• Erdgas setzt steile Aufwärtsbewegung fort
  • Strom, CO2 und Gas überwiegend fester
  • Widerstreitende Reaktionen aufs neue Klimaschutzgesetz
  • Kabinett beschließt Gesetzesnovelle mit Klimaneutralität bis 2045
  • Südlink jetzt komplett in der Planfeststellung
  • RWE Q1: Ergebnis geschrumpft, Prognose bekräftigt
  • MVV steigert Ergebnis
  • Verbund: Quartalsgewinn sinkt um 7,6 %
  • Engie verliert Steuervorteil
  • Enapter entwickelt AEM-Elektrolyseur der Megawattklasse
Enerige & Management > Interview - "Wir müssen weg von einer All-electric-Utopie"
Bild: wellphoto / Fotolia
INTERVIEW:
"Wir müssen weg von einer All-electric-Utopie"
Christoph Zeis ist als Chef eines Contractingdienstleisters in allen Technologien daheim. Warum er die jetzige Wärmewendestrategie für praxisfern hält, erzählt er im E&M-Interview.
 
E&M: Herr Zeis, Sie sind seit Anfang des Jahres Vorsitzender des neu gegründeten Landesverbandes Erneuerbare Energie Rheinland-Pfalz/Saarland (LEE RLP/SL; d. Red.). Wie kam es dazu, dass Sie als Chef eines Energiedienstleisters im Contractinggeschäft und als KWK-Befürworter mehr Schwung in den Erneuerbaren-Ausbau bringen wollen?

Zeis: Was mich umtreibt, ist die Tatsache, dass die Erneuerbaren-Branche nach wie vor ihren Fokus zu sehr auf den Strommarkt legt. Aber die Hauptaufgabe der Energiewende ist eigentlich der immer noch sträflich vernachlässigte Wärmemarkt − der Wärmesektor benötigt mehr als 50 Prozent des gesamten deutschen Endenergieverbrauchs. Es ist daher dringend notwendig, die Einspar- und Effizienzpotenziale zu erschließen und gemeinsam hiermit die Erneuerbaren-Technologien in den Wärmebereich hinein zu koppeln. Ich möchte hier als Vorsitzender die Chance ergreifen, die Wärmewende so zu gestalten, dass sie mit Blick auf Akzeptanz und Machbarkeit ebenso ökologisch wie ökonomisch funktioniert. Denn das, was die Bundesregierung derzeit postuliert, wird in der Praxis nicht funktionieren.

„Ich halte es für utopisch, die Wärmewende auf eine rein elektrische Versorgung hin auszurichten“

E&M: Was meinen Sie, wird in der Praxis nicht funktionieren?
Zeis: Wir hier draußen in der Praxis bemühen uns, die Energiewende kraftvoll voranzutreiben, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Für mich ist es nicht nachvollziehbar, warum das Bundeswirtschaftsministerium nicht endlich erkennt, wie wichtig etwa die dezentrale, hocheffiziente Kraft-Wärme-Kopplung in Symbiose mit den Erneuerbaren vor Ort für Klimaschutz, Netzstabilität und Wirtschaftlichkeit mit Blick auf sozialverträgliche Strom- und Wärmepreise ist. Wie, frage ich mich mit vielen Kolleginnen und Kollegen, soll eine sichere, CO2-neutrale und bezahlbare Energiewende nach Atom- und Kohleausstieg gelingen, wenn nicht so? … Ganz sicher nicht mit einer ‚All-electric-Utopie‘.

E&M: Was meinen Sie mit ‚Utopie‘?

Zeis: Ich halte es für utopisch, die Wärmewende auf eine rein elektrische Versorgung hin auszurichten. Die Fokussierung auf den flächendeckenden Einsatz von Wärmepumpen verkennt, dass der Großteil der Wärmeverteilsysteme im Gebäudebestand auf Heizkörperheizung beruht. Das neue Bundesförderprogramm für effiziente Gebäude etwa zielt an sich ganz richtig auf einen Tausch weg vom Öl hin zu Wärmepumpen ab. Aber man kann doch dabei nicht völlig ignorieren, auf welches Heizsystem im Gebäude diese Wärmepumpe trifft!
 
Christoph Zeis: „Und wir müssen erneuerbarer werden“
Bild: Foto-Seidl

E&M: Welche Probleme können auftreten, wenn darauf nicht geachtet wird?

Zeis: Wärmepumpen sind als Niedrigtemperatursystem geeignet für Fußboden- oder andere Flächenheizsysteme. Heizkörperheizungen benötigen in Abhängigkeit der Witterung höhere Systemtemperaturen, die insbesondere Luft-Wasser-Wärmepumpen nur völlig ineffizient zur Verfügung stellen können. Ausgerechnet bei den kältesten Außentemperaturen haben diese Wärmepumpen ihre schlechteste Effizienz. Reicht die Energie dann nicht aus, muss über einen Elektroheizstab im Pufferspeicher nachgeheizt werden, damit die Leute nicht frieren und hygienisch einwandfreies Warmwasser haben.

