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Enerige & Management > Windkraft Onshore - Windstrom kann auch Einheizen
Bild: psdesign1 / Fotolia
WINDKRAFT ONSHORE:
Windstrom kann auch Einheizen
Das kleine Dorf Nechlin in Brandenburg setzt Maßstäbe für die Sektorkopplung: Windenergie wird für die Nahwärmeversorgung genutzt.
 
Es hat wahrlich lange gedauert. Schon 2011 hatten die Enertrag AG und das Dorf Nechlin (Landkreis Uckermark) im Nordosten Brandenburgs einen Vertrag über eine nicht alltägliche Nahwärmeversorgung mit Windstrom abgeschlossen. Und als das Pionierprojekt Anfang März 2020 nach vielen Jahren Planung und dem anschließenden Bau eines zentralen Wärmespeichers mit dazugehörigem Wärmenetz zu den Häusern endlich eröffnet wurde, verhinderte die Corona-Pandemie eine überregionale Medienresonanz.

Die es aber verdient hätte, weil in Nechlin eine lokale Wärmewende praktiziert wird, über die man anderswo noch diskutiert. „Es ist einfach toll“, lässt Matthias Schilling seiner Begeisterung freien Lauf. „Endlich“, sagt der sozialdemokratische, hauptamtliche Bürgermeister der Gemeinde Uckerland, zu der auch der Ortsteil Nechlin gehört, „profitieren unsere Einwohner auch direkt von der Windenergie.“
Auf den Uckerländer Gemeindeflächen sind rund 100 Windturbinen in Betrieb. Was nicht verwundert. Denn die Uckermark ist Enertrag-Land. Das Unternehmen zählt zu den führenden Windkraftprojektierern hierzulande, wobei seit Gründung Anfang der 1990er-Jahre Brandenburg und die Uckermark zu den Kernregionen von Enertrag zählen.
 
Das Herzstück der Nechliner „Windwärmeversorgung“: der Wärmespeicher
Bild: Enertrag AG

Von der großen Zahl an Windturbinen im „Großraum“ Uckerland seien längst nicht alle Bürger angetan, weiß Bürgermeister Schilling. Umso wichtiger sei das neue Projekt „Heizen mit Windstrom“: „Die neue Wärmeversorgung sorgt für eine größere Akzeptanz der Windenergie, weil wir damit lokale Wertschöpfung schaffen und die Bürger in Nechlin direkt davon profitieren.“

Im Vorfeld war von den Befürwortern, darunter der frühere Ortsbürgermeister Hartmut Trester, viel Überzeugungsarbeit zu leisten, damit sich am Ende über 60 % aller Bewohner in dem 120-Seelen-Ort ans neue Wärmenetz − von der Kommune mit Fördermitteln gebaut − auch haben anschließen lassen. Aber es gelang. So versorgt Enertrag als Betreiber des lokalen Wärmenetzes seit März die Dorfbewohner ausreichend mit Wärme aus Windstrom - und zahlt darüber hinaus der Gemeinde ein jährliches Netzentgelt in vierstelliger Höhe.

Herzstück der „Windwärmeversorgung“ ist ein Speicher, in dem rund 1 Mio. Liter Wasser auf 93 Grad Celsius erwärmt wird. Bei Bedarf wird das heiße Wasser ins örtliche Nahwärmenetz abgegeben. Bei starkem Wind benötigt der Speicher nur wenige Stunden zum Aufheizen und kann das Dorf bis zu zwei Wochen vollständig mit Wärme versorgen. Über eine direkte Leitung zu einem benachbarten Windpark mit 17 Windturbinen wird genau dann Strom in die Elektroden des Speichers abgegeben, wenn die Anlagen vom Netzbetreiber wegen Überlastung abgeregelt werden.

Abregelungsquote der Windturbinen lag zuletzt bei 5 %

Dabei ist die Windwärme aus Nechlin nicht nur klimafreundlich, sondern auch deutlich günstiger als eine Ölheizung. „Damit kann man den Windstrom vor Ort unkompliziert nutzen, um viele Tausend Haushalte günstig und CO2-frei zu beheizen. Es gibt so eine echte Alternative zu den alten CO2-Schleudern, die Kohle, Öl und Gas verbrennen“, verdeutlicht Enertrag-Gründer Jörg Müller. In der Vergangenheit lag die Abregelungsquote bei 5 %, sodass über 3,5 Mio. kWh ungenutzt blieben.

„Ein Wahnsinn“, wie Bürgermeister Schilling feststellt. Daher hofft er sehr, dass die rechtliche Ausnahmeregelung, die das lokale Wärmevorhaben in Nechlin als Teil des Windnode-Netzwerks und des vom Bundeswirtschaftsministerium aufgelegten Sinteg-Programms derzeit erfährt, noch über März 2021 hinausreicht: zum einen die Erlaubnis, den Eigenstrom zu nutzen, zum anderen die EEG-Umlage zu 84 % zurückerstattet zu bekommen.
 
