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Enerige & Management > Interview - Meth: "Wir wollen nicht den deutschen Wald verbrennen"
Bild: BillionPhotos.com / Fotolia
INTERVIEW:
Meth: "Wir wollen nicht den deutschen Wald verbrennen"
Thomas Meth, Mitbegründer des US-Unternehmens Enviva Partners, setzt darauf, dass hierzulande in umgerüsteten Kohlekraftwerken künftig Biomasse, vor allem Holzpellets, verfeuert wird.
 
E&M: Herr Meth, eine Prognose vorweg: Wann erwarten Sie, dass das erste komplett auf Biomassefeuerung umgerüstete Kohlekraftwerk in Deutschland in Betrieb geht?

Meth: Wenn der regulatorische Rahmen stimmt und die Genehmigungsbehörden mitspielen, kann ich mir das Jahr 2023 gut vorstellen.

E&M: Ein ambitionierter Zeitplan. Was ist in Ihren Augen notwendig, damit Ihr Wunschtermin Wirklichkeit wird?

Meth: Der Bundestag muss noch in der laufenden Legislaturperiode die notwendigen Gesetze verabschieden, um klare Förderbedingungen zu schaffen. Nur so erhalten die Kraftwerksbetreiber die notwendige Planungssicherheit für die kommenden 10 bis 15 Jahre, wenn sie sich für eine Umrüstung entscheiden. Es ist sicherlich auch ein zusätzliches Förderprogramm notwendig. Denn noch ist der Preisunterschied zwischen Kohle und Biomasse zu groß, als dass diese Lücke allein über den derzeitigen CO2-Preis für Kohle gedeckt werden könnte. Wenn dieser skizzierte Rahmen stimmt, kann ich mir die Premiere 2023 gut vorstellen. Und nicht nur das: Ich bin mir sicher, dass wir nach dem ersten auf Biomasse umgerüsteten Kohlekraftwerk mehrere Folgeprojekte sehen werden. Deutschland würde dem Beispiel von Großbritannien, Schweden, Finnland oder Dänemark folgen, wo bereits jetzt mehrere frühere Kohlekraftwerke mit Biomasse Strom und Wärme erzeugen.
E&M: Welche Gesetze müssen geändert werden?

Meth: Der Gesetzgeber hat mit dem sogenannten Kohleersatzbonus für Kohlekraftwerke bereits wichtige Rahmenbedingungen für die Kraftwerksbetreiber geschaffen. Die finanzielle Hilfe, die im Kohleausstiegsgesetz vorgesehen ist, ist nicht allein für den Erdgaseinsatz gedacht, sondern auch für die Biomassefeuerung. Allerdings bedarf es noch einer detaillierten Ausformulierung des Gesetzestextes.
Eine ganz andere Alternative ist für uns die Förderung auf Basis von Contracts for Difference (CfD): Über das CfD-Modell sollten dem Kraftwerksbetreiber die Mehrkosten für den Biomasseeinsatz vergütet werden, solange der CO2-Preis für Kohle noch auf dem jetzigen niedrigen Niveau liegt. Das Effiziente daran: Mit steigendem CO2-Preis sinkt der Förderbedarf. In anderen europäischen Ländern hat sich ein CfD-Fördermodell schon bewährt.
 
Thomas Meth: „Ich bin ein Fan von Wiederaufforstungsprogrammen“
Foto: Enviva Partners

E&M: Wo müsste der CO2-Preis nach Ihren Berechnungen liegen, damit sich die umgerüsteten Kohlekraftwerke mit neuer Biomassefeuerung selbst tragen?

Meth: Jeder Standort hat seine spezifischen Rahmenbedingungen, und der CO2-Preis ist nur einer von mehreren Faktoren, die eine Rolle spielen. Der langfristige Preis für fossiles Gas wie auch die Kosten für grüne Wärme sind weitere Faktoren. Ab 55 Euro pro Tonne CO2 geht der Preis für ein umgerüstetes Kraftwerk in die richtige Richtung. Um wirklich Alternativen zur Kohle schaffen zu können, müsste man sich aber einem Niveau von 100 Euro pro Tonne CO2 annähern. Da sind wir aber noch längst nicht, das dauert noch. Für diese Zwischenzeit wäre unsere Empfehlung an die deutsche Politik, das erwähnte CfD-Förderprogramm aufzulegen.

