• Rolls-Royce Power Systems spürt wirtschaftliche Erholung
  • Klimaeffekt bei Elektrofahrzeugen "teuer erkauft"
  • Zweitwärmster je gemessener Juli in Europa
  • Nach der Flut klimagerechten Wiederaufbau starten
  • Pfalzsolar bringt App für private Solaranlagen auf den Markt
  • Deutsche Bahn fährt mit Wasserkraft aus Norwegen
  • Schäden durch Ransomware in zwei Jahren vervierfacht
  • Neues Projekthaus für Amprion im Bau
  • Windenergie-Schlusslicht Bayern feiert sich für Solarausbau
  • "Schutzengel am Handgelenk" geht an den Markt
Enerige & Management > Ökostrom 2020 - Schmitt: "Bürgerstromtarife sind der richtige Weg"
Bild: kav777, Fotolia
ÖKOSTROM 2020:
Schmitt: "Bürgerstromtarife sind der richtige Weg"
Westfalenwind bietet seit Jahren Bürgerwindtarife an, auf die künftig auch die Bundesregierung setzt. Über die Erfahrungen sprach E&M mit Geschäftsführer Andreas Schmitt. 
 
Um mehr Akzeptanz für die Windenergie vor Ort zu schaffen, plant die Bundesregierung mit der für Herbst vorgesehenen Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes eine verbindliche finanzielle Beteiligung der Standortgemeinden an den Einnahmen von Windparks und die Einführung von Bürgerstromtarifen, die unter dem Preisniveau des jeweiligen Grundversorgers liegen müssen.
Bereits seit 2014 bietet die Westfalenwind GmbH, Projektierer und Betreiber von Wind- und Solarenergieanlagen mit Sitz in Paderborn, einen solchen Tarif in mehreren Kommunen Ostwestfalen-Lippes (OWL) an.

Dabei muss man wissen, dass der Großraum Paderborn und so manche Teile von OWL ein besonderes Pflaster sind: Hier ist unter anderem der Wahlkreis des CDU-Bundestagsabgeordneten Carsten Linnemann, der in der Union zweifellos zu den einflussreichen Wortführern gegen den weiteren Windkraftausbau zählt.
Über die bislang gemachten Erfahrungen und Perspektiven sprach E&M mit Andreas Schmitt, Geschäftsführer der Westfalenwind Strom GmbH.

E&M: Herr Schmitt, Westfalenwind gehört zu den Pionieren bei den Bürgerstromtarifen. Wie fällt Ihre bisherige Bilanz aus?

Schmitt: Wir haben unser Hauptziel, mit dem wir 2014 angetreten sind, mit einem verbilligten Stromtarif explizit für mehr Akzeptanz und Verständnis für die Windenergie zu werben, sicherlich erreicht. Die Vertriebstochter von Westfalenwind sollte, so das ausdrückliche Ziel bei der Gründung, nicht nennenswerte Gewinne erzielen, sondern vor allem über verbilligte Stromtarife für die Windenergie werben. In Städten wie Lichtenau, Bad Wünnenberg und Büren, wo bei uns die meisten Windenergieanlagen am Netz sind, spüren wir seit Einführung unseres Stromangebots spürbar weniger Widerstand gegen die Windenergie als anderswo in unserer Region.

E&M: Wie viele Kunden hat Westfalenwind bislang in der Region für ihr verbilligtes Bürgerstromangebot gewinnen können?

Schmitt: In den Regionen, in denen wir einen vergünstigten Stromtarif anbieten, kommen wir mittlerweile auf über 7.000 Kunden. In der Stadt Lichtenau, wo wir mit dem Stromvertrieb unseren Hauptsitz haben, kommen wir damit auf einen Marktanteil von immerhin 40 Prozent.

E&M: Wie sieht Ihr Geschäftsmodell aus, mit dem Sie in der Lage sind, die günstigeren Stromtarife anzubieten? Im Ortsteil Asseln von Lichtenau kostet für einige Hundert Haushalte ab 1. Juli die Kilowattstunde brutto nur 21,96 Cent bei einem monatlichen Grundpreis von 9,65 Euro.

Schmitt: Wir als Tochterunternehmen der Westfalenwind sind angehalten, kostendeckend zu arbeiten. Daher kalkulieren wir im ersten Schritt einen Tarif inklusiver aller Kosten, der für uns auskömmlich ist. Dieser, sagen wir, Normaltarif von uns liegt derzeit bei 27,96 Cent pro Kilowattstunde. Im Großraum Paderborn, unserem Kernabsatzgebiet, profitieren wir dann vom Sponsoring einiger Windparks unter anderem auch aus der eigenen Gruppe. Deshalb liegen unsere Strompreise zwischen zwei und sechs Cent unter den Angeboten der jeweiligen Konkurrenten. Im Paderborner Stadtteil Dahl bieten wir beispielsweise den Strom für 25,96 Cent pro Kilowattstunde an. Das ist möglich, weil Windkraftbetreiber die Differenz zu unserem kalkulierten Preis von 27,96 Cent aus eigener Tasche bezahlen.
 
Andreas Schmitt: „Wir haben Pläne, unser Know-how unter anderem mit einer White-Label-Lösung auch bundesweit anzubieten“
Bild: Westfalenwind Strom GmbH

E&M: Woher dieser Zuschuss kommt, ist Ihren Kunden egal?

