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GASMARKT:
von Tschischwitz: "Langfristig mit hundert Prozent Biogas beliefern"
Über die ersten Schritte des Ökostromanbieters Lichtblick auf den Gasmarkt sprachen wir mit Geschäftsführer Heiko von Tschischwitz.
 
E&M: Herr von Tschischwitz, der neue Gasversorger Lichtblick klagt über unlautere Geschäftspraktiken der Netzbetreiber. Welche Probleme haben Sie?

Heiko von Tschischwitz: Wir erleben gerade ein Déjà-vu des Jahres 1999. Die Gasbranche verhält sich beim Netzzugang genauso wie die Strombranche vor acht Jahren. Die Rechtsprechung seither ist offenbar vollkommen unbemerkt an den Gasversorgern vorbeigegangen, obwohl die Urteile in der Regel auch für sie anwendbar sind. Das wird von der Gasbranche ignoriert. Wir werden beim Netzzugang mit einem Strauß von Diskriminierungen konfrontiert.

E&M: Erklären Sie uns das an einem Beispiel...

Tschischwitz: Da sind die Sicherheiten zu nennen, die Netzbetreiber nach einem Leitfaden der Verbände BGW und Geode von uns fordern. Wir sollen dann dreieinhalb Millionen Euro Sicherheitsleistung hinterlegen, bevor wir überhaupt in ein Netz gelassen werden. Dagegen gehen wir mit der Androhung von einstweiligen Verfügungen vor. Zwei überregionale Netzbetreiber haben daraufhin ihre Forderung bereits zurückgezogen. Der ganze Gasnetzzugang ist noch ein unheimlich mühsames Geschäft, weil man viele Einzelfälle nacheinander abarbeiten muss. Ingesamt bin ich schon überrascht, weil ich eine so weitgehende Ignoranz gegenüber der Rechtsprechung nicht erwartet habe.

E&M: Was muss konkret verbessert werden?

Tschischwitz: Ich glaube, dass wir jetzt gefordert sind, der Gasbranche klarzumachen, dass es gemäß Gesetzeslage und Rechtsprechung ein Diskriminierungsverbot gibt. Die Gesetze sind alle gemacht, sie werden nur nicht angewendet. Das Hauptargument, mit dem uns die Netzbetreiber begegnen, lautet, unser Verhalten sei nicht branchenüblich. Das stimmt, aber branchenüblich hat in der heutigen Gaswelt leider auch häufig nichts mit gesetzmäßig zu tun.

E&M: Nicht branchenübliches Verhalten ist,...

Tschischwitz: ... dass wir uns zum Beispiel nicht darauf einlassen, in den Rahmenverträgen für die Netznutzung, den ordentlichen Gerichtsweg auszuschließen und eine Schiedsgerichtsvereinbarung zu akzeptieren. Bei einer solchen Vereinbarung hätten wir keinen einstweiligen Rechtsschutz mehr und wir könnten keine einstweiligen Verfügungen beantragen. Schiedsgerichtsurteile sind außerdem grundsätzlich vertraulich und nicht allgemeingültig. Unsere Haltung missfällt der Gasbranche, die sich sagt, wenn wir mit Schiedsgerichtsvereinbarungen arbeiten, kann Lichtblick jahrelang mit 800 Netzbetreibern streiten und es gibt nie eine Vereinheitlichung der Bedingungen auf gerichtlichem Weg. Im Strombereich sind wir bis zum Bundesgerichtshof gegangen, um solche Dinge zu verhindern. Wenn es nötig wird, machen wir das im Gas wieder.

E&M: Macht denn dann angesichts dieser Probleme die Bundesnetzagentur ihre Arbeit gut?

Tschischwitz: Die Bundesnetzagentur hat viel in unserem Sinne bewegt. Sie hat auch grundsätzlich den richtigen Weg eingeschlagen, nur dauert uns alles zu lange.

E&M: Die EU-Komission hat im September eine strikte eigentumsrechtliche Entflechtung vorgeschlagen. Könnte Ihnen die weiterhelfen?

Tschischwitz: Ein Stück weit auf jeden Fall. Ich bin ein großer Verfechter des Ownership Unbundling. Die Entflechtung löst aber nicht unsere Probleme, die wir bei der Abwicklung der Kundenwechselprozesse und beim Abschließen der Verträge mit den Netzbetreibern haben.

E&M: Ihre Biogasproduktion im brandenburgischen Jüterbog ist noch in Bau und da sind Verzögerungen nie auszuschließen. Können Sie garantieren, dass Ihre Kunden im nächsten Jahr wirklich Biogas bekommen?