E&M: Mit dem Kohleersatzbonus für eine potenzielle Biomassefeuerung haben Sie sozusagen den großen Zeh in der Tür, die zu den Fördergeldern führt.

Meth: So lässt sich das sehen. Diese Fördergelder sind wirklich angebracht: Denn eine Reihe heute noch kohlebefeuerter KWK-Anlagen ist für die Wärmeversorgung in größeren und mittleren Städten unverzichtbar. Und warum sollte man Anlagen stilllegen, wenn man doch vornehmlich nur den Brennstoff loswerden will?

E&M: Wie groß ist in Ihren Augen das Interesse in Reihen der deutschen Kraftwirtschaft, ihre Kohlekraftwerke mit dem Einsatz von Biomasse auch künftig zu nutzen?

„Interessierte Betreiber erwarten Signale aus der Politik“

Meth: Ein paar Betreiber wie Onyx oder die Energie Baden-Württemberg können sich diesen Wechsel vorstellen, was sie auch öffentlich bekundet haben. Sie warten aber auf die entsprechenden Signale aus der Politik, also auf die verbesserten Rahmenbedingungen und ein Förderprogramm.

E&M: Wie hoch liegen die Kosten für die Umrüstung eines Kohlekraftwerks auf Biomassefeuerung?

Meth: Nach vorliegenden Erfahrungen ist für einen Kohleblock in der Größenordnung zwischen 500 und 700 Megawatt mit Kosten zwischen 100 und 150 Millionen Euro zu rechnen. Gemessen an den reinen Kapitalkosten ist das wesentlich preiswerter als der Bau eines neuen Erdgaskraftwerks. Und nicht nur das: Im gleichen Kraftwerk könnte man in 10 oder 15 Jahren auch Wasserstoff mit integrieren, wenn die Technologie fortgeschritten ist.

Wir dürfen bei der Diskussion um den Kohleausstieg eines nicht übersehen: Wir wollen aus der Kohleverbrennung aussteigen, also die Kohle nicht mehr verwenden. Dafür ist es aber nicht notwendig, die bestehenden, gut erschlossenen Kraftwerksstandorte zu schließen.

E&M: Die Umrüstung bestehender Kohlekraftwerke auf Biomassefeuerung ist nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine ökologische Frage. Wie nachhaltig wird das Holz angebaut, das in den Kohlemeilern eingesetzt werden soll?

Meth: Enviva Partners, das Unternehmen, für das ich arbeite, hat in diesem Punkt ganz klare Vorgaben: Für die Holzpellets, die wir liefern, werden keine Bäume gefällt. Wir nutzen Holzabfälle wie Baumkronen, Sägespäne oder Durchforstungsholz, außerdem Holz aus Wäldern, die durch Stürme oder den Borkenkäfer massiv geschädigt worden sind. Wir haben derzeit in Deutschland, in Europa oder auch in den USA ein Überangebot an sogenanntem Niedrigwertholz, das sich nicht zu Sägeholz weiterverarbeiten lässt. In den USA ist diese Entwicklung bedingt durch den Niedergang der Papierindustrie. Auch diese Hölzer nutzen wir für unsere Pellets, weil es dafür ansonsten überhaupt keine andere Verwendung mehr gibt.

E&M: Sie befürchten also keinen Widerstand von Umwelt- und Naturschutzgruppen, falls hierzulande im größeren Maßstab Biomasse in Kohlekraftwerken verfeuert werden sollte?