E&M: Sie halten diese ‚Wärmepumpenstrategie‘ also für falsch?

Zeis: Wärmepumpen sind eine hervorragende Technologie und für das Gelingen der Wärmewende unverzichtbar. Überall dort, wo sie unter Effizienzgesichtspunkten einsetzbar sind, sollen sie sich auch auf einer Vorfahrtsstraße befinden. Das gilt insbesondere für Neubauten, die hoch gedämmt nur noch einen geringen Wärmebedarf haben und deswegen im Sommer auch gekühlt werden müssen. Hierzu eignen sich etwa Sole-Wasser-Wärmepumpen mit Nutzung oberflächennaher Geothermie, die allerdings im verdichteten Bereich der Städte nur schwer zu realisieren sind. Für neue Quartiere oder auch im Sanierungsbereich kann man hierauf basierend über kalte Nahwärmenetze nachdenken, die wir übrigens auch inzwischen vermehrt bauen. Wir sind Wärmepumpen-Fans, wenn es effizient zugeht.

E&M: Sie sind als Chef der EDG seit Jahren im Contracting tätig, und hier vor allem auch für Kommunen. Wie würden Sie denn Städte und Gemeinden in Bezug auf ihre Wärmeversorgung umbauen?

Zeis: Ich plädiere in Würdigung des Gesamtzusammenhangs der Sektorkopplung mit immer mehr Elektrifizierung auch des Verkehrsbereichs dafür, dass wir die Wärmewende der Kernbereiche von Städten und Gemeinden auf Basis von Wärmenetzen organisieren. Diese Fern- und Nahwärmenetze sollen vorrangig auf der Grundlage hocheffizienter KWK-Anlagen mit steigendem Anteil grüner Gase versorgt werden, in die auch erneuerbare Energiequellen dezentral eingekoppelt werden können. Hierzu gehören Power-to-Heat-Anlagen und Großwärmepumpen, die sich aus der volatilen Stromerzeugung speisen, ebenso wie die Integration von solarthermischen Großanlagen oder Abwärme in die Wärmenetzinfrastrukturen. Dafür müssen jedoch Umlagen und Abgaben für netzdienliche Systemdienstleistungen wegfallen. Mit den Wärmenetzen wird es möglich, sukzessive die bestehenden Gas- und Ölkessel rückzubauen und große Schritte im Sinne der Dekarbonisierung auch wirtschaftlich zu gehen.

E&M: Aber warum nicht gleich nur erneuerbar? Immerhin wird die KWK wohl noch eine gewisse Zeit auf Erdgas setzen müssen, bis genügend grüne Gase verfügbar sind ...

Zeis: Klar, wir brauchen wie gesagt zügig mehr grüne Gase etwa durch Biomethan und Wasserstoff. Und wir müssen erneuerbarer werden. Aber es muss auch funktionieren und die Menschen müssen es mittragen. Das ist übrigens das Gleiche wie bei der Verkehrswende, in der wir nur sehr mühsam vorankommen. Die Kraft-Wärme-Kopplung ist für mich eine wichtige Säule und keine Brückentechnologie, sondern ein dauerhafter Partner der erneuerbaren Energien − über 2050 hinaus − im symbiotischen Sinne.

„Die KWK hat schon Sektorkopplung betrieben, als dieses Wort noch gar nicht en vogue war“

E&M: Sie sprachen gerade schon an, dass für Sie der Wärmemarkt nur grüner wird, wenn KWK und erneuerbare Quellen eine Symbiose bilden. Warum halten Sie die KWK hier für so unverzichtbar?

Zeis: Die KWK hat zum einen die Fähigkeit zur Deckung der Residuallast, wenn nach dem Ausstieg aus der Kernenergie auch die Kohleverstromung das Energiesystem verlässt. Und zum anderen sind KWK-Anlagen Sektorkopplung pur: Wir koppeln den Strommarkt mit dem Wärmebereich und verbinden beide mit dem Gasmarkt. Die KWK hat schon Sektorkopplung betrieben, als dieses Wort noch gar nicht en vogue war. KWK-Anlagen sind daher gerade mit Blick auf die Sektorkopplung der ideale und dauerhafte Partner der fluktuierenden Sonnen- und Windenergie, wenn zunehmend mit Biogas und Power-to-Gas-Anlagen erneuerbarer Wasserstoff in das vorhandene Erdgasnetz als flächendeckenden Energiespeicher eingespeist wird.

E&M: Sie plädieren also für eine KWK-Strategie ...

Zeis: Genau. Aber für eine solche KWK-Strategie sind erhebliche Investitionen insbesondere in den Wärmenetzausbau vonnöten. Hinzu kommen energiewirtschaftliche Rahmenbedingungen, die dringend angepasst werden müssen.

E&M: Welche?

