• Windauktion mit mehreren Wermutstropfen
  • Wenig Wind und steigende Gaspreise schieben Strom aufwärts
  • Stiftung für internationalen Markthochlauf gegründet
  • Grüne bestätigen ihr Wahlprogramm
  • Wuppertal wieder in der Gewinnzone
  • Schlüssel Spark funktioniert ohne Batterie
  • EWE mit Kurs auf Klimaneutralität
  • VNG Gründungsmitglied bei H2Global
  • Stadtwerke Krefeld ziehen erfreuliche Bilanz
  • Energiesparen durch Gebäudesanierung
Enerige & Management > Vertrieb - Regional, grün, kompliziert
Bild: lassedesignen / Fotolia
VERTRIEB:
Regional, grün, kompliziert
Das Umweltbundesamt vergibt Zertifikate auf regionalen Ökostrom, um die Akzeptanz von EEG-Anlagen zu erhöhen. So gut die Idee scheint, so erklärungsbedürftig sind die Feinheiten.
 
Die Szenerie wirkt wie gemalt: üppig Laub tragende Bäume, ein wogendes Getreidefeld und darüber blauer Himmel mit ein paar Schleierwölkchen. Natur pur, wer wollte nicht seinen Strom aus diesem Idyll beziehen?

Mit einem solchen Panorama auf der Webseite hat sich jüngst „stromodul − die lokalstrombörse“, eine gemeinsame Initiative der Stadtwerke Soest und der Kölner Rheinenergie, auf den Weg gemacht: Über ihr webbasiertes Portal bieten die beiden NRW-Unternehmen demnächst grünen Strom „aus der Region“ an. Nicht nur für die eigene Klientel. Stromodul ist als White-Label-Lösung konzipiert und soll nach einer Testphase Mitte des Jahres Stadtwerken bundesweit als Entree für einen neuen Markt angeboten werden.

Die Versorger aus Köln und Soest nutzen für ihr neues Angebot das zu Jahresbeginn endlich an den Start gegangene Regionalnachweisregister (RNR) für Ökostrom. Dieses ist sozusagen die kleine Schwester des Anfang 2013 eingeführten Herkunftsnachweisregisters aus erneuerbaren Energien, das die Doppelvermarktung von Ökostrom verhindern soll. Beide Onlinedatenbanken werden vom Umweltbundesamt (UBA) in Dessau betreut.

Mit Einführung der Regionalnachweise hatte das Bundeswirtschaftsministerium in der zurückliegenden Legislaturperiode auf zunehmende Forderungen einiger Ökostromanbieter reagiert, ihre Kunden via einem „Grünstrommarktmodell“ endlich direkt mit Strom aus der Wind- oder Solarkraftanlage „von umme Ecke“ beliefern zu können. „Die neuen Regionalnachweise sollen vor allem zu einer verbesserten Akzeptanz der Energiewende und der erneuerbaren Energien vor Ort beitragen“, betont UBA-Fachfrau Elke Mohrbach, die derzeit in Dessau kommissarisch für beide Grünstromregister verantwortlich ist.

Unabgestimmt nutzt Andreas Schmitt, Leiter Portfoliomanagement bei Rheinenergie Trading, fast die gleichen Worte, um die Motivation von Stromodul zu erklären: „Wir wollen damit die Energiewende für die Kunden greifbar machen und über die Plattform zudem Akzeptanz für erneuerbare Anlagen schaffen.“

