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Enerige & Management > Photovoltaik - Solar-Innovation ausgebremst
Bild: WestfalenWIND PV GmbH & Co.KG
PHOTOVOLTAIK:
Solar-Innovation ausgebremst
Wie die sinnvolle Idee, die versiegelten Kranstellflächen nach dem Aufbau von Windturbinen für Solaranlagen zu nutzen, bürokratisch erschwert wurde, zeigt ein Beispiel aus Ostwestfalen.
 
Die Idee ist einfach, sie findet sich sozusagen am Fuße jeder Windenergieanlage. Warum sollen wir den Betriebsstrom für unsere Anlagen weiter bei einem externen Anbieter einkaufen, wenn wir ihn auch selbst produzieren können, fragten sich die Macher des Windkraftentwicklers und -betreibers „WestfalenWind GmbH“ mit Sitz in Paderborn vor gut fünf Jahren. Dieser Betriebsstrom ist unter anderem für die Ausrichtung der Windturbine und den Betrieb wichtiger elektrischer Aggregate unter der Gondel unverzichtbar.

Wie der Betriebsstrom erzeugt werden sollte, war für Westfalenwind keine Frage: mit Photovoltaik. Und auch über den Standort für die Module gab es keine Zweifel: Die geschotterte Kranstellfläche am Turmfuß, die für den Aufbau fast jeder Windturbine angelegt wird, ist ein idealer Platz. Bei dem ohnehin schon vorhandenen Netzanschluss für die Windturbine sollte die zusätzliche Nutzung des Standorts mit einer ebenerdigen Solaranlage technisch kein Problem sein, dachten sich die Ostwestfalen.

„Für uns ergab sich eine klassische Win-win-Situation“, erzählt Daniel Saage, der bei Westfalenwind das Solargeschäft managt, von den Anfängen der Idee, „wir nutzen eine ansonsten wertlose, versiegelte Fläche für eine kleine solare Freiflächenanlage, schaffen so weitere Photovoltaikkapazitäten und gewinnen kostengünstigen Betriebsstrom für uns.“

Kein Bauantrag, stattdessen gab es einen Bußgeldbescheid

Allein in Nordrhein-Westfalen wäre mit solchen Kombi-Ökokraftwerken einiges an solarer Leistung möglich: Wenn nur an jedem fünften vorhandenen Standort einer Windturbine als Add-on eine 80-kW-Photovoltaikanlage errichtet würde, käme nach Saages überschlägiger Rechnung ein Potenzial von mindestens 56 MW zusammen, bundesweit läge die Zahl sicherlich im oberen dreistelligen Bereich.
Mit ihrer bestechend einfachen Idee liefen die Macher von Westfalenwind allerdings keine offenen Scheunentore ein, sondern knallten gegen mehrere Behördentüren. Und zwar kräftig. Vom Bauamt der Stadt Paderborn gab es im Oktober 2017 eine Absage. Eine Photovoltaikanlage im Außenbereich sei nicht zulässig, hieß es. Im April 2019 flatterte Saage und seinen Mannen gar ein Bußgeldbescheid des Kreises Paderborn ins Haus. Was war geschehen?
 
Neben diesem Windrad sind Solarmodule auf einer ehemaligen Kranstellfläche errichtet worden
Bild: WestfalenWIND GmbH

Einige Wochen zuvor hatte Westfalenwind eine ebenerdig aufgestellte 96-kW-Solaranlage im Windpark Huser Klee (24 MW) auf Lichtenauer Gemeindegebiet in Betrieb genommen. „Wir hatten die juristische Auskunft bekommen, dass ein Bauantrag nicht erforderlich ist, da die Solaranlage auf der Kranstellfläche als Nebenanlage baurechtlich genauso privilegiert sei wie die Windenergieanlage“, erklärt Saage, warum das Unternehmen zur Tat geschritten war.

Pustekuchen. Wie die Verantwortlichen im Paderborner Kreishaus dachten, zeigte später folgender Absatz aus einem Schriftsatz, mit dem die Kreisverwaltung auf eine Klage von Westfalenwind gegen den abgelehnten Bauantrag reagierte: „Ferner führe die geplante Anlage auch zu einer Verunstaltung des Landschaftsbildes, weil das Vorhaben dem Landschaftsbild wegen seines industriell-künstlichen Einschlags in ästhetischer Hinsicht grob unangemessen ist und angesichts seiner puzzleartigen Gestalt auch von einem für ästhetische Eindrücke offenen Betrachter als Belastung empfunden würde.“ Was nach Bürokraten-Schilda klingt.

