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Enerige & Management > Unternehmen - Ein eher unbekannter Riese
Bild: Bosch
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Ein eher unbekannter Riese
Der Bosch-Konzern hat sich dank geschickter Zukäufe zu einem der ganz Großen im Geschäft um Energie- und Gebäudetechnik gemausert. Die Wachstumsstory, die weitergeschrieben werden soll, wird getrübt durch das Desaster mit dem Photovoltaikabenteuer.
 
Der sattrote Schriftzug hebt sich wohltuend von den Blau- und Grüntönen ab, die bei der diesjährigen Essener E-world in Halle 4 dominierten. Bosch, ein Name, der für eine 128-jährige Unternehmensgeschichte steht. Darunter der seit Jahren bekannte Slogan: „Technik fürs Leben“. Bosch, das steht für Autobatterien, Halogenscheinwerfer, Verpackungsmaschinen und viele Haushaltsgeräte. Im vergangenen Jahr hat der multinational agierende Stuttgarter Stiftungskonzern mit seinen gut 281 000 Mitarbeitern nach vorläufigen Geschäftszahlen einen Umsatz von 46,4 Mrd. Euro erwirtschaftet.

Zu Boschs reichhaltigem Technikportfolio zählt mittlerweile auch der in Essen vorgestellte Batteriespeicher für Solarstrom. „Das ist unsere Antwort auf den zunehmenden Wunsch vieler Verbraucher nach Energieautarkie und Versorgungssicherheit“, sagt Jürgen Schwarz. Eine vierstellige Stückzahl will der Vertriebsleiter bei der Bosch Power Tec GmbH in diesem Jahr von dem Speicher verkaufen. Dabei setzt er vor allem auf die ab Sommer geplante „Verzahnung“ mit allen wichtigen Haushaltsgeräten wie Kühlschrank, Wasch- oder Spülmaschine: „Das wird noch einmal einen Schub bringen.“

 
Passt von den Ausmaßen in viele Kellerräume: Boschs neuer Batteriespeicher für Solarstrom
Bild: Bosch/Tom Baerwald


Bosch und die E-world, der Treff der Energiewirtschaft, das passt, denn die Schwaben haben längst im Energiesektor ein Wörtchen mitzureden. Was aber bislang irgendwie untergegangen ist. Nicht immer werden von der breiten Öffentlichkeit Marken wie Buderus oder Junkers als Bosch-Unternehmen wahrgenommen.

Bosch ist zwar kein Energieversorger, mit zahlreichen Produkten für Energie- und Gebäudetechnik zählt das Unternehmen jedoch dank geschickter Zukäufe zu den Großen in diesem Sektor. Das zeigt sich an den mehr als 5 Mrd. Euro, die 2013 in diesem Bereich zusammenkamen. Dabei soll es nicht bleiben: Ende dieser Dekade sollen es rund 8 Mrd. Euro sein.

Ein Desaster hat der Konzern dagegen mit dem Photovoltaikgeschäft erlebt. Auf 3,7 Mrd. Euro summieren sich die Verluste seit 2008, wie aus der vorläufigen Konzernbilanz zu entnehmen ist. Das ist viel Geld, wo doch die Investition noch vor wenigen Jahren von Marktbeobachtern, Teilen der Politik und Analysten als strategisch richtiger Schachzug eingeschätzt wurde (siehe Kasten).

Was dem Technologiekonzern im Energiesektor wichtig ist, bringt Stefan Hartung so auf den Punkt: „Die energetische Gebäudesanierung und die Erhöhung der Energieeffizienz in der Industrie müssen mit intelligenten politischen Instrumenten schnellstmöglich vorangetrieben werden – auch durch die Förderung von Einzelmaßnahmen.“ Hartung verantwortet bei der Robert Bosch GmbH als Geschäftsführer den im Januar 2013 neu geschaffenen Unternehmensbereich Energie- und Gebäudetechnik.

Die Gebäude- und Energietechnik wird als Ganzes gesehen

Gut 15 Autominuten von der Firmenzentrale in Gerlingen am Rande von Stuttgart entfernt liegt das Domizil der Bosch Energy and Buildings Solutions (BEBS). Der Dienstleister kümmert sich seit 2011 um die Energieversorgung in großen Gebäuden und um die optimale Vernetzung verschiedener Versorgungssysteme. Die Kosten sollen runter, Ressourcen geschont werden. „Wir gehen davon aus, dass wir in jedem bestehenden Gebäude den Energieverbrauch um mindestens 20 Prozent reduzieren können“, sagt Michael Blichmann, seit Oktober 2011 Geschäftsführer von BEBS. „Allein in Deutschland wird sich das Marktvolumen für Dienstleistungen rund um Energie in den kommenden zehn Jahren von heute gut 2,5 Milliarden Euro fast vervierfachen“, betont Blichmann.

