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Enerige & Management > Interview - "Es wird auch blauer Wasserstoff notwendig sein"
Bild: wellphoto / Fotolia
INTERVIEW:
"Es wird auch blauer Wasserstoff notwendig sein"
Kerstin Andreae saß jahrelang für die Grünen im Bundestag. Nun vertritt sie als Hauptgeschäftsführerin des BDEW die Interessen der Energiewirtschaft. Geht das zusammen?
 
E&M: Frau Andreae, die Branche hat sich lange über das zögernde Verhalten der Politik, vor allem des Wirtschaftsministers beschwert. Nun wurde der Kohleausstieg beschlossen, das EEG und weitere Gesetze wurden verabschiedet. Zufrieden mit Herrn Altmaier?

Andreae: Es stimmt, der energiepolitische Start der Großen Koalition war viel zu zögerlich, wir hätten uns von Anfang an mehr Tempo gewünscht. Aus jetziger Sicht bin ich schon froh, dass wir entscheidende Schritte gegangen sind. Den Kohleausstieg haben wir in einem kaum für möglich gehaltenen gesellschaftlichen Konsens geregelt und beim Ausbau der erneuerbaren Energien sind wir auf einem guten Weg. Trotzdem liegt noch viel Arbeit vor uns. Wir wollen den Einstieg in eine Wasserstoffwirtschaft, um auch in den anderen Sektoren zu einer Reduzierung zu gelangen. Es liegt also noch ein langer Weg vor Herrn Altmaier, dem Wirtschaftsministerium und uns als BDEW − aber den gehen wir zusammen.

E&M: Der Ausbau der Windkraft in Deutschland stockt. Für 2021 droht nach Angaben der Bundesnetzagentur durch den Abbau von Ü20-Windanlagen sogar ein Minus bei der Windleistung. Was sind die Vorschläge des BDEW?

„Ein Minus bei der Windleistung muss verhindert werden“

Andreae: Ein Minus bei der Windleistung muss verhindert werden, das bedeutet, der Ausbau muss deutlich engagierter vorangebracht werden. Dazu gehören mehr Flächen für Windkraftanlagen und vereinfachte und beschleunigte Genehmigungsverfahren. Es muss weiter verhindert werden, dass ausgeförderte Windanlagen aus dem System fallen. Es wäre absurd, bestehende Anlagen nicht zur Stromproduktion zu nutzen. Noch klüger ist es aber, die 20 Jahre alten Anlagen am gleichen Standort durch neue, effizientere zu ersetzen. Die Genehmigungsverfahren für das sogenannte Repowering sind jedoch im Augenblick noch sehr kompliziert, das kostet Zeit. Deswegen schlagen wir Vereinfachungen im Planungsrecht, im Natur- und Artenschutz sowie im Immissionsschutzrecht vor, die eine vereinfachte Genehmigung für Repowering-Vorhaben ermöglichen.


 
Kerstin Andreae: „Ich vertrete die Interessen unserer 1.900 Mitgliedsunternehmen, die allesamt zu den Klimazielen stehen“
Bild: BDEW


E&M: Wie stehen Sie zu Umweltverbänden, die aus Naturschutzgründen gegen erneuerbare Energien, vor allem gegen neue Windräder, mobil machen?

Andreae: Wir brauchen erneuerbare Energien und dazu gehören auch Windräder. Dabei muss natürlich der Natur- und Artenschutz mit dem Erneuerbaren-Ausbau in Einklang gebracht werden. Meine Erfahrung ist allerdings auch, dass manch eine Gegnerschaft sich den Deckmantel des Umweltschutzes umhängt, dass aber letztlich eine ganz andere Haltung dahintersteht.

E&M: Die Photovoltaik erlebt, was die Ausbauzahlen betrifft, eine kleine Renaissance in Deutschland. Was sind die Gründe dafür?

