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Enerige & Management > Regenerative - Virtuelle Kraftwerke keine Science Fiction mehr
Bild: Fotolia, K-U Haessler
REGENERATIVE:
Virtuelle Kraftwerke keine Science Fiction mehr
Das Potenzial virtueller Kraftwerke für die künftige dezentrale Energieversorgung ist bei Weitem noch nicht ausgeschöpft, zeigte ein Webinar der EM-Power-Messe.
 
Nein, mit Frank Schätzings Roman „Der Schwarm“ haben virtuelle Kraftwerke oder der oft damit genannte Begriff Schwarmstrom nichts gemein. Virtuelle Kraftwerke sind alles andere als Science Fiction, wie Martin Pfränger bei seiner Begrüßung zum Webinar versicherte. Das Thema: „Virtuelle Kraftwerke und innovative, digitale Lösungsansätze für das dezentrale Energiesystem der Zukunft“. Pfränger ist Projektleiter der EM-Power Europe, der Fachmesse für die intelligente Energienutzung im Rahmen der „The smarter E Europe"-Messe. 

Wie viel Praxis im Thema Virtuelle Kraftwerke bereits drin steckt, veranschaulichten die beiden Referenten des Webinars: Sandra Trittin von der „tiko Energy Solutions AG“ aus Zürich (Schweiz) und Felix Lober von der Next Kraftwerke GmbH aus Köln. Eine „gute Wahl“, wie Ralf Köpke, Chefreporter von E&M und Moderator des Webinars, fand: „Mit Next Kraftwerke haben wir ein Unternehmen, das größere Lösungen anbietet und mit Tiko Energy Solutions ein Unternehmen, das sich eher auf kleinere Anwendungen konzentriert.“

Auf eine elfjährige Geschichte schaut Next Kraftwerke zurück, so Lober. „Mittlerweile betreiben wir eines der größten virtuellen Kraftwerke weltweit“. Im Portfolio seien über 9.500 dezentrale erneuerbare Erzeugungsanlagen, aber auch Speichereinheiten und industrielle Konsumenten. Damit komme das virtuelle Kraftwerk auf eine aggregierte Leistung von mehr als 8.100 MW. Neben Deutschland ist Next Kraftwerke in sieben Ländern aktiv und stellt acht verschiedenen Übertragungsnetzbetreibern Regelenergie zur Verfügung.

Hassfurt als Best-Practice-Beispiel

„Wir haben in Deutschland etwa 800 Verteilnetzbetreiber, die jeden Tag die Herausforderung haben, die Spannung in ihrem Netz zu halten“, so Lober. Als Beispiel, wie ein virtuelles Kraftwerk hier auf lokaler Ebene unterstützen kann, führte Lober ein gemeinsames Projekt mit Greenpeace Energy und den Stadtwerken Hassfurt im Norden Bayerns an.

Der lokale Energieverbrauch der 14.000-Einwohner-Stadt liegt im Jahr größtenteils unter der Erzeugungsleistung der Erneuerbare-Energieanlagen: 12 MW durch 500 Solar-Anlagen und 36 MW durch vier Windparks. Den Überschuss im lokalen Verteilnetz nicht zurück ins lokale Netz einzuspeisen und für negative Preise abzugeben, sei Ziel des Projektes. Der Überschussstrom wird mithilfe einer 1,2-MW-Power-to-Gas-Anlage genutzt, um synthetischen Wasserstoff herzustellen. 

„Das Besondere in Hassfurt ist auch, dass das lokale Erdgasnetz mit dem synthetischen Wasserstoff angereichert werden kann, was noch mal eine sehr große Speichereinheit bedeutet“, so Lober. Als Konsument kann man dieses Projekt über einen Spezialtarif mit Greenpeace unterstützen und dieses grün angereicherte Gasgemisch im Haushalt oder auch in der lokalen Industrie nutzen.

Anwendungsfelder im Endanwenderbereich

„Wenn wir von virtuellem Kraftwerk sprechen, denken viele an Regelenergie und an lokale Optimierung, aber es gibt weitaus mehr Anwendungen“, so Sandra Trittin von Tiko Energy Solutions.

Das Schweizer Unternehmen hat eine ähnliche Energiemanagement-Lösung wie Next Kraftwerke in petto, allerdings ist die Zielgruppe eine andere: „Wir fokussieren uns auf Endkunden und kleinere kommerzielle Geräte“, so Trittin. Das Unternehmen schließt Geräte von Haushalten und kleinkommerzielle Anlagen an seine Plattform an, gleich welchen Alters oder welches Herstellers: Solaranlagen, Batterien, Ladesäulen von Elektroautos sowie Wärme- und Kühlanwendungen. Über 40.000 Steuergeräte habe Tiko „unter Kontrolle“, gemeinsam bringen sie es „auf mehrere 100 MW Kapazität“, sagte Trittin. 

Neben der Optimierung von Energie- und Netzservices im Sinne eines virtuellen Kraftwerkes sieht das 2012 gegründete Unternehmen Tiko weitere Anwendungen: Zum einen könne die End-to-End-Lösung für ein Home Energy Management eingesetzt werden, um etwa den Energieverbrauch zu senken. Zum anderen können auch Community-Lösugnen aufgebaut werden, etwa um lokal eine Optimierung für Produzenten und Verbrauchern zu erreichen, zum Beispiel beim Lademanagement von Flotten.

Als Praxisbeispiel führte Trittin ein Projekt im französischen Markt an, an dem unter anderem der Energiekonzern Engie − der Mehrheitsgesellschafter von Tiko − beteiligt ist. Das Projekt nimmt den Heizungsmarkt in Visier, konkret eine Kundengruppe, die über Direktheizungen verfügt. Dies sind Heizungen die auf Knopfdruck Wärme bereitstellen, die aber als sehr ineffizient gelten und oft zu kalt oder zu heiß sind.

Über seine App ermöglicht Tiko diesen Kunden raumbasiertes Heizen, was deren CO2-Footprint verkleinere und ihnen helfe, Kosten zu sparen. Gleichzeitig bietet Tiko den Energieversorgern mit den an die eigene Plattform angeschlossenen Direktheizungen eine Frequenzoptimierung am französischen Regelenergiemarkt an. 

Größte Herausforderungen für Virtuelle Kraftwerke

Beide Referenten waren sich einig: Auf technischer Ebene ist alles für virtuelle Kraftwerke bereit. Auf regulatorischer Ebene sehe es jedoch anders aus: „Manche Länder sind für virtuelle Kraftwerk noch gar nicht geöffnet oder stehen noch ganz am Anfang“, so Trittin mit Bezug auf Italien. Der Markt sei die eigentliche Herausforderung. Geschäftsmodelle müssten gefunden werden: „Es gibt niemals das Virtuelle Kraftwerk allein. Es gibt immer noch den Zusatznutzen für den Endkunden oder für eine lokale Gemeinschaft“, betonte Trittin.
 

Davina Spohn
Redakteurin
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Dienstag, 17.11.2020, 17:16 Uhr

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