Zeis: Die gesamten Regulatorien müssen dringend entschlackt werden. Es ist in den vergangenen Jahren immer komplizierter geworden. Zudem brauchen wir wieder Planungssicherheit. Ein wichtiger Schritt, den die Bundesregierung gehen müsste, wäre meines Erachtens die Befreiung des KWKG von beihilferechtlichen Hürden aus Brüssel. Das gilt übrigens für alle Energiegesetze, die zur Erreichung der Pariser Klimaziele verabschiedet werden und erforderlich sind - allen voran das EEG. Dies ist mit Blick auf den Lissabon-Vertrag auch möglich, der die Energiefreiheit der Nationalstaaten im Sinne der Energiewende festschreibt. Die Bundesregierung möge hierzu die beihilferechtliche Befreiung in Brüssel beantragen. Warum, frage ich Sie, ist das Kernkraftwerk Hinkley Point in Großbritannien vom EuGH beihilferechtlich durchgewunken worden und uns zerfetzt man das KWKG nach vier Monaten zum Jahreswechsel 2020/2021?

E&M: Wie meinen Sie das?

Zeis: Schon die Festsetzung des neu eingeführten und sehr sinnvollen Wärmebonus im KWKG auf ein Megawatt elektrische Leistung im August 2020 war diskriminierend für alle Betreiber mit Wärmenetzen unterhalb dieser Leistung; ein Schlag ins Gesicht der Contractoren und kleinerer Stadtwerke und damit der Kommunen, die ihre Wärmestrategie erneuerbar ausrichten wollen. Dass jetzt durch Brüssel diese Grenze auf zehn Megawatt angehoben statt abgeschafft wurde, macht deutlich, dass wir durch beihilferechtliche Argumente immer wieder massiv behindert werden. Das pflanzt sich fort in die Absenkung der Ausschreibungsgrenze von einem Megawatt auf 500 Kilowatt elektrische Leistung mit negativen Auswirkungen auf die Investoren und Hersteller. Auch wenn Peter Altmaier hier jetzt nachträglich die gesetzlichen Fristen verlängern will, geht der Vertrauensschutz gegen null.

E&M: Was steht noch auf Ihrer Prioritätenliste weit oben?

Zeis: Wir haben weiterhin das Problem der Wettbewerbsverzerrung zu Lasten der Contractoren. Wir brauchen hier dringend die Gleichstellung von Eigenerzeugung und der Stromlieferung mit dem Betrieb der Anlage durch einen Energiedienstleister, sonst werden die Potenziale gerade im Bereich der Wohnungswirtschaft nicht erschlossen. Sie werden mir sicher zustimmen, dass eine personenidentisch hergestellte Kilowattstunde nicht klimaschonender ist als eine durch einen Dienstleister erzeugte. Und da es nichts Effizienteres gibt als ein Blockheizkraftwerk im Keller mit einer Photovoltaikanlage auf dem Dach, sollte diese Gleichstellung auch für dezentrale KWK-Anlagen geschaffen werden. Denn − davon bin ich überzeugt − vor allem Energiedienstleister bringen die nötige Fachkompetenz in die immer komplexer werdenden Strukturen der Gebäudeversorgung. Auch dafür werden wir uns stetig einsetzen.

Zur Person
Christoph Zeis ist Geschäftsführer der EnergieDienstleistungsGesellschaft Rheinhessen-Nahe mbH (EDG) und Vorstandsvorsitzender des neu gegründeten Landesverbands Erneuerbare Energie Rheinland-Pfalz/Saarland e.V. Außerdem ist er seit 2003 Mitglied im Vorstand des Bundesverbands Kraft-Wärme-Kopplung (B.KWK) und hier Sprecher der Beirats Grundsatzfragen sowie Sprecher des Arbeitskreises Wärmewende des VKU Rheinland-Pfalz.

 
Möchten Sie diese und weitere Nachrichten lesen?
 
 
Testen Sie E&M powernews
kostenlos und unverbindlich
  • Zwei Wochen kostenfreier Zugang
  • Zugang auf stündlich aktualisierte Nachrichten mit Prognose- und Marktdaten
  • + einmal täglich E&M daily
  • + zwei Ausgaben der Zeitung E&M
  • ohne automatische Verlängerung
 
Jetzt kostenlos testen
 
Login für Kunden
 

Kaufen Sie den Artikel
  • erhalten Sie sofort diesen redaktionellen Beitrag für nur € 8.93
 
JETZT ARTIKEL KAUFEN
Mehr zum Thema

 
Haben Sie Interesse an Content oder Mehrfachzugängen für Ihr Unternehmen?
 
Sprechen Sie uns an, wenn Sie Fragen zur Nutzung von E&M-Inhalten oder den verschiedenen Abonnement-Paketen haben.
Das E&M-Vertriebsteam freut sich unter Tel. 08152 / 93 11-77 oder unter  vertrieb@energie-und-management.de über Ihre Anfrage.
 
WEITERE INFORMATIONEN
© 2021 Energie & Management GmbH
Freitag, 09.04.2021, 09:03 Uhr