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Enerige & Management > Gas - Möhring: "Die Gaswirtschaft unterstützt Klimaschutzbemühungen"
Bild: Fotolia.com, WoGi
GAS:
Möhring: "Die Gaswirtschaft unterstützt Klimaschutzbemühungen"
Ludwig Möhring, Geschäftsführer für Vertrieb bei Wingas, über den Veränderungsdruck in der Gasbranche.
 
Wandel auch bei Wingas. Mitte Oktober wurde der langjährige Sprecher der Geschäftsführung, Gerhard König, durch Dmitry Kotulskiy abgelöst. Der neue Mann an der Spitze kommt vom Gazprom-Konzern, der seit Übernahme der Wintershall-Beteiligung vor gut einem Jahr alleiniger Gesellschafter des Kasseler Gasgroßhändlers ist. Die Umbesetzung soll die Integration der Wingas in die Gazprom-Gruppe unterstützen. Wie weit sie gehen wird, ist noch nicht absehbar. Weiter unklar ist ferner, ob dabei der Name Wingas erhalten bleibt. Im Vertrieb setzt das Unternehmen indes auf Kontinuität.

E&M: Herr Dr. Möhring, der Winter steht vor der Tür – Gasversorger haben sich früher sehr darauf gefreut. Mit welchen Erwartungen geht ein Gasunternehmen heute in die nicht mehr so sicher kalte Jahreszeit?

Möhring: Heute weiß man erst nach dem Winter, ob man sich hätte freuen sollen – das liegt nicht nur am unkalkulierbaren Wetter, sondern anders als früher daran, wie sich im Winter die Preise entwickeln. Wir bei Wingas sind als konservative Planer bestens darauf vorbereitet, unsere Kunden zu versorgen.
 
Ludwig Möhring: „Wir haben fundamental gar nichts an unserem Gaseinkauf verändert“
Bild: Wingas

E&M: Wingas ist seit einem Jahr zu hundert Prozent Tochter der russischen Gazprom. Was hat sich seit dem Ausstieg von Wintershall verändert?

Möhring: Wir sind überzeugt, dass wir mindestens so gut sind wie vor einem Jahr, streben aber danach, uns weiter zu verbessern. Bei den Kunden ist sehr gut angekommen, dass Gazprom durch die vollständige Übernahme der Wingas ein klares Bekenntnis zum Erdgas und zum Gasgeschäft in Westeuropa abgegeben hat.

E&M: Gibt es auch Kunden, die Gazprom eher skeptisch sehen?

Möhring: Natürlich werden wir auf das schwierige politische Verhältnis zu Russland angesprochen, aber unsere Kunden sind sehr viel weniger aufgeregt als manche Medien. Wir haben einen russischen Gesellschafter und müssen uns der Situation stellen – dagegen gibt es nichts zu sagen. Ich bin jedoch der Ansicht, dass in Deutschland mehrheitlich ein Interesse daran besteht, dass die EU, Deutschland und Russland zu dem kooperativen Verhältnis, wie wir es bis vor kurzem hatten, zurückkehren.

E&M: Ist Wingas jetzt bei der Gasbeschaffung noch stärker an Gazprom gebunden?

Möhring: Wir haben fundamental gar nichts an unserem Gaseinkauf verändert. Wir beschaffen weiter etwa die Hälfte unseres Erdgases über Langfristverträge von Gazprom. Die Vermarktung von russischem Gas ist natürlich wie vor dem Gesellschafterwechsel einen zentralen Aufgabe. Den Rest kaufen wir an den Handelsmärkten und von anderen Partnern.

„Wir sehen Langfristverträge weiter als werthaltige Option“

E&M: Werden Langfristverträge ihre Bedeutung behalten?

Möhring: Großhändler wie auch jeder ihrer Kunden haben die Wahl, wie sie ihre Beschaffung organisieren – deshalb gibt es unterschiedliche Strategien. Wingas ist konservativ aufgestellt und hält viel von langfristigen Partnerschaften. Wir sehen Langfristverträge weiter als werthaltige Option.

E&M: Die Wingas-Gruppe betreibt auch eigene Gasspeicher. Sehen Sie in diesem wirtschaftlich zuletzt schwierigen Geschäft Licht am Horizont?

Möhring: Unsere Tochtergesellschaft Astora ist – wie andere Speicherbetreiber - im Gasspeichergeschäft in einer vergleichbar schwierigen Situation wie eine Reihe von konventionellen Kraftwerken am Strommarkt. Es gibt aktuell offenbar zu viele Kapazitäten, und die Leistung wird nicht auskömmlich honoriert. Das ist betriebswirtschaftlich natürlich schwierig, aber als Marktentwicklung hinzunehmen; und da müssen wir jetzt ohne zu klagen durch. Denn eine Konsolidierung in diesem Geschäft ist aus unserer Sicht noch nicht erkennbar.

