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Enerige & Management > Interview - Pehlke: "Ich würde wieder so entscheiden"
Bild: Fotolia.com, iQoncept
INTERVIEW:
Pehlke: "Ich würde wieder so entscheiden"
Guntram Pehlke gehört zu den umtriebigsten Energiemanagern im Ruhrgebiet. Mit dem Chef der Dortmunder DSW-Gruppe sprach E&M über die Situation bei RWE und Steag sowie über die Bundespolitik.
 
E&M: Herr Pehlke, macht es derzeit Spaß, Energiemanager zu sein?

Pehlke: Ja.

E&M: Warum?

Pehlke: Wir haben viele Herausforderungen zu lösen. 2016 war ein richtig spannendes Jahr. Meines Erachtens sind die ersten richtigen Schritte zum Erfolg der Energiewende umgesetzt worden.

E&M: Welche?

Pehlke: Dazu zählt auf jeden Fall die EEG-Reform, auch wenn wir uns eine stärkere Begrenzung des Zubaus neuer Anlagen gewünscht haben. Dafür ist mit dem Wechsel zu Auktionsverfahren für die Förderhöhe eine grundlegende Änderung erfolgt, die die erneuerbaren Energien endlich näher an den Markt bringt. Wir haben zudem eine notwendige Anpassung des KWK-Gesetzes erlebt, bei der sicherlich auch mehr möglich gewesen wäre. Der grobe Rahmen stimmt jetzt aber, nachdem die Bundesregierung jahrelang nichts bei der EEG-Förderung unternommen hatte. Daher lautet mein Zwischenfazit: Wir sind auf dem richtigen Weg, wir hätten uns aber an der einen oder anderen Stelle mehr Mut gewünscht.

E&M: Wie beurteilen Sie das Digitalisierungsgesetz?

Pehlke: Wir haben alle keine Erfahrungen, was mit der Digitalisierung auf uns zukommt. Insofern bietet das Gesetz zunächst einmal einen guten Ordnungsrahmen. Der größte Wermutstopfen ist allerdings, dass die Datenhoheit nunmehr bei den Übertragungsnetzbetreibern liegt. Eigentlich gehört sie aber dahin, wo die Kunden sind, nämlich auf lokale und regionale Ebene. Diese Fehlsteuerung muss in der nächsten Legislaturperiode unbedingt korrigiert werden.
 
Guntram Pehlke: "Wir haben ab Beginn der nächsten Dekade eine Lücke bei der gesicherten Leistung"
Bild: Dortmunder Stadtwerke AG

E&M: Auch wenn das Weihnachtsfest schon ein paar Tage zurückliegt, hätten wir gerne gewusst, ob RWE-Chef Rolf Martin Schmitz Ihnen als Präsent die Zahlung einer Dividende für das letzte Geschäftsjahr zugesagt hat?

Pehlke: Von der Marktlogik wäre RWE gut beraten, einen Teil aus dem Jahresergebnis 2016 der Innogy an seine Aktionäre weiterzugeben. Auf dieses positive Signal werden wir wohl vergebens warten, ich habe den Eindruck, dass RWE keine Dividende ausschütten wird. Man wird wohl erst alles, was noch an Ergebnisbelastungen vorhanden ist, berücksichtigen, um dann in den kommenden Jahren dividendenfähiger zu sein.

E&M: Das heißt, DSW21 fehlt zum zweiten Mal in Folge ein zweistelliger Millionenbetrag?

Pehlke: Das stimmt.

E&M: Wenn es wirklich wieder keine Dividende aus Essen geben sollte, stärkt das nicht den kommunalen Trend, sich von RWE zu verabschieden? Bochum hat entschieden, sein Aktienpaket schrittweise zu verkaufen. Bottrop hat ebenfalls den Ausstieg beschlossen.

Pehlke: Einige dieser Entscheidungen sind meines Erachtens unabhängig von Dividendenzahlungen getroffen worden, sondern oftmals allein aus ideologischen Gründen. Es ist aber richtig, dass sich die kommunalen Strukturen um das RWE herum auflösen. In Westfalen ist im Gegensatz zum Rheinland die Struktur noch stabiler. Die Kommunen wollen zwar mehr Handlungsfreiheit, nicht aber ihre Aktien verkaufen.

