• Rolls-Royce Power Systems spürt wirtschaftliche Erholung
  • Klimaeffekt bei Elektrofahrzeugen "teuer erkauft"
  • Zweitwärmster je gemessener Juli in Europa
  • Nach der Flut klimagerechten Wiederaufbau starten
  • Pfalzsolar bringt App für private Solaranlagen auf den Markt
  • Deutsche Bahn fährt mit Wasserkraft aus Norwegen
  • Schäden durch Ransomware in zwei Jahren vervierfacht
  • Neues Projekthaus für Amprion im Bau
  • Windenergie-Schlusslicht Bayern feiert sich für Solarausbau
  • "Schutzengel am Handgelenk" geht an den Markt
Enerige & Management > Wasserstoff -  "Mehr Wasserstoff heißt mehr erneuerbare Energien"
Bild: Fotolia
WASSERSTOFF:
"Mehr Wasserstoff heißt mehr erneuerbare Energien"
Mit einer Studie hat der LEE NRW die Perspektiven von heimischem grünem Wasserstoff ausloten lassen. Ein E&M-Gespräch mit den beteiligten Gutachtern vom Wuppertal Institut und DIW Econ.
 
E&M: Herr Mildenberger, was war die Motivation des Landesverbands Erneuerbare Energien NRW, mit einer Studie die Vor- und Nachteile von Wasserstoffimporten im Vergleich zur heimischen Produktion von grünem Wasserstoff untersuchen zu lassen?
 
Mildenberger: Bei der Nationalen Wasserstoffstrategie, die er im Sommer vorgestellt hat, ist Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier nach unserer Einschätzung nicht auf dem richtigen Weg. Er meinte damals lapidar, dass über 80 Prozent des notwendigen Wasserstoffs künftig aus dem Ausland kommen müssten. Denn hierzulande, so seine Aussage, gäbe es zu wenig regeneratives Potenzial für die H2-Herstellung. Außerdem seien im Ausland bessere und kostengünstigere Standorte vorhanden. Diese Behauptungen dürfen in unseren Augen so nicht ungeprüft weiter in der Öffentlichkeit bleiben. Gleichzeitig wollten wir dem falschen Eindruck entgegentreten, dass die heutigen Öl- und Gasimporte demnächst einfach durch die Einfuhr von Wasserstoff ersetzt werden könnten − und alles liefe rund mit unserer grünen dekarbonisierten Energiewirtschaft. Daher die Beauftragung des Wuppertal Instituts und der DIW Econ GmbH zur Erstellung eines Gutachtens.
 
Christian Mildenberger, LEE NRW
Bild: LEE NRW


E&M: Herr Merten, hatten Sie sich am Wuppertal Institut bereits vor dieser Untersuchung mit Wasserstoffimporten beschäftigt?

Merten: Zum Teil. Wir hatten bereits untersucht, welche Wasserstoffmengen für die Dekarbonisierungsstrategien von Schwerindustrien in Europa notwendig sind. Da stellte sich auch die Frage, woher all dieser Wasserstoff kommen soll. Mit der Studie für den LEE NRW haben wir auch Neuland betreten, da für unseren Teil der Fokus auf den Bereitstellungskosten lag.

 
Frank Merten, Wuppertal Institut 
Bild: Wuppertal Institut

Girard: Auch wir kommen als Gutachter in dieser Zeit nicht mehr an dem Wasserstoffthema vorbei. Für uns ist es spannend, mit dieser Studie gesehen zu haben, welche Effekte die neue Wasserstoffwirtschaft auf den Ausbau der erneuerbaren Energien, die Schaffung neuer Arbeitsplätze und die Auswirkungen auf die Wertschöpfungskette hat − genau das fehlte bislang.

E&M: Was sind die wichtigsten Erkenntnisse Ihrer Studie?

Merten: Unsere Analyse einiger bereits vorliegender Studien zeigt eine große Bandbreite und Unsicherheit, wenn es um die Kosten für den Wasserstoff geht. Beispielsweise bei den Transportkosten: Schiffe für den Wasserstofftransport rechnen sich nach den bereits vorliegenden Kostenschätzungen erst ab einer Entfernung von 4.000 Kilometern. Hinzu kommt, dass die Preise beim Schiffstransport um etwa den Faktor drei höher liegen als bei einem Transport via Pipeline. Dieses internationale Pipelinesystem müsste aber noch aufgebaut beziehungsweise das bestehende angepasst werden, was auch ein signifikanter Kostenfaktor wäre.