„Es bedarf eines Differenzierungsmerkmals“

Für den Vertrieb ihres neuen Portals kooperieren die Kölner und Soester Pioniere mit der Arbeitsgemeinschaft für sparsame Energie- und Wasserverwendung (ASEW) im VKU. Die ASEW hat angekündigt, die Stromodul-Plattform in ihren Produktkatalog aufzunehmen − kombiniert mit Dienstleistungen rund um neue Regiotarife. Darin liegen für Torsten Brose, Leiter Vertriebslösungen bei der ASEW, nur Vorteile: „Eine eigene Entwicklungsarbeit für ein neues Stromprodukt wird so deutlich reduziert und ein regelkonformes Angebot sichergestellt.“ Auch wenn nach UBA-Aussage der Start für die neuen Regionalnachweise „total verhalten“ angelaufen ist, erwartet Brose ein wachsendes Interesse im kommunalen Lager, denn: „Da fast jeder Versorger heute Ökostrom anbietet, bedarf es eines Differenzierungsmerkmals wie Regionalstrom, um sich gegenüber der Konkurrenz abheben zu können.“

Mit einem „umfassenden Dienstleistungsangebot“ wird übrigens auch Österreichs Verbund deutsche Stadtwerke bei ihren grünen Regioprodukten unterstützen. Der Energiekonzern aus Wien, der hierzulande über 160 Kommunalversorger mit seinem Wasserstrom beliefert, begrüßt die neuen Regularien für den Regionalstrom: „Über die damit festgeschriebene Regionalität kann die Akzeptanz neuer regenerativer Anlagen gestärkt werden“, sagt Mark Schwidden, Leiter des Düsseldorfer Verbund-Büros. Er sieht sowohl Verbraucher als auch Stadtwerke als Gewinner der neuen Tarifoption: „Gerade wenn neue EEG-Anlagen mit Beteiligung von Bürgergenossenschaften umgesetzt werden, kann ein Regionalstromtarif aus genau diesen Anlagen den Mitgliedern der Bürgergenossenschaft angeboten werden und dem Stadtwerk ein gutes Fundament für den neuen Tarif bescheren.“ Ob Schwidden mit seinen Überlegungen richtig liegt, wird sich zeigen, wenn in diesem Jahr die ersten beiden Verbund-Kunden mit neuen Grünstromtarifen auf Basis von Regionalnachweisen starten: „Ich bin optimistisch, dass es nicht nur bei diesen zwei Unternehmen bleibt.“

Dass die Zahl der Regionalstromangebote steigt, davon ist Matthias Trunk überzeugt. „Du brauchst ein solches Regioprodukt, sonst bis du mit deinem Gesamtangebot nicht glaubwürdig“, sagt der Vertriebsvorstand der Gasag AG. Der Berliner Versorger war übrigens bereits zu Beginn des vergangenen Jahres − also weit vor dem offiziellen Start der Herkunfts- und Regionalnachweis-Durchführungsverordnung (HkRNDV) − mit einem regionalen Stromprodukt an den Markt gegangen.

Neben der Gasag hatten im zurückliegenden Jahr bereits 43 weitere Anbieter ein Regiostromprodukt gestartet. Das zeigte die letztjährigen E&M-Ökostromumfrage. In Berlin war die Gasag gar nicht so unzufrieden mit der Resonanz auf ihre Produktneuheit: „Von den rund 60 000 Ökostromkunden, die wir 2018 neu gewinnen konnten, haben sich etwa zehn Prozent für den Regiotarif entschieden“, so Trunk.

Künftig Regionalstrom nur noch mit Nachweisen?

Geht es nach dem Umweltbundesamt, müssen diese Stromangebote aber seit Januar an entsprechende Zertifikate gekoppelt werden. UBA-Fachfrau Mohrbach verweist auf ein im vergangenen Jahr vorgelegtes Gutachten: „Ansonsten ist die Vermarktung dieser EEG-Anlagen als Regionalstrom nicht rechtmäßig, da sie gegen das Doppelvermarktungsverbot verstößt.“

Unabhängig von dieser juristischen Bewertung bleibt es bei dem Fakt: Auch mit einem Regiotarif erwirbt kein Verbraucher einen Anspruch auf grüne Elektronen von einer Windkraftanlage in Sichtweite. Denn für die Ausstellung der Regionalnachweise dürfen Ökokraftwerke aus einem Umkreis von immerhin 50 Kilometern genutzt werden. Mit diesen Nachweisen kann bei einem Regiotarif allerdings nur der bei der Stromkennzeichnung ausgewiesene EEG-Anteil, etwa 50 %, „regionalisiert“ werden, ansonsten müssen die üblichen grünen Herkunftsnachweise gekauft werden. So richtig „regio“ ist also kein Regiotarif − eine schwer nachvollziehbare Regelung.