E&M: Das heißt, dass Dortmund als heimliche Westfalen-Hauptstadt seine 23,6 Millionen Aktien nicht verkauft?

"Ich kann mir in einigen Jahren ein Engagement bei Innogy vorstellen"

Pehlke: Im Gegensatz zu anderen Kommunen ist Dortmund RWE-Standortgemeinde. Bei uns in der Stadt sitzt der Teil des Unternehmens, auf den das Zukunftsgeschäft entfällt. Außerdem sehen wir uns als strategischer, langfristiger Investor bei RWE. Legitim ist aber die Frage, ob wir auf Dauer am richtigen Teil des RWE-Konzerns beteiligt sind.

E&M: Sind Sie das?

Pehlke: Die Überlegungen für einen Einstieg bei Innogy haben wir auf jeden Fall nicht zu den Akten gelegt. Ich kann mir jedenfalls in einigen Jahren auch ein Engagement bei Innogy gut vorstellen. Dafür bedarf es aber eines Ratsbeschlusses.

E&M: Der DSW21-Gruppe fehlt in diesem Jahr nicht nur die RWE-Dividende, sondern auch die Millionen-Ausschüttung von der Steag. Dennoch wollen Sie an der Steag festhalten, zumal DSW21 mit Jahresbeginn auch die 18-prozentige Beteiligung ihres Tochterunternehmens DEW21 an der Steag in die eigenen Bücher übernommen hat.

Pehlke: Ich bin davon überzeugt, dass wir hierzulande in den nächsten zehn bis 30 Jahren die konventionelle Energieversorgung brauchen. Deshalb macht unser Engagement auch weiterhin Sinn. Wir haben bei der Steag schwierige Jahre vor uns, was ich unserem Aufsichtsrat bereits vor zwei Jahren angekündigt habe. Trotzdem gab es seitens der Steag ja durchaus Ausschüttungen an das kommunale Eigentümerkonsortium. Nun ist alles noch ein bisschen schwieriger geworden als gedacht, aber die Geschäftsführung hat konsequent sämtliche Maßnahmen ergriffen, um den Turnaround zu schaffen und ab 2020 oder 2021 wieder eine Dividende zahlen zu können.

E&M: Was macht Sie da so sicher?

Pehlke: Wir haben ab Beginn der nächsten Dekade eine Lücke bei der gesicherten Leistung. Das bestreitet nicht einmal Staatssekretär Rainer Baake im Bundeswirtschaftsministerium. Seine Einschätzung, dass diese Lücke über den europäischen Strommarkt zu schließen ist, bezweifle ich. Diese europäische Kupferplatte gibt es nicht.

E&M: Müssen Sie ohne die Millionen von RWE und Steag ein Sparprogramm starten und Mitarbeiter entlassen?

Pehlke: Das haben wir längst gestartet. Der DSW21-Vorstand hat das Projekt Zukunft aufgelegt, das strukturell zu Einsparungen von 30 Mio. Euro führen soll. Daneben wollen wir mit einem weiteren Programm das Ergebnis jährlich um acht bis zehn Mio. Euro verbessern. Wir werden erstmalig in der DSW21-Geschichte rund 200 Stellen abbauen - sozialverträglich, keine Frage -, aber am Ende sind diese Stellen weg. Knapp 140 Stellen haben wir bereits abgebaut, damit sind Einsparungen von rund 18 Mio. Euro verbunden. Unter dem Strich fahren wir ein ambitioniertes Restrukturierungsprogramm. Zudem haben wir mit ersten Einschnitten bei unseren ÖPNV-Dienstleistungen begonnen, das heißt, erste Angebote in Randzeiten ausgedünnt. Dabei wird es nicht bleiben.

E&M: Zurück zur Steag: Das Unternehmen streicht bis zu 1 000 Stellen, rund 40 Prozent seiner installierten Steinkohlekapazität in Deutschland sollen stillgelegt werden. Ist damit das Ende der Fahnenstange erreicht?