Andreae: PV genießt eine hohe Akzeptanz − gerade auf den Dächern. Die Anlagen dort sind bei Weitem nicht so sichtbar wie das Windrad. Interessant finde ich aber auch neue, innovative Konzepte wie beispielsweise Agri-Photovoltaik. Dort werden landwirtschaftliche Erzeugungsflächen mit PV-Freiflächen kombiniert. Diese Doppelnutzung ist effizient.

E&M: Reden wir über die Wärmeversorgung: Im Gebäudesektor hinkt Deutschland seinen Klimazielen hinterher. Was muss passieren, dass dort die Ziele erreicht werden?

Andreae: Auch wenn es wie ein alter Hut klingt: Wir müssen mit einer Modernisierungsoffensive die Sanierungsrate im Gebäudebestand heben. Schnelle Erfolge erreicht man insbesondere mit dem Austausch alter Heizkessel durch CO2-arme Technologien.

„Die Umstellung einer Ölheizung auf Gas spart 50 Prozent CO2“

E&M: Es gibt Kritiker, die die Umrüstung alter Heizkessel auf neue, in der Regel mit Erdgas befeuerte Heizungen als nicht zielführend ansehen, weil damit keine Klimaneutralität erreicht wird.

Andreae: Ich verstehe das Argument. Aber die Umstellung einer Ölheizung auf eine Gasbrennwertheizung spart schon 50 Prozent CO2 − das ist der erste Schritt. Im nächsten müssen wir den Energieträger Gas dekarbonisieren. Das kann beispielsweise mit Biomethan und grünem Wasserstoff geschehen. Das Ziel ist der Einsatz von klimaneutralen Gasen. Im Wärmemarkt bieten zudem Wärmepumpen ein erhebliches CO2-Einsparpotenzial.

E&M: Nehmen wir Millionenstädte wie München, Hamburg oder Berlin. Ist das Ziel technisch überhaupt umsetzbar, den Gebäudebestand in diesen Städten klimaneutral zu beheizen?

Andreae: Die Hälfte der Wohnungen in Deutschland wird mit Gas beheizt, deswegen sind klimaneutrale Gase vor allem mit Blick auf die urbanen Ballungsgebiete wichtig. Die Frage der Wärmeversorgung wird ein zentrales Thema in der kommenden Dekade sein. Deswegen hat der BDEW die Wärmewende zum strategischen Thema erklärt.

E&M: Ein weiteres Thema ist die Sektorkopplung. Unter anderem Wasserstoff, produziert aus Grünstrom, soll den Gebäudebestand ökologisch beheizen. Woher soll der ganze Wasserstoff kommen?

Andreae: Ich sehe Wasserstoff als europäisches Projekt. Und wir werden sicher auch mit außereuropäischen Partnern zusammenarbeiten, um grünen Wasserstoff in ausreichenden Mengen verfügbar zu machen. In der Übergangszeit wird auch blauer Wasserstoff notwendig sein, also Wasserstoff, der aus Erdgas gewonnen wird. Dabei wird mittels CCS-Technologie das entstehende CO2 eingefangen und beispielsweise in unter dem Nordsee-Meeresboden liegende Speicher eingelagert.

E&M: Diese Idee gab es vor Jahren bereits für Kohlekraftwerke. Das Problem: Niemand hierzulande will das CO2 in seinem Boden haben.

Andreae: Es ist einhellige Meinung in der Politik wie der Wissenschaft, dass CCS in Deutschland aufgrund seiner dichten Besiedlung keine Option ist. Länder wie Norwegen oder die Ukraine machen hingegen solche Angebote. Das Ziel ist aber grüner Wasserstoff, produziert mit Strom aus erneuerbaren Energien. Das bedeutet einen deutlichen Zubau an erneuerbaren Energien. Am Beginn eines grünen Wasserstoffmoleküls steht ein Windrad oder eine PV-Anlage.

E&M: Der Einsatz von Strom für Power-to-X ist aufgrund der vielen Umlagen wie für Ökostrom oder KWK oftmals nicht rentabel. Wie soll und kann der Gesetzgeber das Problem lösen, ohne auf Einnahmen zu verzichten?