Deshalb erwartet Marie-Luise Wolff nicht, dass die Regioprodukte schnell den Durchbruch schaffen: „So wichtig es ist, mehr Transparenz für die Verbraucher bei der Vielzahl von Stromprodukten und -tarifen zu schaffen, so sehr erwarte ich einen enorm hohen Erklärungsbedarf für die neuen Regioangebote“, urteilt die Vorstandschefin der Darmstädter Entega AG. „Auch der Verwaltungsaufwand steigt bei den Anbietern der Regiotarife um einiges.“ Ob die Südhessen selbst in absehbarer Zeit mit einem regionalen Ökostromprodukt auf den Markt kommen, ließ Wolff gegenüber E&M offen. Was verständlich ist, wenn man weiß, dass Entega allein in diesem Januar rund 40 000 neue Ökostromkunden gewonnen hat. Bei einem solchen Zuspruch ist ein neuer Regiostromtarif wahrlich nicht erforderlich.

Wie Wolff erwartet auch Udo Sieverding von der Verbraucherzentrale NRW von den neuen Regiotarifen vorerst „vor allem einen Impuls für mehr Bürokratie und noch mehr Verwirrung im Ökostromdickicht, aber keinen Ausbauimpuls für Ökoenergien.“

Die Regionaltarife werden nach Einschätzung von Robert Werner erst dann stärker angeboten und nachgefragt werden, wenn die ersten EEG-Anlagen aus der Vergütung fallen: „Erst ab 2021 sind mit ausgeförderten EEG-Anlagen echte Regionaltarife wahrscheinlich, bei denen die Stromkennzeichnung einen 100-prozentigen regionalen Strombezug ausweisen wird, wobei dann die Definition von Region individuell ausgelegt werden kann“, sagt der Grünstromexperte vom Hamburg Institut. Für die interessierten Stadtwerke komme es deshalb schon heute darauf an, „möglichst viele ältere Wind- und Solaranlagen an sich zu binden“.

Was in Soest passiert: „Wir haben heute schon von einer Reihe von Anlagenbetreibern Anfragen, ob wir dann ihren Strom vermarkten können“, sagt Mirko Paul, Leiter Portfoliomanagement bei dem westfälischen Stadtwerk. Der neue Regiotarif sei deshalb eine gute Vorbereitung auf das Post-EEG-Zeitalter.

 
Möchten Sie diese und weitere Nachrichten lesen?
 
 
Testen Sie E&M powernews
kostenlos und unverbindlich
  • Zwei Wochen kostenfreier Zugang
  • Zugang auf stündlich aktualisierte Nachrichten mit Prognose- und Marktdaten
  • + einmal täglich E&M daily
  • + zwei Ausgaben der Zeitung E&M
  • ohne automatische Verlängerung
 
Jetzt kostenlos testen
 
Login für Kunden
 

Kaufen Sie den Artikel
  • erhalten Sie sofort diesen redaktionellen Beitrag für nur € 8.93
 
JETZT ARTIKEL KAUFEN
Mehr zum Thema

 
Haben Sie Interesse an Content oder Mehrfachzugängen für Ihr Unternehmen?
 
Sprechen Sie uns an, wenn Sie Fragen zur Nutzung von E&M-Inhalten oder den verschiedenen Abonnement-Paketen haben.
Das E&M-Vertriebsteam freut sich unter Tel. 08152 / 93 11-77 oder unter  vertrieb@energie-und-management.de über Ihre Anfrage.
 
WEITERE INFORMATIONEN
© 2021 Energie & Management GmbH
Mittwoch, 06.03.2019, 10:05 Uhr