen technischen Lösungen unbefangener gegenüber. Als „Brückentechnologie“ denkt man dort auch über die Pyrolyse von Erdgas, vor allem in Osteuropa, nach. Dabei entsteht neben Wasserstoff auch fester Kohlenstoff. Bislang, sagte Ragwitz, wisse aber niemand, wann diese Technologie verfügbar sei und was ihr Einsatz kosten würde.
 

Tom Weingärtner
© 2021 Energie & Management GmbH
Montag, 12.04.2021, 16:42 Uhr

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