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ERZEUGUNG:
Investitionsboom für russische Kraftwerke
Die dringend notwendige Modernisierung der Stromerzeugung in Russland hat begonnen. Von den Aufträgen profitieren auch deutsche und österreichische Unternehmen.
 

Der Strom für den ersten Moskauer Hypermarkt der deutschen Handelskette Globus kommt noch aus dem Netz des Hauptstadtversorgers OAO Mosenergo. Bei seinem zweiten Hypermarkt in der Region nimmt Globus die Stromversorgung nun in eigene Hand. Denn der Anschluss ans Mosenergo-Stromnetz ist inzwischen deutlich teurer geworden: "Von 2006 bis Juni 2007 wurde die Gebühr auf 45 000 Rubel (rund 1 300 Euro, die Red.) je Kilowatt mehr als verdoppelt", berichtet Projektmanager Daniel Doherr. Gleichzeitig ist die Stromversorgung unsicherer geworden, da der stark wachsende Bedarf in Moskau die veralteten Netzanlagen zunehmend überfordert.

Daher will Globus ein Blockheizkraftwerk (BHKW) mit 2,5 MW elektrischer und 2,8 MW thermischer Leistung einsetzen, das die ZAO Vado International SNG, der russische Generalimporteur der deutschen Deutz Power Systems, baut. Vado ist einer der wenigen Anbieter schlüsselfertiger BHKW in Russland. Zunächst begann das Unternehmen eine Zusammenarbeit mit dem Österreicher Motorenbauer GE Jenbacher. "Ende 2004 haben wir den Partner gewechselt", berichtet der technische Direktor Iwan Scharow. Zu den seitdem mit Deutz umgesetzten Projekten zählt die Strom-, Wärme- und Kälteversorgung eines Einkaufszentrums in Lipezk, einer Stadt südöstlich von Moskau. Auch im benachbarten Belarus (Weißrussland) laufen die Geschäfte allmählich an: In Minsk, Mogilew und Polozk hat Vado in den vergangenen Monaten drei BHKW für staatliche Firmen mit insgesamt 28 MWel in Betrieb genommen.

BHKW nutzen sibirisches Fackelgas

Vados früherer Partner Jenbacher ist seit 1995 in Russland aktiv und hat seitdem 205 Gasmotoren mit einer Gesamtleistung von knapp 342 MWel im Land verkauft. "Die Tendenz ist steigend", berichtet Verkaufsberater Stefan Paregger. Im laufenden Jahr hat das Unternehmen bereits 32 Motoren mit insgesamt 52 MWel ausgeliefert, für weitere 43 Motoren mit 46 MWel liegen Aufträge vor. Zu einer Standardanwendung für Jenbacher-Motoren ist inzwischen die Verstromung von Erdöl-Begleitgas oder Flaregas geworden, das in Westbirien bei der Erdölförderung anfällt und mangels geeigneter Nutzungsmöglichkeiten oft noch abgefackelt wird. So hat Jenbacher ein BHKW für einen Förderbetrieb des russischen Ölkonzerns OAO Rosneft bei Ussinsk am Polarkreis errichtet. Fünf Jenbacher-Motoren mit insgesamt 3,7 MW elektrischer und 2,2 MW thermischer Leistung liefern hier Strom und Wärme für die Förderanlagen und die Mitarbeitersiedlung. Bei Flaregas gibt es in Russland offenbar noch ein großes ungenutztes Potenzial: Die Internationale Energieagentur (IEA) zitierte im Jahr 2006 offizielle russische Angaben, nach denen von den jährlich produzierten 56 Mrd. m3 Flaregas 15 Mrd. m3 abgefackelt werden. Die russische Branchenorganisation Sogas rechnet sogar mit ungenutzten 20 Mrd. m3/a. Das russische Ministerium für Naturressourcen drängt die Ölförder-Unternehmen inzwischen, die Fackel-Praxis zu beenden. Bis 2011 will es eine nahezu vollständige Nutzung des Flaregases erreichen.

Gut im Geschäft ist Jenbacher auch bei Industriebetrieben und Handelszentren, die zunehmend unter dem Strommangel in Russland leiden. In der Kommunalwirtschaft können die Österreicher inzwischen zwei große Referenzprojekte vorzeigen. Die Biogas-Nutzung, ein Spezialgebiet der Österreicher, steht in Russland noch am Anfang: Eine Klärgas-Anlage mit 2,4 MWel und 1,3 MWth bauen sie derzeit beim Moskauer Wasserversorger Moswodokanal auf. "Russland ist eines unserer Kerngebiete, wo wir mehr aktiv werden wollen", erklärt Paregger. "Wir haben hier noch sehr viel vor."

