• Erdgas setzt steile Aufwärtsbewegung fort
  • Strom, CO2 und Gas überwiegend fester
  • Widerstreitende Reaktionen aufs neue Klimaschutzgesetz
  • Kabinett beschließt Gesetzesnovelle mit Klimaneutralität bis 2045
  • Südlink jetzt komplett in der Planfeststellung
  • RWE Q1: Ergebnis geschrumpft, Prognose bekräftigt
  • MVV steigert Ergebnis
  • Verbund: Quartalsgewinn sinkt um 7,6 %
  • Engie verliert Steuervorteil
  • Enapter entwickelt AEM-Elektrolyseur der Megawattklasse
UNTERNEHMEN:
Saubere Alternative ohne Kohle
Nach dem Aus für ihre ursprünglich geplantes Kohlekraftwerk setzen die Stadtwerke Bielefeld nun für ihre Fernwärmeversorgung auf Müll, Holz und Biogas - und schaffen so fast die vollständige Erzeugung mit Kraft-Wärme-Kopplung.
 

Tage wie dieser sind selten geworden im Alltag von Energieversorgern, die in der Regel wegen steigender Strom- und Gaspreise medial und von vielen Kunden dauernd abgewatscht werden. "Glückwunsch, meine Herren" feierte  jüngst die Bielefelder Lokalpresse ihre Stadtwerke, "oder, um mit dem immer gern gebrauchten Slogan der Genossenschaftler zu sprechen: Sie machen den Weg frei." Und zwar für den Weg zum "Öko-Klassenprimus".

Was war passiert? Der Aufsichtsrat der Bielefelder Stadtwerke hat Ende April grünes Licht für ein Konzept gegeben, mit dem die Fernwärmeversorgung weitgehend auf ökologische Füße gestellt wird. Damit machen die Ostwestfalen aus der Not eine Tugend: Im vergangenen August hatte die Bielefelder nach der RheinEnergie AG und der swb AG in Bremen als dritter Kommunalversorger den Stopp eines geplanten Kohlekraftwerkes verkündet, genau genommen verkünden müssen. "Als wir das Ergebnis der neuen Berechnungen mit mindestens 210 Millionen Euro auf dem Tisch hatten, blieb uns nichts anders übrig, als die Reißleine zu ziehen", sagte Geschäftsführer Friedhelm Rieke damals gegenüber E&M. Ursprünglich hatten die Ostwestfalen mit Investitionen von 110 Mio. Euro für den 100-MW-Block gerechnet.

Mit dem Aus für das Kohlekraftwerk wackelte in der Stadt mit 325 000 Einwohnern plötzlich auch die Fernwärmeversorgung, die weitestgehend auf Kraft-Wärme-Kopplung basiert. Die neue Anlage sollte das jetzige Heizkraftwerke auf dem Gelände der Stadtwerke ersetzen, das auf eine elektrische Leistung von 80 MW und eine thermische Leistung von 160 MW ausgelegt ist. Dort sind mehrere mit Kohle, Öl und Gas betriebene Dampferzeuger über eine gemeinsame Sammelschiene mit diversen Dampfturbinen gekoppelt. Die drei Kohlekessel mit je 90 MW Wärmeleistung stammen aus den frühen fünfziger Jahre - und müssen definitiv Ende 2012 stillgelegt werden.

Also machten sich das Geschäftsführer-Duo Wolfgang Brinkmann und Friedhelm Rieke sowie der Leiter der Erzeugungssparte Ingo Kröpke daran, ein Alternativkonzept ohne Kohle zu entwickeln. "Wir haben uns im ersten Schritt auf die Fernwärmeversorgung konzentriert, bei der es galt, vorerst eine Erzeugungslücke von 26 Megawatt zu schließen", beschreibt Kröpke die Ausgangssituation. Auf drei Säulen soll nun bis zum Jahr 2030 die umweltfreundliche Wärmeversorgung in der Ostwestfalen-Metropole basieren:

· Der Wärmebezug von der lokalen Müllverbrennungsanlage, der heute schon heute für die Hälfte der Bielefelder Fernwärme sorgt, soll um rund 25 % auf 350 000 MWh/a erhöht werden. Die Steigerung ist möglich, da die Behörden einen höheren Mülldurchsatz für die Anlage, an derdie Stadtwerke zu gut 30 % beteiligt sind, genehmigt haben.

· Wenn alles klappt, soll Ende kommenden Jahres auf dem Gelände der Stadtwerke unweit des Hauptbahnhofes ein Holzheizkraftwerk in Betrieb gehen, und zwar mit einer thermischen Leistung von 5,5 MW und einer elektrischen Leistung von 1,2 MW. In dem Kessel sollen jährlich 25 000 t Waldrestholz oder Landschaftspflegeholz aus der Umgebung von Bielefeld verbrannt werden. "Für dieses Kraftwerk wird kein einziger Baum gefällt - es werden nur Holzreste anderer Maßnahmen genutzt", betont Kröpke. 8 Mio. Euro investieren die Bielefelder Stadtwerke in ihr neues Holzheizkraftwerk, das ihnen auch neue Einnahmen verschafft: Jede eingespeiste Kilowattstunde wird nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz inklusive aller Boni mit etwa 17,5 Cent vergütet - so der Stand der derzeitigen EEG-Novelle.

· Dritter Baustein ist eine Biogasanlage mit 500 kW Leistung, an der die Universität und die Fachhochschule gemeinsam zur Optimierung von Inputstoffen forschen wollen. "Die Wärme speisen wir in unser Fernwärmenetz ein, so dass die Universität ganzjährig mit Biowärme geheizt werden wird", erklärt Kröpke.

