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STADTWERKE:
Schweizer Stadtwerke - wohin?
Den kommunalen Betrieben geht es so gut wie noch nie - zu gut, wie Kenner fürchten?
 

Den kommunalen Eigenversorgungsbetrieben in der Schweiz geht es so gut wie noch nie. Die Stadtwerke sind auf dem Sprung in eine neue Ära der unternehmerischen Freiheit - aber wohin genau? Zur ökologisch-elektrizitätswirtschaftlichen Energiewende-Avantgarde? Zu Quasi-Überlandwerken? Zu Billig-Anbietern? In die Arme vorgelagerter Lieferanten und in die der Konzerne? Nicolas O. Walti, Berater bei PriceWaterhouseCoopers (PwC) und Mitautor des Werks „Managementguide für Schweizer Energieversorgungsunternehmen" macht wenig Hoffnung auf künftige Klarheit: „Die externen Rahmenbedingungen sind demnach für die Stromversorgungsunternehmen alles andere als gegeben. Aus anderen Ländern kann man lernen, dass es keinen Abschlusspunkt geben wird."

Wie zukunftsblind sind die Stadtwerke?

Über die Ausgangssituation der Stadtwerke wird derzeit kontrovers diskutiert. Dank der schweizerischen ex-post-Netzregulierung, vergleichsweise ausgeglichenen kommunalen Haushalten und einer relativ hohen Autonomie der Gemeindebetriebe verfügen die Werke-Chefs gegenwärtig über erhebliche Bewegungsspielräume. Entsprechend die Stimmung. Intime Kenner der Szene warnen vor allzu viel Euphorie. Harald Weber von der Mannheimer YourSales Unternehmensberatung mit Zweigniederlassung in St. Gallen, diagnostiziert: „Die Zeichen stehen auf Sturm: Mit der laufenden Novellierung des Stromversorgungsgesetzes (StromVG) und der Einführung der Anreizregulierung im Netzbereich könnte es mit den komfortablen Bedingungen bald zu Ende sein."

Von solchen Zukunftsängsten ist bei den CEOs und deren Oberkommunalen hingegen wenig zu spüren - im Gegenteil. Die neue Tonlage aus den Reihen der Stadtwerke ist ganz anders, als die Analysten es sehen. Exemplarisch ist, was vor zwei Jahren der Chef der industriellen Betriebe der Stadt Zürich, das FDP-Mitglied und Stadtrat Andres Türler anstimmte. Im hausinternen Magazin „powernewz" gab er die neue Marschrichtung vor: „Wir gehen unseren eigenen Weg und haben schon sehr früh auf erneuerbare Energien gesetzt (...). Klar lösen wir in der Branche nicht immer Begeisterungsstürme aus, und doch setzen wir auch Trends. Im Vordergrund steht aber immer die eigene Handlungsfreiheit - und zwar für die Menschen, die in Zürich wohnen und arbeiten." Türler gilt als Hauptverantwortlicher dafür, dass sich das Stadt-Züricher Werk EWZ in diesem Sommer von Swisspower-Verbund löste.

„Wir gehen unseren eigenen Weg"

Um Türlers Bemerkung richtig einzuordnen, muss man sich ein wenig mit der helvetischen Versorgungsgeographie vertraut machen. Rund 800 Verteiler, kantonale (also Werke der Länder) und kommunale versorgen die knapp 3 000 Gemeinden. Nur etwa 20 bis 30 Werke verfügen im Wesentlichen über die rund 12 000 MW installierte Kraftwerkskapazität, darunter die fünf Kernkraftwerke, die allesamt nahezu abgeschrieben - und entsprechend günstig - Strom erzeugen. Stadtwerke wie in Bern und Genf liebäugeln inzwischen mit Allianzen der Überlandwerke, die über erhebliche Ressourcen verfügen.

Die Geschichte will es, dass vorab die Kantone die Hand auf der Wasserkraft und der Kernkraft haben, weniger die Städte, darunter die nordostschweizerischen Kantone, die über ihre jeweiligen Landesgesellschaften die Axpo Holding steuern, sowie der Kanton Bern mit seiner BKW FMB Energie AG, der grössten Endkundenversorgerin. Der Kanton Zürich macht also eher eine Elektrizitätspolitik für sein eigenes Verteilwerk EKZ, als auf eine ausgewogene Ausgangslage etwa auch für die kommunalen Verteiler zu sorgen, darunter das EW der Stadt Zürich, EWZ. Die Westschweizer Kantone und Städte haben die Hand auf der Alpiq, der früheren Atel, die einst einer Grossbank gehörte und heute quasi staatlich ist.