Dass es nicht zur Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht Minden kam und der Kreis sich plötzlich gesprächsbereit zeigte, ist einer Intervention der Düsseldorfer Landesregierung zu verdanken. „In der Photovoltaiknutzung von Kranstellflächen von Windenergieanlagen [...] sehen wir einen konstruktiven Vorschlag, um neue Potenziale für den Ausbau der Photovoltaik zu erschließen“, hieß es im Herbst 2019 in einem gemeinsamen Schreiben des Energie- und Wirtschaftsministers Andreas Pinkwart (FDP) und der Ministerin für Kommunales und Bau, Ina Scharrenbach (CDU). Beide Kabinettsmitglieder kündigten zudem an, dass die solare Kranstellflächennutzung explizit in den nächsten Windenergieerlass aufgenommen würde.

Probleme mit dem Netzbetreiber noch ungelöst

Ganz von allein waren die Düsseldorfer Ministerien den Kranstellflächen-Solarteuren freilich nicht beigesprungen. Westfalenwind hatte über den Landesverband Erneuerbare Energien einen Hilferuf in die Landeshauptstadt geschickt.
Was − nach mehreren noch folgenden Briefwechseln − eigentlich das gute Ende einer vermaledeiten Geschichte um überbordende Behördenwillkür sein könnte. Mitnichten.

Mit dem Ritt durch die Instanzen ist Westfalenwind noch nicht am Ende. Denn noch ungelöst sind die Konflikte mit dem zuständigen Netzbetreiber Westfalen Weser Netz (WWN). Um die technische Kompatibilität nachzuweisen, besteht WWN auf einem komplett neuen Anlagenzertifikat für den Windpark. „Wir verändern die Anschlussleistung durch die Solarmodule um lediglich 0,83 Prozent und verbrauchen den allergrößten Solarstromanteil direkt im Windpark, womit die Netzsicherheit in keinster Weise gefährdet ist“, rechnet Westfalenwind-Chef Johannes Lackmann vor, „das Gutachten kostet rund 8.000 Euro, womit die ohnehin schon knapp bemessene Rentabilität der Photovoltaikanlagen gegen null sinkt.“

Dagegen verweist Netzbetreiber WWN auf die bestehenden gesetzlichen Anforderungen, insbesondere die Technischen Anschlussregeln (TAR). „Nach der anzuwendenden TAR 4110 gibt es keine Ausnahmeregel von der Zertifizierungspflicht. Eine individuelle Betrachtung oder gar Einbeziehung des Normengebers für einzelne Anlagen ist aufgrund der Vielzahl der dezentralen Erzeugungsanlagen in Deutschland aus unserer Sicht nicht umsetzbar“, hieß es auf E&M-Anfrage aus der Paderborner WWN-Zentrale.

Was Lackmann nicht gelten lässt. Er verweist darauf, dass ein solches Anlagenzertifikat bei ähnlichen Projekten in anderen Ländern der EU kaum erforderlich ist: „Wir haben bei den erneuerbaren Energien mit einer Überregulierung zu kämpfen.“ Daher hat sich der studierte Elektroingenieur zwischenzeitlich mit der Bitte an den Normengeber − das Forum Netztechnik/Netzbetrieb im Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE) − gewandt, Bagatellgrenzen in den Anschlussregularien festzulegen: „Bei Parameteränderungen bis ein Prozent gelten vorhandene Zertifikate uneingeschränkt weiter“, lautet sein Vorschlag. Eine Antwort steht aber noch aus.

Auch beim Konzept, wie in der Windturbine wirklich nur der für den Eigenverbrauch genutzte Solarstrom korrekt gemessen wird, liegen Westfalenwind und der regionale Netzbetreiber bislang über Kreuz. Eine nicht unwichtige Frage. Immerhin haben sich beide Seiten darauf verständigt, die EEG-Clearingstelle sozusagen als Mediator anzurufen. „Bei diesem von uns gemeinsam gewählten Weg handelt es sich für alle Beteiligten um einen pragmatischen und kostengünstigen Weg, hier Rechtssicherheit zu erlangen“, begründete WWN gegenüber E&M diesen Schritt.

Bei Westfalenwind, im Kreis der erneuerbare Energien bekannt für eine gewisse Renitenz und Hartnäckigkeit, wollen die Verantwortlichen beim Thema Kranstellflächen-PV nicht lockerlassen: „Wir sehen uns als Vorreiter“, sagt Saage, „die sinnvolle Nutzung der sonst brach liegenden Kranstellflächen ist für uns auch ein weiterer wichtiger Baustein, um in der Bevölkerung die Akzeptanz für die Windenergie und die erneuerbaren Energien zu erhöhen.“

 
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Freitag, 19.06.2020, 10:00 Uhr