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Enerige & Management > IT - Zander: "Wir müssen raus aus den Silos"
Bild: itestroorig / Fotolia
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Zander: "Wir müssen raus aus den Silos"
Ein „Barometer“ soll Aufschluss über die Digitalisierung des Energiesystems geben. Dessen Autoren Helmut Edelmann und Wolfgang Zander wissen, wo es noch hakt.
 
E&M: Herr Dr. Edelmann, Herr Dr. Zander, hat sich durch das Barometer eine Rangliste der gravierendsten Defizite bei der Digitalisierung herauskristallisiert?

Edelmann: Wir haben keine Rangliste. Es geht nicht um Schuldzuweisungen an Einzelne, sondern darum, dass alle Beteiligten, also Gesetzgeber, Verwaltung wie etwa Eichbehörden, Datenschutzbeauftragte und Regulierungsbehörden sowie die Industrie, sachorientierter zusammenarbeiten müssen.

Zander: Es mangelt allgemein noch an einem ganzheitlichen Denken und am Verständnis, wie die Digitalisierung umzusetzen ist. Es würde sehr helfen, wenn alle Beteiligten mit dem gleichen Problemverständnis an die Aufgaben herangehen würden. Jeder schaut nur aus seinem Silo heraus auf die anderen. Eine lösungsorientierte Zusammenarbeit gibt es bisher nur selten.

E&M: Woran zeigt sich das?

Edelmann: Es mangelt zum Beispiel an einem übergreifenden Projektmanagement. Vieles passiert in Silos. Jeder arbeitet relativ isoliert für sich in seinem jeweils abgegrenzten Zuständigkeitsbereich. Dies gilt für das Gesamtprojekt wie auch in jedem einzelnen Unternehmen: Die Eichbehörden achten auf das Eichrecht, kümmern sich aber wenig um die Vernetzung im Smart Home. Die Vertriebe entwickeln Smart-Home-Produkte, scheinen dabei aber das Smart Meter Gateway nicht so richtig im Blick zu haben.

Zander: Für die Netzzustandserfassung gilt das genauso. Dafür könnte man das Gateway nutzen. Aber viele Unternehmen entwickeln proprietäre Lösungen.

E&M: In der Branche wird gerade intensiv darüber diskutiert, ob nicht mehr alternative Messlösungen genutzt werden könnten, ohne langwierige BSI-Zertifizierung.

Edelmann: Kurzfristig würde man damit vielleicht etwas mehr Tempo in die Digitalisierung bringen. Langfristig wäre das aber völlig kontraproduktiv, weil man sich damit immer weiter von standardisierten Technologien und vom Gedanken der staatlich geprüften Sicherheit entfernen würde. Das wären nur kurzfristige Scheinlösungen.

Zander: Es kann nicht sein, dass 1 000 verschiedene Technologien parallel vorangetrieben werden. Dann hätten wir nämlich ein anderes Problem: Wir würden nie zu einer standardisierten Struktur kommen, über die der Verbrauch flexibilisiert und mit der volatilen Erzeugung in Übereinstimmung gebracht werden kann.

E&M: Würde es helfen, den Zertifizierungsprozess an sich zu beschleunigen?
 
„Die Zertifizierung muss künftig auf jeden Fall schneller ablaufen“
 
Edelmann: Die Zertifizierung muss künftig auf jeden Fall schneller ablaufen und konkrete zeitliche Eckpunkte haben. Hier herrscht zu wenig Transparenz für die Marktteilnehmer.

E&M: Haben Sie den Zertifizierungsprozess beim BSI im Detail unter die Lupe genommen?

Edelmann: Wir haben natürlich Gateway-Hersteller und -Administratoren interviewt. Sind dabei aber nicht ins letzte technische Detail gegangen. Wir haben uns angesehen, wie Unternehmen und Behörden arbeiten – Stichwort agiles Projektmanagement. Das haben aber nur wenige Beteiligte implementiert.

E&M: Warum ist Standardisierung überhaupt so wichtig?

Edelmann: Zum einen kann man leichter überprüfen, ob eine Lösung sicher ist. Sonst müsste man ja jede einzelne Technologie separat untersuchen. Zum anderen lässt sich durch Standardisierung bundesweit ein einheitliches Sicherheitsniveau gewährleisten.
 
„Das 450-MHz-Netz wäre dafür eine sehr gute Lösung“
 
Zander: Wenn man künftig statt eines zentralisierten ein dezentrales Energiesystem mit Millionen von Erzeugern hat, braucht man Standards, um die Einheiten zu vernetzen, zu steuern und miteinander interagieren zu lassen. Wie sollte man das sonst hinbekommen? Denken Sie an das Management flexibler Lasten zur Sicherung der Systemstabilität.

E&M: Das ist auch eine Frage der Telekommunikation.

Zander: Auf jeden Fall. Im zentralisierten Energiesystem sind derzeit alle systemrelevanten Kraftwerke an eine ausschließlich für die Energieversorgung gewidmete, meist kabelgebundene IKT-Struktur angebunden. Die kann aber nicht einfach auf ein dezentrales System mit mehreren Zehnmillionen Anlagen ausgedehnt werden. Trotzdem brauchen wir aber eine absolut sichere Kommunikation. Das 450-MHz-Netz wäre dafür eine sehr gute Lösung.

E&M: Auf die Frequenz erheben aber auch staatliche Behörden und die Bundeswehr Anspruch.
 