Überlandwerke sind „long" - Städte „short"

Die Gemengelage ist insofern wichtig, als sich die meisten Städte von den Kantonswerken versorgen lassen, ausser im Wesentlichen Basel, Bern und Zürich. Abgesehen von diesen drei sind die meisten Stadtwerke auf die kantonalen Vorlieferanten angewiesen und sind deshalb „short". Früher war das nie ein Problem, heute lassen es die Kantone die Kommunen spüren. Entsprechend gross ist die Panik auf Seiten der Städte. So focht der frühere Zürcher Stadtrat und Werke-Chef Thomas Wagner vehement für ein Stadtwerke-Gegengewicht gegen die Vormacht der Kantonswerke. Die grössten Stadtwerke zusammengenommen (Bern, Basel, Brugg, Baden, Genf, Winterthur, Aarau, Lausanne, Luzern, St. Gallen, Lugano) hätten mindestens die industrielle Power einer Berner BKW. Das Problem: Wie Zürich zeigt, es gibt kein kommunales Interesse an Allianzen.

Die „gierigen Gemeinden" am Pranger

Als 2009 in der Schweiz im Gefolge der Marktöffnung durch das StromVG die Strompreise um 10 bis vereinzelt 40 Prozent stiegen, ging zu oft das Wort von den „gierigen Gemeinden" um. Nationalräte wie der Sozialdemokrat Eric Nussbaumer sprachen davon, aber auch der Direktor des Bundesamtes für Energie (BFE), Walter Steinmann. Unter dem gegenwärtigen Rezessionsdruck geraten die Städte allmählich unter Druck: einerseits setzen die Kantone laufend mehr Abgaben für ihre Dienstleistungen durch, zum Beispiel den Wasserzins, andererseits versuchen der Bund, dessen gesetzlichen Rahmenerlasse anerkanntermassen ausbesserungsbedürftigtes Flickwerk sind, und die Stromwirtschaft geschickt, die Stadtwerke als Sündenböcke für die laufenden Preiserhöhungsrunden vorzuführen.

Überlandwerke lassen niemanden an ihre Kraftwerke

„Das Beste für uns wäre ein Anteil an einem neuen Kernkraftwerk, aber die Überlandwerke lassen uns da nicht ran", beobachtet der Winterthurer Stadtwerke-Chef Christian von Burg, der seinen Strom wie so viele aus historischen Gründen mehrheitlich von der Axpo bzw. dem Elektrizitätswerk des Kantons Zürich (EKZ) bezieht. Von Burgs Forderung: „Wir brauchen unbedingt mehr Eigenversorgung."

In diesem Umfeld - Kantonswerke und Produzenten gegen Verteilwerke, pro-Kernkrafteigentümer gegen die Atom-ausstiegswilligen Städte, Bundespolitik gegen die Gemeinden - gediehen trotz Lamentos die Stadtwerke - „noch", wie Harald Weber von „YourSales" glaubt. „Mit der zur Debatte stehenden Einführung einer Anreizfinanzierung für die Netze geht diese Situation zu Ende." Weber erarbeitete mit dem führenden Stadtwerke-Verband Swisspower im vergangenen Jahr mehrere Zukunftsszenarios „Das Stadtwerk der Zukunft". Auch Johannes Schimmel von Swisspower wünscht sich manchmal mehr Antriebskraft bei den Stadtwerken: „Es wird dringend Zeit, dass sich die Eigentümer Gedanken über die zukünftige Ausrichtung ihrer Betriebe machen."

Wird das  „Konzerne-gewinnen-Szenario" wahr?

Swisspower und „YourSales" entwickelten dafür mehrere Szenarien, die bis in wenigen Jahren eintreffen könnten. Sie befürchten bei einer Fortschreibung des gegenwärtigen Kurses eine „Konzerne-gewinnen-Landschaft". In den Planspielen, die das Swisspower-Team sowie Harald Weber durchführten, wurde als Gegenstück das Szenario „Dezentrale Erzeugung - Chance für starke Stadtwerke" geboren. Da gibt es aber zahlreiche Schwierigkeiten, wie etwa Christian von Burg von Winterthur feststellt: „Die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind in eine ganz andere Richtung gestellt." Alfred Bürkler, Geschäftsleiter von Swisspower bestätigt: „Die Stadtwerke müssen sich anstrengen, damit die laufende Gesetzgebung nicht zu ihren Ungunsten ausfällt."

Ihr Problem: In den Städten selbst teilt man solche Besorgnisse nicht. Bestes Beispiel: Derzeit ist praktisch jedes grössere Stadtwerk auf eigene Faust in Europa auf Einkaufstrip in Sachen konventionelle Kraftwerke, Windenergie und Solarstrom. Für schätzungsweise zwei Milliarden Euro werden derzeit Beteiligungen verhandelt. Doch die meisten arbeiten für sich. Bernhard Brodbeck, der bei den Basler IWB für Akquisitionen verantwortlich ist, sagt im Hinblick auf Windenergie: „Mit einem oder zwei Partnern können wir gut vorwärts gehen. Mit mehreren werden die Prozesse zu langsam, und wir wollen unsere Chancen jetzt nutzen." Dafür gibt es in den „YourSales"-Swisspower-Studien auch ein Szenario, nicht das hoffnungsvollste: „Ökologische Kleinstaaterei".


 
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Mittwoch, 29.12.2010, 15:36 Uhr