Teilprivatisierung bringt Kapital

Ausländische Kraftwerksbauer und Energieversorger erschließen sich zunehmend den russischen Strommarkt, der derzeit vollkommen neu geordnet wird. Während der laufenden Reform wurde der landesweite Stromkonzern RAO Unified Energy System (UES) in zentrale und dezentrale Strukturen zerlegt. Das Hochspannungsnetz verwaltet eine landesweite Netzgesellschaft, es gibt einen zentralen Dispatcherdienst und einen Strombörsen-ähnlichen Administrator des Handelssystems. Der riesige UES-Kraftwerkspark wurde weitgehend auf sieben landesweit agierende Kraftwerksgesellschaften für den Großhandel sowie 14 territoriale Kraftwerksgesellschaften aufgeteilt. Hinzu kommen 11 überregionale Netz- und zahlreiche regionale Vertriebsgesellschaften.

Die Kraftwerksgesellschaften sind bereits überwiegend an der Börse notiert. Durch Kapitalerhöhungen und Anteilsverkäufe soll ein Teil der dringend notwendigen Investitionen in Kraftwerke und Netze aufgebracht werden. Bei den ersten vier Auktionen sorgte auch das Interesse ausländischer Investoren dafür, dass die Erlöse mit 6 Mrd. US-Dollar (rund 4,6 Mrd. Euro) doppelt so hoch ausfielen wie erwartet. So überbot der italienische Stromversorger Enel SpA Anfang Juni die deutsche Eon AG und mehrere andere Bewerber bei der Versteigerung eines Anteils von 25,1 Prozent an der Kraftwerksgesellschaft OAO OGK-5. Eon will nun versuchen, bei der Kraftwerksgesellschaft OAO TGK-10 gemeinsam mit einem Partner eine Mehrheit zu erwerben. Diese Kapitalerhöhung findet einem Pressebericht zufolge im ersten Quartal 2008 statt.

UES hat auf der Moskauer Kraftwerksmesse Russia Power Ende Mai 2007 zunächst die Pläne für elf weitere Teilprivatisierungen von Juli 2007 bis Februar  2008 bekannt gegeben. Wie Finanzvorstand Sergej Dubinin sagte, sollen dabei Anteile zwischen 13 und 40 Prozent an einheimische und ausländische Investoren gehen. UES erwartet dabei Einnahmen von insgesamt 7,74 Mrd. Euro. Sie sind eine wichtige Quelle für die dringend nötigen Investitionen: Allein im Kraftwerkssektor will UES im Zeitraum von 2006 bis 2010 Kraftwerke mit insgesamt 34 000 MW installierter elektrischer Leistung in Betrieb nehmen.

Der Generaldirektor des russischen Kraftwerksbauers OAO VO Technopromexport, Sergej Moloshawy, warnte auf der Russia Power bereits vor Engpässen und steigenden Kosten für Ausrüstung, Material und Fachkräfte. Michail Slobodin dagegen hält die angekündigten Ausbaupläne des Stromkonzerns für außerordentlich optimistisch. "Der angekündigte Investitionsboom für die Jahre 2007, 2008 und 2009 ist noch nicht mit einer entsprechenden Ausarbeitung der Projekte unterlegt", erklärte der Präsident des Energiedienstleisters Komplexnyje Energetitscheskije Systemy, der bereits einen Mehrheitsanteil an der Kraftwerksgesellschaft OAO TGK-5 erworben hat. Als eine der wenigen Ausnahmen lässt Slobodin die Hauptstadt gelten, wo ein Bauboom neue Kraftwerke auch dringend notwendig macht: "Moskau baut tatsächlich."

