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STUDIEN:
Klimaforscher glauben an früheres Kohle-Aus in Deutschland
Wissenschaftler halten eine Neuverhandlung des Kohleausstiegs in Deutschland für unnötig. Europaweit steigende CO2-Preise würden den Kraftwerken weit früher als 2038 das Aus bescheren.
 
Eine schnelle und intensive Debatte darüber, mit welchen Instrumenten die Staaten der EU die neuen Klimaziele erreichen wollen, fordern Angehörige des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und des Instituts für Weltwirtschaft Kiel (IfW). „Ziele sind keine Schritte“, sagte Jessica Strefler vom PIK beim traditionellen „Klima-Frühstück“ des Deutschen Klima-Konsortiums (DKK) vor Medienvertretern, „wichtiger ist jetzt, die Maßnahmen zu diskutieren.“

Im Verband DKK haben sich 26 Klimaforschungsinstitute von Hochschulen und außeruniversitären Einrichtungen zusammengeschlossen. Große Erwartungen hegen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gegenüber dem Emissionshandelssystem der Europäischen Union (EU-ETS) für die Sektoren Stromerzeugung und Großindustrie. Um das neue Klimaziel der EU umzusetzen und Treibhausgasemissionen bis 2030 um 55 % gegenüber 1990 zu reduzieren, sei eine Verdreifachung des Preises je ausgestoßener Tonne CO2 erforderlich, so Robert Pietzcker vom PIK.

Deutsches Ziel der Treibhausgasneutralität bis 2045 ambitionierter als Brüssels Pläne

Mit dann 130 Euro je Tonne CO2 würde Kohle laut Pietzcker so unrentabel, dass sie bis 2030 nur noch weniger als 1 % des europäischen Strombedarfs (20 Mrd. kWh) decken werde. „Das ist ein preisgetriebener Ausstieg“, so Pietzcker, „und wichtig für die Debatte in Deutschland. Denn wir brauchen damit keine Neuverhandlung des Kohleausstiegsfahrplans.“ Das frühere Ende des eigentlich auf 2038 festgelegten Endes der Kohleverstromung regele sich „allein über den CO2-Preis“, der ab 100 Euro je Tonne Wirkung entfalte. Die Stromproduktion aus Gas würde demnach bis 2030 um 60 % gegenüber 2015 abnehmen. Wichtig sei es, so Pietzcker, für den CO2-Ausstoß einen ansteigenden Mindestpreis festzulegen, um in der Wirtschaft dauerhaft Anreize für klimaschonende Maßnahmen zu setzen.

Die EU-Kommission will im Juli Gesetzesvorschläge für den 55-Prozent-Plan vorstellen, der neben der Stromerzeugung auch neue Maßnahmen für die Sektoren Verkehr, Gebäude, Landwirtschaft und Kleinindustrie beinhaltet. Jessica Strefler hält die Ziele der EU-Kommission und der Nationalstaaten vereinbar mit dem Pariser Klimaabkommen, das die Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter begrenzen will.

Das deutsche Ziel, Treibhausgasneutralität bis 2045 zu erreichen, sei dabei ambitionierter als die Brüsseler Vorgabe der CO2-Neutralität bis 2050. Denn Treibhausgase schließen auch das in der Land- und Viehwirtschaft entstehende Methan und Lachgas ein. Hier aufs Tempo zu drücken „bedeutet eine Senkung der globalen Mitteltemperatur“, so Jessica Strefler. CO2-Neutralität dagegen bringe lediglich stabile Temperaturen.

Drastische Transformation der Landwirtschaft gefordert

Gernot Klepper vom Institut für Weltwirtschaft Kiel sieht entsprechend zunächst einen relativen Anstieg der Landwirtschaft an den Treibhausgasemissionen voraus. Bis 2030 gehen die Emissionen in anderen Bereichen in erheblich größerem Maße zurück: Energiesektor (-77 %), Industrie (-58 %), Verkehr (-48 %) und Gebäude (-67 %). Die Landwirtschaft falle mit einem Drittel weniger Emissionen dagegen ab, wodurch sie bis 2040 zum Hauptemittenten von Treibhausgasen aufsteige. Klepper fordert daher bis 2045 eine „drastische Transformation der Landwirtschaft und des Konsumverhaltens“. Ohne geringere Fleischproduktion und weniger Einsatz von Düngemitteln sei die Treibhausgasneutralität nicht zu erreichen.

„Wir müssen heute die Weichen für die Zeit nach 2030 stellen“, so Klepper. Dazu gehöre auch, sogenannte Kohlenstoffsenken intensiv zu entwickeln. Dazu zählt die Renaturierung von Mooren, das Anlegen von Wäldern oder die Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre und dessen Speicherung. Nach aktuellen Berechnungen lasse sich der überwiegende Teil der Treibhausgase vermeiden, nur noch etwa 3 % müssten aus der Atmosphäre entnommen werden, so Jessica Strefler.

Voraussetzung für dieses Szenario sei aber der massive Ausbau der Erneuerbaren und der Abbau von Hemmnissen wie einer überzogenen Abstandsregelung für Windräder zur Wohnbebauung. „Das wird die zentrale Herausforderung der deutschen Klimapolitik sein“, so Jessica Strefler. Durchschnittlich, so Robert Pietzcker, müssten in Deutschland bis 2030 jedes Jahr etwa 12.000 MW an Solarenergie und 6.000 MW an Windenergie zugebaut werden.

Ökonomische Verwerfungen seien durch die Transformation des Energiesystems nicht zu erwarten. Der Großhandelsstrompreis werde bei den neuen Klimazielen kurzfristig um etwa 2 Cent je kWh teurer, durchschnittlich aber nur um 0,4 Cent, und pendele sich bis 2045 etwa auf dem heutigen Niveau ein. Die Systemkosten für Strom werden nach Pietzckers Einschätzung 2030 etwa 5 % höher liegen.
 

Volker Stephan
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Montag, 31.05.2021, 14:45 Uhr

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