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Enerige & Management > IT - Raum für Innovationen
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IT:
Raum für Innovationen
SAP führt seine Energiekunden in die Cloud. Das bringt für die Unternehmen zum Teil tiefgreifende Änderungen mit sich. Aber schließlich wandelt sich auch der Markt.
 
Klaus Lohnert und Stefan Engelhardt, der eine Program Director Cloud for Utilities, der andere Vice President Industry Unit Utilities bei SAP, sprechen eigentlich viel lieber über Effizienz und Innovationen. Doch hin und wieder kursieren noch Gerüchte im Markt, der Softwarekonzern wende sich allmählich von der Energiewirtschaft ab. Engelhardt nutzt die Gelegenheit, unmissverständlich klarzustellen: „Wir bei SAP haben nie daran gedacht, uns aus dem Versorgermarkt zurückzuziehen.“

Er kann aber durchaus nachvollziehen, dass es im Zuge der Ankündigung, die Branchensoftware IS-U (Industry Solution Utilities) auf die datenbankbasierte HANA-Technologie umzustellen, zu Missverständnissen gekommen ist. Doch er betont: „IS-U steht für die Versorgerwelt von gestern und SAP S/4HANA Utilities und die SAP-Cloud-Applikationen repräsentieren die Lösungen für den Energiemarkt von morgen.“ Für IS-U habe die SAP kürzlich die Standardwartung bis 2027 verlängert und sie im gleichen Zuge für S/4HANA Utilities bis 2040 zugesagt. Damit habe der Konzern der Energiewirtschaft Investitionssicherheit für die Zukunft gegeben, erklärt er. Und Lohnert mutmaßt vor diesem Hintergrund: „Wer die Signale, die wir jetzt in den Markt senden, nicht erkennen will, will sie vielleicht auch gar nicht wahrhaben.“
 
Stefan Engelhardt: „Wir bei SAP haben nie daran gedacht, uns aus dem Versorgermarkt zurückzuziehen.“
Bild: Privat

Der Technologiewechsel von IS-U zu SAP S/4HANA Utilities sei im Rahmen des IT-Lebenszyklus ein vollkommen marktüblicher Prozess. „Wir haben uns allerdings nicht nur darauf beschränkt, den ‚Motorraum‘ durch neuste HANA-Technologie zu erneuern“, so Engelhardt. Darüber hinaus habe SAP auch massiv in die Steigerung der Prozesseffizienz investiert. „Die neue Softwaregeneration stellt sozusagen ein rundum erneuertes ‚IS-U PLUS‘ dar, bei dem die Kunden von zahlreichen Innovationen profitieren“, verspricht er.
 
Klaus Lohnert: „Wir schaffen das digitale Rückgrat des Unternehmens“
Bild: Privat


Die Energiewirtschaft befindet sich in einem Evolutionsprozess, in dem die Versorger vom klassischen Strom- und Gasanbieter zum Multi-Service Provider werden. Denn der Commodity-Markt ist schon lange nicht mehr der Garant für großzügige Margen. Er ist ein hart umkämpftes Terrain, das Neueinsteiger und vor allem auch sehr potente Player zu besetzen versuchen. Der Mineralölkonzern Shell ist ein Beispiel dafür. Ein anderes Unternehmen, das sich anschickt, den traditionellen Stromvertrieb aufzumischen, ist Tesla. Vor wenigen Wochen erst hat der Elektroautobauer seine Kunden nach ihrer Meinung zu Bündelangeboten mit Stromtarif, PV-Anlage und Heimspeicher gefragt.

„Wir wollen den Wandel der Versorger unterstützen“
 
Ob Angriff die beste Verteidigung ist, wird sich zeigen. Auf jeden Fall rüsten sich Stadtwerke und Energieversorger ihrerseits, mit der E-Mobilität, mit Datendiensten, dem Vertrieb von PV-Anlagen und Speichern und sonstigen Angeboten den unkonventionellen Wettbewerbern Paroli zu bieten.
„Diesen Wandel der Versorger wollen wir unterstützen“, sagt Engelhardt. Drei Ansatzpunkte haben die SAP-Strategen dafür identifiziert:
 
  • Cost to Serve: Die Energieversorger sollen mithilfe der SAP-Lösungen ihre eigenen Prozesse noch effizienter machen können, indem sie so weit wie möglich automatisiert werden. Der Idealfall wäre das Self-Running Enterprise.
  • Margen- und Umsatzsteigerung: Dahinter steht die Überzeugung, dass sich Energieversorger vor allem im Non-Commodity-Bereich von Wettbewerbern abheben und neue Erlöse generieren können.
  • Time-to-Market: Erfolg hat im Wettbewerb vor allem das Unternehmen, das schnell neue Geschäftsmodelle umsetzen, neue Produkte auf den Markt bringen und sie notfalls auch schnell wieder vom Markt nehmen kann.

„Damit gehen aber neue Anforderungen an die betriebliche IT einher“, gibt Engelhardt zu bedenken. Sie müsse eine einfache Produktdefinition sowie eine integrierte Abwicklung des Commodity-Geschäfts und der Dienstleistungen erlauben und sie müsse alle Marktrollen im Blick haben − nicht nur den Vertrieb, sondern beispielsweise auch den Messstellenbetreiber. Schließlich hat das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende diesem zusammen mit dem Smart-Meter-Gateway-Administrator die Rolle des Betreibers der zentralen Datenplattform zugedacht.

Um all die Anforderungen hat sich ein roter Faden gelegt. Lohnert bringt diese Leitlinie auf den Punkt: „Wir wollen Innovationsfreiräume schaffen.“ Das Bedürfnis, den Aufwand für nicht-differenzierende Aufgaben massiv zu reduzieren, sei in der Branche sehr ausgeprägt. Nur so lassen sich schließlich Ressourcen freischaufeln, die in die Entwicklung und Umsetzung neuer Geschäftsmodelle und Produkte gesteckt werden können.

