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Enerige & Management > Smart Meter - Flächendeckender Rollout keine Option
Bild: Fotolia.com, unique3d
SMART METER:
Flächendeckender Rollout keine Option
Ein flächendeckender Rollout von intelligenten Messsystemen ist für Deutschland zu teuer. Ein Gutachten empfiehlt stattdessen, Smart Meter nur bei hohen Verbräuchen einzubauen und dann, wenn die Relevanz des Kunden für das Stromnetz groß ist.
 
Die Kosten-Nutzen-Analyse für einen flächendeckenden Einbau von intelligenten Messsystemen wurde lange mit Spannung erwartet. Angekündigt war sie zunächst für das Frühjahr 2013, Ende Juni ist sie dann tatsächlich erschienen. Erstellt hat die Studie das Beratungsunternehmen Ernst & Young im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums.

Nach EU-Vorgaben sollen die Mitgliedstaaten grundsätzlich bis zum Jahr 2022 80 Prozent aller Haushalte mit intelligenten Messsystemen für Strom ausstatten. Als Alternative steht es ihnen frei, eine Kosten-Nutzen-Analyse durchzuführen und darauf aufbauend eine individuelle Smart-Meter-Strategie zu verabschieden.

Für die geforderte Analyse haben die Gutachter untersucht, wie wirtschaftlich verschiedene Szenarien für den Rollout elektronischer Messgeräte sind. Ihre Grundsätze dabei: Die gesamtwirtschaftliche Kosten-Nutzen-Betrachtung muss positiv sein; der Einsatz intelligenter Messsysteme und Zähler darf die Wirtschaftlichkeit der Energieversorgung nicht gefährden; die Kosten für diese Messsysteme sind daher möglichst geringzuhalten.
 
Die Kunden müssen sparen können
 
Auch für den Endkunden sollen die Kosten wirtschaftlich tragfähig und zumutbar sein. Das setzt voraus, dass jeder Kunde die Möglichkeit haben muss, seine Kostenbelastungen durch Stromeinsparungen, Lastverlagerungen und Mehrwertdienste zu kompensieren. Ähnliches gilt für die wirtschaftlichen Akteure im Strommarkt, auch für diese muss der Rollout intelligenter Messsysteme wirtschaftlich attraktiv sein, fordern die Autoren. Zudem soll sich die Versorgungssicherheit durch den Einsatz der Messgeräte und die damit verbundene Steuerungsmöglichkeit erhöhen.

Betrachtet wird der Zeitraum bis zum Jahr 2032, als Start des Rollouts nehmen die Gutachter das Jahr 2014 an. Für die Berechnung der Kosten berücksichtigt man Inflationsraten, Verbesserung durch technischen Fortschritt und Zinssätze für das nötige Kapital. In die gesamtwirtschaftlichen Überlegungen gehen auch unterschiedliche CO2-Preise ein, beginnend mit 6,50 Euro/t im Jahr 2012 bis hin zu 40 Euro/t im Jahr 2032. Differenziert wird nach städtischen und ländlichen Regionen, um sowohl unterschiedliche Kosten bei der Installation als auch bei Nutzung oder bei Gewerbestrukturen zu berücksichtigen.
 
Die Szenarien um Überblick
 
Betrachtet wird zunächst das so genannte EU-Szenario. Bei diesem sind bis 2022 mindestens 80 Prozent der Zählpunkte mit intelligenten Messsystemen ausgestattet. Dies geht nicht ohne einen Einbauzwang für Letztverbraucher.

Die Variante Kontinuitätsszenario (erweitert als Kontinuitätsszenario Plus) unterstellt, dass die jetzigen Rahmenbedingungen weiter gelten, also der verpflichtende Einbau für Kunden mit einem Stromverbrauch von mehr als 6 000 kWh/a und der Einbau von Smart Metern in Neubauten sowie intelligente Messgeräte an PV-Anlagen mit mehr als 7 kW Anschlussleistung.

Verglichen werden diese Szenarien mit dem so genannten Rolloutszenario und dessen erweiterter Variante, dem Rolloutszenario Plus; letzteres favorisieren die Autoren der Studie. In diesen Szenarien werden die bisher bestehenden Pflichten für den Einbau intelligenter Messgeräte (also oberhalb 6 000 kWh/a und bei Neubauten) ergänzt um EEG- und KWK-Anlagen, die vor August 2011 in Betrieb gingen sowie um Anlagen, die mehr als 250 W Anschlussleistung haben. Damit wollen die Autoren der Studie erreichen, dass diese Anlagen auch zur Steuerung des Netzes eingesetzt werden können und sich somit entlastend auf den Netzausbau auswirken.

Bei dem Szenario Plus wird noch zusätzlich betrachtet, welchen Effekt intelligente Messgeräte an Punkten haben, „die effizient zur Netzdienlichkeit beitragen können“, oder von denen man sich eine Erhöhung der Energieeffizienz verspricht. Untersucht wird auch, welchen Effekt es hat, wenn Kunden freiwillig einen Smart Meter ohne Kommunikationsanbindung bestellen, der ihnen zwar Hinweise auf ihren Stromverbrauch gibt, aber (zunächst) nicht in das automatische Ablesesystem des Messstellenbetreibers eingebunden ist.
 