 
Ein Klassiker bei vielen Industrieunternehmen: Dampfkessel von Bosch haben sich zigfach bewährt
Bild: Bosch


Als Kunden hat BEBS mittelständische Industriebetriebe, Krankenhäuser, Wohnungsgesellschaften oder Bürokomplexe im Visier. Auf sie zugeschnitten haben Blichmann und seine derzeit rund 250 Mitarbeiter drei Angebote, die im schönsten Business-Deutsch Energy Services, Climate Technology und Energy Platform heißen. Zu diesem bunten Strauß gehören Planung und Betrieb eigener Versorgungsanlagen genauso wie eine patentierte Lüftungssteuerung sowie ein umfassendes Energiecontrolling, das heißt, die regelmäßige Erfassung der Energieverbräuche und -kosten. „Damit bieten wir ein Leistungsspektrum, das reine Energiedienstleister in dieser Form so nicht abdecken können“, sagt Blichmann selbstbewusst. Dazu zählt auch, dass das BEBS-Monitoringsystem noch ausbaufähig ist: Machbar ist eine Verknüpfung mit dem Bosch Sicherheitsnetz, in Notfällen können so Polizei und Feuerwehr alarmiert werden.

Rund 1 500 Anlagen umfasst mittlerweile die Referenzliste der Schwaben. Das ist auch darauf zurückzuführen, dass BEBS im Frühsommer 2012 die Energiecontracting Heidelberg AG (ECH) übernommen hat. Und auch der dezentrale „Kraftwerkspark“ mit gut 170 MW Leistung, den BEBS Ende vergangenen Jahres betreute, hängt mit diesem Kauf zusammen. ECH hatte sich in der Vergangenheit vor allem mit Biomasselösungen einen Namen gemacht.

Wie ECH ist Bosch Energy and Buildings Solutions aber nicht nur auf einen Energieträger festgelegt. Blichmann: „Wir verstehen uns als Energiepartner unserer Kunden; was zählt, ist die effizienteste und wirtschaftlichste Lösung.“ Was im Endeffekt heißt, dass die BEBS-Ingenieure bei ihren Projekten nicht per Ukas gezwungen sind, beispielsweise auf Kessellösungen oder Blockheizkraftwerke von anderen Konzern-Tochterunternehmen zurückzugreifen. Für die nächste Zeit ist Blichmann jedenfalls optimistisch gestimmt: „Wir werden weiter stabil wachsen.“

Fließfertigung stärkt Produktion von KWK-Anlagen

Dass er sich über Angebotsanfragen aus Stuttgart-Weilimdorf, dem Sitz von BEBS, freut, daraus macht Ralf Klein keinen Hehl. Der Mann mit dem modischen roten Brillengestell ist Geschäftsführer der Bosch KWK Systeme im mittelhessischen Lollar: „Klar können wir jeden Auftrag gebrauchen.“ Ähnlich wie BEBS mit dem Kauf von Energiecontracting Heidelberg hat Bosch auch dieses Segment mit einer Übernahme gestärkt. 2010 erwarb das Unternehmen die Köhler & Ziegler Anlagentechnik GmbH, einen der Pioniere der deutschen KWK-Branche. Die Verbindung kam nicht von ungefähr: Seit 2008 beliefert Köhler & Ziegler die Marke Buderus der Bosch Thermotechnik GmbH mit Blockheizkraftwerken im kleineren und mittleren Leistungsbereich.

Das Portfolio von Bosch KWK Systeme umfasst Kraftpakete in der elektrischen Leistungsklasse von 12 bis 2 000 kW, das Gros der Fertigung in Lollar entfällt auf die mittelgroßen Anlagen zwischen 140 und 400 kW. Damit fährt das Unternehmen nicht schlecht, wie das im vergangenen November veröffentlichte BHKW-Ranking von E&M zeigt. Danach wurden 2012 Bosch-BHKW mit einer elektrischen Leistung von gut 27 000 kW ausgeliefert – das bedeutete Rang 12 auf der Herstellerliste. Bei der Modulzahl kam Bosch auf Platz 8 – alles Indizien für einen soliden, im Markt akzeptierten BHKW-Anbieter.

Dass sich Bosch bei der ausgelieferten KWK-Leistung gegenüber dem Vorjahr um 25 Prozent verbesserte, führt Geschäftsführer Klein auf die mittlerweile eingeführte Fließfertigung zurück: „Damit haben wir als Zulieferer für die Automobilindustrie jahrelang Erfahrung gesammelt.“

Rund 9 Mio. Euro hat Bosch zuletzt in ihrem KWK-Werk in Lollar investiert, wo derzeit rund 200 Mitarbeiter in Entwicklung, Verwaltung, Marketing und Produktion beschäftigt sind. Wer investiert, der bleibt. Bosch setzt weiterhin auf die Kraft-Wärme-Kopplung, das ist die Botschaft.