Cloud for Utilities ist der Werkzeugkasten, mit dem SAP einerseits die weitgehende Automatisierung nicht-differenzierender Prozesse und andererseits die Einführung wettbewerbsfähiger Produkte unterstützen will. Die IT-Lösung steht für eine neue Welt, in der Anglizismen ebenso alltäglich sind wie Multi-Utility Provider, die neben Strom und Gas auch Speicher verkaufen, Smartphone-Tarife anbieten oder intelligenten Verkehrskonzepten in Smart Citys Leben einhauchen.

Seit Mitte 2018 arbeitet SAP an der Cloud. Mittlerweile gibt es zwölf Cloud-Module, die sich zu einer Einheit orchestrieren lassen und verschiedene Funktionen abdecken, etwa das Marketing, den Vertrieb, die Abrechnung, das Forderungsmanagement oder die Marktkommunikation. „Mit der Mako-Cloud adressieren wir beispielsweise das regulatorische Umfeld der Versorger, das sich immer wieder ändert. Der daraus resultierende Anpassungsaufwand ist für die Unternehmen meistens ganz erheblich, trägt aber nichts zur Wertschöpfung bei“, erläutert Lohnert. Deshalb sei es wichtig, so viel Automatisierung wie möglich in die Prozesse zu bringen. „Damit schaffen wir das digitale Rückgrat des Unternehmens“, so der Chef des Cloud-Programms, der ausdrücklich die Abwicklung des Commodity-Geschäfts mit einbezieht. Effizienz sei natürlich auch im Non-Commodity-Bereich ein Thema, wo Innovationen den vertrieblichen Erfolg maßgeblich bestimmen. Wer es hier schaffe, Prozesse zu standardisieren, sodass die Abwicklung des Geschäfts − Lohnert nennt es „Fullfillment“ − weitgehend automatisiert ablaufen kann, hat nach seiner Überzeugung schon einmal eine sehr gute Ausgangsposition im Wettbewerb.

„Wenn man bereit ist, alte Zöpfe abzuschneiden, kann man von der Cloud enorm profitieren“
 
„Wenn man bereit ist, alte Zöpfe abzuschneiden, kann man von der Cloud enorm profitieren“, verspricht Lohnert. Er denkt dabei an die vielen Versorger, die von einer ausufernden Tarifvielfalt auf einige wenige auf wichtige Zielgruppen zugeschnittene Angebote zurückgehen. Oder an die Unternehmen, die den Vertrieb in digitale Kanäle verlagern und über soziale Medien und Messenger Dienste mit ihren Kunden kommunizieren. Sie müssen Informationen schnell weiterverarbeiten und aufbereiten können. Wer den Schritt in das Hardwaregeschäft wagt und Wallboxen, Speicher oder PV-Anlagen verkauft, ist auf eine reibungslose Logistik angewiesen. Und schließlich müssen Bündelprodukte ja auch abgerechnet werden.

Das sind einige wenige Beispiele, die den Umfang der Cloud nur andeuten. „Wir können den vollständigen Lead-to-Cash-Prozess abbilden“, präzisiert Engelhardt. Er verhehlt allerdings nicht, dass die Kunden mitunter auch neue Prozesse definieren und althergebrachte aufbrechen müssen, um eine gewisse Standardisierung zu erreichen und alle Vorteile der Cloud auch tatsächlich nutzen zu können.

„In der traditionellen IS-U-Welt lässt sich zwar fast alles abbilden. Es dauert dort jedoch deutlich länger, die Voraussetzungen zu schaffen, um ein neues Produkt am Markt zu etablieren“, gibt Engelhardt zu bedenken. Diese Zeit werden künftig immer weniger Energieversorger haben. Dennoch müsse sich kein Kunde Hals über Kopf in die Cloud stürzen. „Er kann einen Schritt nach dem anderen machen“, versichert der Branchenexperte.

Bei SAP rechnet man damit, dass die Mehrheit der Kunden in den nächsten Jahren auf eine hybride IT-Landschaft setzt. Einige grundlegende Prozesse werden sie weiterhin auf eigenen Servern mit S/4HANA Utilities fahren und nach und nach neue Geschäftsfelder über die Cloud erschließen. „Wir wollen den Kunden die Flexibilität geben, ihrer eigenen Strategie zu folgen und sich mit ihrer eigenen Geschwindigkeit zu bewegen“, betont Lohnert und erinnert dabei noch einmal an die „alten Zöpfe“, die abgeschnitten werden müssen. Denn er geht davon aus, dass nicht alle Mitarbeiter in einem solchen Fall gleich jubeln werden. Mitunter müssen sie beim Schritt von der alten in die neue Welt mitgenommen werden. Aber auch dabei will SAP seine Kunden unterstützen.

Noch in diesem Jahr soll das digitale Rückgrat stehen und alle branchenspezifischen Module sollen verfügbar sein. Das Wörtchen „alle“ dürfe man aber nicht ganz wörtlich nehmen, sagt Lohnert. Denn die Entwicklungsstrategie sei auf kontinuierliche Generierung von Mehrwerten ausgelegt. So wie sich die Energiewirtschaft wandle und sich neuen Anforderungen stelle, werde auch die Cloud neue Funktionen integrieren und von einem digitalen zu einem intelligenten und zu einem lernenden System werden. In drei Jahren soll diese Stufe erreicht sein. E&M
 
 

Fritz Wilhelm
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Mittwoch, 04.11.2020, 09:39 Uhr

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