E&M: Welche Kosten fallen für den Wasserstofftransport an?

Merten: Die vorliegenden Studien ergeben für den H2-Transport von Marokko via Pipeline einen Korridor zwischen 30 und 100 Euro je Megawattstunde, was die schon angesprochene Unsicherheit bei all den Annahmen und die Bedeutung der Transportkosten aufzeigt. Bei den Pipelines ist noch unklar, inwiefern neue Verbindungen gebaut werden müssen oder bestehende mitgenutzt werden können. All das erschwert eine seriöse Kalkulation.

„Frühzeitiger Aufbau von Wasserstoffallianzen“

E&M: Das spricht alles für Hydrogen made in Germany, oder?

Merten: Richtig, es macht in unseren Augen Sinn, demnächst wesentlich mehr grünen Wasserstoff als bislang geplant in Deutschland und im europäischen Austausch zu produzieren. Deshalb ist es auch von strategischer Bedeutung, dass es frühzeitig zum Aufbau von Wasserstoffallianzen beispielsweise mit unseren Nachbarländern kommt.

E&M: Bedeutet dies eine Absage an Wasserstoffimporte aus Marokko, Chile oder Saudi-Arabien − allesamt Länder, die als Exportkandidaten gelten?

Merten: Es ist davon auszugehen, dass es künftig aus diesen Ländern Wasserstoffeinfuhren nach Deutschland geben wird. Wichtig ist aber: Die Studien, die wir ausgewertet haben, lassen nicht den allgemeinen Schluss zu, dass grüner Wasserstoff aus einer derzeit viel diskutierten Region wie Nordafrika kostengünstiger ist als eine heimische Produktion in Deutschland. Bei dieser reinen Kostenbetrachtung sind zudem die enormen volkswirtschaftlichen Wertschöpfungs- und Beschäftigungseffekte bislang unberücksichtigt geblieben, die im Falle einer starken heimischen Wasserstoffproduktion möglich sind. Nicht nur dieser Aspekt kommt noch viel zu kurz bei der Debatte um die Wasserstoffnutzung hierzulande: Wir müssen künftig auch darauf achten, dass in den Ländern, die für Deutschland grünen Wasserstoff produzieren, deren eigene Energiewende nicht zu kurz kommt. 

E&M: Um kurzfristig die Wasserstoffproduktion hochzufahren, empfiehlt Ihr Gutachten, den regenerativen Strom zu nutzen, der wegen Netzengpässen in einigen Regionen abgeregelt wird. Warum?

„Heimischer Wasserstoff = Bruttowertschöpfung im eigenen Land“

Girard: Volkswirtschaftlich macht das auf jeden Fall Sinn, weil die Stromkunden diesen abgeregelten Ökostrom über eine Entschädigungsregelung im EEG ohnehin schon bezahlen. Wir reden in diesem Fall nur über einen Einstieg in die grüne Wasserstoffherstellung. Bei den Wasserstoffmengen, die ab 2030 wohl nachgefragt werden, kommt über abgeregelte Wind- und Solarkraftwerke nur ein Bruchteil zusammen. Unabhängig von diesen leicht nutzbaren Grünstrommengen macht es auch künftig Sinn, möglichst viel grünen Wasserstoff in Deutschland herzustellen. Ob eine 100-prozentige H2-Produktion hierzulande möglich ist, dahinter setze ich allerdings ein großes Fragezeichen, insbesondere im Fall eines zukünftig womöglich stark wachsenden Wasserstoffbedarfs. Das würde einen unheimlichen zusätzlichen Druck auf den Ausbau der erneuerbaren Energien ausüben. Dazu seien nur folgende Stichworte genannt: zusätzliche Flächenausweisungen, Akzeptanz bei der Bevölkerung oder Konflikte mit dem Artenschutz. Es sollte aber Ziel der Politik sein, künftig grünen Wasserstoff im eigenen Land zu produzieren.

 
Yann Girard, DIW Econ
Bild: DIW Econ
 

E&M: Warum?