Einen Hoffnungsträger hat das Unternehmen noch nicht aufgegeben: Anlagen, die aus ungenutzter Abwärme von KWK-Anlagen Strom machen. Beim Werksrundgang zeigt Klein auf ein in Folie verpacktes ORC-Modul: „Damit sind wir einfach zu früh am Markt gewesen.“ Bereits im Jahr 2005 hatte Köhler & Ziegler eine erste Organic-Rankine-Cycle-Anlage auf den Markt gebracht. Die derzeitigen Rahmenbedingungen für die ORC-Technik stimmten nicht, sagt Klein: „Das wird sich mit steigenden Strompreisen ändern. Ich bin mir sicher, dass sich ein ORC-Markt entwickeln wird.“

Ganzheitliche Systemlösungen stehen im Fokus

Wenige hundert Meter von der Bosch-KWK-Schmiede entfernt hat Volker Winter sein Büro. Auf der Visitenkarte des Bereichsleiters der Bosch Thermotechnik GmbH steht die Funktionsbezeichnung: „Vertriebsleiter Großanlagengeschäft und Energieeffizienzsysteme Deutschland“. Seine Aufgabe – und die seiner 30 Vertriebsingenieure in Deutschland - lässt sich am besten mit der eines Pfadfinders vergleichen. Ein Pfadfinder, der aus dem mittlerweile gut gefüllten Portfolio von Bosch für Energiespar- und Effizienzlösungen das richtige Angebot für den jeweiligen Kunden herausarbeiten lässt. „Wir sind sicherlich nicht die Billigsten auf dem Markt, wir bieten aber ganzheitliche Systemlösungen, was unsere Stärke ist.“ Das zahle sich unter dem Strich für den Kunden mehr aus als der Verkauf einzelner Komponenten.

Winter kann zahlreiche Angebote für Nah- und Fernwärmesysteme, kommunale Einrichtungen, Gewerbe und insbesondere für die Industrie machen, angefangen mit Großwasserraumkesseln über große, thermische Solaranlagen, BHKW, Wärmepumpen, Energiespeicher bis hin zur Regel- und Steuerungstechnik. Das große Plus des Portfolios von Bosch ist, dass sich viele Komponenten vor Ort kombinieren lassen. Vor Ort, das heißt nicht nur in Deutschland. „Bosch ist in über 150 Ländern präsent und hat weit mehr als 100 000 Großanlagen ausgeliefert. Hier können wir von unserem langjährigen Produkt-Know-how profitieren und wirklich auf den Kunden und auf die Region zugeschnittene Lösungen anbieten“, sagt Winter. „Dabei stellen wir nicht einfach die Wärmeerzeuger nebeneinander, sondern integrieren sie. Wir sind stolz auf unseren Vier-Zug-Kessel mit BHKW oder auf unsere IP-fähige Bedienoberfläche.“ Auch das erklärt, warum das Unternehmen für seine Aktivitäten bei Energie- und Gebäudetechnik positiv gestimmt ist.

Noch ein Punkt ist dem Bereichsleiter wichtig: „Wir bieten nicht nur die Konzeption und die Komponenten, sondern übernehmen auch Service und Wartung.“ Was zur Kundenbindung beiträgt. Energietechnik fürs Leben – der Konzern arbeitet daran, dass dieser (abgewandelte) Slogan immer mehr mit Leben gefüllt wird.
 
Kasten

Ein Kursfeuerwerk bei allen Solarwerten löste Anfang Juni 2008 die Meldung aus, dass Bosch die Mehrheit bei dem Thüringer Solarzellenhersteller Ersol übernommen hatte. Der Einstieg ins Photovoltaikgeschäft, der 2009 durch die Übernahme von Aleo Solar abgerundet wurde, schien die im Technologiekonzern schon vorhandene Heiztechnik und die dezentralen Energietechniken gut zu ergänzen. Zudem galten die Zukunftsaussichten für deutsche Photovoltaikunternehmen damals als rosig. Dem Preiskampf mit der Konkurrenz aus China konnte aber selbst ein profiliertes Unternehmen wie Bosch nicht standhalten, die Solarsparte entwickelte sich zum Milliardengrab.
Dass der Stuttgarter Technologiekonzern seine Zell- und Modulfertigung in Thüringen vor kurzem Frank Asbeck überlassen hat, mutet wie ein Treppenwitz an. Der einstige Sonnenkönig ist selbst erst einer vor Jahren nicht für möglich gehaltenen Insolvenz entronnen, ein seriöser Investor für das solare Bosch-Erbe sieht anders aus.
„Scheitern gehört zur Innovationskultur“, hatte jüngst Unternehmenschef Volkmar Denner in einem Interview bekannt. Der Konzern steht nun vor seinem nächsten Abenteuer: Internetfähige Geräte sollen im Internet der Dinge und Dienste zum Geschäft der Zukunft werden.

 
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Mittwoch, 26.03.2014, 12:28 Uhr