Gesamtwirtschaftlicher Nutzen berechnet
 
Zum Vergleich der einzelnen Szenarien werden nicht nur viele Kostenblöcke, wie etwa für die Zähler, den Einbau, für die Kommunikationstechnologie oder die Computersysteme, betrachtet. Untersucht wird auch, wie sich der Netzbetrieb und das Lastmanagement mit den unterschiedlichen Modellen positiv beeinflussen lassen und welche Einsparungen oder Mehraufwendungen der Kunde, die Messstellenbetreiber und die Netzbetreiber durch die neuen Systeme haben.

Insgesamt führt das EU-Szenario nach der Rechnung der Gutachter zu einem Netto-Kapitalwert von −0,1 Mrd. Euro im Zeitraum 2012 bis 2032, also zu einem gesamtwirtschaftlichen Verlust. Die Ausstattung fast aller Haushalte mit intelligenten Messgeräten ist damit nach Einschätzung der Gutachter für Deutschland nicht zu empfehlen: „Ein verpflichtender Einbau von intelligenten Messsystemen für alle Letztverbraucher führt in Deutschland zu einer hohen zusätzlichen finanziellen Belastung von Verbrauchern mit geringem und durchschnittlichem Stromverbrauch. Darüber hinaus wird das EU-Szenario auch den Anforderungen der Energiewende nicht gerecht.“

Noch negativer ist die Gesamtbilanz mit einem Kapitalwert von −0,6 Mrd. Euro beziehungsweise von −1 Mrd. Euro bei dem Kontinuitätsszenario und der Plus-Variante. „Da sämtliche betrachteten Szenarien bis zu diesem Punkt gesamtwirtschaftlich nicht vorteilhaft sind, wurden entsprechend den EU-Empfehlungen zusätzliche alternative Szenarien untersucht“, schreiben die Gutachter.

Doch auch noch das Rolloutszenario kommt gesamtwirtschaftlich zu einem Minus von 1,1 Mrd. Euro bis zum Jahr 2022. Erst für die Variante Plus sagt die Studie einen positiven finanziellen Aspekt voraus: 1,5 Mrd. Euro soll sie im Zeitraum 2014 bis 2022 an Netto-Kapitalwert erbringen. „Das Rolloutszenario Plus ist unter gesamtwirtschaftlichen Gesichtspunkten zu empfehlen und bietet darüber hinaus eine Reihe an weiteren Vorteilen“, resümieren die Autoren.
 
Stromeinsparpotenzial erheblich für Wirtschaftlichkeit
 
Aus Sensitivitätsanalysen folgt, dass alle Szenarien gesamtwirtschaftlich vorteilhaft sein können, wenn man die jeweils besten Randbedingungen wählt. Umgekehrt machen alle Varianten Verluste, wenn sich keine Stromeinsparung erzielen lässt. Das Risiko eines gesamtwirtschaftlichen Schadens sei bei dem favorisierten Szenario aber am geringsten, beim EU-Szenario „dagegen erheblich“. Insgesamt komme der tatsächlich realisierten Stromeinsparung aber eine erhebliche Bedeutung für die langfristige Wirtschaftlichkeit von Smart Metern zu. In den Berechnungen wird ein Einsparpotenzial zwischen 1,8 und 1,2 Prozent/a angenommen.

Wichtig für einen positiven Effekt der elektronischen Messgeräte ist, wie weit sie „netzdienlich“ sind. Darunter verstehen die Autoren, dass sich die Daten aus den Systemen für die Netzplanung verwenden lassen, dass sie außerdem helfen, den Zustand des Netzes bei Spannung, Blind- und Wirkleistung zu erfassen, und dass sie es ermöglichen, durch die Steuerung von Erzeugungs- und Verbrauchseinrichtungen ein Lastmanagement zu realisieren. „Ohne jegliche Netzdienlichkeit ist ein Rollout in allen Szenarien negativ“, betont die Studie.

Vorteile für Energieversorger können sich auch ergeben, wenn zugleich mit Stromzählern elektronische Gaszähler installiert werden. Positiv schlägt hier zu Buche, dass die Infrastruktur für die Kommunikation gemeinsam genutzt werden kann und dass bei Mehrspartenunternehmen die Prozesse für die Abrechnung von Strom und Gas gemeinsam angepasst und optimiert werden können. Eine Verpflichtung für den Einbau der elektronischen Gasmessgeräte lehnt die Studie aber ab.
 