E&M: Wo sehen Sie die wichtigsten Absatzmärkte für Wingas außerhalb Deutschlands?

Möhring: Wir haben im Ausland immer auf organisches Wachstum gesetzt. In den vergangenen Jahren haben wir in Belgien und in den Niederlanden sehr gute Erfahrungen gemacht, weil wir uns dort kosteneffizient aufgestellt haben. Sehr zuversichtlich sind wir auch im Hinblick auf Österreich und Tschechien. Dort konnten wir gut Fuß fassen. Wo wir wegen der regulatorischen Rahmenbedingungen nicht recht vorankommen, ist Frankreich. Grundsätzlich geht es immer darum, Geld zu verdienen, Marktanteile allein sind kein Selbstzweck.

E&M: Das vor einem Jahr verabschiedete Pariser Klimaabkommen fordert von allen Staaten verstärkte Klimaschutzbemühungen – welche Antwort muss die Gaswirtschaft darauf geben?

Möhring: Das Abkommen wurde von Staaten geschlossen – in erster Linie müssen diese eine Antwort haben. Von Deutschland, das sich als Vorreiter beim Klimaschutz darstellt, erwarte ich, dass es endlich Klimaschutz ernsthaft betreibt − in den letzten fünf Jahren wurde nämlich praktisch kein CO2 eingespart. Es gilt jetzt, sich nicht nur an Visionen für 2050 abzuarbeiten, sondern Lösungen für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre zu finden. Denn wenn wir weiter so viele Treibhausgase ausstoßen wie zuletzt, ist das globale CO2-Budget, das wir für dieses Jahrhundert zur Verfügung haben, schon in 20 Jahren ausgeschöpft. Deutschland muss hier seiner Vorreiterrolle gerecht werden.

„Das Potenzial von Erdgas für die Dekarbonisierung ist enorm“

E&M: Kann Erdgas denn zum raschen Klimaschutzfortschritt beitragen?

Möhring: Die hiesige Gaswirtschaft unterstützt die Klimaschutzbemühungen Deutschlands und kann ihren Beitrag leisten. Das setzt aber voraus, dass wir von der Politik bei der Diskussion über einen Klimaschutzplan nicht mehr als Problem, sondern als Teil der Lösung behandelt werden. Das Potenzial von Erdgas für die Dekarbonisierung ist enorm – es kann weitaus klimaschädlichere Energieträger ersetzen; nehmen wir nur den Ersatz von Kohlekraftwerken durch Gaskraftwerke. Darüber hinaus kann die Gaswirtschaft über das Einspeisen von Biogas und synthetischem Gas aus Power-to-Gas-Anlagen weitere wichtige Beiträge leisten. Klimaschutz wird nur in einem Miteinander von konventionellen und erneuerbaren Energieträgern funktionieren. Das wird im Moment nicht richtig wahrgenommen.

E&M: Was ist am Klimaschutzplan zu kritisieren?

Möhring: Der aktuelle Klimaschutzplan arbeitet sich ausschließlich an der Vision ab, bis 2050 die gesamte Energieversorgung zu dekarbonisieren. Er beschreibt aber an keiner Stelle in angemessener Weise, wie der Weg dahin aussehen soll. Dazu würde beispielsweise gehören, Handlungsalternativen zur CO2-Einsparung abzuwägen und vor allem die Kosten einzubeziehen. Das ist bislang nicht geschehen. Völlig außer Acht gelassen wird leider auch, dass die Erdgasinfrastruktur, also Pipelines und Speicher, zu einer wirklichen Sektorkopplung beitragen kann.

E&M: Aber an der Dekarbonisierung führt kein Weg vorbei.

Möhring: Das ist klar. Für den derzeitigen Plan der Politik, neben der Stromversorgung auch den Wärmesektor und den Verkehr weitgehend zu elektrifizieren, fehlt jedoch bislang der Beweis der technischen Umsetzbarkeit, ganz abgesehen von den damit verbundenen Kosten. Außerdem müssten dafür die Kapazitäten des Stromnetzes über den schon vorgesehenen Umfang hinaus massiv erweitert werden: Wir reden von einer Vervielfachung des Strombedarfs für den Fall einer Elektrifizierung auch des Wärmemarktes und des Transportsektors – das gilt übrigens auch für die Strominfrastruktur. Es ist daher offensichtlich, dass wir über Strom hinaus die Potenziale von Erdgas als Energieträger nutzen sollten, der den enormen Leistungsbedarf vor allem in der Industrie, aber auch am Wärmemarkt bedienen kann.

 
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Mittwoch, 26.10.2016, 10:31 Uhr