Girard: Nur so kommt es zur Bruttowertschöpfung und zu neuen Arbeitsplätzen beim Aufbau einer Wasserstoffindustrie. Vor allem durch den Zubau von EE-Anlagen, der den Strom für die heimische Elektrolyse liefert, und allen damit verbundenen Vorstufen ergeben sich bedeutsame volkswirtschaftliche Effekte. Natürlich werden durch den Bau und den Betrieb von Elektrolyseuren, deren Zahl steigen wird, neue Arbeitsplätze und Bruttowertschöpfung in Deutschland geschaffen. Aber auch der Bau neuer Transportleitungen oder Speicher sowie der Export von Wasserstofftechnologie durch die deutsche Anlagenwirtschaft − in Verbindung mit dem Mindestmaß einer eigenen heimischen Wasserstoffherstellung − erhöhen die Bruttowertschöpfung. Deshalb bin ich der gleichen Meinung wie Frank Merten: Deutschland profitiert, je mehr grüner Wasserstoff im eigenen Land hergestellt wird. Über die Mengen lässt sich derzeit nur spekulieren, der Bedarf hängt von der Nachfrage und dem Hochlaufen der Wasserstoffwirtschaft hierzulande ab.

Merten: Für die künftige Wasserstoffwirtschaft und -nutzung werden wichtige Weichen bereits heute gestellt. Dafür sind von der Politik verlässliche und − vor allem mit Blick auf die inländische Erzeugung − ambitioniertere Entscheidungen zu treffen.

E&M: Herr Mildenberger, was hoffen Sie, werden die Ergebnisse der neuen Studie bewirken?

Mildenberger: Wir hoffen, dass es uns mit der Studie gelingt, den derzeitigen Wasserstoff-Hype wieder ein Stück zu erden. Wenn ich an Überschriften wie ‚Wasserstoff ist der teure Champagner der Energiewende‘ denke, dann ist das auch bitter und dringend notwendig. Deutschland hat es geschafft, die Kosten für Solarstrom auf ein wettbewerbsfähiges Niveau zu senken. Warum sollte uns das beim Wasserstoff nicht gelingen? Daher ist ein intelligentes Hochfahren bei der Wasserstoffherstellung notwendig.

E&M: Was heißt das konkret?

Mildenberger: Wir sollten uns im ersten Schritt auf den Wasserstoffeinsatz in der Stahl- und Chemieindustrie konzentrieren, wofür wir uns als Verband auch stark machen. Das heißt gleichzeitig: Wir müssen uns von so mancher Träumerei trennen, gleich alle Sektoren auf Wasserstoff umzustellen. Die Studie zeigt meines Erachtens eindrucksvoll, dass der Aufbau der heimischen Wasserstoffwirtschaft einen weiteren dynamischen Ausbau der erneuerbaren Energien bedingt. Wenn diese Botschaft bei Peter Altmaier ankommt, der als deutscher Bundeswirtschaftsminister für die Wertschöpfung im eigenen Land verantwortlich und zuständig ist, dann hat die Studie viel erreicht. E&M

 
Möchten Sie diese und weitere Nachrichten lesen?
 
 
Testen Sie E&M powernews
kostenlos und unverbindlich
  • Zwei Wochen kostenfreier Zugang
  • Zugang auf stündlich aktualisierte Nachrichten mit Prognose- und Marktdaten
  • + einmal täglich E&M daily
  • + zwei Ausgaben der Zeitung E&M
  • ohne automatische Verlängerung
 
Jetzt kostenlos testen
 
Login für Kunden
 

Kaufen Sie den Artikel
  • erhalten Sie sofort diesen redaktionellen Beitrag für nur € 8.93
 
JETZT ARTIKEL KAUFEN
Mehr zum Thema

 
Haben Sie Interesse an Content oder Mehrfachzugängen für Ihr Unternehmen?
 
Sprechen Sie uns an, wenn Sie Fragen zur Nutzung von E&M-Inhalten oder den verschiedenen Abonnement-Paketen haben.
Das E&M-Vertriebsteam freut sich unter Tel. 08152 / 93 11-77 oder unter  vertrieb@energie-und-management.de über Ihre Anfrage.
 
WEITERE INFORMATIONEN
© 2021 Energie & Management GmbH
Freitag, 20.11.2020, 09:09 Uhr