Nechlin setzt Maßstäbe bei der Wärmeversorgung auf Basis von Windstrom
Bild: Enertrag AG

Passiert das nicht, dann kämen zum Gestehungspreis, den Enertrag analog zum durchschnittlichen Gastarif deutscher Stadtwerke auf etwa 6,3 Ct/kWh beziffert, noch aktuell 6,7 Cent EEG-Umlage pro kWh für den Windstrom zum lokalen Heizen hinzu. Damit wäre der wirtschaftliche Vorteil für die Einwohner − bei gleich hohen Heizkosten, einer zukünftigen Befreiung von der CO2-Steuer und regionaler Wertschöpfung − schnell wieder verheizt.

Weshalb Jörg Müller von der Politik fordert: „Nur durch rechtliche Änderungen im Erneuerbare-Energien-Gesetz und bei der Stromsteuer können Millionen Menschen Zugang zu günstiger und CO2-freier Wärme bekommen. Es ist absurd, dass auf Windwärme ein Vielfaches von dem auf Öl und Gas an staatlich verursachten Abgaben zu zahlen ist und daher die Energie ungenutzt verpufft.“

Zwei Ü20-Windturbinen sollen für Wärmeerzeugung genutzt werden

Nechlin ist ein gelungenes Beispiel für die Sektorkopplung: Der Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung gibt für den Gebäudesektor ein ambitioniertes Ziel vor: So soll allein in den nächsten zehn Jahren der CO2-Ausstoß in diesem Sektor bis zu 72 Mio. Tonnen CO2 reduziert werden. Einen Beitrag dazu könnte, wie es aussieht, auch die Windenergie beisteuern.

Denn nicht nur in Nechlin gibt es neue Ansätze für eine lokale Wärmeversorgung mit Windstrom. Auch die Neubrandenburger Stadtwerke GmbH will schon im nächsten Winter beginnen, ihre Wärmekunden bei Überlastung der Netze über einen neu gebauten, 23.000 Kubikmeter fassenden Wasserspeicher mit Windstromwärme zu versorgen. Finanziert wird das rund 14 Mio. Euro teure Power-to-Heat-Projekt vom Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz, der bei drohender Netzüberlastung Windstrom in den Wasserkocher schicken will. Damit kann die von den Stadtwerken betriebene Kraft-Wärme-Kopplungsanlage mit Erdgasbefeuerung, der bisherige einzige Wärmeerzeuger, gedrosselt werden.

Im kleineren Maßstab als in Neubrandenburg wird auch im nordfriesischen Bosbüll derzeit geplant, Windstrom in Wärme umzuwandeln. „Nach vielen Jahren geht unser Vorhaben endlich los. Mit dem Strom von zwei im Jahr 2022 aus der EEG-Vergütung fallenden Windenergieanlagen werden wir sowohl Nahwärme als auch Wasserstoff erzeugen“, erklärt Projektmanager Sören Haase. Er ist Mitarbeiter der GP Joule GmbH, die das Sektorkopplungsprojekt in Bosbüll plant, baut und zusammen mit der Bosbüll Windpark GmbH & Co. KG künftig betreiben will. Dabei wird nicht der komplette Strom der beiden Windturbinen mit zusammen 4 MW Leistung umgewandelt. „Wir gehen davon aus, dass rund 65 Prozent weiterhin ins Netz eingespeist werden, dass jedoch zehn Prozent in die Wärmeversorgung gehen und rund ein Viertel für die Erzeugung von Wasserstoff in zwei Elektrolyseuren verwendet wird“, skizziert Haase die Details.

Interessant ist bei diesem Pionierprojekt die technische Konfiguration: Für die Wärmebereitstellung für rund 25 Haushalte und einen Ferkelaufzuchtbetrieb werden in der Grundlast Luft-Wärmepumpen eingesetzt; nur für die Spitzenlast ist ein relativ kleiner Wärmespeicher mit einem Fassungsvermögen von 200 Kubikmetern vorgesehen.

Technisch sei diese lokale Wärmewende keinesfalls ein Hexenwerk, sondern machbar, sagt Projektleiter Haase. Allerdings beschert die Erzeugung von klimafreundlicher Wärme und Wasserstoff für die Mobilität potenziellen Investoren nicht annähernd die Renditen, die die erfolgsverwöhnten nordfriesischen Windmüller in den vergangenen zwei Dekaden erzielten. Immerhin liegt der geschätzte Wärmepreis von 8 Ct/kWh derzeit ungefähr auf der Höhe von Heizöl und Erdgas und könnte bei einer kommenden CO2-Steuer vergleichsweise sogar noch günstiger abschneiden. Jedoch ist das noch Zukunftsmusik. Dennoch hat das Bosbüller Projekt für GP-Joule-Mann Haase Vorbildcharakter: „Wir machen das trotzdem, weil wir damit als ein gutes Beispiel für eine klimaneutrale Zukunft in allen Sektoren vorangehen möchten und so ein Vermarktungsmodell für die Zeit nach der EEG-Vergütung aufzeigen, das die regionale Wertschöpfung stärkt und in ähnlicher Weise in ganz Deutschland umgesetzt werden kann.“

 
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Dienstag, 09.06.2020, 09:03 Uhr