Leittechnik und Turbinen mit russischen Partnern

Allein der Hauptstadt-Versorger OAO Mosenergo will bis 2011 Kraftwerke mit insgesamt 4 500 MW in Betrieb nehmen. Weitere Kraftwerke werden von unabhängigen Investoren gebaut, zu denen auch Technopromexport gehört. Bei den Neubauten von Mosenergo ist die deutsche Siemens AG mit im Geschäft: Einen neuen Gas- und Dampfturbinen-Block (GuD) mit 450 MW, der derzeit im Heizkraftwerk 27 gebaut wird, rüstet Siemens mit der neu entwickelten Leittechnik SPPA-T3000 aus. Die beiden hier eingesetzten Gasturbinen GTE 160 werden nach Siemens-Lizenz vom Kraftwerksbau-Konzern OAO Silowyje Maschiny (SM) gefertigt, an dem die Deutschen beteiligt sind. Wie der für Leittechnik zuständige Russland-Vertriebsdirektor Hartmut Herpel berichtet, waren Siemens und SM in den letzten Jahren nach ähnlichem Muster bereits am Bau von GuD-Anlagen in St. Petersburg und Kaliningrad beteiligt. Mit Leittechnik haben Siemens und sein russisches Gemeinschaftsunternehmen Interautomatika seit 1993 bereits 65 Anlagen ausgerüstet.

Siemens und SM bieten bei Ausschreibungen auch gemeinsam an. Wie Juan Ccahuana Tito, Direktor Power Generation bei OOO Siemens berichtet, liefern die Partner demnächst zwei von der deutschen Siemens gefertigte Gasturbinen mit Generator für ein 800-MW-Kraftwerk in Kirischi, das südlich von St. Petersburg liegt und zur Kraftwerksgesellschaft OAO OGK-6 gehört. Für das südrussische OGK-5-Kraftwerk Nevinnomyssk mit 410 MW liefert ebenfalls Siemens eine Gasturbine mit Dampfturbine und Generator. "Wir sind an mehreren anderen Ausschreibungen beteiligt und erwarten weitere Aufträge", sagt Tito.

Die Gummersbacher Balcke-Dürr GmbH, die schon in den 70er Jahren Lizenzen für die Produktion von Kraftwerkskomponenten nach Russland vergeben hatte, baut ihr Geschäft in dem Land seit Anfang 2006 wieder auf. "Die ersten Aufträge hat Balcke-Dürr für die Lieferung von Komponenten in Nuklearkraftwerken erhalten", berichtet Marketingmanager J. Volker Schuler. Für den Bau einer GuD-Anlage im Heizkraftwerk 26 des Hauptstadtversorgers OAO Mosenergo liefert das Unternehmen Oberflächenvorwärmer. Balcke-Dürr und die Schwesterfirma SPX Cooling Technologies GmbH rechnen sich weitere Chancen bei Modernisierungs- und Neubauprojekten der Kraftwerksgesellschaften aus. "Es sind auch schon Gespräche über eine Müllverbrennungsanlage in Moskau geführt worden", sagt SPX-Projektmanager Bernhard Makarowski. "Dort könnten wir den Kondensator oder einen Kühlturm liefern."

Die Babcock-Borsig Service GmbH (BBS) diskutiert derzeit mit Mosenergo über ein Konzept für die Modernisierung des Moskauer Kraftwerks 22, das mit Erdgas und Steinkohle betrieben wird. "Das Kraftwerk ist veraltet. Zur Erfüllung der bestehenden Emissionsnormen und Umweltanforderungen im Bereich der Ascheentsorgung sind umfangreiche Modernisierungen erforderlich", erklärt Jens Küter, verantwortlich für den Vertrieb Russland bei der BBS. Zurzeit erörtert Mosenergo gemeinsam mit Ingenieuren der BBS und der Steinmüller-Instandsetzung Kraftwerke GmbH mögliche Modernisierungskonzepte für das Kraftwerk. Eine dieser Varianten sieht vor, drei aus den 70er Jahren stammende Kraftwerksblöcke mit je 300 MW zu modernisieren. Da jedoch ihre Leistung angesichts des Moskauer Strommangels dringend benötigt wird, soll zunächst ein neuer Ersatzblock gebaut werden, der nach seiner Inbetriebnahme die schrittweise Modernisierung der alten Blöcke ohne Einbußen in der Stromversorgung ermöglicht. Zurzeit gestalten sich die Gespräche jedoch eher schleppend. "Dringend erforderliche Entscheidungen werden auf Eis gelegt", berichtet Küter. "Der erst vor wenigen Wochen eingestiegene Mehrheitsgesellschafter Gazprombank behält sich vor, jedes einzelne Investitionsvorhaben einer genauen Prüfung zu unterziehen."


 
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Dienstag, 03.07.2007, 10:46 Uhr