CO2-Emissionen für Fernwärmeversorgung sinken auf ein Viertel

Abgerundet wird die künftige Fernwärmeerzeugung durch die Nutzung vorhandener Gaskessel und einen neuen Spitzenlastkessel auf Gasbasis, für den die Stadtwerke 1,4 Mio Euro investieren werden. Außerdem steht für die Spitzenlast eine Gasturbine mit 60 MW Wärmeleistung zur Verfügung, die allerdings nach höchstens 15 Jahren das Ende ihrer Lebensdauer erreichen wird. Spätesten dann werden die Stadtwerke über die Fortsetzung ihres Fernwärmekonzepts entscheiden müssen.

"Unter dem Strich", sagt Erzeugungsleiter Kröpke, "wird unsere Fernwärme weiterhin zu fast 96 Prozent in KWK gewonnen." Dies geschieht künftig aber weitaus CO2-ärmer: Lag der CO2-Ausstoß bei der bisherigen Fernwärmeversorgung bei 189 g/kWh, werden es künftig nur 53 g/kWh sein. "Das entspricht einem Viertel der CO2-Emissionen einer Gasheizung", beschreibt Kröpke den ökologischen Fortschritt.

Alles in allem lassen sich die Stadtwerke ihr neues Öko-Konzept rund 23 Mio. Euro kosten. Neben den neuen Fernwärme-Erzeugungsanlagen stehen zwei Windturbinen mit jeweils 2 MW Leistung sowie eine 500-Kilowatt-Photovoltaikanlage auf dem Dach der Stadtwerke-Verkehrsbetriebe "moBiel" auf der Einkaufsliste. Die beiden Propeller an der Stadtgrenze zu Friedrichsdorf wollen die Bielefelder künftig gemeinsam mit den Stadtwerken Gütersloh betreiben.

Die Ostwestfalen bauen vorerst die Windkraft im Binnenland aus, der Gang aufs Meer scheint nicht ausgeschlossen zu. Was mit der Eigentümerstruktur der Stadtwerke zusammenhängt: Bei swb AG, mit 49,9 % nach der Stadt Bielefeld zweitgrößter Gesellschafter der Stadtwerke, gibt es Offshore-Überlegungen. Entsprechende Pläne bestätigte swb-Vorstandschef Willem Schoeber jüngst gegenüber E&M. Die swb AG will sich wohl an Vorhaben ihrer Gesellschafter Deutsche Essent und EWE AG wie "Helgoland Ost" oder "Borkum Riffgat" beteiligen. "Über diese Schiene haben wir einen guten Zugang zu Informationen über Projekte in der Nordsee", sagt Kröpke.

Eigenstromerzeugung soll erhalten bleiben

Die Beteiligung an einem Offshore-Windpark könnte neben  anderen Varianten ein Baustein der künftigen Eigenstromerzeugungsstrategie der Ostwestfalen sein. Das wird die nächste große Baustelle der Stadtwerke sein: Die Bielefelder versorgen sich heute dank einer Drittel-Beteiligung am Kohlekraftwerk Veltheim sowie ihres 16,7 %-Anteils am Atomkraftwerk Grohnde zwischen Hameln und Kassel rechnerisch komplett selbst. Für beide Kraftwerke ist 2018 Schluss, für Veltheim aus Altersgründen, Grohnde dürfte dann die nach dem Atomausstiegsgesetz zugebilligte Stromproduktionsmenge erreicht haben.
"Die Entscheidung, wie wir mit unserer Eigenerzeugung weitermachen, werden wir zwischen 2010 bis 2012 fällen", kündigt Ingo Kröpke gegenüber E&M an, "derzeit ist es bei den unübersichtlichen Entwicklungen auf den Energiemärkten einfach zu früh zu sagen, ob wir auf Kohle oder Gas setzen und an welchen Kraftwerken wir uns möglicherweise beteiligen." Klar ist nur eine Prämisse: "Unsere Geschäftsführung hat das auch von den Gesellschaftern bestätigte Interesse, dass wir unseren Eigenstromanteil beibehalten wollen", sagt Kröpke. Also hat der promovierte Physiker noch einige Tage Zeit, nach der Fernwärmeversorgung an einem neuen Konzept zu stricken.


 
Möchten Sie diese und weitere Nachrichten lesen?
 
 
Testen Sie E&M powernews
kostenlos und unverbindlich
  • Zwei Wochen kostenfreier Zugang
  • Zugang auf stündlich aktualisierte Nachrichten mit Prognose- und Marktdaten
  • + einmal täglich E&M daily
  • + zwei Ausgaben der Zeitung E&M
  • ohne automatische Verlängerung
 
Jetzt kostenlos testen
 
Login für Kunden
 

Kaufen Sie den Artikel
  • erhalten Sie sofort diesen redaktionellen Beitrag für nur € 8.93
 
JETZT ARTIKEL KAUFEN
Mehr zum Thema

 
Haben Sie Interesse an Content oder Mehrfachzugängen für Ihr Unternehmen?
 
Sprechen Sie uns an, wenn Sie Fragen zur Nutzung von E&M-Inhalten oder den verschiedenen Abonnement-Paketen haben.
Das E&M-Vertriebsteam freut sich unter Tel. 08152 / 93 11-77 oder unter  vertrieb@energie-und-management.de über Ihre Anfrage.
 
WEITERE INFORMATIONEN
© 2021 Energie & Management GmbH
Freitag, 09.05.2008, 08:39 Uhr