Pehlke: Ob tatsächlich alle Kraftwerke, die zur Stilllegung angemeldet wurden, auch vom Netz gehen, ist von der Entscheidung der Bundesnetzagentur abhängig, die noch nicht vorliegt. Unabhängig davon haben wir mit der Strategie Steag 2022 eine Strategie entwickelt, die rund 50 Maßnahmenpakete enthält. Dazu zählen Effizienzmaßnahmen, Kosteneinsparungen, aber auch Investitionen- und Wachstumsmaßnahmen. Um mehr Liquidität zu erhalten, gibt es Überlegungen, dass wir uns auch von einigen Assets trennen, beispielsweise von einigen Windparks, die derzeit als Invest etwa bei Versicherern und Fonds sehr gefragt sind. Bei neuen Windparks wollen wir künftig nur noch Minderheitsgesellschafter sein.

E&M: Zählt zu dem Assetverkauf auch die Steag Fernwärme GmbH, die historisch zur DNA des Unternehmens zählt?

Pehlke: Nein. Sowohl im Kreis der Konsorten als auch mit der Geschäftsführung sind wir uns darüber einig, dass die Fernwärme-Sparte nicht zu 100 Prozent verkauft wird. Wir sind mit den anderen fünf Gesellschaftern bei der Steag unter anderem genau wegen der Fernwärme eingestiegen. Wir prüfen aber schon, ob ein strategischer Partner bei Steags Fernwärmezweig einsteigen könnte, der bestenfalls auch ein eigenes Fernwärmegeschäft mitbringt. Sollte es dazu kommen, ist aber ganz klar, dass die Steag die Mehrheit und die Betriebsführung behält.

E&M: Noch einmal zurück zur Stromerzeugung: Wie steht es um die angedachten GuD-Kraftwerke in Herne und Leverkusen?

"Die Steag wird noch mit so mancher Investition überraschen"

Pehlke: Das GuD-Projekt im Leverkusener Currenta-Park macht deshalb Sinn, weil Steag Wärme und Prozessdampf auskoppeln könnte. Das würde sich rechnen. In Herne ist zuerst eine Erweiterung des Gasfernleitungsnetzes im Rahmen eines Planfeststellungsverfahrens Bedingung.

E&M: Verstärkt die Steag das Auslandsgeschäft?

Pehlke: Die Steag muss Geld verdienen. Da das auf dem politisch determinierten deutschen Energiemarkt kaum mehr möglich ist, müssen wir ins Ausland gehen. Was selbst für die Windkraft zutrifft: Hierzulande geben sich angesichts der niedrigen Zinsen Versicherungen und Fonds mit Renditen von zwei, drei Prozent zufrieden, dafür können wir als Energieunternehmen keinen Windpark bauen und betreiben. Die Steag will und wird sich künftig auch verstärkt bei der Müllverbrennung engagieren - sowohl im In- als auch im Ausland. Die beiden Müllverbrennungsanlagen, die die Steag von Vattenfall übernimmt, sehe ich als strategischen Markteintritt. Die Steag wird noch mit so mancher Investition überraschen.

E&M: Was als Quintessenz so klingt, dass Sie die Übernahme der Steag nicht bereuen.

Pehlke: Auch wenn wir vor harten Restrukturierungsmaßnahmen stehen, habe ich den Schritt bis heute nicht bereut. Ich würde wieder so entscheiden.

Die DSW-Gruppe und ihre Beteiligungen
Im Energiesektor sind drei Engagements maßgeblich. Zusammen mit den Stadtwerken Bochum ist DSW21 Mehrheitsgesellschafter bei der Gelsenwasser AG. Abzüglich des Kapitaldienstes verblieben von deren Ausschüttung für 2015 etwa 34 Mio. in der Dortmunder Kasse. Rund 11,2 Mio. Euro erbrachten die Anteile der Steag, was in den nächsten Jahren merklich sinken wird. Zudem hält DSW21 für die Stadt Dortmund 23,6 Millionen Aktien am RWE-Konzern. Damit sind die Westfalen dessen größter kommunaler Aktionär.

Zur Person
Dortmunds früherer Kämmerer Guntram Pehlke, Jahrgang 1960, gehört seit dem 1. Juli 2006 dem DSW21-Vorstand an, dessen Vorsitz er im Oktober des gleichen Jahres übernahm. Der Vertrag des gebürtigen Niedersachsen, der zusammen mit Hermann Janning, dem früheren Chef der Stadtwerke Duisburg, als Strippenzieher der kommunalen Übernahme der Steag gilt, ist im Herbst 2015 bis Mitte 2021 verlängert worden.

 
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Donnerstag, 02.02.2017, 09:16 Uhr