Helmut Edelmann ist Director Utilities bei Ernst & Young. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler leitet die weltweiten Aktivitäten der Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die sich auf Smart Metering, Smart Grids und Smart Home beziehen
Bild: Privat

Edelmann: Letztlich ist es eine politische Entscheidung, ob die Energiewirtschaft ein eigenes Netz bekommt. Die Behörden mit Sicherheitsaufgaben werden natürlich mit der Sicherheit des Landes argumentieren.

Zander: Auch die Energiewirtschaft kann mit der Sicherheit des Landes argumentieren, die ist nämlich bei einem Blackout auch gefährdet. Dafür wäre eine schwarzfallfähige Kommunikationsinfrastruktur sehr wichtig. Das sagt ja schon der gesunde Menschenverstand. Eine systematische Klärung der Frage, wie ein schwarzfallfähiges, vollständig dezentrales System aussehen könnte und welche IKT-Struktur man dafür bräuchte, hat es bisher aber noch nicht gegeben. Da besteht dringender Handlungsbedarf.

E&M: Ist der öffentliche Mobilfunk keine Alternative?

Zander: Er ist nicht schwarzfallfähig und für die Anbindung von Smart Meter Gateways ist er auch nicht besonders geeignet, denn die Geräte sind oft im Keller verbaut und dorthin kommt man nicht mit hohen Frequenzen. Eine langwellige Frequenz erreicht dagegen auch hinter dicken Mauern und unter der Erde noch eine gute Abdeckung. Außerdem hat ein 450-MHz-Netz verhältnismäßig geringe Infrastrukturkosten. Weil man mit wenigen Masten große Strecken überbrücken kann.

E&M: Es gibt in der Energiewirtschaft zumindest schon die Initiative von Alliander und die Initiative der Stadtwerke Bonn zum Aufbau eines 450-MHz-Netzes. Halten Sie diese für erfolgversprechend?
 
Wolfgang Zander ist Gründer von BET Büro für Energiewirtschaft und technische Planung und war bis Ende 2017 dessen Geschäftsführer. Der promovierte Elektrotechniker ist seit 1. Januar 2018 Generalbevollmächtigter des Unternehmens
Bild: BET/Gabriele_Steinig

Zander: Da wurden zwei inkompatible Geschäftsmodelle parallel entwickelt. Es muss am Ende aber eine durchgängige, interoperable Lösung für die Energiewirtschaft geben. Ich kann es nur wiederholen: Wir müssen raus aus den Silos und zu einer ganzheitlichen Sicht auf die Digitalisierung kommen.  

E&M: Sie haben einen Beirat initiiert, der Informationen und fachliche Expertise zum Digitalisierungsbarometer beisteuern soll. Wie haben sich da die Telekommunikationsunternehmen eingebracht?

Edelmann: Es gibt Unternehmen, die sich sehr intensiv eingebracht haben. Für die ist die Digitalisierung der Energiewende und die Machine-to-Machine-Kommunikation ein wesentliches Geschäftsfeld. Für andere sind Streaming-Dienste wichtiger als die Energiewirtschaft, weil sich da offensichtlich mehr Geld verdienen lässt.

Zander: Sie richten ihre Entscheidungen an Renditeerwartungen aus. Das kann man ihnen nicht vorwerfen. Sie haben halt keinen öffentlichen Versorgungsauftrag. Das müssen die politischen Entscheider aber auch mit einkalkulieren, wenn sie sich über die Digitalisierung der Energiewirtschaft Gedanken machen.

E&M: Wie war sonst die Resonanz aus dem Beirat?

Edelmann: Der Beirat hat sich sehr aktiv eingebracht, aber die erhofften Daten aus der Branche waren nur spärlich. Damit haben wir weiterhin das Problem, dass wir heute über aktuelle Entwicklungen sprechen, aber eine Datenbasis – die öffentliche Statistik hinkt ja immer weit hinterher – von 2017 oder noch früher haben. Das ist im Zeitalter der Digitalisierung nicht vertretbar.

E&M: Wir haben jetzt viel über Defizite gesprochen. Haben Sie bei der Arbeit am Digitalisierungsbarometer auch positive Erfahrungen gemacht?
 
„Alle Beteiligten sind gewillt, die Digitalisierung nach vorn zu bringen“
 
Edelmann: Die Arbeit im Beirat hat gezeigt, dass alle Beteiligten gewillt sind, den Prozess der Digitalisierung nach vorn zu bringen. Über das ‚wie‘ bestehen natürlich unterschiedliche Ansichten. Daher war es extrem hilfreich, sich im Rahmen der Beiratsarbeit in einen konstruktiven und strukturierten Dialog mit allen Beteiligten zu begeben.

Zander: Bei den Top-Themen haben wir tatsächlich eine übergreifende Diskussion mit allen Stakeholdern ohne Silo-Denken führen können. Daraus ist mit der Spitzenglättung beispielsweise ein konkreter Vorschlag zur Lösung des komplexen Problems der Integration flexibler Lasten in das Energiesystem entstanden. Es wird schon seit einiger Zeit in der Branche diskutiert, das Feedback ist sehr positiv. Die Tauglichkeit des Instruments wird allgemein gesehen. Jetzt müssen zügig die vielen Detailfragen der Umsetzung angegangen werden.

 
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Mittwoch, 30.01.2019, 12:35 Uhr