„Gemeinwohlorientierung ist mir bei der Lobbyarbeit wichtig“

Andreae: Der Strompreis muss von Steuern und Abgaben entlastet werden − sowohl für die Verbraucher als auch für die Sektorkopplung. Denn Strom aus erneuerbaren Energien ist im Verkehrs- und Gebäudebereich nicht wettbewerbsfähig. Wir brauchen daher eine komplette Neuaufstellung des bestehenden sehr komplexen Systems. Die EEG-Umlage stößt an ihre Grenzen, die Deckelung der Umlage durch die Regierung bezeugt das. In der nächsten Legislaturperiode gehört deshalb eine Reform der Steuer-Abgaben- und Umlagensystematik auf die Tagesordnung.

E&M: Wie sehen die Vorschläge des BDEW dazu aus?

Andreae: Der BDEW setzt sich zuerst für eine dauerhafte Deckelung der EEG-Umlage auf fünf Cent pro Kilowattstunde ein, um Planungssicherheit herzustellen. Dann gibt es die Idee eines Streckungsfonds für die Kosten der EEG-Umlage. Man könnte die Einnahmen aus der CO2-Bepreisung verstärkt in die Finanzierung der EEG-Umlage einfließen lassen. Eine weitere Idee: Die Ausnahmen für die stromintensive Industrie sollen über die Haushalte finanziert werden und nicht mehr über die Zahler der EEG-Umlage. Auch die Stromsteuer könnte auf ein europarechtliches Minimum reduziert werden. Für mich bedeutsam ist die CO2-Bepreisung, da diese eine Lenkungsfunktion in Richtung erneuerbare Energien haben kann.

E&M: Sie saßen bis 2019 für die Grünen 17 Jahre lang im Bundestag. Wie haben Sie als Grünen-Politikerin den BDEW gesehen?

Andreae: Vor einem Jahrzehnt war der BDEW aus Sicht der Grünen-Fraktion der Verband, der sich in erster Linie um die konventionellen Erzeugungsstrukturen mit Kernenergie und Kohlekraftwerke gekümmert hat. Wir haben aber auch wahrgenommen, dass eine Wandlung stattfindet.

E&M: Und wie sehen Sie den BDEW heute?

Andreae: Für mich ist der BDEW ein höchst progressiver Verband: Er begleitet mit seinen Mitgliedern den Weg hin zu einer klimaneutralen Energieerzeugung.
E&M: Sehen Sie sich selbst als Lobbyistin?

Andreae: Ich vertrete die Interessen unserer 1.900 Mitgliedsunternehmen, die allesamt zu den Klimazielen stehen. Für mich ist die Gemeinwohlorientierung bei der Formulierung von Interessen ein zentrales Anliegen. Das ist mein Verständnis von Lobbyarbeit. Interessen zu vertreten ist wichtig, aber sie müssen dem Gemeinwohl gerecht werden.

E&M: An der Spitze des Verbands stehen seit einem Jahr mit Ihnen als Hauptgeschäftsführerin und Marie-Luise Wolff als Präsidentin erstmals zwei Frauen. Hat das Einfluss auf die Arbeit des BDEW?

Andreae: Ja, das ist etwas Besonderes, zumal die Energiewirtschaft männlich dominiert ist. Frau Wolff und ich passen gut zusammen und ergänzen uns. Wir bekommen positive Rückmeldungen von den Mitgliedsunternehmen und den Mitarbeitern. E&M


Kerstin Andreae
ist seit November 2019 Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Sie folgte auf Stefan Kapferer, der als Vorsitzender der Geschäftsführung zum Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz gewechselt ist. Andreae war zuvor lange in der Politik tätig. Sie wurde 2002 im Wahlkreis Freiburg als Kandidatin von Bündnis 90/Die Grünen in den Bundestag gewählt, das Mandat hatte sie bis zu ihrem Wechsel zum BDEW inne. Die studierte Volkswirtin war lange Zeit wirtschaftspolitische Sprecherin der Partei und stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Bundestag. Andreae ist in Schramberg, Schwarzwald, geboren.
 

 
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Mittwoch, 09.12.2020, 10:06 Uhr