Schmitt: Machen wir uns nichts vor: Für viele Haushalte zählt beim Strom weiterhin vor allem der Preis. Diese Verbraucher wollen nicht grünen Windstrom aus dem Paderborner Land, sondern preiswerten Strom. Den liefern wir. Und zwar mit der Botschaft: Möglich sind Tarife nur durch die Unterstützung von Windparkgesellschaften, die mit einem Teil ihrer Einnahmen zur Strompreissenkung beitragen.

E&M: Westfalenwind bietet explizit keinen Ökostrom an. Was unterscheidet Ihr Stromangebot von den grünen Regionalstromtarifen, die erste Versorger mittlerweile anbieten?

Schmitt: Nein, wir bieten zum einen auch Ökostrom an, aber nicht mit ausländischen Herkunftsnachweisen, sondern aus nicht oder nicht mehr geförderten deutschen regenerativen Anlagen. Aber beim Thema Bürgerstrom sieht die Situation etwas differenzierter aus. Dort bieten wir Strom aus unseren geförderten Anlagen an und den dürfen wir nicht als Ökostrom verkaufen. Denn bei der Diskussion um Bürgerstrom- und Regionalstromtarife gibt es für uns einen Widerspruch. Wir sollen Verbrauchern, die rund um einen Windpark wohnen, preiswerten Strom unter dem Grundversorgungslevel anbieten. Um den Schein zu wahren, dass wir wirklich auch Grünstrom anbieten, müssten wir neben Herkunfts- zusätzlich auch Regionalnachweise kaufen. Sprich, auf die Windparkbetreiber, die ohnehin für die Bürgerwindtarife auf Einnahmen verzichten, kommen weitere Belastungen zu. Dieses Konstrukt scheint mir nicht durchdacht zu sein und bedarf dringend einer Anpassung.

„Wir wissen, dass ihr ein grünes Unternehmen seid“

E&M: Wissen diese Kunden, dass sie keinen Ökostrom beziehen?

Schmitt: Ja, wir sind da voll transparent. Wir kaufen den Strom von den Windturbinen ein, den wir aber angesichts der EEG-Förderung der Anlagen nicht als grün ohne zugekaufte Zertifikate vermarkten können. Nach unserem Eindruck spielt das für unsere Kunden keine Rolle. Von denen bekommen wir in der Regel folgende Aussagen zurückgespiegelt: ‚Wir wissen, dass ihr ein grünes Unternehmen seid. Und die Windturbinen sehen wir ja selbst.‘

E&M: Planen Sie, Ihr Know-how beim Stromvertrieb demnächst bundesweit anzubieten, wenn die anstehende EEG-Novelle explizit Bürgerstromtarife als Akzeptanzmaßnahme für neue Windparks vorsieht?

Schmitt: Ja, diese Pläne haben wir in der Tat − und zwar in mehreren abgestuften Variationen. Eine davon sieht eine White-Label-Lösung vor: Westfalenwind ist für das gesamte Handling und alle Prozesse verantwortlich, vor Ort vertreibt die jeweilige Windparkgesellschaft den Strom unter ihrem eigenen Namen.

E&M: Gibt es dafür schon Anfragen?

Schmitt: Die ersten Verhandlungen haben bereits begonnen, was uns positiv stimmt.
E&M: Sind Bürgerstromtarife der richtige Weg, um mehr Akzeptanz für die Windenergie zu gewinnen?

Schmitt: Auf jeden Fall! E&M

Zur Person

Der promovierte Elektrotechniker Andreas Schmitt ist seit November 2019 Geschäftsführer der Westfalenwind Strom GmbH. Der gebürtige Ostwestfale war unter anderem für die AEG Energietechnik GmbH, die Unternehmensberatung Pöyry Energy Consulting und zuletzt in den Jahren 2009 bis 2019 als Leiter Portfoliomanagement bei der Rheinenergie Trading GmbH tätig.

 
Möchten Sie diese und weitere Nachrichten lesen?
 
 
Testen Sie E&M powernews
kostenlos und unverbindlich
  • Zwei Wochen kostenfreier Zugang
  • Zugang auf stündlich aktualisierte Nachrichten mit Prognose- und Marktdaten
  • + einmal täglich E&M daily
  • + zwei Ausgaben der Zeitung E&M
  • ohne automatische Verlängerung
 
Jetzt kostenlos testen
 
Login für Kunden
 

Kaufen Sie den Artikel
  • erhalten Sie sofort diesen redaktionellen Beitrag für nur € 8.93
 
JETZT ARTIKEL KAUFEN
Mehr zum Thema

 
Haben Sie Interesse an Content oder Mehrfachzugängen für Ihr Unternehmen?
 
Sprechen Sie uns an, wenn Sie Fragen zur Nutzung von E&M-Inhalten oder den verschiedenen Abonnement-Paketen haben.
Das E&M-Vertriebsteam freut sich unter Tel. 08152 / 93 11-77 oder unter  vertrieb@energie-und-management.de über Ihre Anfrage.
 
WEITERE INFORMATIONEN
© 2021 Energie & Management GmbH
Montag, 20.07.2020, 10:35 Uhr