Offen für Wettbewerb und Innovation
 
Um die intelligenten Messsystemen zum Einsatz zu bringen, sollte jetzt „der Weg eines marktlichen Rollouts, der offen für Wettbewerb und Innovation ist“, gewählt werden. Gezielte Einbauverpflichtungen seien dagegen nur für eine begrenzte Anzahl von Anwendungsfällen vorzusehen. Unter dem „marktlichen Rollout“ verstehen die Autoren, dass der Einbau jedem Endkunden zu attraktiven Preisen offenstehen soll und dass jeder Messstellenbetreiber die Möglichkeit haben soll, Kunden für sein Angebot zu gewinnen.

Ein verpflichtender Einbau der Zähler sollte dann vorgesehen werden, wenn es eine Möglichkeit gibt, die Energieeffizienz wirtschaftlich sinnvoll zu steigern. Empfohlen wird auch, bei einem turnusmäßigen Zähleraustausch einen elektronischen Zähler zunächst ohne Kommunikationssystem einzubauen. Diese Geräte verursachen nach den Berechnungen der Gutachter Kosten von etwa 40 Euro jährlich. Sie können jederzeit mit einer Kommunikationseinrichtung nachgerüstet werden.

Um den Wettbewerb voranzubringen, sollen außerdem „die Verantwortlichkeiten hinsichtlich intelligenter Zähler, Smart Meter Gateway und Kommunikationssystem nach Marktrollen differenziert“ werden. Verantwortlich für den Einbau der Zähler ist der Messstellenbetreiber, die Grundzuständigkeit für das Gesamtsystem sollte nur bei einem Unternehmen pro Netzgebiet liegen, nämlich dem regulierten Verteilnetzbetreiber; dieser kann aber Dritte beauftragen. Gesetzlich zu regeln sei noch die Rolle des Smart Meter Gateway Administrators. Alle Geräte müssen das BSI-Schutzprofil einhalten.

Bis Ende 2016 sollen in Pilotprojekten technische Fragen, die sich insbesondere aus dem Schutzprofil ergeben, geklärt werden, bis 2022 könnten dann die Zähler bei fast allen Kunden, die dafür in Betracht kommen, installiert sein, schreiben die Autoren.
 
Die Studie ist im Internet auf der Seite des Wirtschaftsministeriums www.bmwi.de   als pdf-Dokument verfügbar.
 
 
 
Die Ergebnisse der Szenarien in Kürze
 
  Netto-Kapitalwert
(1) aktueller Rechtsrahmen in Mrd. Euro
Netto-Kapitalwert
(1) mit EE-Abregelung in Mrd. Euro
Netto-Kapitalwert
(1) mit EE-Abregelung und Halbierung der EEG-Ausgleichszahlungen in Mrd. Euro
Investitionsvolumen / Betriebskosten bis 2022 (inkl. Kostenersparnisse) in Mrd. Euro (1) Kosten je intelligentem Messsystem / Zähler in Euro p.a. (2) System-kostenbeitrag in Euro p.a. (3) bis 2022
EU-Szenario −0,1 8,5 / 12,3(5,9) 89 29
Kontinuitätsszenario −0,6 0,9 1,1 3,7 / 5,2 (3,1) 109 14
Kontinuitätsszenario Plus −1,0 0,5 0,7 6,8 / 6,3 (3,3) (4) 57 (5) 18
Rolloutszenario −1,1 1,6 2,0 3,9 / 5,5 (3,3) (4) 107 15
Rolloutszenario Plus 1,5 1,9 7,0 / 6,7 (3,3) (4) 58 (5) 21
 Quelle: Ernst & Young


(1) Bis 2022 erfolgt in den Szenarien eine Erstausstattung der Haushalte bei Pflichteinbaufällen mit intelligenten Messsystemen. Investitionen nach 2022 sind entweder intelligente Zähler, Neuanlagen mit intelligenten Messsystemen oder Reinvestitionen. Werte in Klammern enthalten Kostenersparnisse bei Betriebskosten gegenüber konventionellen Zählern bis 2022, die bei der Ermittlung des zusätzlichen allgemeinen Entgeltes mit berücksichtigt werden.
(2) Kosten je intelligentem Messsystem/Zähler ab Einbau für jeden Kunden, der einen intelligenten Zähler/Messsystem eingebaut bekommt. Investitionen auf 13 Jahre (8+5) verteilt.
(3) Der Systemkostenbeitrag ist ab 2014 von jedem Endverbraucher als zusätzlicher Aufschlag auf das heutige Entgelt für Messstellenbetrieb, Messung und Abrechnung in Höhe von durchschnittlich 22 Euro p.a. zu zahlen. Entgelte enthalten Kostenersparnisse bei Betriebskosten gegenüber Betrieb mit konventionellen Zählern.
(4) Zahlenwerte für die Betriebskosten inkl. Kostenersparnisse unterscheiden sich in den Fällen des Kontinuitätsszenarios Plus, des Rolloutszenarios und des Rolloutszenario Plus in weiteren Nachkommastellen.
(5) Mischkalkulation zwischen intelligenten Zählern und Messsystemen.

 
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Mittwoch, 31.07.2013, 15:05 Uhr