Tschischwitz: Ja, wir haben uns unser Produkt zertifizieren lassen. Der TÜV hat sich unsere Bilanzierungsmodelle ganz genau angesehen und kennt auch die Biogasanlage, die noch in Bau ist und definitiv ans Netz gehen wird. Wir werden dann im nächsten Jahr rückwirkend genügend Biogas einspeisen, damit über den Bilanzierungszeitraum die garantierten Anteile eingehalten werden. Zudem rennen uns seit Markteintritt Projektierer, Hersteller und Betreiber von Biogasanlagen die Bude ein und bieten uns Anlagen an, die auch schon im nächsten Jahr ans Netz gehen. Wir werden bald weitere Anlagen unter Vertrag nehmen und sind damit nicht mehr nur von einer Produktionseinrichtung abhängig.

E&M: Glauben Sie wirklich an einen Biogasboom?

Tschischwitz: Ich glaube daran. Biogas wird langfristig wettbewerbsfähig, insbesondere weil Erdgas immer teurer werden wird. Wir gehen davon aus, dass wir unsere Kunden langfristig mit hundert Prozent Biogas beliefern werden.

E&M: Bisher wurde immer argumentiert, Biogas rechne sich nur, wenn man es verstromt und dafür EEG-Förderung kassiert. Wie schaffen Sie es, mit Biogas ein konkurrenzfähiges Heizenergieangebot zu machen?

Tschischwitz: Indem wir vorerst nur fünf Prozent Biogas beimischen, die Mehrkosten aus der Biogasproduktion durch eine schlanke Kostenstruktur bei der Abwicklung im Massenkundengeschäft kompensieren und - so glauben wir wenigstens - mit einer geringeren Marge zufrieden sind als andere Energieversorger.

E&M: Wie schwer war es, an günstiges Erdgas zu kommen?

Tschischwitz: Das war wirklich eine Aufgabe, aber wir haben Bezugsverträge mit mehreren Lieferanten aus Deutschland und aus dem Ausland abgeschlossen. Unser Bezug ist auf fünf Jahre abgesichert.

E&M: Haben Sie denn keine Angst, dass Sie mit dem hohen Erdgasanteil ihr Klimaschützerimage beschädigen?

Tschischwitz: Nein, denn wir glauben, dass wir mit unserem Produkt einen Riesenschritt in Richtung ökologische Wärmeversorgung machen. Ein hundert Prozent Biogasangebot ist heute einfach nicht machbar, vor allem nicht zu Preisen, die ein normaler Haushalt bezahlen könnte. Da wir uns auf den fünf Prozent Biogasanteil nicht ausruhen wollen, sondern ihn kontinuierlich erhöhen werden, ist das Produkt auch glaubwürdig. Wir bieten das ökologischste Gasprodukt an, das es gibt und es wird auch sehr gut angenommen von unseren Kunden.

E&M: Deckt sich der Eindruck, dass die Verbraucher in den Städten eher den Versorger wechseln als die Landbevölkerung, mit ihren Erfahrungen?

Tschischwitz: Unsere Erfahrungen am Strommarkt zeigen, dass die Wechselbereitschaft in den Städten höher ist. Wir erwarten, dass das auch beim Gas so sein wird, wenn auch die Wechselfreudigkeit beim Gas insgesamt noch geringer ist. Wir erwarten eine hohe Akzeptanz für unser Produkt insbesondere in Hamburg und Berlin, wo wir auch überproportional viele Ökostromkunden versorgen.

E&M: Hat Ihnen nicht in Hamburg und Berlin Nuon schon den größten Teil der Wechselwilligen weggeschnappt?

Tschischwitz: Das glaube ich nicht. Wir haben ganz andere Argumente. Bei Nuon ist es nur der Preis, unsere Kunden kommen zu uns, weil sie etwas für die Umwelt tun wollen und weil sie weg wollen von den ehemaligen Monopolisten. Ein Wechsel zu LichtBlick hat viel von einer Protestwahl.

E&M: Wie spricht man die Wechselwilligen am besten an?

Tschischwitz: Unsere Erfahrung ist, dass man mit klassischer Werbung nicht an die Leute herankommt. Unser Weg, Kunden über Vertriebspartner wie die Deutsche Post oder persönliche Gespräche an Marktständen anzusprechen, ist viel effizienter.

E&M: Wann weiten Sie ihren Gasvertrieb auf das ganze Bundesgebiet aus?

Tschischwitz: Ziel ist, das so schnell wie möglich zu machen, weil wir schon viele Anfragen von unseren Stromkunden aus dem ganzen Land bekommen. Wir wollen jetzt erst einmal einen Überblick gewinnen, wie schwer es ist, sich mit den 180 Netzbetreibern in Berlin, Brandenburg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein auseinanderzusetzen, mit denen wir zunächst zu tun haben. Ich hoffe, dass wir im Lauf des nächsten Jahres bundesweit Gas anbieten können.

 
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Freitag, 19.10.2007, 11:48 Uhr