„Wir sprechen mehr oder weniger täglich mit Umweltgruppen“

Meth: Wir sprechen mehr oder weniger täglich mit Umweltgruppen, diese Leute sind für uns ganz wichtige Partner. Wir haben dank solcher Gespräche beispielsweise Systeme entwickelt, die genau darüber Auskunft geben können, aus welchen Wäldern wir unsere Hölzer entnommen haben. Dafür wollen wir künftig auch die Blockchain-Technologie einsetzen, um die Transparenz und Werthaltigkeit der Informationen weiter zu erhöhen.
 
Seit 2016 verfeuert der Energieversorger Oersted nach einer Umrüstung in beiden Blöcken des Avedore-Heizkraftwerks südlich von Kopenhagen nur noch Biomasse, überwiegend Holzpellets und Stroh
Foto: Oersted

E&M: Derzeit erleben wir weltweit zunehmende Forderungen nach Wiederaufforstungen, um so zusätzliche CO2-Senken zu schaffen. Steht Ihr Plan, Holz in Kohlekraftwerken zur energetischen Nutzung zu verbrennen, nicht im Widerspruch zu diesen Diskussionen?

Meth: Ich bin ein Fan von Wiederaufforstungsprogrammen. Genau das macht in vielen Regionen unseres Planeten auch Sinn. Bei unserem Business stehen aber nicht hochwertige Misch- oder Erholungswälder im Fokus, sondern Wirtschaftswälder. Aus diesen Wäldern wird Holz als Baumaterial gewonnen, was ökologisch weit mehr Sinn macht als der Einsatz von Stahl und Beton. Wir nutzen für unsere Pelletproduktion die Reststoffe aus den Wirtschaftswäldern, was ich als Teil einer Kreislaufwirtschaft sehe. Aufforstung und Wirtschaftswälder stehen für mich nicht im Widerspruch. Im Gegenteil: Seit dem Jahr 2000 sind die Waldbestände rund um unsere Produktionsanlagen im Südosten der USA um fast 40 Prozent gestiegen. Dies ist in erster Linie auf einen robusten Absatzmarkt für Holzprodukte zurückzuführen, der Waldbesitzern Anreize setzt, Wälder zu erhalten und zu pflegen, anstatt sie zum Beispiel in Bauland umzuwandeln.

Wälder sind die beste Verteidigung gegen den Klimawandel. Was auch nicht übersehen werden darf, wir verschaffen der Forstwirtschaft neue Einnahmen. Diese Gelder sind für viele Betriebe existenziell wichtig angesichts des seit geraumer Zeit vielerorts wieder zu beobachtenden Waldsterbens. Von Seiten privater Waldbauern und einiger Staatsforsten gibt es durchaus Interesse, mit uns zusammenzuarbeiten. Sie brauchen zusätzliche Einnahmen, um ihre Umbaupläne für einen klimaresistenten Zukunftswald zu finanzieren.

E&M: Was sind Ihre Pläne für die kommenden Wochen und Monate?

Meth: Wir werden Gespräche mit der Politik und den zuständigen Ministerien forcieren, um die Rahmenbedingungen für den Biomasseeinsatz in Kohlekraftwerken zu verbessern. Wir werden dabei immer wieder das gelungene Beispiel Dänemark hervorheben, wo bereits eine Reihe von Kohlekraftwerken umgerüstet worden ist. Gleichzeitig wollen wir in weiteren Gesprächen mit der Bevölkerung auch Ängste abbauen: Wir wollen nicht den deutschen Wald verbrennen, sondern einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. E&M


Das Unternehmen

Das börsennotierte Unternehmen Enviva Partners mit Hauptsitz in Bethesda im US-Bundesstaat Maryland ist nach eigenen Angaben mit einer Produktionskapazität von rund 4,9 Mio. Tonnen der weltweit größte Hersteller von industriellen Holzpellets. Enviva hat bislang neun Produktionsanlagen im Südosten der USA und ist dabei, sich in Europa nach Dänemark und Großbritannien Deutschland als neuen Absatzmarkt zu erschließen. Der gebürtige Österreicher Thomas Meth ist Mitbegründer von Enviva und als Executive Vice President für Vertrieb und Marketing zuständig.

 
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Dienstag, 22.12.2020, 11:37 Uhr